ParfumoBlog Neues & Interessantes aus der Welt der Parfums - Parfumo Blog

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Vorwort

In einem beschaulichen Ort im Westerwald und eher unprätentiös sitzt ein Mann, der in jeder freien Minute an ausgefeilten Düften komponiert, sich selbst aus dem Orient rare Substanzen beschafft und damit ungewöhnliche Nischendüfte kreiert, die er dann in kleinen Auflagen auch noch selbst vertreibt. Wenn mir also irgendjemand das Thema der Duftherstellung von A bis Z aus eigener Erfahrung erklären kann, dann wohl Hans Georg Staudt von MGO Duftmanufaktur.

Also auf nach Dierdorf...


Begrüßung

Ich bin heute bei der MGO Duftmanufaktur und mir gegenüber sitzt Hans Georg Staudt, Inhaber und Parfümeur in Personalunion. Vielen Dank für die Einladung!

Sehr gerne. Schön, dass du da bist!

Georg und ich kennen uns schon seit geraumer Zeit durch die Parfumo.de Community. Daher haben wir uns darauf verständigt, dass wir uns, wie es auch bei Parfumo.de Sitte ist, bei diesem Interview duzen.


Die Geschichte

Wie fanden Düfte in dein Leben?

Meine ersten einschneidenden Dufterlebnisse hatte ich in frühester Kindheit, als in unserem Ort LKWs mit frischem Teer an mir vorbeigefahren sind. Während andere diesen Geruch schrecklich finden, war ich davon fasziniert. Mit 14 Jahren kaufte ich dann meinen ersten Duft in einer Parfümerie namens Altpeter in Neuwiedt, einen Laden, den es heute leider nicht mehr gibt. Der erste bewusst ausgesuchte Duft war "Brut 33" von Fabergé. Diesen erwarb ich mit 19 Jahren in einer Mall in El Paso während meiner Ausbildung bei der Luftwaffe. Die äußeren Umstände und daran geknüpften Erinnerungen machen den Duft für mich bis heute unvergesslich.


Gibt es eine Geschichte oder ein konkretes Ereignis, was dich dazu bewog, dich der Schaffung von Düften hinzuwenden?

Es war ein weiter Weg der mich dazu geführt hat der Olfaktorik auf den Grund zu gehen und ihre Wirkungsweisen durch handwerkliche Umsetzung selbst anzuwenden. Bereits 1974 wurde ich im Zuge meiner Ausbildung bei der Luftwaffe in den USA im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg psychologisch geschult. Das Thema "Psychologie" hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Nach meinem Elektrotechnik Studium bei der Bundeswehr in Fort Bliss arbeitete ich als Unternehmensberater, Trainer und Coach, hauptsächlich in der Immobilienbranche. Zudem hatte ich 1996 eine Marketingfirma gegründet. 2001 kam dann ein wesentlicher Einschnitt in meinem Leben. Durch einen Schlaganfall war ich plötzlich gesundheitlich erheblich eingeschränkt. Daher wand ich mich wieder verstärkt der Psychologie zu, um mir selbst aus der Krise zu helfen. In dieser Zeit lies ich mich zunächst in den USA und anschließend in Deutschland umfassend zum klinischen Hypnotiseur ausbilden. Ich erinnerte mich auch an die von mir belegten Seminare zur neurolinguistischen Programmierung (NLP). Hierbei geht es unter anderem um die Verknüpfung von Umweltwahrnehmungen (Anmerkung: sehen, hören, spüren, riechen und schmecken) mit einem Ereignis bzw. einer Erinnerung. Um so eine Verbindung herzustellen, können auch sogenannte "Duftanker" eingesetzt werden. Das war also der Zeitpunkt, wo ich Düfte selbst zusammengestellt habe. Allerdings verfolgten die ausgerechnet nicht den Zweck Wohlgefallen daran zu finden. Ganz im Gegenteil. Diese Düfte mussten so konzipiert sein, dass sie mit keinen anderen Duftwahrnehmungen aus dem Alltag verwechselt werden konnten. Nur so kann man die gewünschte Reaktion konkret beim Klienten evozieren. Etwa zwei Jahre später beendete meine Ehefrau den Betrieb ihres Teeladens. Und plötzlich stand mir ein Konvolut nicht mehr benötigter ätherischer Öle zur Verfügung. Ich verband also reine medizinische Wirkung mit olfaktorischem Wohlgefallen und so wurde Duft Nummer 1, von mittlerweile weit mehr als 300 Düften, geboren. Das liegt nun zirka neun Jahre zurück.


Die Philosophie

Wieso war es für dich wichtig die Herstellung von Düften selbst in die Hand nehmen und das nicht anderen zu überlassen?

Die Düfte, die ich suchte, fand ich nirgends. Und es war auch gar nicht sicher, ob diese überhaupt irgendwo existieren. Für mich war es daher logisch und erfolgversprechender, dass ich diese Suche durch eigene Herstellung verkürze und bestenfalls beende.


Wie hast du dir das Wissen für die Herstellung von Düften angeeignet?

Ich habe mir sehr viel zum Thema angelesen. Das Internet ist hierbei eine große Hilfe. Darüber hinaus studierte ich auch viele alte Bücher, die teilweise aus dem Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts stammen. Dabei wurde mir bewusst, wie aufwändig Verfahren zur Gewinnung der natürlichen Rohstoffe sein können und dass es hierbei um ein echtes Handwerk geht. Danach begann ich dann meine ersten Versuche nach dem Verfahren Trial-and-Error. Auf diesem Weg habe ich mich abwechselnd mit lesen und experimentieren ständig weiterentwickelt.


Welche Materialien verwendest du?

Ich habe relativ schnell erkennen müssen, dass mein Plan, ausschließlich mit natürlichen Duftstoffen zu arbeiten, nicht einzuhalten ist. Die Palette an verfügbaren natürlichen Duftstoffen ist relativ beschränkt. Viele Komponenten werden entweder gar nicht mehr produziert oder sie werden auf Grund von Restrektionen nicht mehr auf dem Markt gehandelt. Wenn man aber das gesamte Spektrum der Duftwelt in seine Kreationen einbeziehen will, kommt man um künstliche Ergänzungen nicht herum. Ich möchte jedoch betonen, dass für mich die Seele eines Parfüms wesentlich ist. Und aus diesem Grund stellen für mich natürliche Duftstoffe auch einen wesentlichen Bestandteil meiner Düfte dar. Diese beziehe ich von verschiedenen Herstellern aus der ganzen Welt als fertige Tinktur oder als Rohmaterialien, die von mir selbst zu Essenzen weiterverarbeitet werden.


Arbeitest du auch mit Akkorden oder nur mit Einzelsubstanzen?

Noten, die so in der Natur nicht vorkommen, werden von mir als Akkorde hergestellt. Das sind z. B. weiche und harte Lederdüfte, verschiedene Amber-Töne oder Tabak. Sie werden von mir immer wieder angesetzt und stehen dann neben den anderen Substanzen bei mir in der Duftorgel.




Gibt es eine typische MGO-Handschrift, oder arbeitest du ohne jede Einschränkung in alle Richtungen?

Grundsätzlich bin ich für alle Duftstoffe offen, denn es wäre nicht zielführend bei einer derartig kreativen Tätigkeit von vornherein Möglichkeiten auszuschließen. Dennoch gibt es eine MGO-DNA, die in etwa 80 % meiner Düfte zu finden ist. Diese DNA speist sich aus einigen Dutzend Ingredienzien, die ich vorzugsweise anwende und in ständig variierenden Konzentrationen und Verhältnissen dazu gebe. Mein ureigenes Interesse galt allerdings schon immer den orientalischen Düften. Was nicht heißen soll, dass ich nicht auch andere Richtungen – auch als individuelle Auftragsarbeiten – bediene. Da ich die Düfte überwiegend für mich selbst mache, lande ich früher oder später olfaktorisch jedoch immer wieder im Orient.


