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Editor
Ronin
26.08.2018 21:20 Uhr
55 Auszeichnungen

Parle Moi de Parfum. In A Silent Way.

Profis schauen anders auf Parfums als Laien, also die Parfumblogosphere oder wir hier auf Parfumo. Werden Parfumeurinnen und Parfumeure in einem Interview gefragt: wer inspiriert dich? Was sind für dich die großen Namen, die die Parfumerie prägten bzw. prägen und weiter bringen? Zum einen werden dann viele genannt, die auch unter Laien hoch im Kurs stehen, von deren Stil sich alle ein Bild machen können. Und dann gibt es da die anderen, deren Namen regelmäßig fallen. Alberto Morillas. Annick Ménardo. Olivier Cresp. Als Gesprächspartner nickt man dann bedächtig, um Kennerschaft zu suggerieren. Ohne wirklich eine Meinung zu haben. Sicher, dass Cresps Light Blue extrem sauber komponiert wurde und wegweisend war, ist auch für Laien zu erkennen – ob das Parfum nun gefällt oder nicht. Aber sein Stil? Was macht ihn aus, warum ist er so bedeutsam? Dafür hat Olivier Cresp zu viele Auftragsarbeiten angenommen mit begrenztem Budget, begrenzter Zeit oder begrenzter stilistischer Freiheit. Annick Ménardo und Alberto Morillas genauso. Leider scheint Frédéric Malle nie angerufen zu haben. Thorsten Biehl auch nicht. Profis kennen aus eigener Erfahrung besagte Grenzen bei Auftragsarbeiten – und können deshalb das Schaffen dieser Hidden Champions gut einschätzen. Wir Laien eher nicht.

Auch in diese Kategorie fiel Michel Almairac. Natürlich, großartige Parfums kommen von ihm: Zino, Rush, Gucci pour Homme. Aber schon bei so bedeutenden Düften wie Sculpture Homme oder Joop! Homme stellt sich die Frage: war das Budget für die Rohstoffe schon aufgebraucht oder warum riechen die jeweiligen Blütennoten so arg künstlich? Was bei Sculpture Homme z. B. möglich gewesen wäre, zeigt Francis Kurkdjian mit seiner offensichtlichen Hommage an diesen Duft APOM pour homme.

Seit 2016 jedoch gibt es die Chance, Düfte Almairacs kennen zu lernen, die ohne Einschränkungen bezüglich Budget, Zeit und stilistischer Freiheit entstanden sind: mit der Marke Parle Moi de Parfum - geboren aus der Idee seines Sohnes Benjamin, Vater Michel die Möglichkeit zu geben, die Parfums zu machen, von denen er schon immer geträumt hat. Zum Konzept gehört auch, dass man hinter die Kulissen der Parfumeurskunst blicken kann: im Showroom im Pariser Marais kann man einem jungen Parfumeur über die Schulter schauen, wie er neue Ideen Michel Almairacs zusammenmischt, aus denen vielleicht einmal ein weiterer Duft der Marke entsteht. Bisher sind 10 Parfums veröffentlicht. Hinter jedem Namen steht eine Nummer, die die Anzahl der Mischversuche von der ersten Idee bis zum fertigen Duft angibt.

