ParfumoBlog Neues & Interessantes aus der Welt der Parfums - Parfumo Blog

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Vor genau 10 Jahren, im Dezember 2008, hat das Europäische Flakonglasmuseum seine Pforten geöffnet. Die Idee, ein Glasmuseum am Standort in Kleintettau zu errichten, an dem seit über 350 Jahren und auch heute noch Glas hergestellt wird, gab es bereits in den 1980er Jahren. Später erst ist die Idee weiter entwickelt worden zu einem Spezialmuseum für edle Parfümflakons. Die Firma Heinz-Glas, in deren Räumlichkeiten das gemeinnützige Museum untergebracht ist, hat sich auf Luxusflakons für die Kosmetikbranche spezialisiert. Ein Alleinstellungsmerkmal des Museums ist der Blick in die aktuelle Flakon-Produktion von Heinz-Glas. Hier können die Besucher den Lärm, die unglaubliche Hitze sowie die atemberaubende Geschwindigkeit der vollautomatischen Glasproduktion sinnlich erfahren. Beim Rundgang durch das Museum erfährt der interessierte Besucher, wie in Mesopotamien und im alten Ägypten kleine Parfümflaschen hergestellt wurden. In einem Streifzug durch die Jahrhunderte wird der Bogen von der Mundblastechnik über die Halbautomatentechnik bis zur Vollautomatischen Produktion von Parfüm-Flakons gespannt. Ein eigener Ausstellungsraum widmet sich dem Thema Duftherstellung und der Zusammensetzung von Düften aus verschiedenen Riechstoffen. Die Münchener Flakon-Sammlerin Beatrice Frankl hat einen Teil ihrer bedeutenden Sammlung zum kommerziellen Flakon des 20. Jahrhunderts dem Museum übereignet. Hierunter befinden sich Glanzstücke der französischen aber auch deutschen Parfümgeschichte. Paris als Zentrum der europäischen Parfümerie ist mit prominenten Marken wie Chanel, Dior, Guerlain, Yves-Saint Laurent und Gaultier vertreten. Aber auch die deutsche Duftkultur, die vor dem zweiten Weltkrieg ähnlich prominent wie die französische war, kann sich mit Marken wie Dralle, Mouson, Wolff & Sohn, Johann Maria Farina und 4711 durchaus mit Flakondesign „made in France“ messen. Das besondere an der Sammlung Frankl ist, dass die zu den verschiedenen Produkten zugehörigen Accessoires wie Duftkarten, Werbung, limitierte Sondereditionen und Give-aways ebenfalls gesammelt wurden und zu bewundern sind.

Ein Glücksfall für das noch junge Museum ist die Schenkung einer Privatsammlung zur Kosmetik- und Duftkultur der DDR. Hinter den Kulissen wird bereits eifrig daran gearbeitet, diese hochkarätige Sammlung auf rund 80 qm Dauerausstellungsfläche spätestens im Jahre 2020 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wechselnde Sonderausstellungen rund um das Thema Flakons und Glas runden das Profil des Hauses ab. Einmal im Monat finden Glasmachervorführungen am Halbautomaten statt. Die Glashöhle nicht nur für Kinder lässt auch die Herzen der jüngeren Besucher höherschlagen. Wir freuen uns, Sie demnächst in unserem Hause willkommen zu heißen!

Henkelgefäße für Duftöle; syrisch, 10. Jahrhundert



Parfüm-Flakon aus zisilierter und feuervergoldeter Bronze mit Perlmutteinlagen, Sammlung Sigrid Söhlke; unbekannter Hersteller, vermutlich italienisch, um 1740


Parfüm-Flakon und Duftkarte „Shem-el-Nessim“®, J. Grossmith & Son LTD®, London/ Vereinigte Königreiche Großbritannien und Irland, nach 1906



Parfüm-Flakons „Chanel N° 5“® und „Coco“® mit Umverpackungen, Sammlung Beatrice Frankl, Chanel®, Paris/ Französische Republik, 2. Hälfte 20. Jahrhundert


Entdeckungen für Augen, Ohren und Nase in der Dauerausstellung „Parfümflakons – Eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert“


Glasmachervorführungen am Halbautomaten, wie in den „Goldenen Zwanzigern“. Mutige Museumsbesucher dürfen sich gerne auch selbst in der Kunst der Flakon-Herstellung probieren


www.flakonglasmuseum.eu

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr

Samstag, 10 bis 16 Uhr
An Sonn- und Feiertagen nur für vorangemeldete Gruppen ab 30 Personen.

Adresse:

Europäisches Flakonglasmuseum
Glashüttenplatz 1-7
96355 Kleintettau


Fotos: Europäisches Flakonglasmuseum, Sandro Welsch; Pierre Kamin

6 Antworten

Vor „Me“ war „One“ - Der erste Duft von Heidi Klum

Anfang 2018 wurde in Köln das Lager einer der großen Parfümeure Deutschlands geräumt: Georg Ortner. Viele Duftinstallationen und Experimente wurden aufgelöst. Tausende Flakons bekannter Marken, nie veröffentlichte Kreationen für den Davis-Cup, sowie eingefärbte Leerflakons haben die Werkstatt verlassen. Auch die ersten Exemplare des „Duftpen“, die zu Auseinandersetzungen mit 4711 führten, wurden „entrümpelt“.