Von was (Erlebnisse, Gedanken, andere Düfte) wird deine Arbeit maßgeblich inspiriert?

Anfangs waren es die niedergeschriebenen Wahrnehmungen anderer, z. B. auch auf Parfumo.de, die in mir häufig eine wahre Sehnsucht geweckt haben, den beschriebenen Duft in eigener Interpretation nachzubauen. Denn häufig waren für mich diese Düfte nicht verfügbar. Und daher schaffte ich Abhilfe durch die Umsetzung meiner Vorstellung davon mit eigenen Mitteln.

Eine kleine Anekdote dazu: Roja Dove, Clive Christian und Amouage waren anfänglich heroische Namen für mich. Wenn ich über deren Düfte gelesen habe, war ich ehrfürchtig und neidisch zugleich. Leider kam ich oft an diese Düfte nicht heran, weswegen ich sie mir in Gedanken vorstellte und dann auch oft meiner Anschauung nach umsetzte. Dass das Ergebnis natürlich nichts mit dem ursächlichen Duft zu tun hat, sollte klar sein. Es war meine persönliche Interpretation aus Rezensionen, Beschreibungen, Bildern und Marketing. Ein traumatisches Beispiel war hier Amber Aoud von Roja Dove. Ich musste diesen Duft, dessen Beschreibung in meiner Vorstellung so viel ausgelöst hatte, unbedingt testen. Alleine dafür bin ich dann irgendwann einmal mehrere Hundert Kilometer nach Stuttgart gefahren. Ich kam in diese kleine Parfümerie mit sehr netten Verkäuferinnen und war voller freudiger Erwartung. Der Flakon wurde geöffnet, mir gereicht und dann müssen mir wohl sämtliche Gesichtszüge entglitten sein, was natürlich auch der Verkäuferin nicht verborgen geblieben ist. Ich war zutiefst enttäuscht und mir tat auch die Dame leid, die sicherlich eine positivere, zumindest gemäßigtere Reaktion erwartet hat. Anstandshalber habe ich dann doch noch irgendwas gekauft, um nicht als nicht zahlender Nutznießer zu gelten. Danach hatte ich jedoch Gewissheit. Zum einen, dass diese berühmten Hersteller auch nicht das liefern können, was ich erhofft und erwartet habe, zum anderen, dass nun endgültig der Anlass gegeben war, meine Interpretation von meiner Vorstellung zu diesem Duft umzusetzen. Soll das heißen, dass ich mich mit diesen Ikonen vergleichen möchte? Nein, das ist weit gefehlt. Das sind Künstler, in dem was sie tun. Sie produzieren ein Leben lang mit großer Unterstützung, aber genauso mit großer Einflussnahme und Zwängen durch den Markt und ihrer Auftraggeber. Ich habe mittlerweile sehr viele von deren Düften testen können und kam überwiegend zu dem Schluss, dass sie nicht das sind, was ich suche. Und genau aus diesem Grund stelle ich meine Düfte selber her.

Mittlerweile entstehen meine Ideen aus unterschiedlichsten Anlässen. Manchmal ist es das entspannte Nachdenken, ein andermal ein innerer Druck und nicht selten aktuelle Ereignisse, wie Urlaubsimpressionen oder Erinnerungen an weichenstellende Begebenheiten aus der Vergangenheit. In den letztgenannten Fällen versuche ich, die Wahrnehmung dieser Ereignisse als abrufbare Erinnerung in den Düften zu verankern. Daher auch der Name "Duftanker" in meinem Logo.


Düfte nicht nur für mich

Ab welchem Zeitpunkt hast du darüber nachgedacht Düfte nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere herzustellen?

Als ich mit der Duftherstellung anfing, waren diese ausschließlich für mich konzipiert. An eine Vermarktung oder wie Andere die Düfte wahrnehmen würden, habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Erst im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass meine Vorlieben auch noch von anderen geteilt werden. Gegenüber dem Mainstream sind das natürlich weitaus weniger Anhänger. Aber im Wissen über diese Anhängerschaft finden heute schon auch Modulationen statt, die diesen Personenkreis mit einbeziehen sollen. Dies jedoch ohne hierbei meine Handschrift aufzugeben, oder in eine Beliebigkeit abzudriften.


Darüber hinaus stelle ich jedoch mittlerweile auch Düfte nach Kundenwünschen her. Dabei treten meine Vorlieben völlig in den Hintergrund. Nach intensiven persönlichen Gesprächen und gegebenenfalls auch nach der Aufnahme und Einbeziehung des Eigengeruchs des Kunden, werden individuelle Auftragsarbeiten entwickelt. Diese betrachte ich jedoch stets getrennt von meinen sonstigen Kreationen, die im Wesentlichen meinen Duftvorlieben unterworfen sind.


Die Idee und deren Ausarbeitung

Wie konkret ist für dich das Ziel zu Beginn deiner Arbeit an einem neuen Duft?

Anfänglich habe ich einfach mit den vorhandenen Substanzen herumexperimentiert. Mittlerweile läuft es nach dem Motto "Ein neuer Duft entsteht zunächst im Kopf", worüber ich bereits ein Parfumo.de-Blog geschrieben habe. Mir kommt zunächst eine Duftkomposition ins Bewusstsein. Anschließend fange ich an, diese in die einzelnen Ingredienzien aufzuschlüsseln. Dabei notiere ich mir dann die Mengen und Verhältnisse der einzelnen Stoffe. Wenn ich dann die Zeit und Muße habe, gehe ich an meine Duftorgel um diese Idee umzusetzen.



Ich stelle mir das so vor, dass auf dem Weg zum Ziel sehr viele Abzweigungen auftauchen. Und je nach getroffener Entscheidung wird die Reise eine andere Entwicklung nehmen. Man nähert sich dem Ziel, man entfernt sich vom Ziel weg, man entdeckt neue Ziele oder man wähnt sich in einer Sackgasse. Wie gehst du mit diesen Situationen um und was passiert konkret mit den bis dahin entstandenen, noch unfertigen Produkten/Mischungen?

Insgesamt ist es so, dass man einen misslungenen Duft eigentlich nur noch verschlimmbessern kann. Dann ist es besser, man bricht an dieser Stelle die Arbeit ab und stellt das Ergebnis zurück. Gegebenenfalls kann man später die neu erschaffene Substanz in einem sehr geringen Anteil als eigene Note in weiteren Düften einbauen, so es überhaupt ins Konzept passt. Die ursprüngliche Idee muss ich allerdings in solchen Fällen von Neuem aufsetzen. Das mache ich so lange, bis der Duft so ist, wie ich ihn haben will.


Das Prinzip der Herstellung und die handwerkliche Umsetzung

Welche Arbeitsschritte, von der Idee, über die Herstellung bis zu Verpackung, Vermarktung und Verkauf begleitest du selbst und an welcher Stelle bedienst du dich der Hilfe von Anderen?

Tatsächlich ist MGO Duftmanufaktur ein Einmann-Unternehmen. Ausgenommen die Internetpräsenz, die vor einigen Jahren durch meinen großen Sohn entwickelt wurde, stammt alles aus meiner Hände Arbeit. Seit meinem Krankenhausaufenthalt im Februar dieses Jahres unterstützt mich meine Frau beim Sortieren und Labeln der Abfüllungen.


Beschreib doch mal kurz das grundlegende Prinzip bei der Herstellung eines neuen Duftes.

