13
Sehr hilfreiche Rezension
Gegrillter Antillenbiber - Streng Vegan
N.O.A.M. schickt den geneigten Kunden auf „olfaktorische Raum-Zeit-Reisen“ (mein Reisegutschein stammt von Floyd – herzlichen Dank!). Diese Reisen können sentimentalen Motiven folgen, wie bei „Bois Verna“, wo ein Port-au-Prince von 1979 beschworen wird, als Haiti noch die „Perle der Antillen“ war, während die Hauptstadt heute in ausufernder Bandengewalt versinkt. Oder es kann den umgekehrten Weg gehen, wie bei „Le Boucanier“. Hier befinden wir uns immer noch in Haiti, allerdings auf der vorgelagerten Insel Île de la Tortue. Diese ist heute ein eskapistisches Haitopia und der letzte Versuch der Regierung, das touristische Potential des Landes noch irgendwie auszubeuten. Exilhaitianern soll hier die Rückkehr auf heimischen Boden schmackhaft gemacht werden, in einer Art künstlichem Paradies, einer Insel vor der Insel, auf der man von Chaos und Gewalt (noch) nichts spüren soll. Doch „Le Boucanier“ sucht nicht diese künstliche Idylle nachzuempfinden, sondern spürt der berüchtigten Vergangenheit nach, die ebenso mit der Insel verbunden ist. Der Name verweist bereits darauf: Die Bukaniere auf Hispaniola waren ursprünglich europäische Siedler, die sich im 17. Jahrhundert als Freibeuter verdingten und den Schiffsverkehr in der Karibik unsicher machten. So wurde der Begriff schließlich zum Synonym für Piraten. Und die Insel, das ist die Verbindung, war zu dieser Zeit ein wichtiger Umschlagsplatz für die Beute der Freibeuter.
Insofern sind einige der gelisteten Noten durchaus naheliegend – Rum beispielsweise, auch wenn der aus Martinique stammt (warum kein Barbancourt?). Ein Schwarzpulver-Akkord schlägt in die gleiche Kerbe und man fragt sich vorab, ob das nicht ein wenig viel Theaterdonner ist. Aber von diesem Schießpulver geht keine Gefahr aus. Die Note bleibt eher unterschwellig und subtil, gibt der Komposition einen etwas metallischen Oberton, ohne dass der Duft jemals droht, ins Karikaturhafte zu driften. Die dominanten Noten sind dann auch ganz andere: Zum einen beginnt der Duft frisch und leicht fruchtig mit Orange und Limette. Eine eher gemütliche Schwarzteenote verbindet sich damit, doch darunter kommt bald eine schöne Rauchigkeit zum Vorschein, die wiederum auch gut zum Namen passt, denn etymologisch betrachtet stammt „Boucanier“ von dem Arawak-Work „bukan“, was eine Art Grill bezeichnet (noch heute heißt „gegrillt“ im Haitianischen Kreol „boukané“). Zum Rauch gesellt sich Tabak, der nach Herstellerangaben von einem selbstkreierten Absolue kubanischer Romeo y Julieta Mille Fleurs Zigarren stammt. Dazu kann ich als Nichtraucher wenig sagen, aber zumindest im vorliegenden Duft wirkt das sehr ausgewogen. Silbrig ziehen in dieser Phase tatsächlich leichte Schießpulverdämpfe durchs Bild. Mit der Rahmengeschichte im Kopf mag sich dabei tatsächlich das Bild vom Lagerraum eines alten Segelschiffs einstellen, inklusiver edler Hölzer und Gewürze, doch zwingend ist diese Assoziation keinesfalls. Die Anlehnung bleibt vage genug, dass man „Le Boucanier“ auch einfach als dunkles, würzig-rauchiges Parfum genießen kann, das sich auch ohne Augenklappe durchaus tragen lässt.
Die Liste der Noten ist, wie sich das für das Piratenthema gehört, ganz im Stil einer Schatzkiste: überbordend. Ich will nicht behaupten, dass es mir gelänge auch nur annähernd nachzuempfinden, was hier alles verbaut ist, aber manches glänzt für einen Moment in phantastischer, geradezu surrealer Deutlichkeit hervor. Wie schon in anderen Kreationen des Hauses ist das Bemerkenswerte, dass einige dieser Dufteindrücke wie Zitate vorüberziehen und wieder verschwinden, scheinbar erratisch kommen und gehen. Und dessen ungeachtet bleibt doch eine alles verbindende Grundstimmung (man mag das DNA nennen), die ihrerseits nicht linear ist, sondern einem fast klassischen Verlauf folgt, von frisch bis fruchtig über würzig-rauchig hin zu einer Basis, die neben dunkel-holzigen auch ledrig-animalische Aspekte enthält.
Und damit taucht am Ende einer schon wieder beinahe hymnischen Rezension doch noch ein großes Fragezeichen auf. „N.O.A.M. Botanical Perfumes“ nennt sich das Haus mit vollem Namen, und „Le Boucanier“ wird beworben als „100% Botanical Perfume“. Spannend - welche Zutat ist da wohl für das Animalische verantwortlich? Es gibt ja tatsächlich ganz erstaunliche Ähnlichkeiten mancher pflanzlichen Duftstoffe zu tierischen Noten. Schauen wir in der langen Liste mal genauer hin finden wir da aber: Ambra, Bisam, Castoreum, Hyraceum. Hoppla, auf welchen Bäumen wachsen die denn?