Einen besonderen Posten aus dem Werk des Parfümeurs bieten wir in Kürze im Forum für Liebhaber zum Erwerb in Form einer Auktion an. Seid gespannt auf Georg Ortners Interpretation des ersten Parfums „One“ von Heidi Klum.

Die Auktion endet am 10. Januar 2019 um 23:59 Uhr.

Hier geht es zur Auktion

Bei weiteren Fragen zum Parfum und der Geschichte, könnt ihr euch gern per PN an HEIDINr1 wenden.


17 Antworten

Der kultige Nischenduft Gravel A Man’s Cologne ist seit November wieder erhältlich. Wir haben Christian Blessing, der die Marke im Sinne des ursprünglichen Inhabers weiterführt, ein paar Fragen gestellt.


Wie bist du zum Thema Parfum gekommen?

Wahrscheinlich so wie die meisten Leute. Ich habe es bei meinen Eltern gesehen und dann angefangen, selbst Parfum zu tragen. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass ich schon sehr früh angefangen habe, Parfum zu verwenden und es einfach großartig fand, verschiedene Düfte zu riechen. Ich hatte auch schon immer Gerüche in der Nase, wenn ich mich an Menschen erinnere und rieche gerne an den Düften, um mich zu erinnern.

Was bedeutet ein Parfum für dich?

Düfte können aus meiner Sicht durchaus als Spiegelbild des Charakters gesehen werden, oder zumindest zeigen, wie die Menschen sich gerne darstellen möchten. Oft sieht man jemanden aus der Ferne und weiß eigentlich schon genau, welche Art von Parfum diese Person trägt. Das verrät eine Menge über Charaktere und macht aus meiner Sicht auch einen großen Teil der Faszination Parfum aus.

Wie kommst du dann dazu, ausgerechnet ein Parfum von 1957 zu benutzen?

Als mir Gravel A Man’s Cologne zum ersten Mal in einer kleinen Parfumerie vorgestellt wurde, hatte ich nach etwas Klassischem gefragt, etwas das nicht jeder trägt, also ein Nischenduft. Bei Gravel bin ich dann sofort hängen geblieben.

Der Duft war wirklich einzigartig, schwer und würzig und dennoch weich genug, dass ich ihn als Student tragen konnte. Ich kannte nichts Vergleichbares und es hat sich sehr stark vom Einerlei der Düfte abgehoben, die dem Zeitgeist hinterherlaufen. Klassisch, jedoch ohne antiquiert zu wirken, vielleicht am besten mit dem Wort zeitlos beschrieben - das war auf Anhieb genau mein Duft.

Zudem gefiel mir die Gestaltung: einerseits das klassische schwarzweiße Etikett, unaufdringlich und klar, dazu in krassem Gegensatz der goldene Deckel. Das „besondere Etwas“ wurde dem Ganzen durch die Kieselsteine (engl. Gravel) im Flakon verliehen, das war schon außergewöhnlich.

Duft, Design und Name waren so stimmig und rund, dass ich sofort Fan wurde. Damals hatte ich aber noch keine Ahnung von der Geschichte hinter dem Duft.



Das Parfum verschwand dann vom Markt, wieso?

Michael B. Knudsen, der Schöpfer von Gravel, hatte das Parfum 1957 in New York entwickelt. Er hat es sein ganzes Leben lang hergestellt, bis zu seinem Tod im Alter von 98 Jahren. Es war also seine Leidenschaft und er hat sein ganzes Herzblut in die Herstellung gesteckt. Seine Erben wollten den Duft weiterhin produzieren, waren aber auch schon in fortgeschrittenem Alter. Alle Angebote, die Marke zu veräußern, wurden aber stets abgelehnt, da sie nicht an einen großen Hersteller verkaufen wollten. Der Wunsch, dass die Marke im Sinne des Gründers weitergeführt wird, stand im Vordergrund. Daher wurde die Produktion eingestellt und Liebhaber haben sich noch einige Jahre mit Restbeständen versorgen können. In Europa war der Duft einfach nicht mehr erhältlich.

Du hast Jahre später angefangen zu recherchieren, was aus der Marke geworden ist. Was hat dich so an Gravel fasziniert?

Im ersten Schritt fand ich es einfach schade, dass ich es nicht mehr kaufen konnte. Ich hatte noch ein paar Flaschen bei Online-Marktplätzen kaufen können, übrigens zu astronomischen Preisen, aber irgendwann war einfach Schluss. Durch Zufall habe ich dann mit jemandem gesprochen, der Michael Knudsen tatsächlich kennengelernt hatte und der auch Liebhaber dieses Duftes ist. Er erzählte mir, warum Gravel nicht mehr erhältlich war.

Mir ging das Thema dann nicht mehr aus dem Kopf. Der Name, der Duft und die Gestaltung sind so besonders, das kann man doch nicht einfach dem Vergessen preisgeben, dachte ich mir. Da begann ich online zu recherchieren und fand immer mehr über die Marke heraus. Die Geschichte hinter Gravel ist wirklich faszinierend.