Bevor ich die Komponenten der niedergeschriebenen Rezeptur zusammenführe, wird jede Einzelne von ihnen noch einmal von mir beschnuppert. Es kann dann sein, dass eine Substanz in einer geringeren oder auch höheren Menge als angedacht verwendet wird, oder dass sie ganz entfällt und gegebenenfalls durch eine ähnliche Note ersetzt wird. Erst jetzt werden alle Bestandteile entsprechend der abschließenden Rezeptur vermengt.


Mit welchen Mengen und Konzentrationen wird in diesem Entwicklungsstadium gearbeitet?

Meist setze ich zwischen 20, maximal 30 Milliliter der Grundsubstanzen an. In manchen Fällen auch nur etwa 10 Milliliter, wenn sehr teure Materialien zum Einsatz kommen. Diese Mischung der Grundsubstanzen wird dann mit 66 % Ethanol, also reinem Weingeist verdünnt.


Steht das Ergebnis mit der letzten Rezepturveränderung schon fest?

Natürlich muss erst noch ein Reifeprozess abgewartet werden. Nur wenn dabei und danach die Entwicklung innerhalb meiner Erwartungen liegt und sich keine negativen Veränderungen gezeigt haben, wird der Duft mit der letzten Rezeptur von mir als abgeschlossen und marktreif betrachtet.


Wie sieht dieser Reifeprozess aus?

Die mit 66 % aufgefüllte Mischung der Grundsubstanzen muss zirka drei Monate reifen. Davon steht der Duft die ersten Wochen im Kühlschrank und wandert von dort aus in ein Regal in einem dunklen kühlen Raum. Während der Reifung schnupper ich immer wieder an der Probe, um zu prüfen, ob sie sich so wie erhofft entwickelt.


Warum dieser Ablauf bei der Reife?

Erst wenn nahezu keine Änderungen mehr feststellbar sind, kann man den Duft auch verlässlich und mit sicherem Gewissen produzieren und nach erneuter Reifezeit, jetzt aber mit bekanntem Ergebnis, veräußern. Bei meinen jüngeren Düften, die mit Ethanol angesetzt sind, haben sich nach den drei Monaten keine Veränderungen mehr gezeigt. Lediglich die in der Anfangszeit meines Schaffens mit Isopropanol angesetzten Düfte scheinen nun nach Jahren etwas an Schärfe verloren zu haben. Sie wirken heute auf mich weicher, runder und voller. Verwendung findet jedoch nur noch reiner Weingeist, um jedweden Eigengeruch auszuschließen. Die Lagerung im Kühlschrank für die ersten Wochen habe ich an verschiedenen Stellen gelesen und ich bin zu dem Schluss gekommen, dies ebenso zu halten.


Wie geht es weiter, wenn du auch nach dem Reifeprozess mit dem Duft noch zufrieden bist?

Wenn ein Duft von mir als "produktionsreif" erachtet wird, erfolgt die Festlegung der Konzentration. Bei leichteren Düften mit Zitrusnoten kann unter Umständen eine Halbierung der Konzentration vorgenommen werden, um auch eine gewisse "Leichtigkeit" zu erreichen ohne, dass hierbei die Haltbarkeit wesentlich beeinträchtigt wird. Oud-Düfte hingegen werden eher wenig bis gar nicht zusätzlich verdünnt. Steht also die Rezeptur und die Konzentration, so wird der Duft in größeren Mengen, z. B. 500 Milliliter mit der gleichen Rezeptur und Konzentration angesetzt. Und auch diese Mischung durchläuft dann natürlich noch den oben beschriebenen Reifeprozess, ehe er tatsächlich fertig ist.


Was passiert aber, wenn du mit dem Ergebnis nicht zufrieden bist?

Wie bereits vorher angeschnitten werden solche Düfte nicht entsorgt, sondern zurückgestellt. Immer wieder werden diese dann von mir beschnuppert und ich mache mir Gedanken, ob und wie man sie weiter verwenden oder daraus etwas entwickeln kann.


Ist es denn nicht belastend neben den ständig neu hinzukommenden Ideen diese alten, unfertigen Projekte mit sich herumzuschleppen?

Überhaupt nicht. Es gibt Tage, wo ich mich nach langer schwerer Arbeit im Job hierher flüchte und nicht selten an bis zu 20 dieser unvollendeten Düfte schnuppere und mich an die Situation ihrer Entstehung und der zugrundeliegenden Intension zurück erinnere. Bei einigen weiß ich, dass ich sie nie mehr weiter verfolgen werde. Bei anderen kommen mir wieder neue Ideen. Es ist also alles andere als belastend für mich.


Gab es wirklich nie völlige Fehlentwicklungen, die du am liebsten schnell wegkippen wolltest?

Doch! Einmal bei über dreihundert Ansätzen ist mir das passiert. Und ich kann mir bis heute nicht erklären, was sich in dieser Mischung so missverstanden hat. Um das herauszufinden und bei weiteren Düften derartige Fehlschläge zu vermeiden wurde davon ein geringer Rest aufbewahrt. Du kannst ihn später mal testen. Er wird dir anfangs unglaublich gut gefallen, aber nach ein-zwei Stunden Tragen wird er grausam.


Wie lange kann der Prozess von der ersten Idee bis zur Produktreife dauern, bis er abgeschlossen ist?

Den Fall, dass dieser Prozess oft mehrere Jahre braucht, wie oft zu lesen ist, hatte ich bisher bei ganz wenigen Düften. Häufig ist es so, dass es nur fünf Minuten dauert, um ihn im Kopf zu entwickeln. Dann bedarf es zirka zwei Stunden, um ihn zu mischen. Und wenn er für mich gelungen ist, erfolgt ein ca. dreimonatiger Reifeprozess, der natürlich durch ständige Kontrollen von mir begleitet wird. Danach wird er "der Öffentlichkeit" präsentiert, was in meinem Fall zwei, drei Personen in meinem Bekanntenkreis sind. Wenn auch die ihn für gelungen betrachten, dann ist der Duft fertig. Es gibt aber auch sehr komplexe Düfte mit bis zu 47 verschiedenen Substanzen, bei denen ich jahrelang an der Rezeptur schreibe und feile, ehe es überhaupt zur Umsetzung kommt.


Wie dokumentierst du deine Arbeit?

Tatsächlich habe ich Hunderte, wahrscheinlich über tausend Zettel unterschiedlichster Formen mit Rezepten und Rezeptideen. Manchmal nehme ich mir die Zeit und liste wenigstens die Noten und Anteile der Düfte, die im MGO-Programm sind, sauber im Computer auf. Es geht also nichts verloren, ausgenommen der Stunden bei der Suche nach diesen Aufzeichnungen. Und auch hier unterstütz mich in letzter Zeit meine Frau, die im Gegensatz zu mir, diesbezüglich sehr strukturiert ist, um diese Daten zu sortieren, zu archivieren, um sie so auch der Nachwelt zu erhalten.


Wie anstrengend, frustrierend oder erbaulich kann diese Arbeit sein?

In keiner Weise frustrierend, sondern ausschließlich erbaulich. Es ist für mich das Frönen eines Hobbies. Die Befriedigung, die ich daraus ziehe, überwiegt die Anstrengungen bei Weitem.


Ab welchem Zeitpunkt entscheidest du dich dafür, einen Duft "auf den Markt" zu bringen?

Ein Duft ist für mich dann abgeschlossen, wenn er für mich gut ist. Ab diesem Zeitpunkt versuche ich ihn, auch mit anderen zu teilen. Das muss allerdings nicht zwingend bedeuten, dass er vielen anderen gefällt. In manchen Fällen finden sich einige Anhänger, in anderen Fällen verschwindet er ohne auch nur ein Statement wieder in der Versenkung.


Stehst du ewig hinter deinen Düften, oder werden dir manche mit der Zeit auch fremd?

