SchahramSchahrams Parfumblog

Ich bin völlig überwältigt und sehr dankbar für die vielen tröstlichen, Mut machenden und von Herzen kommenden Kommentare und PNs, die ich gestern und heute zu meinem Blog bekam. Ich bin heute mit dem Antworten auf die Blogkommentare einfach nicht mehr hinterher gekommen und möchte mich deshalb in dieser Form ganz herzlich bei allen, die mir geantwortet oder geschrieben haben, bedanken. Bei einigen ist es mir ein Bedürfnis, persönlich zu antworten. Das werde ich am Wochenende tun. Ich war überrscht, wie viele Parfumos von ähnlichen Schicksalsschlägen berichtet haben und vielleicht kann ich ja mit einer persönlichen Antwort auch ein wenig von der Empathie und Offenheit, die mir hier entgegengebracht wurde, zurückgeben.

Glücklicher Weise habe ich nicht nur Gutwetter-, sondern auch Allwetterfreundinnen. Eine davon hat auch einen jüngeren Bruder, der an Krebs erkrankt ist. Ihr habe ich Eure Blogantworten geschickt und sie hat es glaube ich auf den Punkt gebracht :

"Das ist so viel ehrliche Anteilnahme von vermutlich meistens Fremden. Diese Welt kann noch nicht verloren sein, wenn es soviel Empathie gibt. So kann man sich gegenseitig Kraft geben. Oder mal ganz deftig gesagt. Herz trifft Seele, weil auch Hirn dabei ist. Mehr solche Menschen!"

Ich glaube, wir können alle zusammen ein bisschen stolz auf uns sein.

Vor 13 Monaten
81 Auszeichnungen

Auch wenn das Alsterhaus, das fast vor meiner Haustür steht, nach dem Umbau der Parfumabteilung deutlich attraktiver und vor allem im Nischenbereich vielfältiger geworden ist, bleibt meine Heimatstadt Berlin für mich das Duft-Eldorado schlechthin. Ich gehöre zu den Glücklichen, die frei über ihre Zeit verfügen können und so sind Duftausflüge per FlixBus nach Berlin etwas Wunderbares und seit ich regelmäßig mit zwei lieben Parfumas dort auf Erkundungstour gehe echte Highlights in meinem ansonsten recht beschaulichen Leben.

Als wir drei uns Anfang Mai trafen, übernachtete ich wie fast immer bei meinem Bruder in Berlin-Kaulsdorf. Er war gerade von einem Fahrradurlaub zurückgekehrt, die Rückfahrt ( 200 km in einem Rutsch ) war für ihn ein Klacks. Im Garten eines Italieners plauderten wir bei Pizza und Wein. Nichts deutete darauf hin, daß 3 Wochen später alles anders sein würde.

An einem Donnerstagabend Ende Mai rief er mich aus dem Krankenhaus an, wohin ihn der Hausarzt wegen Oberbauchschmerzen eingewiesen hatte. Freitag Mittag stand fest, daß er Lebermetastasen eines nicht auffindbaren Tumors hat. Als ich ihn am Dienstag besuchte, zeigte mir der Stationsarzt die CT-Bilder, die mich trafen wie ein Schock. Ich bin Ärztin, über 20 Jahre behandelte ich fast ausschließlich Patienten mit Krebserkrankungen. Da genügte ein Blick um zu wissen, daß mein 5 Jahre jüngerer einziger Bruder nicht die kleinste Chance hatte, zu überleben.

Mir stand der Sinn nicht mehr nach der eigentlich für den Mittwoch eingeplanten Duftsafari, ich wollte nur noch nach Hause. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Düfte mir in dieser Situation noch irgend etwas bedeuten könnten und doch sollte es anders kommen.

In den folgenden Wochen war ich nur selten zu Hause und mehr in Berlin. Obwohl meine Schwägerin, die 3 Söhne meines Bruders und aus der Ferne mein Mann und meine Tochter alles taten, was ihnen möglich war, blieb für mich ein großer Packen zu tragen. Kommunikation mit Ärzten, Krankenkasse, Rentenversicherung, Pflegedienst, Apotheke und nicht zuletzt die Organisation des Alltags. Mein Bruder, der den Haushalt geschmissen, eingekauft und gekocht hatte war dazu nicht mehr in der Lage. Trotzdem hat er bis fast zuletzt verzweifelt versucht, seinen Part zum Funktionieren der kleinen Schicksalsgemeinschaft, die wir wohl waren, beizutragen.