Abgesehen davon, wie lange es das Parfum schon gibt, gilt es als Mitbegründer der Nischenparfums. Knudsen legte einen so starken Fokus auf Qualität, dass der Herstellungspreis zu hoch war, um das Parfum damals klassisch vermarkten zu können. Aus der Not heraus war Gravel einer der ersten Düfte, der nur an ausgewählte Boutiquen in den USA und im Direktvertrieb verkauft wurde. Im Grunde genau wie heute.

Als Michael Knudsen Gravel 1957 auf den Markt brachte, war es für Männer in den USA gänzlich unüblich, Parfum zu tragen. Ich habe oft gelesen, dass es wohl zu einem guten Teil sein Verdienst ist, dass Herrenparfums in den USA erfolgreich wurden. Er war jahrelang im Showbusiness aktiv und kannte viele Entertainer und Prominente, die zu seinem Kundenkreis zählten. Daher wurde Gravel Ende der 50er Anfang der 60er-Jahre oft in den Medien vorgestellt. Dies hat wohl einen großen Beitrag geleistet. Das fand ich sehr spannend.


Was geschah dann?

Ich trat an die Rechteinhaber heran und fragte, ob es Interesse gäbe, die Marke zu verkaufen. Das Interesse hielt sich aber stark in Grenzen (lacht).

Die Antwort war, dass es sich hierbei um ein Stück amerikanische Parfumgeschichte handle und man nach wie vor nicht verkaufen wolle.

In den nächsten 12 Monaten habe ich es dann zu meinem Hobby gemacht, ca. einmal wöchentlich anzurufen und wieder nachzufragen. Es ging vor allem darum, dass die Marke im Sinne Knudsen weitergeführt wird, also als Familienbetrieb nicht als Teil einer großen Maschinerie, die in erster Linie auf den Profit achtet.

Von der Idee, Gravel wieder auf den Markt zu bringen bis zu dem Punkt, an dem die Marke an uns überging, hat es letztendlich fast 2 Jahre gedauert.

Was war dir besonders wichtig, als ihr die Marke gekauft habt?

Gravel A Man’s Cologne so fortzuführen, dass die Werte, sozusagen die DNA, unangetastet bleiben. Das gilt vorrangig für den Duft, aber auch für die Gestaltung und den Markenauftritt. Es ist einer der ersten Nischendüfte und soll auch einer bleiben. Ich finde es schade, wenn man von einer Marke 15 Düfte hat und sie dadurch beliebig wird. Die Geschichte hinter dem Duft verpflichtet und das Profil von Gravel soll nicht aufgeweicht werden.

Gibt es Dinge, die du anders machst als Michael Knudsen 1957?

Die Zeit ist natürlich nicht stehengeblieben, erst recht nicht in der Parfumbranche. Die Ansprüche in Bezug auf Packaging, Materialien und Präsentation sind gestiegen. Da ist Gravel auch keine Ausnahme. Man kann Gravel nun sehen, riechen und anfassen, man hat ein echtes haptisches Erlebnis. Die verwendeten Materialen werden dem Duft in Sachen Qualität und Liebe zum Detail noch besser gerecht.

Was sind die Pläne mit Gravel?

Gravel Cologne ist nun seit November wieder erhältlich. Online in unserem Shop und in ausgewählten Parfümerien. Wir hoffen, dass die Leute unsere Begeisterung für den Duft und die Geschichte dahinter teilen und genauso viel Spaß an Gravel haben wie wir!

Unter allen Usern, die auf diesen Artikeln bis zum 09. Dezember 2018 um 23.59 Uhr geantwortet haben, verlosen wir 3 Flakons von Gravel!

142 Antworten
Vor 103 Tagen
34 Auszeichnungen

Gammon - eine Kultmarke, die in den 80er- und frühen 90er-Jahren sehr populär war. Der Slogan „Mit diesem Duft kann dir alles passieren“ dürfte noch vielen bekannt sein. Nun erlebt die Marke ihr Revival!
Wir haben Zhong Xiao, dem kreativen Kopf hinter dem Projekt, ein paar Fragen gestellt.

Wie hat es dich in die Welt der Düfte verschlagen?

Über 3 Jahre ist das inzwischen her. Ich hatte mich damals eigentlich nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich war eher der normale Konsument und absolut kein Experte. Mir ging es wie den meisten: Man geht ohne Ahnung in eine Parfümerie und wird regelrecht erschlagen. Es gibt Regale voller Düfte und man ist eigentlich völlig überfordert. Also lässt man sich bequatschen und kauft einen Duft, der einem spontan gut gefällt.

Wenn ich mich für ein Parfum entschieden hatte, war das nie eine bewusste Entscheidung, eher zufällig und spontan. Ich konnte zu dieser Zeit auch gar nicht so viel wahrnehmen von den einzelnen Düften. Übrigens gibt es auch Studien die belegen sollen, dass Männer Gerüche gar nicht so sensibel und facettenreich wahrnehmen, wie Frauen das können. Man(n) kann es aber antrainieren, das habe ich in den Jahren gemerkt. Inzwischen nehme ich die Parfums ganz anders wahr.