Nein. Ich distanziere mich nie von meinen Düften, auch wenn ich manche nicht mehr ansetzen werde. Sie sind Zeugnis für eine Zeit, ein Ereignis oder eine Begebenheit von einem Teil meines Lebens, an den ich mich durch diese Düfte per Zeitreise zurückversetzen kann.



Ist es deiner Meinung nach wichtig, weniger, dafür sehr hochwertige Ingredienzien einzusetzen, oder ist nicht die Vielfalt aus einer sehr breit gefächerten Palette, wie sie die Industrie bereitstellt, das erfolgversprechendere Modell?

Die Industrie würde sicherlich sagen, dass sie alles liefern kann, was gebraucht wird. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Körper und Seele eines Parfüms nur durch den Einsatz von natürlichen Substanzen entstehen können. Dabei muss ich, wie eingangs schon erwähnt, auch immer wieder Kompromisse eingehen, weil verschiedene Stoffe am Markt nicht mehr verfügbar sind. Zudem sind es bei manchen Ingredienzien auch wirtschaftlicher Aspekte, die ein synthetisches Substitut erforderlich machen. Aber Düfte ohne einen wesentlichen Anteil an natürlichen Substanzen wird es bei MGO Duftmanufaktur nicht geben.


Für mich ist eine ordentliche Performance eines Duftes sehr wichtig. Mein Wunsch ist es dahingehend, dass ein morgens angelegter Duft bis abends anhält. Welche Möglichkeiten gibt es hier für dich Einfluss zu nehmen.

In erster Linie liegt das natürlich an der Konzentration des Duftes. Daneben können Fixateure eingesetzt werden. Neben synthetischen Fixateuren gibt es auch natürliche Fixateure wie Benzoe. Diese Mittel machen den Duft "haftbarer". Man kann damit aber auch den Verlauf ändern und so zum Beispiel nach der Basis- nochmals über die Herz- zurück zur Kopfnote gelangen. Das sind natürlich Glücksmomente, die nicht sehr häufig gelingen. Mir ist ebenfalls eine gute Performance sehr wichtig und daher ist diese auch bei den meisten meiner Düfte gegeben. Es gibt allerdings Düfte, deren Charakter würde durch die Zugabe von Fixateuren zu stark leiden. In solchen Fällen verzichte ich zugunsten der Qualität auf die Haltbarkeit und nehme mir, wenn ich unterwegs bin, einen Taschenzerstäuber zum Nachlegen mit.


Besorgt es ich dich die Ingredienzien in ausreichender Menge und gleichbleibender Qualität beschaffen zu können, vor allem wenn diese möglicherweise auch für dich unerwartet positiv "einschlagen"? Beeinflussen solche Gedanken deine Arbeit?

Nein. Man muss damit leben, dass diese Düfte dann eben nicht mehr produziert werden können, sollten die Grundstoffe vergriffen sein. Und es ist natürlich auch nicht wirtschaftlich, zu jedem Ausgangsstoff auf Verdacht eine Lagerhaltung zu betreiben. In manchen Fällen tauchen zwar manche verlorengeglaubte Substanzen unerwartet nach Jahren wieder auf oder es gelingt mir, diese durch andere zu ersetzen, allerdings wird das dann nicht mehr zum exakt gleichen Ergebnis wie beim ursprünglichen Duft führen.


Ich war vor zirka zwei Jahren sehr von deinem Duft Just Black angetan, um dann von dir erfahren zu müssen, dass er vergriffen ist und du an eine Ingredienzie nicht mehr herankommst. Wie hast du das "Problem" gelöst?

Zunächst mit Bedauern, denn auch mir hat dieser Duft gefehlt. Durch hervorragende Kontakte konnte ich zwischenzeitlich jedoch nahezu identische Rohstoffe wiederbeschaffen und Just Black steht erneut, aber nicht etwa reformuliert zur Verfügung. Das würde ich mir und meinen Anhängern nicht antun wollen. Hier möchte ich als Negativbeispiel die Neuauflagen von Zino von Davidoff nennen. Dieser stellt heute nur noch einen Abklatsch seiner selbst dar.


Welche Menge setzt du für einen Duft an, der definitiv an den Markt gehen soll?

Je nach meinen persönlichen Einschätzungen liegen die Auflagen zwischen 250 und 1000 Milliliter. In Abhängigkeit von der Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe und der Nachfrage kann ich die meisten meiner Düfte nachproduzieren.



Hat es in deiner Manufaktur schon ärgerliche Unfälle (z. B. Verwechslungen von Behältern/Gefäßen) gegeben, von denen du mir erzählen magst?

Das passiert leider immer wieder. Und dann häufig mit den teuersten Rohstoffen. Wenn du mal ein Sandelholzöl im Wert von 300 bis 400 Euro über die Arbeitsfläche geschüttet hast, dann ist das einfach verloren. Du kannst dich dann vielleicht noch damit einreiben, um wenigstens selbst noch die nächsten 24 Stunden was davon zu haben, aber dann ist es endgültig vorbei.


Technik und Materialien

Kannst du was zu deiner Arbeitsstätte und der technischen Ausstattung deiner Manufaktur sagen?

Im Wesentlichen gleicht mein Arbeitsplatz einem Büro mit riesigem Schreibtisch. Die Arbeitsfläche wird von meiner, aus drei Etagen bestehenden Duftorgel eingerahmt. Die Teile haben die ideale Größe für meine Gefäße mit den Ausgangsstoffen und sind im Prinzip auch im weiteren Sinne Büroeinrichtungsartikel. Davor befinden sich noch zwei weitere Reihen mit Duftstoffen. Und was ich dann nicht mehr auf dem Schreibtisch unterbringen kann, befindet sich in Griffweite in weiteren Regalen oder im Kühlschrank. Beim Zusammenstellen und Mischen arbeite ich mit Einwegpipetten, Reagenzgläsern, Messbecher, Feinwaage und Duftstreifen. Die Duftstreifen setzte ich aber nicht vorrangig wegen der Duftwahrnehmung ein, sondern vielmehr um die Haltbarkeit bestimmen und vergleichen zu können.



Woher stammen die von dir verwendeten Rohstoffe?

Ich kaufe in Amerika, England, Niederlande und Deutschland bei den einschlägigen Produzenten und Anbietern. Viele meiner Ouds besorge ich bei Ensar Oud und anderen bekannten internationalen Oud Händlern. Daneben habe ich einen guten Freund aus Pakistan, der mich ebenfalls mit Ouds und anderen orientalischen Grundstoffen direkt aus arabischen Ländern und Indien beliefert. Mittlerweile betreibt er sein Netzwerk aus Deutschland und macht mir darüber die hochwertigen und seltenen Rohstoffe zugänglich, die meinen Düften eine Seele verleihen. Und ungeachtet der hohen Kosten lohnt sich das immer. Was sich hingegen nie lohnt, ist die Verwendung von synthetischem Oud. Dagegen kaufe ich z. B. echte Vanille seit jeher in der Apotheke um die Ecke, weil ich noch nirgends eine vergleichbare Qualität gefunden habe.



Gibt es Rohstoffe, die vor der Anwendung durch dich noch irgendeine Veränderung erfahren?

Natürlich gibt es Auszüge und Essenzen, die ich aus festen Rohstoffen gewinne. Ambra, Castoreum, Moschus und Hyrax wären hierzu Beispiele. Ich möchte in solchen Fällen die Qualität schon am Ausgangsstoff kennen und dann das Bestmögliche davon herausholen. Das Material wird von mir mit dem Mörser zerlegt und in hochwertigem Sandelholzöl eingelegt. Darin reift es dann teilweise mehrere Jahre. Ambra lohnt sich nicht vor dem Ablauf eines Jahres anzuwenden und mit zunehmender Zeit wird es nur noch besser.