Und was zeichnet nun Michel Almairac aus? Mark Buxton sagte im Parfumointerview in geradezu religiöser Verklärung: „Michel Almairac ist DER große Jazzer! Der absolute Jazzer der Parfumerie. Originell, perfekt, kurze Formeln.“ Er selbst sieht sich als Rock’n Roller und so könnte es sein, dass er bei Jazz nicht an Improvisation, Blue Notes, Offbeat denkt, sondern an die Atmosphäre in einem verrauchten Jazzclub. Aus Sicht eines Rock’n Rollers ist Jazz vermutlich vor allem: cool und lässig. Birth of the cool, irgendwie. Und das ist eine Beschreibung, die unbedingt auf Parle Moi de Parfum zutrifft. Es sind die Werke von jemandem, der nichts mehr beweisen muss. Souverän, mit ruhiger Hand skizziert er coole Akkorde. Die Parfums mit ihrer leisen, unspektakulären Art gehen bestimmt komplett unter in der Hektik einer Großstadtparfümerie – und ein Parfumoprobenpaket mit seinem Seriendurchtesten würde ihnen einfach nicht gerecht werden. Stattdessen: Zeit. Muße. Sich einlassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Woody Perfecto/107, ein Vetiverduft. Parallel getestet mit anderen Parfums fiel er zunächst ziemlich durch als gewöhnlicher Vetiverduft. Und das soll gar nicht revidiert werden; das IST ein gewöhnlicher Vetiverduft. Aber beim längeren Tragen kommt sanft und leise immer eine andere Facette um die Ecke. Besonders augenfällig ist, wie mit der Textur gespielt wird – zunächst glatt, später samtig werdend und weich auslaufend. Die helle Vetiverqualität (da grün und süßholzig vermutlich auch das inzwischen seltener eingesetzte Vetiverylacetat) wurde mit Elemi verblendet. Damit werden die zitrischen Aspekte verstärkt und die Basis um Leder ergänzt. Etwas Cashmeran scheint die Basis abzurunden und wurde so gefühlvoll eingesetzt, dass zu befürchtende Assoziationen karamellisierter Holzkohle u.ä. ausbleiben. Stattdessen steuert es nur zum Spiel mit der Textur bei.

Eine supersaftige, aber überhaupt nicht spitze Zitronennote prägt den Start des Cedar Woodpecker/10. Diese hält lange durch, selbst der Basis wird damit noch Frische verliehen. Diese saure Frische setzt den Kontrast zur duftbestimmenden, warmen Zeder. Iris gibt Weichheit, aber dabei wird das Parfum nicht zu staubig-pudrig (vermutlich dank der saftigen Zitrone). Man sollte meinen, dass eine Kombination so weniger, altbekannter Noten nicht Neues sein kann. Nichtsdestotrotz wirkt es neu und unverbraucht und – obwohl kaum Duftverlauf – wird es nie langweilig, am Handgelenk zu schnuppern. Bei aller Coolness ein fröhliches, energiespendendes Parfum.

Totally White/126 ist eine Ode an die olfaktorische Gruppe der „anisigen Blüten“: Parfumerie ist keine Botanik und so werden Pflanzen auch nicht nach biologischer Verwandtschaft kategorisiert, sondern olfaktorischer Nähe (meist sind die wichtigsten Duftstoffe die gleichen und nur einige Nebenbestandteile definieren die Unterschiede). Die „anisigen Blüten“ („Anise Flowers“) umfassen Flieder, Weißdorn, Blauregen, Heliotrop. Und alle diese Blüten finden sich in Totally White/126 wieder, ergänzt um etwas Pfeifenstrauch (so genannter Bauernjasmin) und Moschus, um die Haltbarkeit zu erhöhen und etwas mehr Textur zu geben. Was klingt wie eine Fingerübung in der Parfumeursausbildung ist ein originelles Parfum, das mit unseren Duftgewohnheiten spielt: der üppige Fliederstart wirkt altmodisch, aber der Glanz und die Transparenz sind sehr modern und gegenwärtig. Und gerade die Kombination helle Blüten mit sauberem, pudrigem Moschus hat fast etwas Mädchenhaftes. So lässt sich der Duft keiner Generation zuordnen. Wenn sich der Flieder zurückzieht, erinnert Totally White/126 stark an L’Eau d’Hiver, was vielleicht sogar Absicht, sicher aber kein Zufall ist: Besagter Ellenaduft ist eine Hommage an Après L’Ondée, greift dessen kompositorische Idee auf und befreit sie von allem anderen Rezepturnebenlinien. Zurück bleibt bei L’Eau d’Hiver nur die Kernidee und die ist ebenfalls „anisige Blüten“.

