Au Lac Eau d'Italie 2010
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Top Rezension
Zwanzig Cent und eine Krone
Er heißt Umberto Boccioni, ist italienischer Maler und Bildhauer, Theoretiker der Bewegung des Futurismus, eine Ikone der damaligen Kunstszene. Ein Abbild eines seiner Werke, der Skulptur „Forme uniche della continuità nello spazio“ (Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum) ziert heute die italienische 20-Cent Münze.
Sie, Vittoria Colonna, ist eine römische, gebildete Prinzessin und unglücklich verheiratet.
Der erste Weltkrieg bricht aus. Nachdem ihr Mann an die Front eingezogen wird, zieht sich Principessa Vittoria auf die kleine Insel San Giovanni im Lago Maggiore zurück und widmet ihre Zeit der Pflege des großen Familienanwesens mit den prächtigen Parkanlagen. Hier, im Juni 1916, begegnet sie zum ersten Mal Umberto Boccioni. Aus inniger Freundschaft wird sehr bald die große Liebe ...
Noblesse oblige, eine Amour fou unter Ausschluss der Öffentlichkeit, leidenschaftlich und intensiv. Sie findet rasch ein tragisches Ende. Boccioni wird wie ihr Mann eingezogen und stirbt nach einem Sturz vom Pferd, dreiundreißig Jahre alt.
Ungefähr ein Jahrhundert später, im Jahr 2010, will das Haus "Eau d‘Italie" dieser Liebesgeschichte ein olfaktorisches Denkmal setzen und präsentiert den Frauenduft „Au Lac“ (am See): eine blumige Sommerbrise, die aus dem an einem Ufer gelegen Park herüber weht. Ein durch und durch romantischer Duft, der aber auch zugleich avantgardistisch daher kommen will. Laut Eau d‘Italie eine Vermählung zwischen einem üppigen, klassischen, floralen Blumenbouquet und der vibrierenden und dynamischen Struktur eines futuristischen Gemäldes. Mit der praktischen Umsetzung dieses romantisch-avantgardistischen Duftkonzepts wird Alberto Morillas anvertraut.
Der Anspruch ist gewagt und hoch. Eigentlich ein Paradoxon: Einen floralen, hyperfemininen Duft zu schaffen der zugleich elekrtrisierend dynamisch daherkommt, ist wahrhaftig eine Herausforderung für jeden Parfumeur. Waren die bisherigen Düfte von "Eau d‘Italie" alle durchaus interessant, wird mit diesem Duft die Messlatte nun fast in stratosphärische Höhen gelegt. Es bleibt die bange Frage, ob „Au lac“ nun dieses Ziel erreicht hat.
Meiner Ansicht nach nicht. Mag der Wind auch noch so seufzen und der Rosenstrauch auch noch so klagen, sehen wir den Tatsachen ins Auge. „Au lac“ hat fast alle objektiven Ziele verfehlt. Nach dem geforderten futuristischen Avantgardismus wird man ergebnislos schnuppern und außergewöhnlich fraulich und romantisch ist er auch nicht. Ein neuer möglicher Klassiker wurde nicht geschaffen.
Schade, dass der Duft so euphorisch mit dermaßen hohen Ansprüchen vorgestellt wurde. Denn an genau diesen Aussagen wird er sich nun messen lassen müssen. Von daher wurde das Ziel klar verfehlt. Was bleibt ist ein eher konventioneller floraler, grüner, aquatischer Duft im Stil unserer Zeit. Ein netter Duft, nicht mehr und nicht weniger.
Die Kopfnote ist sehr delikat, ein hesperidisches Erzittern. Eine Ahnung von Zitrone vermischt mit der sanften Bitterkeit der Blätter des Orangenbaums. Dem folgt eine eine prächtige Lotusnote, die sich über dem Wasser ausbreitet, welches seinerseits durch grüne Melonen- und Gurkenaromen sugeriert wird. Hierin gleicht es jenen Düften, die die Stimmung eines Gartens nach einem warmen Sommerregen einfangen wollen. Allerdings kommt „Au lac“ sehr viel ruhiger daher. Kein Kontrapunkt trübt die Stille des Sees.