Was müssen Menschen am meisten beherzigen, die damit beginnen wollen ihre eigenen Düfte herzustellen?

Sei frei und ohne Hemmungen und probiere alles aus. Und wenn dir dann das Ergebnis selbst gefällt, hast du alles richtig gemacht.


Der Ausblick

Du hast mir erzählt, dass du demnächst noch mehr Zeit und Engagement in die MGO Duftmanufaktur investieren willst. Was ist der Grund?

Das Herstellen von Düften ist ja nicht mein Hauptberuf. Ich bin als Unternehmensberater und Trainer in der freien Wirtschaft tätig, und bin jährlich viele Wochen im ganzen Land und halb Europa unterwegs. 2018 sollte eigentlich mein letztes Jahr sein, aber mein Arbeitgeber hat mich überredet noch ein Jahr zu verlängern, ehe ich dann endgültig Ende 2019 diese Kariere beenden werde. Ich möchte mich dann noch intensiver mit der Duftmanufaktur beschäftigen und freue mich schon jetzt sehr auf diesen neuen Abschnitt in meinem Leben. Bereits jetzt werden die ersten Pläne geschmiedet und deren Umsetzung in die Wege geleitet.


Wie sehen diese Pläne konkret aus?

Zunächst einmal ist ein neuer Internetauftritt geplant, der meine Düfte und meine Arbeit vollumfänglich und übersichtlicher beschreiben soll. Neben dem Webshop möchte ich parallel dazu auch in meinem Ebay-Shop alle aktuell verfügbaren Düfte anbieten. Mit Ebay erreiche ich viele Interessierte und Käufer, die sonst nicht zu meinem Angebot finden würden. Eine völlig neue Idee wäre ein eigener Youtube-Kanal, der alles über Parfüm, von der Idee, über die Beschaffung der Rohstoffe, bis hin zur Herstellung in entsprechenden Videobeiträgen beleuchtet. Daneben werde ich mich abermals dem Thema Verpackung und Flakons widmen. Ich habe da schon sehr viel ausprobiert, bin aber noch immer nicht zur optimalen Lösung gekommen. Allerdings ist die Herstellung von Flakons nach eigenen Wünschen eine sehr kostspielige Angelegenheit, die sich nur mit entsprechenden Stückzahlen finanziell rechtfertigen ließe.


Du hast ja jetzt die "technische" Umsetzung deiner Zukunftspläne beschrieben. Gibt es darüber hinaus auch eine Vision, die damit verbunden ist?

Ein wesentlicher Teil meines Lebens bestand daraus, Seminare und Vorträge zu halten. Daher möchte ich auch in diesem Bereich mein Wissen an andere weitergeben. Dazu hoffe ich, durch die gewonnene Zeit über andere Wege an neue Duftideen zu kommen. Einfach mal ohne Skript entspannt an der Duftorgel sitzen und völlig unvoreingenommen herumexperimentieren. Und schließlich möchte ich auch endlich die Düfte umsetzen, die noch immer in meinem Kopf sind und auf ihre Geburt warten.


Wird deine Suche nach neuen Düften jemals ein Ende finden?

Meine Suche wird erst dann zu Ende sein, wenn auch ich am Ende bin und sechs Fuß tiefer liege.


Herzlichen Dank Georg, für deine Zeit und die vielen aufschlussreichen Informationen.

Ich danke dir für dein Interesse an meiner Geschichte und meinen Düften.



Das Interview mit Hans Georg Staudt in der MGO Duftmanufaktur in Dierdorf führte am 06.04.2019 Caligari.

23 Antworten



Bei unserer Winterreise nach Südengland gelang es uns, einen Interviewtermin mit Mr. Gustav Temple in seinem Büro in Lewes, nur wenige Kilometer nördlich von Brighton gelegen, zu vereinbaren. Als Herausgeber des CHAP, dem angesagten Herrenmagazin für augenzwinkernd betrachteten britischen Lebensstil, schien er uns ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen „Duftgenuss“ zu sein. Der Begriff „Chap“, den wir im Deutschen nur in der Übersetzung als „Kerl“ oder „Bursche“ kennen, wird in Großbritannien für den Gentleman des 21. Jahrhunderts verwendet, der nicht mehr der Aristokratie entstammt, sondern einfach einem Lebensstil frönt nach dem Motto „Erweitere Deinen Geist, verfeinere Deine Garderobe“.

Das Interview wurde very british bei mehreren Tassen Tee auf einem alten Chesterfield-Sofa geführt. Mr. Temple erwies sich als sehr charmanter Gesprächspartner, aus dem Interview entwickelte sich zunehmend eine Plauderei über die Unterschiede der Parfumkultur in Great Britain und good old Germany. Wir haben viel gelacht - und vielleicht auch endgültig die Frage beantwortet: Wie sollte James Bond riechen?


In der Vorbereitung auf dieses Interview haben wir Dein Buch "How to be a Chap" gelesen. Jetzt wissen wir, welche Filme ein Chap gesehen haben sollte, welche Autos er fahren sollte, was er trinken, essen und rauchen sollte. Was wir jedoch vermisst haben, ist ein Kapitel mit dem Thema: Wie sollte ein Chap riechen?


Ja, das stimmt. Bis vor einiger Zeit haben wir immer im Scherz gesagt: Ein Chap sollte nach Whisky, Zigarren und altem Leder riechen. Aber seitdem ich in die Welt der Parfums eingetaucht bin, scheint mir die Sache doch etwas komplexer zu sein. Es wird Euch sicher überraschen, dass ich bis vor zwei Jahren noch gar kein Parfum trug. Aber inzwischen bin ich davon besessen.

Oh, wie kam es dazu?

Irgendwie fing alles an, als ich meine Freundin vor drei Jahren kennenlernte. Es war ihr Parfum, das mich zuerst anzog, und ich erinnere mich, sie gefragt zu haben, welchen Duft sie trägt. Später sagte sie, als ich sie nach ihrem Parfüm fragte, wusste sie, dass ich an ihr interessiert war. Ihr Duft löste in mir eine sehr starke Reaktion aus. Du magst dich zu Frauen hingezogen fühlen, aber wenn das Parfüm, das eine Frau trägt, falsch ist, ändert sich das Ganze. Es ist wirklich wichtig. Und das Parfüm dieser Frau hatte ich vorher nicht gerochen und ich dachte: Ich mag das! Das ist attraktiv.

Als wir dann ein Paar wurden, wollte ich ihr dieses Parfüm zu Weihnachten schenken. Seitdem schenke ich es ihr immer zu Weihnachten (lacht). Aber dann wollte sie mir einen Duft kaufen. Und so haben wir angefangen. Ich meine, es gibt eine Million Möglichkeiten zu beginnen. Also begann ich mit den klassischen männlichen Düften wie "Eau sauvage" von Dior, das ich sehr mag. Und ich entdeckte "Eight & Bob". Es wurde in Paris in den vierziger Jahren für John F. Kennedy hergestellt und in einem Buch versteckt, um durch den Zoll zu gelangen. Es wurde "Eight & Bob“ genannt, weil acht Flaschen für ihn und eins für Bobby Kennedy waren. Und schließlich habe ich auch einen modernen Duft gefunden, den ich sehr mag: Tom Ford "Noir".

Wo hast Du denn die Düfte getestet? In Deutschland findet man in Städten wie Brighton in der Innenstadt alle 500 Meter eine Parfümerie für Mainstream-Düfte und mindestens zwei oder drei Nischenparfumerien. Aber wir sind an keiner einzigen vorbeigekommen...

