Seit neun Jahren ist der Schweizer Thierry Wasser nun Chefparfumeur bei Guerlain - der erste übrigens, dessen Familienname nicht Guerlain lautet. Mindestens in wirtschaftlicher Hinsicht hat er mit durchaus beachtlichen Erfolgen zu Ehre und Ruhm des Hauses beigetragen. Dennoch wird er von den AnhängerInnen der Altvorderen des Guerlainschen Œuvres nicht uneingeschränkt geliebt. Man mag darüber streiten, ob er die Mode der zuckrigen Gourmanddüfte im Sinne des (ökonomischen) Erfolges des Hauses Guerlain nur etwas übereifrig für dessen Portfolio adaptierte - oder ob er für diesen Trend selbst (mit-)verantwortlich war - jedenfalls: bei einem Duft von Thierry Wasser erwartet man meist einen süßen Duft.
Taucht in den gelisteten Duftnoten eines Parfums irgendwo 'gezuckertes Irgendwas' auf, werde ich meistens misstrauisch - noch deutlich misstrauischer übrigens bei 'gesalzenes' oder - mein Negativfavorit: 'gefrostetes Irgendwas'. Fast immer verbergen sich dahinter überprozessierte Modedüfte, die nach dem Prinzip 'Ersticken durch Umarmen' funktionieren und durch das überpräsente Gezuckerte, Gesalzene oder Gefrostete von einem beklagenswerten Mangel an allem anderen abzulenken versuchen. Und liest man oben stehende Ingredienzen von Guerlains rosafarbenem Hochzeitsduft - zumal aus der Feder von Thierry Wasser - dann mag man mit dem Allerschlimmsten rechnen. Und das kommt dann auch. Und auch wieder nicht.
Le Bouquet de la Mariée hat alles, was man von einem Wasser erwarten mag. Ganz ohne Zweifel ist dies ein sehr süßer Duft. Mandel, Vanille und Moschus sind seine kennzeichnenden Duftnoten - begleitet von etwas wie gebranntem Zucker und lebhaft flimmernden, lieblichen Sommerblumen - eben ein Thierry Wasser durch und durch. Und doch möchte ich gerade denjenigen, die jetzt abwinken, weil sie alles gehört zu haben glauben, was es zu diesem Duft zu wissen gibt, einen Test ganz nachdrücklich empfehlen, denn Le Bouquet de la Mariée spielt das Wesen des Wasserschen Duftschaffens in einer anderen Liga als all die sattsam bekannten Gassenhauer, legt qualitativ wahrnehmbar noch einen drauf. Und siehe da: wie wohl das riecht!
Fazit: der Flakon allein ist wunderschön. Man möchte sofort, aber wirklich sofort irgendjemanden heiraten. Romantisch. Opulent. Gekonnt 'over the top'. Und sein Inhalt ist das auch - tanzende und jubilierende Zuckermoleküle, heiter und lebhaft und souverän. Ein leuchtender und zauberhafter Wasser.
Ja, genau - der ist unter den süßen Guerlains auch mein Favorit. Nur anfänglich konnte ich mich für "Mon Guerlain" begeistern, der wurde mir dann zu viel, zu vanillig. Thierry Wasser kann aber auch unsüß, siehe die neuen Colognes. ;-)