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Musc Ravageur (Eau de Parfum) von Editions de Parfums Frédéric Malle

Musc Ravageur 2000 Eau de Parfum

Naaase
05.05.2014 - 08:28 Uhr
Top Rezension
9Duft

Italian Stallion in der Konditorei

"Italian Stallion in der Konditorei"

Also, ich habe ja eine furchtbare Schwäche für diese Kreationen von Frédéric Malle beziehungsweise für die seiner "Autoren". Bereits das Grundkonzept, im Bereich der Parfumkunst eine Art "Verlag" zu eröffnen, um dann nach und nach die größten Meister ihres Fachs einzuladen, verdient schon höchste Anerkennung. Zumal dieses Vorhaben deutlich erkennbar von dem fast schon als fanatisch zu bezeichnenden Bestreben getragen ist, einzigartige Werke auf höchstem Niveau zu kreieren.

Und so soll zunächst zitiert werden, was hier in diesem Forum zu diesen Werken geschrieben steht: "Die einzige Vorgabe seitens Frédéric Malle: Alle Schnörkel, alles Beiwerk, alles Überflüssige muss weg gelassen werden. Ziel ist ein absolut konsequentes, kompromissloses Komponieren auf der Spur eines gewünschten Eindrucks oder einer zentralen Note. Dafür werden möglichst optimale Vorraussetzungen geschaffen: Die Parfumeur/innen haben viel Zeit, keinen Druck, so gut wie unbeschränkte Auswahl an Zutaten. Frédéric Malles Ziel ist, ihnen größtmögliche Freiheit zu geben."

Man muss diese Werke nicht mögen, aber höchste Anerkennung verdienen sie allemal. Nur, wer nach dem zuvor Gesagten einfache Mainstream-Düfte erwartet, der wird fraglos enttäuscht sein. Es sind vielmehr Düfte, die ihren Träger herausfordern, mit denen man gleichsam arbeiten muss. Düfte, die von ihren spannenden Gegensätzen leben.

So auch "Musc Ravageur" des "Autors" Maurice Roucel. Doch wer ist dieser Maurice Rocel ?

Maurice Roucel begann 1973 nicht als Parfumeur, sondern vielmehr als Chemiker bei Chanel . Dort entdeckte er seine Liebe zum Parfum und begann seine Ausbildung unter Henri Robert. Seine profunden Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Chemie prägten ihn von Anfang an: Denn bereits während seiner Ausbildung hatte er nämlich begonnen, jede Formel und jeden Rohstoff zu zerlegen und zu studieren. So erzählt man sich, dass sein halb chemischer, halb ästhetischer Blick auch heute noch seine Stärke ausmache. So hat er seinen einzigartigen Stil entwickeln können: Obgleich er stets bemüht ist, ein möglichst breites Spektrum an Duftkompositionen zu kreieren haben alle seine Werke den selben Ursprung: Die konsequente Suche nach der absoluten Sinnlichkeit unter dem Herausarbeiten des -nach seiner Auffassung- Wesentlichen, wobei er gerne mit Überdosierungen von Rohstoffen arbeitet. Demgemäß gibt es bei ihm keinen Platz für Substanzen, die er auf der Grundlage dieser konsequenten Philosophie als "unnötig" ansieht.

Deshalb bezeichnet sich Maurice Roucel selbst gerne als «Forscher, der in den Formeln spazieren geht». Auch hieran sieht man wieder seinen Hintergrund aus dem Bereich der Chemie, der sich wie ein "roter Faden" durch seine Werke zu ziehen scheint. So geht er bei der Komposition eines Duftes wie folgt vor: Er geht gerne von einer einzigen Note aus, deren Charakter er verändert, indem er konsequent Rohstoffe entfernt oder hinzufügt.

Nun aber zu "Musc Ravageur": Wie uns der Name schon sagt wird hier mit einem von Maurice Roucel's Lieblings-Rohstoffen gearbeitet: Dem Moschus.

Das Ganze beginnt zwar noch relativ "erfrischend" und damit (vorerst noch mal kurz) unkompliziert mit Bergamotte und Lavendel.