Sehr ähnlich spielt auch Chypre Mojo/45 mit unserer alt/jung-Erwartungshaltung: zum 100jährigen Jubiläum von Chypre de Coty bringt Michel Almairac ein Chypre heraus. Und was für eins: Eichenmoos-Regulierung hin oder her, das ist ein Chypre wie aus dem Lehrbuch - die bittere Chyprekante, Chyprebogen, eine gewürzte, kräftige Blüte im Herzen (hier Nelke), dunkles Patchouli in der Basis. Zum Start ist sogar kurz ein rauer Pfirsichhauch zu riechen à la Mitsuoko, der aber sehr schnell in einem tropischen Obstsalat aufgeht (in der Pyramide ist passend Mango angegeben). Diese Tropenfrucht versetzt nun auch andere Noten in die Karibik, die da gar nicht hingehören: die Nelke aus europäischen Vorgärten wirkt fast wie tropische Ylang-Ylang, die klassische, seit 100 Jahren so bekannte Patchoulibasis erinnert an einen modernen Fruitchouli. Charmanter Brückenschlag.

Tomboy Neroli/65 startet wie ein klassisches Eau de Cologne – viel Neroli, dessen zitrische und grüne Facetten mit spritzigem Zitrus bzw. grünen Kräutern betont werden. Im Verlauf wird das Parfum orangenblütig üppiger und süßer und klingt auf einer ambrierten Basis aus.

Eine spritzige, saure Himbeere markiert den Start von Une Tonne de Roses/8. Diese geht auf in einer facettenreichen Rosennote – so facettenreich (fruchtig, grün, blütig, Honig) wie ein sehr hochwertiges, natürliches Rosenabsolue. Diese natürliche Essenz würde aber eher opak wirken und so ist Une Tonne de Roses/8 nun gar nicht. Im Gegenteil: die Rose erscheint sehr strahlend und transparent. Bis in die Basis hinein prägt diese prächtige Blüte den Verlauf und wird von herbgrünem Patchouli und trockenem Holz eingefasst.

Der Irisduft der Serie ist Orris Tattoo/29. Hier geht es nicht um die metallisch-kühle synthetische Iris, sondern cremige Irisbutter, wie der karottige Start bereits andeutet. Für natürliche Iris typisch ist der Duft komplex und erinnert an luxuriöse Körpercreme. Ein natürlich wirkendes Sandelholz kommt im Verlauf hinzu und stützt die Textur. In der Basis ist eine Rauchigkeit erkennbar, aber nur sehr verhalten und den Duft stützend. Orris Tattoo/29 ist ein erstaunlich eigenständiger Irisduft - weder metallisch, pudrig noch gourmandig. Er eignet sich daher hervorragend als Referenzduft für hochwertige Irisbutter.

Es lohnt, sich etwas Zeit beim Erschnuppern des Sandelholzakkordes zu nehmen: das Milchige des Sandelholzes ist früher als üblich wahrnehmbar. Das beruht ziemlich sicher auf den Zusatz von Milchlactonen, die hier so zurückhaltend eingesetzt werden, dass niemand Assoziationen zu Käse oder saurer Milch befürchten muss (wie bei Le Feu d'Issey oder Gucci Rush z.B.). Damit die Sandelholznote jetzt nicht zu sehr wabernd an Struktur verliert, wurde etwas erfrischende grüne Feige zugesetzt. Die Trilogie Sandelholz-Milch-Feige ist nicht nur sehr gelungen, sondern dürfte auch ein subtiles Zitat der Hermessence Santal Massoïa von Jean-Claude Ellena sein. Dort ist diese Kombination Zentrum des Duftes und wird von einem Hauch Iris ergänzt. Demgegenüber steht hier Irisbutter ganz im Zentrum und der Sandelholzakkord gibt nur den Rahmen.

