Einen Duft „Arabian Nights“ zu nennen, ist zweischneidig. Einerseits weckt es hohe Erwartungen. Die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht sind schließlich der Inbegriff des märchenhaften Orients, ein Topos, mehr als eine Legende: eine Sammlung von Legenden, die zugleich in sich scheinbar unendlich ist. Dazu kommt, dass man sich unter einer großen Zahl von Konkurrenten erst einmal durchsetzen und in der Masse wiedererkennbar bleiben muss. Allein dreiunddreißig Parfums werden aktuell in der parfumo-Datenbank unter diesem Namen geführt und zusätzlich dazu noch eine ganze Duftreihe von Kilian. Dennoch ist es vermutlich einfach zu verführerisch, fällt es einfach zu schwer, sich der Magie des Namens und deren Versprechen der Markttauglichkeit zu entziehen.
Wenn man Bilder von Cordinas Atelier betrachtet – Laboratorium und Outlet-Store in einem – dann hat das schon etwas Märchenhaftes: ein Kellergewölbe, gelegen unter einer alten Klosteranlage und eingebettet in der malerischen Altstadt von La Valletta. Und wenn man sich etwas im Sortiment umsieht, wird schnell deutlich, dass sich Stephen Cordina sehr für die, im weitesten Sinne „orientalischen“, Dufttraditionen vergangener Zeiten interessiert. Da ist von Räucherwerk nach Rezepturen aus Babylonischer Zeit die Rede; einzelne Parfums beziehen sich explizit auf Ägyptische Traditionen und verstehen sich als Rekonstruktion historischer Düfte. Im Zusammenhang mit „Arabian Nights“ verweist Cordina auf Studienreisen in Westafrika und im Libanon, bei denen er historischen Düften nachgeforscht habe, die als Inspiration schließlich in seine Komposition eingeflossen seien.
Ganz nachvollziehbar wird das, wenn man den Duft dann unter der Nase hat, nicht. Zunächst einmal riecht „Arabian Nights“ für mich eher sehr zeitgemäß und modern. Und das selbst innerhalb des Sortiments von Cordina, etwa im Vergleich zu den viel „traditionelleren“ Düften
Gnaga und
Osiris . Westafrikanisch? Nein. Orientalisch, oder besser orientalisierend? Schon. Die Kombination von Oud, Rose und Safran deutet an, in welche Richtung das geht: Nichts, was seit der Antike in Vergessenheit geraten wäre, sondern, im Gegenteil, eher eine Kombination, die in den letzten Jahren überaus populär wurde. Allerdings steht der Amber hier mehr im Mittelpunkt, als das Oud. Und die Würzigkeit ist recht differenziert. Koriander, Zimt und Nelke, Pfeffer, Safran, Muskat, und sogar Wermutkraut werden hier mit der Rose verschmolzen. Insgesamt könnte man „Arabian Nights“ auch als warmen Amber-Oud-Patchouli Duft mit würzig-floralem Herzen bezeichnen. Und ich muss sagen: Trotz aller Skepsis gefällt mir das gar nicht so schlecht. Nicht gerade ein heiliger Gral, wie es der Name erhoffen ließe, aber doch ordentlich gemacht. Der Duft ist nicht plakativ, wie so manche orientalisierende Safran-Rose-Oud Interpretation, sondern sehr schön nuanciert, sanft und doch von hohem Wiedererkennungswert. Nein, die Geschichte von der Inspiration bei historischen Düften wirkt hier nicht plausibel, sondern eher wie ein Marketing-Märchen, aber vielleicht ist genau hierin der Bezug zu den Märchen aus Tausendundeiner Nacht zu sehen.
Stephen Cordina nennt sein Haus „Aroma and Therapy“ und sieht seine Arbeit zwischen Aromatherapie und Parfumerie. Er betont, dass er aufgrund dieser Herkunft viel Wert auf natürliche Inhaltsstoffe legt, diese aber durchaus auch mit Aromachemikalien mischt. So wird auch „Arabian Nights“ als „semi-natural“ deklariert und so manche/r wird hier vermutlich ein Zuviel an Synthetik bemängeln. Mich stört sie hier nur insofern, als dass sie bei der Umsetzung des Themas nicht recht ins Bild passt. Beworben wird der Duft mit dem Slogan „The scent that beats the heat” – was in der Sommerhitze des Mittelmeerraumes offenbar verkaufsfördernd ist, aber leicht irreführend sein kann. Ein kühler Duft, wie man angesichts dieser Worte erwarten könnte, ist „Arabian Nights“ sicher nicht, sondern im Gegenteil eher warm. Hier soll offenbar Feuer mit Feuer bekämpft werden. Ob das funktioniert muss jeder für sich entscheiden.
Cordina selbst macht einen sympathischen und durchaus nahbaren Eindruck, hat aber einen kaum zu leugnenden Hang zum Exklusiven, was sich schon allein in dem inflationär gebrauchten Begriff „Luxus“ in seiner Internetpräsentation niederschlägt. Die Besucher seiner Homepage werden mit Bildern von Yachten, Sektgläsern und Aromadiffusoren begrüßt. Gerne kokettiert er mit dem beinahe als Ehrentitel getragenen Attribut „Parfümeur von Malta“ – vermutlich zurecht, denn Cordina ist wohl ganz einfach der einzige seines Berufsstandes in dem kleinen Inselstaat. Überdies ist er tatsächlich so etwas wie ein Hofparfümeur, hat beispielsweise einen Raumduft für den Präsidentenpalast entwickelt und mit seinem "Acqua Di Valetta | Stephen Cordina" eine Hommage und so etwas wie einen Signaturduft für die Stadt geschaffen. Dieses eigene, ganz private Märchen eines kleinen Aromatherapeuten, der seiner Leidenschaft folgt und zum großen Magier der Düfte aufsteigt, der gekrönte Häupter beduftet – das hätte vielleicht wirklich einen Platz innerhalb des Zyklus der Arabian Nights verdient. Vielleicht kann man den Duft als Ausdruck dieses Traumes verstehen.
Ein herzlicher Dank geht an @ElAtterine, die eine Probe auf Wanderschaft geschickt und mir so die Möglichkeit zum Testen gegeben hat. Leider hat der Duft böse Verrisse erfahren müssen, ist in Zehn-Wort-Statements regelrecht vernichtet worden. Insofern ist meine Rezension auch eine Art Ehrenrettung von „Arabian Nights“, denn eine solche pauschale Abkanzelung hat er meines Erachtens nicht verdient.