Auf jeden Fall war ich damals nicht Teil dieser Parfumwelt. Ich glaube, dass es heutzutage immer noch nicht einfach für Männer ist, in diese Welt hineinzukommen. Alles ist superkomplex, bunt, laut und auch sehr feminin, wie ich finde. Es gibt viele Flakons aus Glas, viel Bling-Bling und nichts ist wirklich simpel und puristisch. Ich finde es sehr schade, wie eine so emotionale und schöne Sache in eine so komische Richtung geht. Wenn ich den Markt neu erfinden müsste, würde ich es genau so nicht machen. Ich würde es so machen wie Gammon.

Kann ein Parfum mehr, als einen nur nett riechen zu lassen?

Ja, absolut! Die stärkste Wirkung, die Parfum hat, sind Assoziationen und Emotionen. Man riecht einen Duft und es versetzt einen in eine andere Zeit und Welt. Das ist eine Power, die kein anderes Produkt erreichen kann. Es ist einfach die naheliegende Verbindung zum Gehirn. Darum finde ich es wichtig, dass Parfum mehr ist, als einfach nur nett zu riechen. Man muss durch den Duft beflügelt werden. Hinter ihm muss ein Statement stehen, eine Welt, eine Story mit Sinn und Zweck dahinter!

Gammon war vor langer Zeit sehr populär, ist dann aber in Vergessenheit geraten. Was fasziniert dich so an der Marke?

Am Ende ist es pure Emotion. Ich habe aber auch einen sehr persönlichen Bezug zu Gammon. Als ich damals mit 8 Jahren nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Um in die Sprache hineinzufinden, hatte ich damals oft Fernsehen geschaut, vor allem Zeichentrickfilme. Ich bin ein sehr audio-visuell-getriebener Mensch. Für mich sind Sound und Bild viel stärker als Worte - und Duft ist nochmal viel stärker als Sound und Bild! „Mit diesem Duft kann dir alles passieren!“, das ist mir damals hängen geblieben. Gammon hatte immer diese gleiche einprägsame Musik, zeigte zwar unterschiedliche Welten, wirkte aber trotzdem konsistent und konsequent. Das hat mich fasziniert. Diese Marke wollte ich wieder aufleben lassen!

Heißt Gammon nicht „Schinken“?

(Lacht) Ja, eigentlich ungünstig in der digitalen Welt, wenn man z.B. danach googelt. Tatsächlich weiß niemand so genau, warum man damals den Begriff „Gammon“ genommen hat. Es gibt aber ein Gerücht, dass der damalige Erfinder der Marke wohl ein großer Backgammon-Fan war. Ich finde eine Marke muss primär stark klingen. Gammon - das klingt maskulin und entschieden!

Die neuen Parfums tragen den Zusatz „Eau de Performance“ im Namen. Was ist ein „Eau de Performance“?

Ein Duft muss dich motivieren, etwas zu erreichen, bereit zu sein für alles. Für mich war es schon immer wichtig, dass ein Duft die gewisse Power hat. Man baut auch die Beziehung zu einem Duft auf, indem man von anderen Menschen Zustimmung bekommt. Ich habe das selber erlebt. „Du riechst total super“, besser geht es nicht! Diese zwei Elemente, Power und positive Signale aus deiner Umgebung, das sind für mich die beiden Faktoren, die Gammon perfekt unterstreichen. „Eau de Performance“ fasst es einfach gut zusammen. Es ist dieser Kontrast aus Emotionen und Performance, der geschaffen werden soll.

Warum gibt es vier Düfte?

Die meisten Menschen haben statt olfaktorischen Erlebnissen viel mehr in Richtung „Geschmack“ erfahren. Man hat z. B. viele Früchte schon einmal gegessen, aber kaum intensiv gerochen. Deswegen finde ich es wichtig, dass bei den Düften eher diese Aspekte eine große Rolle spielen. Sie riechen dadurch nicht so synthetisch oder fremd, sondern einfach lecker. Außerdem verleiht man ihnen so einen Wiedererkennungswert.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und es ist unmöglich, jeden zu treffen. Es gibt inzwischen unzählige Parfums. Aber eigentlich sind es gar nicht so viele Duftrichtungen. Am Ende habe ich analysiert, was für Männer überhaupt in Frage kommt. Dazu habe ich die 100 Bestseller-Düfte analysiert und es kamen dabei dann die vier Richtungen Fougère, Oriental, Woody und Citrus heraus. Man hätte vielleicht sogar Woody herausnehmen können, weil heutzutage alles irgendwie holzig ist. Auch Citrus findet man eigentlich überall, gerade Bergamotte ist sehr präsent.

Für mich war letztendlich die Überlegung: Was ist die minimalste Menge an Duft, mit der man so viele Emotionen wie möglich abdecken kann?

Klar war, dass es jeweils ein Duft für den Tag, für die Nacht und für den Sport sein muss. Der vierte Duft war am Anfang etwas schwierig zu definieren.