Die Herznote, ein sehr grünes Duo, bar jeglicher Süße, der Lotus und die Wassermelone, machen sich recht schnell bemerkbar und dominieren den Duft für längere Zeit. Ein kaum wahrnehmbarer prickelnder, spritziger Eindruck ist wohl die eingeforderte dynamisch-futuristische Komponente; eine doch eher bescheidene Hommage an Umberto Boccione.
Diese leichte Spannung steigert sich etwas um dann einer transluziden Holznote zu weichen. Auch in diesem Stadium bleibt der Duft aquatisch um anschließend zu entschwinden.
Epilog:
Die Revolution wurde abgeblasen. Geblieben ist ein Duft des ruhigen Süßwassers, floral und grün. „Au lac“ ist ein netter Duft, ohne Ecken und Kanten und unterscheidet sich gerade in dem Punkt von den anderen Düften des Hauses.
Die tragische Liebe zwischen Umberto und Vittoria hätte etwas besseres verdient...
Sie, Vittoria Colonna, ist eine römische, gebildete Prinzessin und unglücklich verheiratet.
Der erste Weltkrieg bricht aus. Nachdem ihr Mann an die Front eingezogen wird, zieht sich Principessa Vittoria auf die kleine Insel San Giovanni im Lago Maggiore zurück und widmet ihre Zeit der Pflege des großen Familienanwesens mit den prächtigen Parkanlagen. Hier, im Juni 1916, begegnet sie zum ersten Mal Umberto Boccioni. Aus inniger Freundschaft wird sehr bald die große Liebe ...
Noblesse oblige, eine Amour fou unter Ausschluss der Öffentlichkeit, leidenschaftlich und intensiv. Sie findet rasch ein tragisches Ende. Boccioni wird wie ihr Mann eingezogen und stirbt nach einem Sturz vom Pferd, dreiundreißig Jahre alt.
Ungefähr ein Jahrhundert später, im Jahr 2010, will das Haus "Eau d‘Italie" dieser Liebesgeschichte ein olfaktorisches Denkmal setzen und präsentiert den Frauenduft „Au Lac“ (am See): eine blumige Sommerbrise, die aus dem an einem Ufer gelegen Park herüber weht. Ein durch und durch romantischer Duft, der aber auch zugleich avantgardistisch daher kommen will. Laut Eau d‘Italie eine Vermählung zwischen einem üppigen, klassischen, floralen Blumenbouquet und der vibrierenden und dynamischen Struktur eines futuristischen Gemäldes. Mit der praktischen Umsetzung dieses romantisch-avantgardistischen Duftkonzepts wird Alberto Morillas anvertraut.
Der Anspruch ist gewagt und hoch. Eigentlich ein Paradoxon: Einen floralen, hyperfemininen Duft zu schaffen der zugleich elekrtrisierend dynamisch daherkommt, ist wahrhaftig eine Herausforderung für jeden Parfumeur. Waren die bisherigen Düfte von "Eau d‘Italie" alle durchaus interessant, wird mit diesem Duft die Messlatte nun fast in stratosphärische Höhen gelegt. Es bleibt die bange Frage, ob „Au lac“ nun dieses Ziel erreicht hat.
Meiner Ansicht nach nicht. Mag der Wind auch noch so seufzen und der Rosenstrauch auch noch so klagen, sehen wir den Tatsachen ins Auge. „Au lac“ hat fast alle objektiven Ziele verfehlt. Nach dem geforderten futuristischen Avantgardismus wird man ergebnislos schnuppern und außergewöhnlich fraulich und romantisch ist er auch nicht. Ein neuer möglicher Klassiker wurde nicht geschaffen.
Schade, dass der Duft so euphorisch mit dermaßen hohen Ansprüchen vorgestellt wurde. Denn an genau diesen Aussagen wird er sich nun messen lassen müssen. Von daher wurde das Ziel klar verfehlt. Was bleibt ist ein eher konventioneller floraler, grüner, aquatischer Duft im Stil unserer Zeit. Ein netter Duft, nicht mehr und nicht weniger.
