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Musc Ravageur (Eau de Parfum) von Editions de Parfums Frédéric Malle

Musc Ravageur 2000 Eau de Parfum

Profumo
11.03.2019 - 13:41 Uhr
47
Top Rezension
10Duft 10Haltbarkeit 9Sillage 8Flakon

Striptease einer olfaktorischen Dragqueen

Kaum zu glauben, dass schon fast 20 Jahre seit der Einführung von ‚Musc Ravageur’ vergangen sind!
Luca Turins Verdikt: ‚.... more flashy than good’ habe ich damals absolut geteilt, und ich weiß noch, dass ich den Duft als laut, plakativ und banal empfand – ein etwas zu süß geratenes Moschus-zentriertes Werk im mainstreamigen Vanille-Gewand.

Was für ein Irrtum!

Dabei lag ich im Grunde gar nicht so falsch, nur hatte ich mir nicht die Mühe gemacht, MR in Ruhe auf mich wirken zu lassen.
Nicht MR war ‚flashy’, ich war es. Einmal daran geschnuppert und – zack – ein Urteil gefällt. Dabei ist MR ein Duft, den man, wie kaum einen anderen, langsam und vor allem mehrfach testen sollte, um ihn angemessen beurteilen zu können.
MR ist nämlich ein wahres Duft-Chamäleon: einmal meint man einen von Moschus und Vanille dominierten orientalischen Duft zu erkennen, während er sich ein anderes Mal als klassisches Fougère, mit krautigen Lavendelnoten im Kopf und Herz, und pudrig-animalischer Basis entpuppt.
Interessanterweise wird er auch genau so uneinheitlich wahrgenommen – und nach bald 20 Jahren haben sich in den diversen Foren wahrlich viele zu ihm geäußert!
Vom ultra-femininen, süßen Gourmand-Orientalen, völlig untragbar für das männliche Geschlecht, bis hin zum Testosteron-geladenen Macho-Fougère, diesmal absolut nicht der Damenwelt empfohlen. Sehr, sehr viele, mitunter absurd widersprechende Urteile, sind unter allen diesen Kommentaren zu finden.
Viele aber, und zu dieser Gruppe zähle ich auch mich mittlerweile, teilen diese Extrempositionen nicht. Der Duft ist nicht das eine oder das andere, er ist beides.

Mit MR ist es ein bisschen wie damals mit ‚Mary & Gordy’: am Ende einer ihrer Shows legten sie zu Frank Sinatras ‚My Way’ den Fummel und die Perücken ab, zogen die falschen Wimpern von den Augenlidern, wischten sich das Make-up von den Wangen und standen zu den letzten Takten erkennbar als das was sie eigentlich waren vor ihrem Publikum: als Männer. Natürlich wusste jeder von Anfang an, dass die beiden Travestiekünstler waren, aber sie waren so perfekt, dass man es irgendwie vergaß. Nun aber, am Ende der Show, erstaunte man dennoch, dass es diese Kerle waren, die das ganze Blendwerk vollbrachten.
Ein Basenoter schrieb über MR: ‚... a sexual dragqueen of frag.’

Der Duftverlauf ist genau so ein Striptease – vom Vamp zum Kerl.
Und wie all der Glitter den männlichen Kern tarnt, so camoufliert anfänglich ein süß-säuerlicher, leicht bitterer Mandarinen-Bergamotte-Akkord, im Gefolge von einer warm aufblühenden Nelken- und Zimt-würzigen Vanille-Süße im Herzen, den eigentlichen aromatisch-herben Lavendel-Kern auf recht deftig animalischer Basis (obwohl, so deftig ist sie gar nicht, doch davon später....).
Eine Verwandlung von ‚Shalimar’ zu ‚Kouros’, sozusagen, wobei MR weder die Opulenz des einen Duftes besitzt, noch den Hautgout des anderen.
Nein, MR kommt längst nicht so vollbusig daher, stellt aber auch weniger breitbeinig sein Gemächt zur Schau, ist schlanker, androgyner - und doch sind beide Düfte irgendwie Paten.