Ja, insgesamt sind in Großbritannien die Möglichkeiten, Parfums auszuprobieren und zu kaufen sehr begrenzt. Du kannst in die Drogerie gehen, ja, aber es ist ein verschlossener und seltsamer Markt. Ich denke nicht, dass Parfums bei uns genügend Beachtung bekommen.

Dabei hat Großbritannien eine lange Parfumtradition mit großen traditionellen Parfumhäusern haben, wie Trumper, Penhaligon`s, Floris usw.

Ja, aber Trumper ist eben auch ein gutes Beispiel für Dinge, die sich nie geändert haben. Vielleicht haben wir deshalb einen anderen Ansatz, vielleicht gibt es deshalb nicht so viele Parfümerien. Die reichen Leute gehen einfach zu Trumper, oder zu Taylors of Old Bond Street. Davon haben wir uns noch nicht losgelöst. Neben diesen traditionellen Unternehmen gibt es in London nur Läden, in denen Sie die gängigsten Mainstream-Parfums finden. Selbst der, den meine Freundin trägt (es ist "Faubourg 24" von Hermes), konnte ich hier in keinem Laden finden! Es war sogar schwer, ihn in den „High Streets“ in London zu bekommen!
Ich denke, in Spanien, Frankreich und Italien ist es eher üblich, dass Männer Parfums tragen. Weil Männer generell extravaganter sind, besonders in Italien. Sie denken mehr an ihre Kleidung und sie sind gut angezogen. Es könnte also am Verblassen der britischen Extravaganz liegen.

Wir haben einige britische Parfums ausprobiert undsie sind eher gesetzt, scheinen für die Banker von London gemacht zu sein. Sie schreien nicht: "Hier bin ich, rieche mein Parfüm!" Das ist vielleicht nicht britisch.

Ja, vielleicht habt Ihr Recht. Ich habe hier ein Floris-Parfüm. Es ist "Floris 89", das Parfum, das James Bond getragen haben soll, also der Charakter in den Büchern. Für mich riecht es eher nach einer Handwaschseife oder ähnlichem. Mehr wie ein Shampoo, für mich ist es nicht James Bond. Nun, es ist schön, aber für mich ist es sehr weiblich. Es ist frisch und zitrisch, aber es war nicht das, was ich suchte.

Klingt eher nach einem „Cologne“.

Ich weiß nicht, wie es in Deutsch ist, aber in Englisch ist das Wort "Cologne" im Allgemeinen mit männlichen Düften verbunden. Man kauft einem Mann kein "Parfüm", man kauft einem Mann ein "Cologne".

Oh, das ist in Deutschland anders. Wenn du in eine deutsche Parfümerie gehst und nach einem Cologne für einen Mann fragst, werden dir nur leichte und zitrische Parfums für den Sommer gezeigt, die typisch für ein EdC sind. In Deutschland wird der Begriff "Cologne" nur verwendet, um die niedrigste Konzentration eines Duftes zu bezeichnen.Aber das hat bei uns nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Okay, in Großbritannien wäre es sehr ungewöhnlich, einem Mann etwas zu kaufen, das "Eau de Parfum" genannt wird. Vielleicht klingt es zu feminin, ich weiß es nicht. Übrigens, was denkt Ihr über Unisex-Düfte? Für mich ist das absurd, weil ich denke, dass es zwei unterschiedliche Bedürfnisse für Männer und Frauen gibt.

Nun, wir schauen nicht, ob ein Parfum für Männer, Frauen oder beide Geschlechter gemacht wird. Eines unserer Lieblingsparfums ist "Patchouli", das von Reminiscence Paris als Frauenparfum verkauft wird. Es ist sehr dunkel und tief. Die gleiche Firma hat auch "Patchouli pour homme" hergestellt. Und wir haben das ausprobiert und gedacht: "Das ist für Frauen, es ist viel glatter, ein bisschen süßer und sauberer". Für uns ist das "Patchouli", das als Frauenparfum verkauft wird, also viel männlicher als das männliche.


Liegt das daran, dass Frauen abenteuerlustiger und fantasiereicher sind als Männer? Hat das Unternehmen gedacht, es könnte zu riskant sein, den Männern das Frauen-"Patchouli" anzubieten, und sie machten eine einfachere, konservativere Version davon? Mir scheint, dass Männer weniger abenteuerlustig bei der Auswahl ihrer Düfte sind, sie wollen etwas Vertrautes.

Nun, daran haben wir nicht gedacht, aber es könnte sein. Es könnte auch sein, dass besonders britische Männer nicht so abenteuerlustig sind – außer natürlich James Bond! Also, wie denkst Du, sollte James Bond riechen?

Ich denke, James Bond würde sicherlich einen Zibet-Duft tragen, sehr verführerisch, kraftvoll und männlich - und teuer. Vielleicht ist das der Grund, warum Parfum hier nicht so beliebt ist. Jeder ist von James Bond besessen. Er ist ein starkes Vorbild für Männlichkeit in Großbritannien. Er ist ein Bezugspunkt seit den 1950er und 60er Jahren. Und ich frage mich, wenn Daniel Craig - oder wer auch immer - in einem James-Bond-Film ein Parfum aufgelegt hätte, ob Düfte dann populärer werden würden. Denn in Großbritannien ist Parfum irgendwie mit Weiblichkeit verbunden. Auch das ist beispielsweise in Italien anders. Kein Mann erwartet dort, für homosexuell gehalten zu werden, nur weil er gut gekleidet ist. Und es ist dasselbe mit Duft. Denkt Ihr, dass im Allgemeinen mehr deutsche Männer Parfums tragen, sogar die jüngeren?


Es scheint so, ja. Es scheint aber auch, dass es eine Entwicklung ist, die mit einer generellen Entwicklung der Aufmerksamkeit für alles, was Genuss bereitet und Einzigartigkeit verleiht, verbunden ist. So, wie man guten Weinen jetzt mehr Aufmerksamkeit schenkt, Wein mit Schokolade oder Zigarren kombiniert, aktuell kommt in Deutschland gerade der Genuss von Whisky und Gin in Mode. Es ist sicher kein Zufall, dass in den letzten 10 – 15 Jahren eben auch viele neue Parfum-Firmen gegründet wurden. Und auch die meisten Nischen-Parfümerien wurden erst vor einigen Jahren eröffnet.

Ich frage mich, ob es da eine Parallele zwischen Kleidung und Duft gibt? Aus meiner Sicht hat alles, was ich mit dem CHAP-Magazin mache, etwas mit einem bestimmten Look zu tun, einer spezifischen Art, sich elegant zu kleiden. Und ich frage mich, ob es beim Parfum etwas Ähnliches gibt. Man könnte argumentieren, dass die Annäherung an Düfte die gleiche ist wie an Kleidung und dass die Chaps die klassischen Düfte bevorzugen, die zum Beispiel in den 1940ern getragen wurden. Sie experimentieren nicht, sie würden auch nicht mit einer neuen Art von Hosen experimentieren. Aber ist Duft nicht eine persönlichere Sache? Als ich damit anfing, nahm ich an, dass ich all die klassischen Düfte mögen würde, weil ich klassische Kleidung mag. Aber ich habe mich getäuscht. Ich mag zum Beispiel Tom Ford "Noir" und ich mag "Eau sauvage" auch. Aber es war nicht wichtig, dass es ein Klassiker war.

Unsere Erfahrung ist, dass manchmal klassische Parfüms sehr zeitgemäß riechen und umgekehrt. Und natürlich wird heute kaum noch ein Duft verkauft, der mit dem Originalrezept aus der Zeit hergestellt wird, in der er zuerst veröffentlicht wurde, aus allergischen Gründen oder weil synthetische Substanzen billiger sind ...