Doch dann ist auch recht schnell "Schluss mit lustig":
Ein ebenso dunkler wie orientalischer Moschus betritt als Hauptdarsteller die Bühne. Mir kommen Bilder in den Sinn von "Rocky" mit seinem Kampfnamen "The Italian Stallion", der italienische Hengst. Es ist aber kein umgangssprachlicher "Hengst" (Ihr wisst schon ...), sondern ein ebenso edles wie stolzes Tier. Daraus folgt, dass es sich auch nicht um den -vorsichtig gesagt- "ungeschliffenen Rohdiamant" von Rocky aus den Folgen 1 und 2 handelt, in denen er erst um die "Krone im Boxsport" kämpft. Nein, es ist schon eher der stolze Rocky aus Teil 4, wenn es gegen Drago zur Sache geht. Wie auch im Boxsport fließt bei Roucel's "Musc Ravageur" ordentlich Schweiß. Dieser Schweiß hat jedoch stets was Edles, zu keinem Zeitpunkt etwas Anrüchiges oder gar Schmuddeliges. Dafür ist er zu rein und zu stolz.
Nur begleitet von etwas Gewürznelke und irgendwo im Boxring glaube ich auch noch ein ebenso kleines wie putziges Räucherstäbchen erkennen zu können. Und das Ganze geht dann schon mal 'ne ganze Weile.

Und was geschieht dann ? Ja, dann setzt sich Rocky zur Ruhe und eröffnet eine Konditorei. Unversehens wechselt der Film: Man sieht nicht mehr zwei schwitzende, sich gegenseitig verprügelnde (muskelbepackte) Männerkörper auf der Leinwand. Vielmehr startet der 2001 erschienene Kinofilm "Chocolat": In diesem Film geht es um Vianne Rocher und ihre Tochter Anouk. Diese eröffnen in einem kleinen französischen Städtchen namens Lansquenet-sous-Tannes ein. Dort eröffnen sie eine Chocolatrie womit sie die geheimen Gelüste der Einheimischen wecken. Dem Bürgermeister dieses verschlafenen Städtchens sind die verführerischen Genüsse während der Fastenzeit jedoch äußerst suspekt und so dauert es auch nicht lange, bis dieser Vianne den Krieg erklärt. Natürlich endet das Ganze gut.

Aber genau in diese Chocolatrie fühlt man sich unvermittelt versetzt. Und Rocky ist auch gleich mit von der Partie: Es tummeln sich Unmengen von Zimt, Vanille und Schokolade. Letztere in Form von ganzen Legionen von Tonka-Bohnen, die den Eindruck edelster Zartbitter-Schokolade vermitteln.

Und wie lange geht das ? Na ja, zumindest länger als der Film dauert. Womöglich sogar länger als es gebraucht hat, den Film zu drehen. Ach, was sag' ich: In dieser Zeit hätte man alle Folgen von Rocky abdrehen können. Wie man sieht: Mangelnde Haltbarkeit ist also kein Kritikpunkt.

Ebensowenig wie der Flakon: Puristisch aber edel. Einfach schön !

Aber, was gibt es als Fazit zu sagen ?
Nun ja, eine spannende Idee, anhand von hochwertigsten Zutaten spannend und konsequent durchgezogen. Alle Achtung. Hierfür muss man dem großen Meister angesichts unzähliger moderner Mainstream-Düfte nicht nur höchste Anerkennung zollen sondern auch danken.

Zweifellos ein großes Meisterwerk. Würde ich es (womöglich täglich) tragen ? Eher nicht. Da halte ich es mit der Werbung von diesen "Fisherman's Friends": "Sind sie zu stark bist Du zu schwach." Bin ich wohl, denn ich finde sowohl das "Rocky-Epos" als auch den Film "Chocolat" sehr schön. Aber an einem einzigen Abend würde ich sie mir nicht zusammen ansehen.
6 Antworten
MandelmausMandelmaus vor 11 Jahren
Nun muss ich doch mal meine Probe rauskramen. Sehr schön beschrieben :)
DobbsDobbs vor 11 Jahren
Schöne Mischung aus Duftbeschreibung und Hintergrundinfo.
ZionistZionist vor 11 Jahren
Kinky and sweetness- welch teuflisch verbotene Versuchung
TAAKETAAKE vor 11 Jahren
sehr guter kommi mit tollen hintergrundinfos!! ich hab` den sehr gerne getragen, werde ihn aber wohl dennoch nicht nachkaufen... vielen dank für das lesevergnügen!
NaaaseNaaase vor 11 Jahren
Vielen Dank. Hab den italienischen Hengst gerade verbessert. Müssen da wohl "die Gäule mit mir durchgegangen sein ;-)
MrWhiteMrWhite vor 11 Jahren
Top beschrieben, aber mir gefällt gerade diese Kombination aus dreckig und süß bzw. das ist der Schlüssel dieses Duftes. BTW: Stallion mit o :-)