Die Kopfnote ist sehr delikat, ein hesperidisches Erzittern. Eine Ahnung von Zitrone vermischt mit der sanften Bitterkeit der Blätter des Orangenbaums. Dem folgt eine eine prächtige Lotusnote, die sich über dem Wasser ausbreitet, welches seinerseits durch grüne Melonen- und Gurkenaromen sugeriert wird. Hierin gleicht es jenen Düften, die die Stimmung eines Gartens nach einem warmen Sommerregen einfangen wollen. Allerdings kommt „Au lac“ sehr viel ruhiger daher. Kein Kontrapunkt trübt die Stille des Sees.
Die Herznote, ein sehr grünes Duo, bar jeglicher Süße, der Lotus und die Wassermelone, machen sich recht schnell bemerkbar und dominieren den Duft für längere Zeit. Ein kaum wahrnehmbarer prickelnder, spritziger Eindruck ist wohl die eingeforderte dynamisch-futuristische Komponente; eine doch eher bescheidene Hommage an Umberto Boccione.
Diese leichte Spannung steigert sich etwas um dann einer transluziden Holznote zu weichen. Auch in diesem Stadium bleibt der Duft aquatisch um anschließend zu entschwinden.
Epilog:
Die Revolution wurde abgeblasen. Geblieben ist ein Duft des ruhigen Süßwassers, floral und grün. „Au lac“ ist ein netter Duft, ohne Ecken und Kanten und unterscheidet sich gerade in dem Punkt von den anderen Düften des Hauses.
Die tragische Liebe zwischen Umberto und Vittoria hätte etwas besseres verdient...
9 Antworten
Hasi vor 12 Jahren
(...) ich gerade gesehen habe. Manchmal entdeckt man etwas wirklich gutes um gleichzeitig mit größtem Bedauern feststellen zu müssen, dass es nicht mehr zu haben ist. Ich hoffe, dass es Dir gut geht!
Hasi vor 12 Jahren
Auch wenn mir Duft und Flakon gefallen (heute erst getestet, manches dauert eben länger) finde ich Deinen Kommentar herausragend gut und er hätte das 10-fache an Pokalen verdient! Wirklich schade, dass Du nicht mehr hier bist und schreibst, wie (...)
Florblanca vor 14 Jahren
Welch wunderschöne Geschichte. Ich habe das Pröbchen schon lange und gestern habe ich ihn getestet. Ich bin ehrlich begeistert von diesem Duft. Er hat etwas befreiendes... Pokal für Dich in MAXIgröße.
Skyliner vor 15 Jahren
Hallo Fran, man kann über die Form und Farbe des Flakons durchaus unterschiedlicher Meinung sein - wie übrigens auch über den Duft. Beanspruche nicht die alleinige Wahrheit zu verkünden. Schön zu lesen, dass dir mein Kommentar gefallen hat :)
Fran vor 15 Jahren
Oh doch, gerade den Flakon finde ich total schön. Rosa-weiß, aber mit Ecken und Kanten. Nie und nimmer hätte ich darin einen grünen aquatischen Duft vermutet. Danke für deinen schönen Kommentar!
Skyliner vor 15 Jahren
@louce: hab es genau so empfunden. Wie so oft bei den Parfums, sie halten nicht das, was sie versprechen. Und: danke für dein deine positive Bewertung meines Kommentars! Soll mir ein Ansporn sein.
Louce vor 15 Jahren
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Ich denke, der großartig moderne Anhub des ital. Futurismo ist gar nicht mit Romanze und Weiblichkeit zu verbinden und dann noch als Duftmetapher darstellbar. Eine unsinnige, unerreichbare Latte. Danke für den tollen Kommentar!
Skyliner vor 15 Jahren
@kalix: Mit dem Flakon, pardon, der Flasche, kann ich dir nur zustimmen. Aber es könnte ja auch sein, dass genau er die schmerzlich vermisste futuristische Note repräsentieren soll ;)
Kalix vor 15 Jahren
Tragisch-schöner Kommentar. Eine hohe Kunst,große Gefühle in Düfte umzusetzen, aber es kann gelingen. Diese Flasche (ich will sie nicht Flakon nennen) gefällt mir überhaupt nicht, da kommt keine Stimmung auf.