Es gibt Tage, da wacht man auf und hat keinen Bock, der „Nice Guy“ zu sein. Man will einfach nur sein Ding machen. Dazu braucht man einen Duft wie eine Lederjacke. Das musste einfach in der Kollektion sein, sonst ist alles zu rund. So ist es schließlich zu den vier Düften gekommen. Für mich ist die Vier eine sehr „komplette“ Zahl.

Es ist nicht immer leicht zu erklären, was genau die vier Düfte sind. Wenn man es Männern erklären muss, ist es noch komplizierter. Frauen können wenigstens etwas mit den Assoziationen anfangen. Gammon soll wie eine Garderobe sein - mit den vier Must-Haves, die jeder Mann haben sollte und fast jeder Mann auch hat. Die Düfte heißen zwar 1, 2, 3 und 4, aber jeder hat einen Subtitle.

Ein T-Shirt (1 - The Black Tee) hat jeder, es ist super vielseitig, kann sportlich sein, aber auch elegant.

Dann gibt es den Anzug (2 - The Black Suit), der Klassiker für besondere Anlässe, der immer gut aussieht, vor allem wenn er gut sitzt.

Die Lederjacke (3 - The Leather Jacket) hat vielleicht nicht jeder, aber jeder Mann fühlt sich sicher manchmal danach, etwas unkonventionell zu sein.

Nummer 4 ist der Kapuzenpullover (4 - The Black Hoodie), der super angenehm ist, den man schön zum oder nach dem Sport tragen kann.

Welchen der 4 Düfte würdest du mit auf eine einsame Insel mitnehmen?

Das ist wirklich schwierig. Bei den eigenen „Kindern“ gibt es nun mal keinen Liebling. Das ändert sich auch von Monat zu Monat bei mir. Ich glaube ich würde aber zu 60% die Nummer 1 mitnehmen, denn die geht immer. The Black Tee sagt genau das aus, wofür der Duft steht.

Was hat dich inspiriert, diesen Flakon zu kreieren?

Tatsächlich gab es eigentlich keine Inspiration. Ich wollte einfach etwas, das Purismus und Minimalismus verkörpert - genau der Gegenkontrast zu dem, was es schon gibt. Alles wird derzeit immer bunter und pompöser. Wenn man diese Flakons dann in der Hand hält, ist man oft enttäuscht, weil alles nur Show ist, künstlich und aus Plastik. Dazu möchte ich einen Gegentrend schaffen. Etwas, das minimalistischer kaum sein kann, aber trotzdem nicht langweilig oder unedel wirkt. Außerdem soll es nachhaltig und mobil sein und einen lange begleiten.


Ich hatte immer diesen schwarzen Zylinder vor Augen gehabt. Rund ist einfach die perfekte Form. Es wirkt ästhetisch und harmonisch. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite ist auch sehr wichtig. Da der Zylinder schlank ist, wirkt er elegant und trotzdem maskulin. Wenn er gestaucht wäre, wäre er zwar maskuliner, aber nicht so elegant. Diese Brücke zu schlagen zwischen Eleganz und Maskulinität, das liegt sehr in den Proportionen und ist gut gelungen, wie ich finde.

Wenn man den Flakon in der Hand hat, muss er sich auch wertig anfühlen und nicht wie ein Wegwerfprodukt. Ein spezielles Aluminum, das man z. B. auch von Macbooks kennt, ist dafür perfekt. Dieses spezielle Material gab es bisher in der Branche noch nicht und war gar nicht so einfach zu finden. Auch die Verarbeitung ist sehr aufwändig.

Ab wann kann man eigentlich sagen, dass ein Duft „fertig“ ist?

Eine sehr gute Frage, die leicht zu beantworten ist: Niemals! Es geht immer irgendwie besser. Es ist auch nicht unbedingt objektiv besser. Man entwickelt sich immer weiter, riecht etwas für mehrere Wochen, ist irgendwann „satt“ und dann geht es trotzdem wieder weiter. Wir hatten bei den Düften über 100 Änderungen. Dabei ging es teilweise nur um Nuancen. Am Ende konnten sicher nur noch eine Handvoll Menschen die einzelnen Varianten auseinanderhalten. Irgendwann muss man natürlich auf den Markt kommen. Ich denke, dass aus den 4 Düften letztendlich genau das geworden ist, was aus ihnen werden sollte. Der Prozess „Duft und Gammon“ ist aber nie abgeschlossen. Da geht es immer weiter!

Unter allen Antworten auf diesen Beitrag verlosen wir zehn Tester-Sets!
Antwortet bis zum 21. Oktober 2018 um 23:59 Uhr und ihr nehmt teil.

