SchahramSchahrams Parfumblog

14.07.2016 12:32 Uhr
54 Auszeichnungen

Manchmal, da fallen mir Bilder ein

Gestern, Berlin, KaDeWe, Armani-Counter. Auf einem Einzelpodest unter einem Glassturz die limitierte Edition von Armani Privé - Fil Rouge. Auf die Frage, ob ich den mal auf der Haut testen dürfte, streift sich die Verkäuferin ein paar schwarze Organza-Handschuhe über und greift nach dem Flakon. Moment mal - Handschuhe ? ! Kenne ich von Medizin, Museen, Juwelieren. Die Frage, ob der Flakon so empfindlich sei, daß er leiden würde, fasste man ihn schnöde mit der blanken Hand an, wird verneint. Aber irgendwie scheint meine Frage der jungen Dame peinlich zu sein, sie streift die Handschuhe ab, nimmt den Flakon mit der bloßen Hand und sprüht mir etwas von dem Duft auf. Neben anderen Informationen bekomme ich auch den Preis genannt, 575 Euro für 100 ml. Zwei Stück hätten sie noch. Schöner Duft, ohne Zweifel, allerdings ist die Kombination weißer Moschus / Iris nicht sonderlich innovativ.

2 Stunden später, im Bus nach Hamburg fällt mir Armani wieder ein. Die Schnüfflei am Arm bleibt ohne Ergebnis. Ja wo ist er denn hin ? Und noch etwas fällt mir ein, nämlich das Lied von Reinhard Mey "Manchmal da fallen mir Bilder ein" ( Text weiter unten ), das mir auch heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Es ist kein Ohrwurm, es ist Sorge und es geht um die Zukunft meiner beiden Enkelkinder. Vielleicht habe ich einfach zuviel Zeit zum Nachdenken, ganz sicher werde ich langsam alt, vielleicht sehe ich alles zu verbissen, ganz sicher macht das Wetter in diesem Sommer nicht grade gute Laune.

Ich habe absolut nichts gegen Luxus und stehe zu meiner Freude, redlich verdientes Geld auszugeben, was ich auch jedem anderen gönne. Apropos verdient : ohne Nachzudenken benutzen wir zwei Begriffe synonym : wieviel verdient er/sie denn wird auch mal schnell umformuliert in : wieviel bekommt er/sie denn ? Oder anders herum : er bekommt 1000 Euro, aber verdient er auch so viel/wenig ?

Sicher sind für einen Manager, Fußballprofi usw. 575 Euro weniger als für mich 75 Cent. Andere müssen damit einen Monat oder länger auskommen.

Es geht keinesfalls um Neid, sondern um das rechte Maß. Vor knapp 500 Jahren schrieb Paracelsus „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“ Ich glaube, daß Gesellschaften einem Lebewesen recht ähnlich sind und sich auch vergiften können.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von Großen Fenstern in Säulenhallen,
Von Wänden und Treppen aus Marmorstein,
Von Leuchtern mit funkelnden Kristallen,
Von Feuern in offenen Kaminen,
Von Betten mit samtenen Baldachinen.
Der Teppich ist doch schon sehr abgetreten,
Weißt du, ich rolle ihn einfach ein,
Er paßte sowieso nicht zu den Tapeten.
Manchmal schäm‘ ich mich, nicht dort zu Hause zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von bunten Markisen und weißen Spalieren,
Mit Heckenrosen und rankendem Wein,
Von Gärten, die sich in der Ferne verlieren,
Von Buchsbaum, zu Statuetten geschnitten.
Ein Kiesweg knirscht vornehm unter den Schritten ... –
Die Blumen vor‘m Fenster sind müde und grau,
Ich pflanz‘ keine neuen mehr ein,
Die blühen hier doch nicht, das weiß ich genau!
Manchmal schäm‘ ich mich, nicht dort zu Hause zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Vom Lachen weltgewandter Damen,
Gebräunte Gesichter bei Plauderein,
Bilder wie auf Zigarettenreklamen:
Auf grünem Tuch vergoldete Harken,
Beschlagene Gläser und bunte Spielmarken. –
Meine Schuhe müssen mal wieder zum Schuster,
Meine Freunde und ich trinken Bier statt Wein,
Was das Bridgespiel‘n betrifft, ist‘s bei mir zappenduster!
Manchmal schäm‘ ich mich nicht einer von denen zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von einem Stück Brot in verstümmelten Händen
Von einer Alten, die sie allein
Hervorzerren unter berstenden Wänden.
Von verbrannten Gesichtern, in Händen vergraben:
Manchmal schäm‘ ich mich dafür, mich geschämt zu haben!
Das wollt‘ ich dir sagen, hörst du mir noch zu?
Nein, du schläfst schon, vom Tag wirst du müde sein.
Ich lösche das Licht, und ich deck‘ dich wärmer zu.
Manchmal schäm‘ ich mich, trotz allem so glücklich zu sein!


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