Überhaupt die animalische Basis! So unterschiedlich wie der ganze Duft wird auch sie beurteilt: von untragbar und unzumutbar, bis hin zu süchtig-machend und überaus erotisch.
Für Liebhaber von ‚White-Musc’- und ‚Clean-Musc’- Düften, von Sauber-Düften überhaupt, dürfte sie absolut nicht tolerabel sein. Wer aber Düfte mit erheblichen Zibet- und/oder Animalis-Anteilen (eine Parfum-Base verschiedenster animalischer Sekrete) schätzt, bei ‚Kouros’ nicht gleich in Ohnmacht fällt, Diors ‚Leather Oud’ tragbar findet und ebenso die Düfte von Bogue, der/die wird mit MR überhaupt kein Problem haben.
Ich finde diese animalische Seite ausgesprochen anregend (um nicht zu sagen: erregend!) und seeehr sexy!

Zwei weitere Düfte fallen mir noch ein, die ich lose mit MR assoziiere. Der eine ist Alyssa Ashleys ‚Musk’ aus den 60er Jahren und der andere ist good ole ‚Jicky’.
‚Musk’ war während meiner Schulzeit in den 70ern ziemlich beliebt, einer der damals zahlreichen Hippie-Moschusdüfte. Im Vergleich zu MR ist er jedoch viel langweiliger und vor allem harmloser, eben nicht ‚ravageur’, sprich: umwerfend, verheerend, zerstörerisch.... Nichts dergleichen ist Alyssa Ashleys ‚Musk’, und doch erinnert mich MR hin und wieder an diesen Duft, und macht mich dann ein klein wenig nostalgisch.

‚Jicky’ wiederum ist ein ähnliches Duft-Chamäleon – ebenso schwierig zu dechiffrieren, ob ‚pour homme’ oder ‚pour femme’, ob Fougère oder schon irgendwie Orientale, aber genau dieses Maskenspiel, diese Vagheit, dieses sich der Verortung entziehen, das ist es, was ich an ‚Jicky’, aber eben auch an MR, sehr schätze.
Mit ‚Jicky’ verbindet MR noch eine weitere Parallele: beide sind bei aller Wucht die sie entfalten können, fast schlanke Werke, die auf wenigen Akkorden aufbauen – eher minimalistische Düfte mit maximalem Effekt.
Apropos maximaler Effekt: MR hält an mir unfassbar lange. Ich glaube, ich habe noch nie einen Duft erlebt, der ein derartiger Langläufer ist. Selbst 2 Tage später kann ich ihn immer noch auf der Haut nachspüren, und das ist mir – im Gegensatz zu Bogues ‚Mem’ – überhaupt nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Ist ‚Mem’ irgendwie penetrant und erschlagend, bleibt MR einem standhaft zur Seite, aber eben ‚zur Seite’, ohne den Träger (olfaktorisch) zu begraben.

Luca Turins Verdikt muss ich nun doch variieren: ‚....not flashy. Really good!’
Five Stars!

Aktualisiert am 12.03.2019 - 09:08 Uhr
6 Antworten
MightynafMightynaf vor 6 Jahren
Noch eine Stimme zu : perfekt beschrieben! Danke dafür.. hab den Duft 2 x wieder verkauft, jetzt darf er aber bleiben.. für immer!=:)
AugustoAugusto vor 6 Jahren
Sehr hilfreiche Beschreibung für ein wahrhaft schillerndes Chamäleon! Er ist bei jedem Tragen ein bisschen anders.
MamskiMamski vor 6 Jahren
Toller Kommentar! Es reut mich schon lange, ihn abgegeben zu haben und nun, nach deinen Worten, noch viel mehr. Ich hatte mich zweimal überparfumiert damit und dann konnte ich ihn lange nicht riechen, ja, nicht mal mehr den Flakon mochte ich sehen. Ein extrem toller Duft!
taurus65taurus65 vor 6 Jahren
Sehr schöner Kommi, welcher diesem schönen Duft voll auf gerecht wird.
YataganYatagan vor 6 Jahren
Spätestens durch den Vergleich mit Jicky hast Du mich endgültig dazu gebracht, dem Duft noch mal eine Chance zu geben. Sehr gelungener Kommentar!
ExUserExUser vor 6 Jahren
Ich glaube besser hätte man Musk Ravageur nicht beschreiben können. Deinen Kommentar habe ich sehr gerne gelesen.