Diese Trilogie passt nicht nur gut zu Iris, sondern auch Moschus, wie Milky Musk/39 beweist: die Milchlactone sind verbindendes Element zwischen zentralem Moschus und Sandelholz, die Feige scheint heruntergedimmt im Vergleich zum Irisduft, während die Röstaromen (Kaffee beim Mahlen, Holz beim Erhitzen, bevor es anfängt zu Kokeln) des Sandelholzes stärker hervortreten. Im Vordergrund von Milky Musk/39 ist freilich namensgebender Moschus, der sich im Duftverlauf verändert: zuerst eher cremig, an warme Haut erinnernd, wandelt er sich über Stunden und wird pudriger, durchlässiger, mit Facetten frisch gebügelter Wäsche.

Die souveräne, unspektakuläre Handschrift Michel Almairacs bedeutet keineswegs, dass nur leise, hautnahe Düfte unter Parle Moi de Parfum veröffentlicht werden. Flavia Vanilla/82 zum Beispiel ist ein raumgreifendes und präsentes Vanilleparfum. Ergänzt wird helle, süße, aber keineswegs dicke, sondern fluffige Vanille um eine Kombination exotischer und frischer gelber Blüten. Bei aller Präsenz ein für Vanille leichtes Parfum.

Vielleicht noch präsenter, zumindest süßer ist das ungemein witzige Guimauve de Noël/31: Guimauve ist das französische Wort für Marshmallow und davon gibt es in Frankreich unterschiedliche Qualitäten: zum einen die, die weitestgehend dem entsprechen, was wir auch in Deutschland oder den USA kennen. Zum anderen eine weichere Version, meist aus handwerklicher „artisanaler“ Produktion. Während erstere im Mund eine katuschukartige Textur behalten, werden die artisanalen Pendants mit der Zeit noch weicher, der Schaum zerfällt mit einem sanften Prickeln auf der Zunge. So ist auch der Duftverlauf von Guimauve de Noël/31: offensichtlich handelt es sich um Guimauves der Geschmacksrichtung Orangenblüte. Eine dichte, fleischig-sämige Orangenblüte. So fleischig, dass dies möglicherweisedurch Weißdorn unterfüttert wurde. Das würde erklären, dass der Start so sehr an 19 Louanges Profanes und Delial Sonnenmilch erinnert. Die Süße der duftbestimmenden Orangenblüte wird mit Ethylmaltol weiter aufgezuckert. Überraschenderweise führt dies nicht dazu, dass Almairacs Weihnachtserinnerung gourmandtypisch klebrig wird. Im Gegenteil: wie ein langsam im Mund schmelzender Guimauve wird das Parfum mit der Zeit luftiger und lockerer, ohne den Fokus auf Süße undOrangenblüte zu verlieren.

In der Gesamtschau ergeben alle Parfums ein (recht) klares der Handschrift Almairacs: er wählt kurze Formeln. Weil er es kann. Und seine parfumistischen Ideen können so besonders gut nachvollzogen werden, ohne dass die Parfums dafür laut oder plakativ sein müssten. Stattdessen unaufgeregt und lässig – zu Mark Buxtons vermuteter Jazzvorstellung passend. Darüber hinaus stilbildend ist der Fokus auf die Textur: Almairac arbeitet nicht nur mit Duftfarben, sondern auch der Haptik – wirkt die Duftnote hart oder weich, cremig oder pudrig, glatt oder rau? Almiracs Spiel mit haptischen Qualitäten führt meist zu leichter Luftigkeit und lässt das bodenhaftende Gewicht zurück … wobei aber die Cremigkeit erhalten bleibt.

Das Spiel mit Textur beherrschte auch Miles Davis in seiner besten Zeit: mal wählte er einen harten, spitzen Ansatz, mal einen so weichen, dass sein Trompetenspiel kaum von dem mit einem Flügelhorn zu unterscheiden war. Und so passt die Umschreibung Michel Almairacs als den „absoluten Jazzer der Parfumerie“ ausgesprochen gut. Mark Buxton mag ein Rock'n Roller sein. Aber auch ein Jazzkenner, irgendwie.


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