Unter den drei großen europäischen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts - Flauberts Madame Bovary, Tolstois Anna Karenina und eben Fontanes Effi Briest - ist letzterer hierzulande sowohl der bekannteste, wie auch der mutmaßlich unbeliebteste. Die Wurzel hierfür liegt vermutlich in der oft wenig inspirierenden bzw. inspirierten Pflichtlektüre in der gymnasialen Oberstufe - Effi Briest ist neben Lessings Nathan der Weise ein Stück Literatur, an dem auf dem Weg zur Adoleszenz kein Vorbeikommen zu sein scheint.
Zur kurzen Auffrischung: als junges Mädchen wird Effi auf Zureden ihrer Eltern mit einem deutlich älteren Mann verheiratet. Aus Vernachlässigung, mangelnder Zuwendung und Leidenschaft geht sie eine flüchtige Affäre ein und wird nach deren Enthüllung entehrt, geächtet und verstoßen. Eines der zentralen Motive in Fontanes Roman ist der bürgerliche Moralkodex und mit ihm das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Zwängen und der unverfälschten Unbekümmertheit, die Effi Briest zueigen ist - und die abzulegen bzw. zu überwinden ihr nicht gelingen will.
Ein ähnliches Motiv finde ich in Chanels Beige - einem Duft, der zuallererst gesittet scheint und artig. Ein Duft ist dies wie die anmutige, kaum wahrnehmbare Neigung des Halses beim Anbieten einer Schale mit Gebäck - oder das höfliche, leise Lachen, wenn jemand einen harmlosen Scherz gemacht hat. Beige ist so ein vordergründig überaus konventioneller und nachgerade konservativ zu nennender, dabei hochwertig arrangierter Duft - verhalten blumig-duftig und dabei zu matt und puderfarben, um als lichthell gelten zu können. Darin gefangen jedoch ist eine Süße - einer mühsam bezähmten Ungezogenheit gleich - die hervorbrechen will, doch es nicht kann. Nur wenn man sich ihm bis zum Letzten nähert, ihn tief einatmet und sich vollkommen auf ihn konzentriert, offenbart er etwas Köstliches und Weiches, das jenen verborgen bleibt, die diese Nähe nicht gestatten. So bleibt er gesittet und anständig, wagt sein Herz nicht zu offenbaren - und hütet sein Geheimnis bis zum Schluss.
Fazit: vordergründig wohlanständig und zart ohne Zärtlichkeit. Hintergründig voll versehrter Süße und voll Traurigkeit wie um einen namenlosen Verlust.
Kompliment - weil eine Schicht tiefer geschaut! Während mir viele "Pflicht"-Lektüren (Deutsch-LK) trotz Pflicht zur geliebten Lektüre wurden, ist mir dieser tatsächlich als (damals) undurchdringlicher Langweiler in Erinnerung. Wird getestet! Pokal!
dankeschön:-)