... oder aus ethischen Gründen. Heute wird Zibet nicht mehr aus der Zibet-Katze oder den Moschus aus dem Reh extrahiert...

… ja. Aber wir beobachten, dass einige neue Parfumhersteller versuchen, die älteren Düfte neu zu erfinden, zum Beispiel Oriza L. Legrand, die bis 1940 Parfums produzierten, dann schlossen und 2012 wiedereröffnet wurden und versuchen, den alten Parfums mit zeitgenössischen Rezepten nahe zu kommen. Wir denken, dass diese Entwicklung mit der Retro-Bewegung verbunden ist, die auch eine sehr junge Bewegung ist, Leute, die alte Sachen kaufen, zum Beispiel alte Telefone und sie benutzen und so weiter.

Ja, aber es scheint, dass Dufthersteller bisher noch nicht auf die Idee gekommen sind, das für ihre Marketing-Arbeit zu verwenden, obwohl es definitiv einen Markt dafür gibt, wenn Sie es mit der Retro-Bewegung verbinden. Es ist das gleiche mit Vintage-Kleidung. Vor 10 Jahren, wenn Ihr Vintage Style tragen wolltet, musstet Ihr Original Vintage-Kleidung tragen. Aber heute gibt es eine neue Industrie, die Reproduktionen aus alten Stoffen und Mustern herstellt. Es gibt Dutzende und Dutzende von neuen Unternehmen, die Kleidung im Retro-Stil machen. Warum hat kein Parfümhersteller diesen Markt ins Visier genommen? Vielleicht sollte es ich das machen!

Ja, das wäre eine Idee! Aber erst einmal herzlichen Dank für das Interview!

Interview und Übersetzung: Marie de Winter & Ferdinand Sturm (Redaktion WinterSturm)


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Vor genau 10 Jahren, im Dezember 2008, hat das Europäische Flakonglasmuseum seine Pforten geöffnet. Die Idee, ein Glasmuseum am Standort in Kleintettau zu errichten, an dem seit über 350 Jahren und auch heute noch Glas hergestellt wird, gab es bereits in den 1980er Jahren. Später erst ist die Idee weiter entwickelt worden zu einem Spezialmuseum für edle Parfümflakons. Die Firma Heinz-Glas, in deren Räumlichkeiten das gemeinnützige Museum untergebracht ist, hat sich auf Luxusflakons für die Kosmetikbranche spezialisiert. Ein Alleinstellungsmerkmal des Museums ist der Blick in die aktuelle Flakon-Produktion von Heinz-Glas. Hier können die Besucher den Lärm, die unglaubliche Hitze sowie die atemberaubende Geschwindigkeit der vollautomatischen Glasproduktion sinnlich erfahren. Beim Rundgang durch das Museum erfährt der interessierte Besucher, wie in Mesopotamien und im alten Ägypten kleine Parfümflaschen hergestellt wurden. In einem Streifzug durch die Jahrhunderte wird der Bogen von der Mundblastechnik über die Halbautomatentechnik bis zur Vollautomatischen Produktion von Parfüm-Flakons gespannt. Ein eigener Ausstellungsraum widmet sich dem Thema Duftherstellung und der Zusammensetzung von Düften aus verschiedenen Riechstoffen. Die Münchener Flakon-Sammlerin Beatrice Frankl hat einen Teil ihrer bedeutenden Sammlung zum kommerziellen Flakon des 20. Jahrhunderts dem Museum übereignet. Hierunter befinden sich Glanzstücke der französischen aber auch deutschen Parfümgeschichte. Paris als Zentrum der europäischen Parfümerie ist mit prominenten Marken wie Chanel, Dior, Guerlain, Yves-Saint Laurent und Gaultier vertreten. Aber auch die deutsche Duftkultur, die vor dem zweiten Weltkrieg ähnlich prominent wie die französische war, kann sich mit Marken wie Dralle, Mouson, Wolff & Sohn, Johann Maria Farina und 4711 durchaus mit Flakondesign „made in France“ messen. Das besondere an der Sammlung Frankl ist, dass die zu den verschiedenen Produkten zugehörigen Accessoires wie Duftkarten, Werbung, limitierte Sondereditionen und Give-aways ebenfalls gesammelt wurden und zu bewundern sind.

Ein Glücksfall für das noch junge Museum ist die Schenkung einer Privatsammlung zur Kosmetik- und Duftkultur der DDR. Hinter den Kulissen wird bereits eifrig daran gearbeitet, diese hochkarätige Sammlung auf rund 80 qm Dauerausstellungsfläche spätestens im Jahre 2020 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wechselnde Sonderausstellungen rund um das Thema Flakons und Glas runden das Profil des Hauses ab. Einmal im Monat finden Glasmachervorführungen am Halbautomaten statt. Die Glashöhle nicht nur für Kinder lässt auch die Herzen der jüngeren Besucher höherschlagen. Wir freuen uns, Sie demnächst in unserem Hause willkommen zu heißen!

Henkelgefäße für Duftöle; syrisch, 10. Jahrhundert



Parfüm-Flakon aus zisilierter und feuervergoldeter Bronze mit Perlmutteinlagen, Sammlung Sigrid Söhlke; unbekannter Hersteller, vermutlich italienisch, um 1740


Parfüm-Flakon und Duftkarte „Shem-el-Nessim“®, J. Grossmith & Son LTD®, London/ Vereinigte Königreiche Großbritannien und Irland, nach 1906



Parfüm-Flakons „Chanel N° 5“® und „Coco“® mit Umverpackungen, Sammlung Beatrice Frankl, Chanel®, Paris/ Französische Republik, 2. Hälfte 20. Jahrhundert


Entdeckungen für Augen, Ohren und Nase in der Dauerausstellung „Parfümflakons – Eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert“


Glasmachervorführungen am Halbautomaten, wie in den „Goldenen Zwanzigern“. Mutige Museumsbesucher dürfen sich gerne auch selbst in der Kunst der Flakon-Herstellung probieren


www.flakonglasmuseum.eu

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr

Samstag, 10 bis 16 Uhr
An Sonn- und Feiertagen nur für vorangemeldete Gruppen ab 30 Personen.

Adresse:

Europäisches Flakonglasmuseum
Glashüttenplatz 1-7
96355 Kleintettau


Fotos: Europäisches Flakonglasmuseum, Sandro Welsch; Pierre Kamin

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Vor „Me“ war „One“ - Der erste Duft von Heidi Klum

Anfang 2018 wurde in Köln das Lager einer der großen Parfümeure Deutschlands geräumt: Georg Ortner. Viele Duftinstallationen und Experimente wurden aufgelöst. Tausende Flakons bekannter Marken, nie veröffentlichte Kreationen für den Davis-Cup, sowie eingefärbte Leerflakons haben die Werkstatt verlassen. Auch die ersten Exemplare des „Duftpen“, die zu Auseinandersetzungen mit 4711 führten, wurden „entrümpelt“.

Einen besonderen Posten aus dem Werk des Parfümeurs bieten wir in Kürze im Forum für Liebhaber zum Erwerb in Form einer Auktion an. Seid gespannt auf Georg Ortners Interpretation des ersten Parfums „One“ von Heidi Klum.

Die Auktion endet am 10. Januar 2019 um 23:59 Uhr.

Hier geht es zur Auktion

Bei weiteren Fragen zum Parfum und der Geschichte, könnt ihr euch gern per PN an HEIDINr1 wenden.


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Der kultige Nischenduft Gravel A Man’s Cologne ist seit November wieder erhältlich. Wir haben Christian Blessing, der die Marke im Sinne des ursprünglichen Inhabers weiterführt, ein paar Fragen gestellt.


Wie bist du zum Thema Parfum gekommen?