Meine Schwägerin betreibt zusammen mit meinem Bruder eine Kindertagespflege mit 9 Kindern von 2 bis 6 Jahren im eigenen Haus. In den ersten 2 Wochen nach der Diagnose war sie krankgeschrieben, weil sie nicht essen und kaum schlafen konnte. Danach arbeitete sie bis zum Ferienbeginn weiter, um die Eltern nicht im Regen stehen zu lassen, denn von jetzt auf gleich einen Ersatzkindergartenplatz zu bekommen, gelang auch dem Sozialamt nicht. Ich habe allergrößte Hochachtung vor dieser Leistung meiner Schwägerin, die in der schwersten Krise ihres Lebens weiterhin für andere Menschen da war.

So waren meine Tage und in den letzten Wochen auch die Nächte sehr ausgefüllt und es blieb wenig Zeit, durchzuatmen und an mich zu denken. Nie hätte ich gedacht, daß mir Parfumo helfen könnte, meine Kräfte zu regenerieren. Und doch war es so. Ich begann, wieder in die City zu fahren und konnte im KaDeWe und anderswo wirklich für kurze Zeit meinen Kummer beiseite schieben. Meine Berliner Lieblingsparfuma machte ein Treffen möglich und das obwohl sie wußte, daß es kaum ein anderes Thema geben würde als meinen Bruder. In meinem Berufsalltag habe ich sehr oft erlebt, daß sich Angehörige und Freunde von Krebskranken zurückziehen, meist aufgrund eigener unbewusster Ängste. Die liebe S. tat das nicht, ganz im Gegenteil und obwohl sie selbst vor nicht so langer Zeit eine Krebserkrankung hinter sich gebracht hatte. Das ist für mich wirkliche menschliche Größe und Zuwendung.

Einigen mir lieben und inzwischen recht gut bekannte Parfumas hatte ich geschrieben, welche Katastrophe sich abspielte und ich bekam so viel Mut zugesprochen, soviel praktische Hilfe, Gesprächsangebote und Beistand, wie ich es niemals erwartet hätte. Ich habe mich inzwischen bei ihnen bedankt und hoffe, daß ich niemanden vergessen habe. Falls doch, bitte verzeiht mir. Ich hole es hiermit nach.

Im Gegensatz zu diesen "virtuellen" Freunden zogen sich einige Menschen, die ich im realen Leben zu meinen Freunden gezählt hatte, bis heute völlig zurück, obwohl ich sie in den ersten Tagen dieser schlimmen Wochen um Rat gefragt hatte. Darunter Arztkollegen, mit denen ich vor 40 Jahren zusammen studiert hatte. Inzwischen sind das für mich die "Schönwetterfreunde" und ich habe erfahren, wie eine persönliche Krise eine Klärung privater Beziehungen herbeiführen kann. Ich bin froh darüber, es macht mein Leben einfacher.

Mein Bruder ist mit 55 Jahren am 21.7. verstorben. Zu Hause, in Würde. Von der Diagnose bis zu seinem Tod blieben ihm genau 60 Tage. Nach dem Tod meiner Mutter im vergangenen Jahr bin ich nun die letzte, die von der kleinen Familie übrig geblieben ist. Manchmal fühle ich mich wie ein Baum ohne Wurzeln, der derzeit überwiegend von den umstehenden Bäumen aufrecht gehalten wird.

Daß zu diesen Bäumen nicht nur meine Familie, sondern auch einige Parfumas gehören, ist etwas ganz Besonderes, was es vielleicht nur in dieser Community gibt. Hier Menschen gefunden zu haben, die nicht nur in guten Zeiten und zu ihrem Vergnügen hier sind, macht mich wirklich dankbar und froh. Dieses Gefühl wollte ich mit Euch teilen und habe deshalb nach tagelangem Überlegen, ob ich diesen Blog schreiben solle, Mut gefaßt und es getan. Noch kann ich nicht weinen, aber irgendwann werde ich es können und ich weiß, daß es auch dann Parfumas geben wird, die mir beistehen werden.

59 Antworten
Vor 3 Jahren
46 Auszeichnungen

Flughafen Hamburg, Start in den Osterurlaub. Obwohl ich das meiste ja kenne, ist "schnüffeln" im Duty-Free obligatorisch. Fast immer gibt es doch Neues zu entdecken und manche Düfte verdienen einen 2. oder 3. Hauttest. In den Duty Frees hatte vor einigen Jahren meine Liebe zum Parfum auch den Wandel von einem netten Zeitvertreib zum ernsthaften Hobby erfahren. Seit 3 Jahren leistete mir dabei ein Ringbuch im Taschenkalender-Format gute Dienste. Hier trug ich alles ein, was an Düften jemals unter meine Nase geraten war. Im Lauf der Zeit waren es geschätzte 2000 Einträge geworden. Außerordentlich praktisch und Zeit sparend, weil ich alles schon geschnupperte dank des Büchleins links liegen lassen konnte.

