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Beige (Eau de Toilette) von Chanel

Beige 2008 Eau de Toilette

loewenherz
28.06.2015 - 09:14 Uhr
28
Top Rezension
7Duft 5Haltbarkeit 5Sillage 7.5Flakon

Effi Briest

Unter den drei großen europäischen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts - Flauberts Madame Bovary, Tolstois Anna Karenina und eben Fontanes Effi Briest - ist letzterer hierzulande sowohl der bekannteste, wie auch der mutmaßlich unbeliebteste. Die Wurzel hierfür liegt vermutlich in der oft wenig inspirierenden bzw. inspirierten Pflichtlektüre in der gymnasialen Oberstufe - Effi Briest ist neben Lessings Nathan der Weise ein Stück Literatur, an dem auf dem Weg zur Adoleszenz kein Vorbeikommen zu sein scheint.

Zur kurzen Auffrischung: als junges Mädchen wird Effi auf Zureden ihrer Eltern mit einem deutlich älteren Mann verheiratet. Aus Vernachlässigung, mangelnder Zuwendung und Leidenschaft geht sie eine flüchtige Affäre ein und wird nach deren Enthüllung entehrt, geächtet und verstoßen. Eines der zentralen Motive in Fontanes Roman ist der bürgerliche Moralkodex und mit ihm das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Zwängen und der unverfälschten Unbekümmertheit, die Effi Briest zueigen ist - und die abzulegen bzw. zu überwinden ihr nicht gelingen will.

Ein ähnliches Motiv finde ich in Chanels Beige - einem Duft, der zuallererst gesittet scheint und artig. Ein Duft ist dies wie die anmutige, kaum wahrnehmbare Neigung des Halses beim Anbieten einer Schale mit Gebäck - oder das höfliche, leise Lachen, wenn jemand einen harmlosen Scherz gemacht hat. Beige ist so ein vordergründig überaus konventioneller und nachgerade konservativ zu nennender, dabei hochwertig arrangierter Duft - verhalten blumig-duftig und dabei zu matt und puderfarben, um als lichthell gelten zu können. Darin gefangen jedoch ist eine Süße - einer mühsam bezähmten Ungezogenheit gleich - die hervorbrechen will, doch es nicht kann. Nur wenn man sich ihm bis zum Letzten nähert, ihn tief einatmet und sich vollkommen auf ihn konzentriert, offenbart er etwas Köstliches und Weiches, das jenen verborgen bleibt, die diese Nähe nicht gestatten. So bleibt er gesittet und anständig, wagt sein Herz nicht zu offenbaren - und hütet sein Geheimnis bis zum Schluss.

Fazit: vordergründig wohlanständig und zart ohne Zärtlichkeit. Hintergründig voll versehrter Süße und voll Traurigkeit wie um einen namenlosen Verlust.
7 Antworten
BlaumilchBlaumilch vor 9 Jahren
Guter Kommentar mit gekonntem Literaturvergleich!
JoschJosch vor 10 Jahren
Kompliment - weil eine Schicht tiefer geschaut! Während mir viele "Pflicht"-Lektüren (Deutsch-LK) trotz Pflicht zur geliebten Lektüre wurden, ist mir dieser tatsächlich als (damals) undurchdringlicher Langweiler in Erinnerung. Wird getestet! Pokal!
TurandotTurandot vor 10 Jahren
Wunderbarer Kommentar, besonders da ich Fontane liebe. Der Autor, der mir in der Schule vergrault wurde ist Bert Brecht.
Katt007Katt007 vor 10 Jahren
So ein schöner, literarischer Kommi! Pokal
LadygLadyg vor 10 Jahren
toll beschrieben,
dankeschön:-)
BeGantleBeGantle vor 10 Jahren
sehr schön geschrieben
AmandanAmandan vor 10 Jahren
Genau so empfinde ich Beige auch. Nur kann ich's leider nicht so schön beschreiben. Geheimnispokal für Dich!