107 Antworten
Vor 148 Tagen
55 Auszeichnungen

Profis schauen anders auf Parfums als Laien, also die Parfumblogosphere oder wir hier auf Parfumo. Werden Parfumeurinnen und Parfumeure in einem Interview gefragt: wer inspiriert dich? Was sind für dich die großen Namen, die die Parfumerie prägten bzw. prägen und weiter bringen? Zum einen werden dann viele genannt, die auch unter Laien hoch im Kurs stehen, von deren Stil sich alle ein Bild machen können. Und dann gibt es da die anderen, deren Namen regelmäßig fallen. Alberto Morillas. Annick Ménardo. Olivier Cresp. Als Gesprächspartner nickt man dann bedächtig, um Kennerschaft zu suggerieren. Ohne wirklich eine Meinung zu haben. Sicher, dass Cresps Light Blue extrem sauber komponiert wurde und wegweisend war, ist auch für Laien zu erkennen – ob das Parfum nun gefällt oder nicht. Aber sein Stil? Was macht ihn aus, warum ist er so bedeutsam? Dafür hat Olivier Cresp zu viele Auftragsarbeiten angenommen mit begrenztem Budget, begrenzter Zeit oder begrenzter stilistischer Freiheit. Annick Ménardo und Alberto Morillas genauso. Leider scheint Frédéric Malle nie angerufen zu haben. Thorsten Biehl auch nicht. Profis kennen aus eigener Erfahrung besagte Grenzen bei Auftragsarbeiten – und können deshalb das Schaffen dieser Hidden Champions gut einschätzen. Wir Laien eher nicht.

Auch in diese Kategorie fiel Michel Almairac. Natürlich, großartige Parfums kommen von ihm: Zino, Rush, Gucci pour Homme. Aber schon bei so bedeutenden Düften wie Sculpture Homme oder Joop! Homme stellt sich die Frage: war das Budget für die Rohstoffe schon aufgebraucht oder warum riechen die jeweiligen Blütennoten so arg künstlich? Was bei Sculpture Homme z. B. möglich gewesen wäre, zeigt Francis Kurkdjian mit seiner offensichtlichen Hommage an diesen Duft APOM pour homme.

Seit 2016 jedoch gibt es die Chance, Düfte Almairacs kennen zu lernen, die ohne Einschränkungen bezüglich Budget, Zeit und stilistischer Freiheit entstanden sind: mit der Marke Parle Moi de Parfum - geboren aus der Idee seines Sohnes Benjamin, Vater Michel die Möglichkeit zu geben, die Parfums zu machen, von denen er schon immer geträumt hat. Zum Konzept gehört auch, dass man hinter die Kulissen der Parfumeurskunst blicken kann: im Showroom im Pariser Marais kann man einem jungen Parfumeur über die Schulter schauen, wie er neue Ideen Michel Almairacs zusammenmischt, aus denen vielleicht einmal ein weiterer Duft der Marke entsteht. Bisher sind 10 Parfums veröffentlicht. Hinter jedem Namen steht eine Nummer, die die Anzahl der Mischversuche von der ersten Idee bis zum fertigen Duft angibt.

Und was zeichnet nun Michel Almairac aus? Mark Buxton sagte im Parfumointerview in geradezu religiöser Verklärung: „Michel Almairac ist DER große Jazzer! Der absolute Jazzer der Parfumerie. Originell, perfekt, kurze Formeln.“ Er selbst sieht sich als Rock’n Roller und so könnte es sein, dass er bei Jazz nicht an Improvisation, Blue Notes, Offbeat denkt, sondern an die Atmosphäre in einem verrauchten Jazzclub. Aus Sicht eines Rock’n Rollers ist Jazz vermutlich vor allem: cool und lässig. Birth of the cool, irgendwie. Und das ist eine Beschreibung, die unbedingt auf Parle Moi de Parfum zutrifft. Es sind die Werke von jemandem, der nichts mehr beweisen muss. Souverän, mit ruhiger Hand skizziert er coole Akkorde. Die Parfums mit ihrer leisen, unspektakulären Art gehen bestimmt komplett unter in der Hektik einer Großstadtparfümerie – und ein Parfumoprobenpaket mit seinem Seriendurchtesten würde ihnen einfach nicht gerecht werden. Stattdessen: Zeit. Muße. Sich einlassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Woody Perfecto/107, ein Vetiverduft. Parallel getestet mit anderen Parfums fiel er zunächst ziemlich durch als gewöhnlicher Vetiverduft. Und das soll gar nicht revidiert werden; das IST ein gewöhnlicher Vetiverduft. Aber beim längeren Tragen kommt sanft und leise immer eine andere Facette um die Ecke. Besonders augenfällig ist, wie mit der Textur gespielt wird – zunächst glatt, später samtig werdend und weich auslaufend. Die helle Vetiverqualität (da grün und süßholzig vermutlich auch das inzwischen seltener eingesetzte Vetiverylacetat) wurde mit Elemi verblendet. Damit werden die zitrischen Aspekte verstärkt und die Basis um Leder ergänzt. Etwas Cashmeran scheint die Basis abzurunden und wurde so gefühlvoll eingesetzt, dass zu befürchtende Assoziationen karamellisierter Holzkohle u.ä. ausbleiben. Stattdessen steuert es nur zum Spiel mit der Textur bei.