Kleiner Einschub : was ist beim Sammeln der "Kick" ? Für den Einen vielleicht das Seltene, lange Gesuchte. Für andere das Alte, Rare. Den mühsam zusammengesparten Flakon endlich sein Eigen zu nennen. Für mich ist die Jagd nach Vollständigkeit der Kick. Alle Düfte einer Marke zu kennen, sozusagen einen Haken dran zu machen. Das geht natürlich nur mit Hilfe meines kleinen schwarzen "Schnupperbuches".

Zurück nach Hamburg. Nach mehr oder weniger erfolgreichem Stöbern im Duty Free zum Gate, wo mein Mann auf mich wartet. Es ist das letzte Gate, ein ordentlicher Fußweg. Aufruf zum Boarding. Habe ich alles ? Blick in die Handtasche, Portemonnaie, Handy, alles o.k. Plötzlich ein riesiger Schreck : Wo ist das Büchlein ? Hektisches Wühlen, Blick unter die Bank - NICHTS ! Ich muss zurück zum Duty Free! Ist das zu schaffen ? Mein Mann ist "not amused", sieht mir aber wohl an, was in mir vorgeht. Im Laufschritt zurück, kein Verkäufer hat mein Büchlein gefunden. Sicher ist die außer Atem geratene, total derangierte ältere Frau, die schnell auf einem Zettel ihre Telefonnummer hinterlässt, der Lacher des Tages. Mir ist das egal. Auf dem Rückweg zum Gate überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Mir wird bewusst, was mir das Büchlein bedeutet. Es ist nicht nur der verlorene "Ertrag" von Jahren, sondern auch die mit der "Jagd" verbundenen Erlebnisse. Zu sehr vielen Einträgen habe ich Bilder im Kopf: Großraumparfümerien auf den Kanaren. Eine unglaublich freundliche Verkäuferin in einer privaten Parfümerie in Zermatt, die mich schnuppern ließ, soviel ich wollte. Die unüberwindliche Inhaberin in der 50 m weiter befindlichen Parfümerie ( die "ganz" wertvollen Düfte hinter einer Absperrung, einzige "Beute" ein gnädig gewährter Sprüher eines auch hinter der Barriere befindlichen Serge Lutens - Duftes ).

Ein bißchen ungläubig wird mir klar, welchen unermeßlichen Wert ein kleines Büchlein haben kann. Das kann doch gar nicht sein ? Doch, kann es. Alles noch mal von vorne beginnen ? Muß ich wohl.

Mein Mann ist einer der letzten Passagiere am Gate. Als er mich kommen sieht, steht er auf und - wie durch ein Wunder - liegt auf der Bank mein Büchlein. Es war wohl aus meiner Handtasche hinter seinen Rücken gerutscht. Meine Erleichterung kann ich kaum beschreiben. Der Urlaub kann beginnen!

Auf dem Flug entschließe ich mich, von jetzt an mit doppelter Buchführung zu arbeiten, sprich neues Büchlein + Parfumo-Einträge. Heute bin ich damit fertig geworden. Habe mir Zeit gelassen, neu geordnet, Bilder im Kopf betrachtet, auch ein neues - nun rotes - Büchlein geschrieben, in dem auch Platz für die noch fehlenden Düfte ist. Und denke noch einmal darüber nach, weshalb dieses Büchlein einen solchen Wert für mich hat. Es bewahrt wohl so viele kleine Glücksmomente. Gerade in den Anfangszeiten meiner Parfumliebe gab es ständig solche Momente, weil ja noch alles zu entdecken war. Und das schöne an unserem Hobby ist, dass es wohl sehr lange immer noch Neues zu entdecken geben wird. Das wünsche ich uns allen.



