Muß man verrückt sein, um an einem diesigen Novembertag, dessen Temperaturen nicht sehr weit über den Gefrierpunkt hinausgehen, diesen so eindeutig als Sommerkandidaten deklarierten Duft zu tragen? Vielleicht bin ich durch den in diesem Jahr ausgefallenen Sommer geschädigt, vielleicht habe ich in der letzten Woche noch einen verspäteten Sonnenstich bekommen, vielleicht war's aber auch einfach der Wunsch, diesem Wetter einen Kontrapunkt entgegenzusetzen - in jedem Fall führte heute kein Weg an Dilmun vorbei und tatsächlich hat dieses Nerolibömbchen zumindest in meinem Herzen die Sonne scheinen lassen. Wohl wahr - man muß ein klassisches Eau de Cologne schon mögen, um mit diesem Duft grundsätzlich etwas anfangen zu können. Und man sollte auch nicht gerade ein Omi-4711-Trauma pflegen - diesbezüglich wurde hier ja schon zur Genüge gewarnt. Dilmun beschreitet ganz eindeutig die konventionelle Cologne-Richtung, ist aber wesentlich komplexer als die dort so oft anzutreffenden erfrischend-anregenden, aber doch ein wenig einspurigen Duftwässerchen. Den Auftakt bildet eine kleine Neroli-Explosion, der wir die genannten 4711-Assoziationen zu verdanken haben - doch wessen Näschen sich nun nicht rümpft, sondern ein wenig Geduld aufweist, wird belohnt von trocken-unsüßen Komponenten, die sich sehr bald mit allerlei grünen Bändern ins allzu Fruchtig-Frische einweben und den Duft vom ursprünglichen Weg abbringen in eine erstaunlich warme, skinnige, floral-grüne Gegend. Auch wenn die Zitrusnoten zumindest auf meiner Haut im gesamten Duftverlauf erhalten bleiben, spielen sie nur ganz kurze Zeit die erste Geige und fügen sich alsbald harmonisch ein in das olfaktorische Orchester, dessen Beteiligte ich nicht in jedem Fall eindeutig identifizieren kann, nicht einmal anhand der angegebenen Duftnoten, die aber alle miteinander die Komposition zu einem Villoresi-typischen Gesamtkunstwerk machen. Und deshalb lasse ich mich, wenn's denn sein muß, jetzt auch bereitwillig in eine Zwangsjacke stecken - Hauptsache, Dilmun darf mit!