Eine supersaftige, aber überhaupt nicht spitze Zitronennote prägt den Start des Cedar Woodpecker/10. Diese hält lange durch, selbst der Basis wird damit noch Frische verliehen. Diese saure Frische setzt den Kontrast zur duftbestimmenden, warmen Zeder. Iris gibt Weichheit, aber dabei wird das Parfum nicht zu staubig-pudrig (vermutlich dank der saftigen Zitrone). Man sollte meinen, dass eine Kombination so weniger, altbekannter Noten nicht Neues sein kann. Nichtsdestotrotz wirkt es neu und unverbraucht und – obwohl kaum Duftverlauf – wird es nie langweilig, am Handgelenk zu schnuppern. Bei aller Coolness ein fröhliches, energiespendendes Parfum.

Totally White/126 ist eine Ode an die olfaktorische Gruppe der „anisigen Blüten“: Parfumerie ist keine Botanik und so werden Pflanzen auch nicht nach biologischer Verwandtschaft kategorisiert, sondern olfaktorischer Nähe (meist sind die wichtigsten Duftstoffe die gleichen und nur einige Nebenbestandteile definieren die Unterschiede). Die „anisigen Blüten“ („Anise Flowers“) umfassen Flieder, Weißdorn, Blauregen, Heliotrop. Und alle diese Blüten finden sich in Totally White/126 wieder, ergänzt um etwas Pfeifenstrauch (so genannter Bauernjasmin) und Moschus, um die Haltbarkeit zu erhöhen und etwas mehr Textur zu geben. Was klingt wie eine Fingerübung in der Parfumeursausbildung ist ein originelles Parfum, das mit unseren Duftgewohnheiten spielt: der üppige Fliederstart wirkt altmodisch, aber der Glanz und die Transparenz sind sehr modern und gegenwärtig. Und gerade die Kombination helle Blüten mit sauberem, pudrigem Moschus hat fast etwas Mädchenhaftes. So lässt sich der Duft keiner Generation zuordnen. Wenn sich der Flieder zurückzieht, erinnert Totally White/126 stark an L’Eau d’Hiver, was vielleicht sogar Absicht, sicher aber kein Zufall ist: Besagter Ellenaduft ist eine Hommage an Après L’Ondée, greift dessen kompositorische Idee auf und befreit sie von allem anderen Rezepturnebenlinien. Zurück bleibt bei L’Eau d’Hiver nur die Kernidee und die ist ebenfalls „anisige Blüten“.

Sehr ähnlich spielt auch Chypre Mojo/45 mit unserer alt/jung-Erwartungshaltung: zum 100jährigen Jubiläum von Chypre de Coty bringt Michel Almairac ein Chypre heraus. Und was für eins: Eichenmoos-Regulierung hin oder her, das ist ein Chypre wie aus dem Lehrbuch - die bittere Chyprekante, Chyprebogen, eine gewürzte, kräftige Blüte im Herzen (hier Nelke), dunkles Patchouli in der Basis. Zum Start ist sogar kurz ein rauer Pfirsichhauch zu riechen à la Mitsuoko, der aber sehr schnell in einem tropischen Obstsalat aufgeht (in der Pyramide ist passend Mango angegeben). Diese Tropenfrucht versetzt nun auch andere Noten in die Karibik, die da gar nicht hingehören: die Nelke aus europäischen Vorgärten wirkt fast wie tropische Ylang-Ylang, die klassische, seit 100 Jahren so bekannte Patchoulibasis erinnert an einen modernen Fruitchouli. Charmanter Brückenschlag.

Tomboy Neroli/65 startet wie ein klassisches Eau de Cologne – viel Neroli, dessen zitrische und grüne Facetten mit spritzigem Zitrus bzw. grünen Kräutern betont werden. Im Verlauf wird das Parfum orangenblütig üppiger und süßer und klingt auf einer ambrierten Basis aus.

Eine spritzige, saure Himbeere markiert den Start von Une Tonne de Roses/8. Diese geht auf in einer facettenreichen Rosennote – so facettenreich (fruchtig, grün, blütig, Honig) wie ein sehr hochwertiges, natürliches Rosenabsolue. Diese natürliche Essenz würde aber eher opak wirken und so ist Une Tonne de Roses/8 nun gar nicht. Im Gegenteil: die Rose erscheint sehr strahlend und transparent. Bis in die Basis hinein prägt diese prächtige Blüte den Verlauf und wird von herbgrünem Patchouli und trockenem Holz eingefasst.

Der Irisduft der Serie ist Orris Tattoo/29. Hier geht es nicht um die metallisch-kühle synthetische Iris, sondern cremige Irisbutter, wie der karottige Start bereits andeutet. Für natürliche Iris typisch ist der Duft komplex und erinnert an luxuriöse Körpercreme. Ein natürlich wirkendes Sandelholz kommt im Verlauf hinzu und stützt die Textur. In der Basis ist eine Rauchigkeit erkennbar, aber nur sehr verhalten und den Duft stützend. Orris Tattoo/29 ist ein erstaunlich eigenständiger Irisduft - weder metallisch, pudrig noch gourmandig. Er eignet sich daher hervorragend als Referenzduft für hochwertige Irisbutter.