12 Antworten
Vor 3 Jahren
54 Auszeichnungen

Gestern, Berlin, KaDeWe, Armani-Counter. Auf einem Einzelpodest unter einem Glassturz die limitierte Edition von Armani Privé - Fil Rouge. Auf die Frage, ob ich den mal auf der Haut testen dürfte, streift sich die Verkäuferin ein paar schwarze Organza-Handschuhe über und greift nach dem Flakon. Moment mal - Handschuhe ? ! Kenne ich von Medizin, Museen, Juwelieren. Die Frage, ob der Flakon so empfindlich sei, daß er leiden würde, fasste man ihn schnöde mit der blanken Hand an, wird verneint. Aber irgendwie scheint meine Frage der jungen Dame peinlich zu sein, sie streift die Handschuhe ab, nimmt den Flakon mit der bloßen Hand und sprüht mir etwas von dem Duft auf. Neben anderen Informationen bekomme ich auch den Preis genannt, 575 Euro für 100 ml. Zwei Stück hätten sie noch. Schöner Duft, ohne Zweifel, allerdings ist die Kombination weißer Moschus / Iris nicht sonderlich innovativ.

2 Stunden später, im Bus nach Hamburg fällt mir Armani wieder ein. Die Schnüfflei am Arm bleibt ohne Ergebnis. Ja wo ist er denn hin ? Und noch etwas fällt mir ein, nämlich das Lied von Reinhard Mey "Manchmal da fallen mir Bilder ein" ( Text weiter unten ), das mir auch heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Es ist kein Ohrwurm, es ist Sorge und es geht um die Zukunft meiner beiden Enkelkinder. Vielleicht habe ich einfach zuviel Zeit zum Nachdenken, ganz sicher werde ich langsam alt, vielleicht sehe ich alles zu verbissen, ganz sicher macht das Wetter in diesem Sommer nicht grade gute Laune.

Ich habe absolut nichts gegen Luxus und stehe zu meiner Freude, redlich verdientes Geld auszugeben, was ich auch jedem anderen gönne. Apropos verdient : ohne Nachzudenken benutzen wir zwei Begriffe synonym : wieviel verdient er/sie denn wird auch mal schnell umformuliert in : wieviel bekommt er/sie denn ? Oder anders herum : er bekommt 1000 Euro, aber verdient er auch so viel/wenig ?

Sicher sind für einen Manager, Fußballprofi usw. 575 Euro weniger als für mich 75 Cent. Andere müssen damit einen Monat oder länger auskommen.

Es geht keinesfalls um Neid, sondern um das rechte Maß. Vor knapp 500 Jahren schrieb Paracelsus „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“ Ich glaube, daß Gesellschaften einem Lebewesen recht ähnlich sind und sich auch vergiften können.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von Großen Fenstern in Säulenhallen,
Von Wänden und Treppen aus Marmorstein,
Von Leuchtern mit funkelnden Kristallen,
Von Feuern in offenen Kaminen,
Von Betten mit samtenen Baldachinen.
Der Teppich ist doch schon sehr abgetreten,
Weißt du, ich rolle ihn einfach ein,
Er paßte sowieso nicht zu den Tapeten.
Manchmal schäm‘ ich mich, nicht dort zu Hause zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von bunten Markisen und weißen Spalieren,
Mit Heckenrosen und rankendem Wein,
Von Gärten, die sich in der Ferne verlieren,
Von Buchsbaum, zu Statuetten geschnitten.
Ein Kiesweg knirscht vornehm unter den Schritten ... –
Die Blumen vor‘m Fenster sind müde und grau,
Ich pflanz‘ keine neuen mehr ein,
Die blühen hier doch nicht, das weiß ich genau!
Manchmal schäm‘ ich mich, nicht dort zu Hause zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Vom Lachen weltgewandter Damen,
Gebräunte Gesichter bei Plauderein,
Bilder wie auf Zigarettenreklamen:
Auf grünem Tuch vergoldete Harken,
Beschlagene Gläser und bunte Spielmarken. –
Meine Schuhe müssen mal wieder zum Schuster,
Meine Freunde und ich trinken Bier statt Wein,
Was das Bridgespiel‘n betrifft, ist‘s bei mir zappenduster!
Manchmal schäm‘ ich mich nicht einer von denen zu sein.

Manchmal, da fallen mir Bilder ein
Von einem Stück Brot in verstümmelten Händen
Von einer Alten, die sie allein
Hervorzerren unter berstenden Wänden.
Von verbrannten Gesichtern, in Händen vergraben:
Manchmal schäm‘ ich mich dafür, mich geschämt zu haben!
Das wollt‘ ich dir sagen, hörst du mir noch zu?
Nein, du schläfst schon, vom Tag wirst du müde sein.
Ich lösche das Licht, und ich deck‘ dich wärmer zu.
Manchmal schäm‘ ich mich, trotz allem so glücklich zu sein!

19 Antworten