Wahrscheinlich so wie die meisten Leute. Ich habe es bei meinen Eltern gesehen und dann angefangen, selbst Parfum zu tragen. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass ich schon sehr früh angefangen habe, Parfum zu verwenden und es einfach großartig fand, verschiedene Düfte zu riechen. Ich hatte auch schon immer Gerüche in der Nase, wenn ich mich an Menschen erinnere und rieche gerne an den Düften, um mich zu erinnern.

Was bedeutet ein Parfum für dich?

Düfte können aus meiner Sicht durchaus als Spiegelbild des Charakters gesehen werden, oder zumindest zeigen, wie die Menschen sich gerne darstellen möchten. Oft sieht man jemanden aus der Ferne und weiß eigentlich schon genau, welche Art von Parfum diese Person trägt. Das verrät eine Menge über Charaktere und macht aus meiner Sicht auch einen großen Teil der Faszination Parfum aus.

Wie kommst du dann dazu, ausgerechnet ein Parfum von 1957 zu benutzen?

Als mir Gravel A Man’s Cologne zum ersten Mal in einer kleinen Parfumerie vorgestellt wurde, hatte ich nach etwas Klassischem gefragt, etwas das nicht jeder trägt, also ein Nischenduft. Bei Gravel bin ich dann sofort hängen geblieben.

Der Duft war wirklich einzigartig, schwer und würzig und dennoch weich genug, dass ich ihn als Student tragen konnte. Ich kannte nichts Vergleichbares und es hat sich sehr stark vom Einerlei der Düfte abgehoben, die dem Zeitgeist hinterherlaufen. Klassisch, jedoch ohne antiquiert zu wirken, vielleicht am besten mit dem Wort zeitlos beschrieben - das war auf Anhieb genau mein Duft.

Zudem gefiel mir die Gestaltung: einerseits das klassische schwarzweiße Etikett, unaufdringlich und klar, dazu in krassem Gegensatz der goldene Deckel. Das „besondere Etwas“ wurde dem Ganzen durch die Kieselsteine (engl. Gravel) im Flakon verliehen, das war schon außergewöhnlich.

Duft, Design und Name waren so stimmig und rund, dass ich sofort Fan wurde. Damals hatte ich aber noch keine Ahnung von der Geschichte hinter dem Duft.



Das Parfum verschwand dann vom Markt, wieso?

Michael B. Knudsen, der Schöpfer von Gravel, hatte das Parfum 1957 in New York entwickelt. Er hat es sein ganzes Leben lang hergestellt, bis zu seinem Tod im Alter von 98 Jahren. Es war also seine Leidenschaft und er hat sein ganzes Herzblut in die Herstellung gesteckt. Seine Erben wollten den Duft weiterhin produzieren, waren aber auch schon in fortgeschrittenem Alter. Alle Angebote, die Marke zu veräußern, wurden aber stets abgelehnt, da sie nicht an einen großen Hersteller verkaufen wollten. Der Wunsch, dass die Marke im Sinne des Gründers weitergeführt wird, stand im Vordergrund. Daher wurde die Produktion eingestellt und Liebhaber haben sich noch einige Jahre mit Restbeständen versorgen können. In Europa war der Duft einfach nicht mehr erhältlich.

Du hast Jahre später angefangen zu recherchieren, was aus der Marke geworden ist. Was hat dich so an Gravel fasziniert?

Im ersten Schritt fand ich es einfach schade, dass ich es nicht mehr kaufen konnte. Ich hatte noch ein paar Flaschen bei Online-Marktplätzen kaufen können, übrigens zu astronomischen Preisen, aber irgendwann war einfach Schluss. Durch Zufall habe ich dann mit jemandem gesprochen, der Michael Knudsen tatsächlich kennengelernt hatte und der auch Liebhaber dieses Duftes ist. Er erzählte mir, warum Gravel nicht mehr erhältlich war.

Mir ging das Thema dann nicht mehr aus dem Kopf. Der Name, der Duft und die Gestaltung sind so besonders, das kann man doch nicht einfach dem Vergessen preisgeben, dachte ich mir. Da begann ich online zu recherchieren und fand immer mehr über die Marke heraus. Die Geschichte hinter Gravel ist wirklich faszinierend.

Abgesehen davon, wie lange es das Parfum schon gibt, gilt es als Mitbegründer der Nischenparfums. Knudsen legte einen so starken Fokus auf Qualität, dass der Herstellungspreis zu hoch war, um das Parfum damals klassisch vermarkten zu können. Aus der Not heraus war Gravel einer der ersten Düfte, der nur an ausgewählte Boutiquen in den USA und im Direktvertrieb verkauft wurde. Im Grunde genau wie heute.

Als Michael Knudsen Gravel 1957 auf den Markt brachte, war es für Männer in den USA gänzlich unüblich, Parfum zu tragen. Ich habe oft gelesen, dass es wohl zu einem guten Teil sein Verdienst ist, dass Herrenparfums in den USA erfolgreich wurden. Er war jahrelang im Showbusiness aktiv und kannte viele Entertainer und Prominente, die zu seinem Kundenkreis zählten. Daher wurde Gravel Ende der 50er Anfang der 60er-Jahre oft in den Medien vorgestellt. Dies hat wohl einen großen Beitrag geleistet. Das fand ich sehr spannend.


Was geschah dann?

Ich trat an die Rechteinhaber heran und fragte, ob es Interesse gäbe, die Marke zu verkaufen. Das Interesse hielt sich aber stark in Grenzen (lacht).

Die Antwort war, dass es sich hierbei um ein Stück amerikanische Parfumgeschichte handle und man nach wie vor nicht verkaufen wolle.

In den nächsten 12 Monaten habe ich es dann zu meinem Hobby gemacht, ca. einmal wöchentlich anzurufen und wieder nachzufragen. Es ging vor allem darum, dass die Marke im Sinne Knudsen weitergeführt wird, also als Familienbetrieb nicht als Teil einer großen Maschinerie, die in erster Linie auf den Profit achtet.

Von der Idee, Gravel wieder auf den Markt zu bringen bis zu dem Punkt, an dem die Marke an uns überging, hat es letztendlich fast 2 Jahre gedauert.

Was war dir besonders wichtig, als ihr die Marke gekauft habt?

Gravel A Man’s Cologne so fortzuführen, dass die Werte, sozusagen die DNA, unangetastet bleiben. Das gilt vorrangig für den Duft, aber auch für die Gestaltung und den Markenauftritt. Es ist einer der ersten Nischendüfte und soll auch einer bleiben. Ich finde es schade, wenn man von einer Marke 15 Düfte hat und sie dadurch beliebig wird. Die Geschichte hinter dem Duft verpflichtet und das Profil von Gravel soll nicht aufgeweicht werden.

Gibt es Dinge, die du anders machst als Michael Knudsen 1957?

Die Zeit ist natürlich nicht stehengeblieben, erst recht nicht in der Parfumbranche. Die Ansprüche in Bezug auf Packaging, Materialien und Präsentation sind gestiegen. Da ist Gravel auch keine Ausnahme. Man kann Gravel nun sehen, riechen und anfassen, man hat ein echtes haptisches Erlebnis. Die verwendeten Materialen werden dem Duft in Sachen Qualität und Liebe zum Detail noch besser gerecht.

Was sind die Pläne mit Gravel?

Gravel Cologne ist nun seit November wieder erhältlich. Online in unserem Shop und in ausgewählten Parfümerien. Wir hoffen, dass die Leute unsere Begeisterung für den Duft und die Geschichte dahinter teilen und genauso viel Spaß an Gravel haben wie wir!

Unter allen Usern, die auf diesen Artikeln bis zum 09. Dezember 2018 um 23.59 Uhr geantwortet haben, verlosen wir 3 Flakons von Gravel!

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