Geschenkt! Bei dem stimmigen Gesamtbild will ich da nicht mäkelig sein. Die Problematik könnte im 17. Jahrhundert vermutlich ohnehin niemand so recht nachvollziehen. Und wer wollte schon glauben, dass bei den Bukanieren nur Veganes auf der Grill kam?
Insofern sind einige der gelisteten Noten durchaus naheliegend – Rum beispielsweise, auch wenn der aus Martinique stammt (warum kein Barbancourt?). Ein Schwarzpulver-Akkord schlägt in die gleiche Kerbe und man fragt sich vorab, ob das nicht ein wenig viel Theaterdonner ist. Aber von diesem Schießpulver geht keine Gefahr aus. Die Note bleibt eher unterschwellig und subtil, gibt der Komposition einen etwas metallischen Oberton, ohne dass der Duft jemals droht, ins Karikaturhafte zu driften. Die dominanten Noten sind dann auch ganz andere: Zum einen beginnt der Duft frisch und leicht fruchtig mit Orange und Limette. Eine eher gemütliche Schwarzteenote verbindet sich damit, doch darunter kommt bald eine schöne Rauchigkeit zum Vorschein, die wiederum auch gut zum Namen passt, denn etymologisch betrachtet stammt „Boucanier“ von dem Arawak-Work „bukan“, was eine Art Grill bezeichnet (noch heute heißt „gegrillt“ im Haitianischen Kreol „boukané“). Zum Rauch gesellt sich Tabak, der nach Herstellerangaben von einem selbstkreierten Absolue kubanischer Romeo y Julieta Mille Fleurs Zigarren stammt. Dazu kann ich als Nichtraucher wenig sagen, aber zumindest im vorliegenden Duft wirkt das sehr ausgewogen. Silbrig ziehen in dieser Phase tatsächlich leichte Schießpulverdämpfe durchs Bild. Mit der Rahmengeschichte im Kopf mag sich dabei tatsächlich das Bild vom Lagerraum eines alten Segelschiffs einstellen, inklusiver edler Hölzer und Gewürze, doch zwingend ist diese Assoziation keinesfalls. Die Anlehnung bleibt vage genug, dass man „Le Boucanier“ auch einfach als dunkles, würzig-rauchiges Parfum genießen kann, das sich auch ohne Augenklappe durchaus tragen lässt.
Die Liste der Noten ist, wie sich das für das Piratenthema gehört, ganz im Stil einer Schatzkiste: überbordend. Ich will nicht behaupten, dass es mir gelänge auch nur annähernd nachzuempfinden, was hier alles verbaut ist, aber manches glänzt für einen Moment in phantastischer, geradezu surrealer Deutlichkeit hervor. Wie schon in anderen Kreationen des Hauses ist das Bemerkenswerte, dass einige dieser Dufteindrücke wie Zitate vorüberziehen und wieder verschwinden, scheinbar erratisch kommen und gehen. Und dessen ungeachtet bleibt doch eine alles verbindende Grundstimmung (man mag das DNA nennen), die ihrerseits nicht linear ist, sondern einem fast klassischen Verlauf folgt, von frisch bis fruchtig über würzig-rauchig hin zu einer Basis, die neben dunkel-holzigen auch ledrig-animalische Aspekte enthält.
Und damit taucht am Ende einer schon wieder beinahe hymnischen Rezension doch noch ein großes Fragezeichen auf. „N.O.A.M. Botanical Perfumes“ nennt sich das Haus mit vollem Namen, und „Le Boucanier“ wird beworben als „100% Botanical Perfume“. Spannend - welche Zutat ist da wohl für das Animalische verantwortlich? Es gibt ja tatsächlich ganz erstaunliche Ähnlichkeiten mancher pflanzlichen Duftstoffe zu tierischen Noten. Schauen wir in der langen Liste mal genauer hin finden wir da aber: Ambra, Bisam, Castoreum, Hyraceum. Hoppla, auf welchen Bäumen wachsen die denn?
Geschenkt! Bei dem stimmigen Gesamtbild will ich da nicht mäkelig sein. Die Problematik könnte im 17. Jahrhundert vermutlich ohnehin niemand so recht nachvollziehen. Und wer wollte schon glauben, dass bei den Bukanieren nur Veganes auf der Grill kam?
9 Antworten


😂
Der Duft holte mich leider eher mittelprächtig ab, die Mezcal-Note war leider recht entfernt, natürlich zu wirken.
Abenteuer dennoch!
Sehr gerne gelesen!
Mit deinen beiden Rezensionen starte ich jetzt ein Vorhaben, das schon lange auf die Umsetzung wartet: Die Rezensionen, die mir helfen einen Duft zu verstehen, die die Idee hinter dem Duft, die Welt des Parfumeurs oder der Parfumeurin nahe bringen, diese Rezensionen drucke ich mir aus und werde sie während ich den Duft trage mit Farben und Bildern versehen.
Danke dir!!!
Aber diese phantastische und surreale Deutlichkeit der NOAM-Düfte finde ich auch immer wieder toll.