Es lohnt, sich etwas Zeit beim Erschnuppern des Sandelholzakkordes zu nehmen: das Milchige des Sandelholzes ist früher als üblich wahrnehmbar. Das beruht ziemlich sicher auf den Zusatz von Milchlactonen, die hier so zurückhaltend eingesetzt werden, dass niemand Assoziationen zu Käse oder saurer Milch befürchten muss (wie bei Le Feu d'Issey oder Gucci Rush z.B.). Damit die Sandelholznote jetzt nicht zu sehr wabernd an Struktur verliert, wurde etwas erfrischende grüne Feige zugesetzt. Die Trilogie Sandelholz-Milch-Feige ist nicht nur sehr gelungen, sondern dürfte auch ein subtiles Zitat der Hermessence Santal Massoïa von Jean-Claude Ellena sein. Dort ist diese Kombination Zentrum des Duftes und wird von einem Hauch Iris ergänzt. Demgegenüber steht hier Irisbutter ganz im Zentrum und der Sandelholzakkord gibt nur den Rahmen.

Diese Trilogie passt nicht nur gut zu Iris, sondern auch Moschus, wie Milky Musk/39 beweist: die Milchlactone sind verbindendes Element zwischen zentralem Moschus und Sandelholz, die Feige scheint heruntergedimmt im Vergleich zum Irisduft, während die Röstaromen (Kaffee beim Mahlen, Holz beim Erhitzen, bevor es anfängt zu Kokeln) des Sandelholzes stärker hervortreten. Im Vordergrund von Milky Musk/39 ist freilich namensgebender Moschus, der sich im Duftverlauf verändert: zuerst eher cremig, an warme Haut erinnernd, wandelt er sich über Stunden und wird pudriger, durchlässiger, mit Facetten frisch gebügelter Wäsche.

Die souveräne, unspektakuläre Handschrift Michel Almairacs bedeutet keineswegs, dass nur leise, hautnahe Düfte unter Parle Moi de Parfum veröffentlicht werden. Flavia Vanilla/82 zum Beispiel ist ein raumgreifendes und präsentes Vanilleparfum. Ergänzt wird helle, süße, aber keineswegs dicke, sondern fluffige Vanille um eine Kombination exotischer und frischer gelber Blüten. Bei aller Präsenz ein für Vanille leichtes Parfum.

Vielleicht noch präsenter, zumindest süßer ist das ungemein witzige Guimauve de Noël/31: Guimauve ist das französische Wort für Marshmallow und davon gibt es in Frankreich unterschiedliche Qualitäten: zum einen die, die weitestgehend dem entsprechen, was wir auch in Deutschland oder den USA kennen. Zum anderen eine weichere Version, meist aus handwerklicher „artisanaler“ Produktion. Während erstere im Mund eine katuschukartige Textur behalten, werden die artisanalen Pendants mit der Zeit noch weicher, der Schaum zerfällt mit einem sanften Prickeln auf der Zunge. So ist auch der Duftverlauf von Guimauve de Noël/31: offensichtlich handelt es sich um Guimauves der Geschmacksrichtung Orangenblüte. Eine dichte, fleischig-sämige Orangenblüte. So fleischig, dass dies möglicherweisedurch Weißdorn unterfüttert wurde. Das würde erklären, dass der Start so sehr an 19 Louanges Profanes und Delial Sonnenmilch erinnert. Die Süße der duftbestimmenden Orangenblüte wird mit Ethylmaltol weiter aufgezuckert. Überraschenderweise führt dies nicht dazu, dass Almairacs Weihnachtserinnerung gourmandtypisch klebrig wird. Im Gegenteil: wie ein langsam im Mund schmelzender Guimauve wird das Parfum mit der Zeit luftiger und lockerer, ohne den Fokus auf Süße undOrangenblüte zu verlieren.

In der Gesamtschau ergeben alle Parfums ein (recht) klares der Handschrift Almairacs: er wählt kurze Formeln. Weil er es kann. Und seine parfumistischen Ideen können so besonders gut nachvollzogen werden, ohne dass die Parfums dafür laut oder plakativ sein müssten. Stattdessen unaufgeregt und lässig – zu Mark Buxtons vermuteter Jazzvorstellung passend. Darüber hinaus stilbildend ist der Fokus auf die Textur: Almairac arbeitet nicht nur mit Duftfarben, sondern auch der Haptik – wirkt die Duftnote hart oder weich, cremig oder pudrig, glatt oder rau? Almiracs Spiel mit haptischen Qualitäten führt meist zu leichter Luftigkeit und lässt das bodenhaftende Gewicht zurück … wobei aber die Cremigkeit erhalten bleibt.

Das Spiel mit Textur beherrschte auch Miles Davis in seiner besten Zeit: mal wählte er einen harten, spitzen Ansatz, mal einen so weichen, dass sein Trompetenspiel kaum von dem mit einem Flügelhorn zu unterscheiden war. Und so passt die Umschreibung Michel Almairacs als den „absoluten Jazzer der Parfumerie“ ausgesprochen gut. Mark Buxton mag ein Rock'n Roller sein. Aber auch ein Jazzkenner, irgendwie.

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