Auf der Suche nach einem gescheiten Weihnachtsparfum für den Herrn kommt man an Creeds Orange Spice nicht vorbei.
Dieser Duft beinhaltet zwei gegensätzliche Akkorde. Zum einen der weihnachtliche Teil: eine köstliche und ausgesprochen deutliche Mandarine, sehr zurückhaltend unterlegt mit würzigen Noten. Diese erinnern mich etwas an Lebkuchen, doch die Mandarine erzeugt ebenso Gedanken an Plumpudding oder Früchtekuchen.
Im allgemeinen mag ich Orangendüfte nicht besonders, und Orange Spice wäre da keine Ausnahme, wenn denn Orange oder Mandarine das einzige wäre, um das es hier ginge. Aber neben dem Weihnachtskram gibt es etwas richtig männliches: einen sauberen, seifigen Barber-Shop-Akkord!
Liebliche, zarte oder blumige Noten sind immer schwierig in Herrendüften. Die verlangen einen Gegenspieler - oder wenigstens Begleiter - der genau jene Portion Männlichkeit hinzufügt, welche in der generellen Richtung des Duftes fehlt. Ich glaube, es ist nicht einfach, so einen Gegenspieler zu integrieren ohne die Schönheit des ursprünglichen Ansatzes zu beinträchtigen. In Orange Spice wurde diese Herausforderung perfekt gemeistert. Die seifige Note selbst ist ja nicht so dunkel oder rauh, dass sie die liebliche oder auch opimistische Tendenz der Mandarine verstellen würde.
Für mich ist Orange Spice ausschließlich ein Weihnachtsparfum, Ausnahmen bestätigen die Regel. So zart und unschuldig die Mandarine auf den ersten Blick erscheint, auf Dauer kann sie anstrengend werden. Ich hätte bald die Nase voll, würde ich das täglich benutzen. Aber einmal im Jahr, zu dieser speziellen Zeit, trage ich gerne Orange Spice, und ich freue mich darauf. Es ist wie mit dem Lebkuchen: den futtert man ja auch nicht das ganze Jahr.
Orange Spice hat die volle Stärke eines Eau de Parfum, man kann also einen ganzen Tag damit verbringen. Besonders modern ist Orange Spice nicht, schließlich ist es ein Klassiker aus dem Jahr 1950. Bis jetzt hat es auf Parfumo ja nicht sehr viel Beachtung gefunden, vielleicht weil es etwas sehr speziell ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass man es beiseite stellt, weil man sich von der Orange im Namen etwas sommerlich-leichtes erhofft. Es wäre nicht fair, es mit bekannteren Mandarinendüften wie etwa Clinique Happy for Men zu vergleichen oder den Orangen von Hermès.
Meine Lieblingsmarke ist Creed nicht. Die machen konservative Düfte bis über den Punkt hinaus, wo sie nur noch langweilig sind. Abgesehen von Bois du Portugal ist Orange Spice der einzige Creed, den ich wirklich mag. Mit dieser zarten aber gleichwohl sehr expressiven Mandarinen-Seife-Richtung hebt es sich von den anderen, konventionelleren Creeds deutlich ab.
Den PR-Jahreszahlen sollt man keinen Glauben schenken, Creed macht seit 1975 Parfüms und bei OS hatte vermutlich Pierre Bourdon seine Finger im Spiel (es ist Kouros sehr nahe und er hat ja auch GIT für Creed gemacht)
Leider hat der nach über ner Stunde an mir fürchterlich gestunken (irgendne Mischung aus Animalischem und Bahnhofsklo), zuvor entwickelte er sich prächtig...