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Das Mädchen mit den samaragdgrünen Augen
An einem Frühabend im November in einer überfüllten U-Bahn – nirgendwo auf dieser Welt möchte ich jetzt lieber sein!
Dutzende Menschen stehen dicht gedrängt wie Ölsardinen neben einander, die wenigen Sitzplätze sind innerhalb von Sekunden wieder besetzt. Junge Leute mit Ohrstöpseln wippen rhythmisch mit dem Kopf, während ihre Lippen lautlos den Text ihrer Lieder wiedergeben. Ich höre Hip-Hop und Raggae. Ich sehe Männer mit Aktentaschen aus Leder und kann die Gespräche von Studenten verfolgen, wie sie sich lautstark über juristische Probleme austauschen. Links sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich über ihre Einkäufe. Rechts meckert eine sichtlich genervte Mutter mit ihrem Kind, weil es mit dreckigen Stiefeln auf dem Sitz herumhüpft. Sie tut dies in einer Sprache die mir nicht vertraut ist. Ein älteres Ehepaar schüttelt provozierend den Kopf und man merkt, dass beide mit Mutter und Kind so ihre Probleme haben. Hinter mir steht ein kräftiger Mann und atmet mir ständig in den Nacken. Sein Geruch verrät mir, dass er nach Feierabend noch an einer Kneipe vorbeigekommen sein muss. Neben ihm klammert sich ein junges Mädchen an die Haltestange. Als ich mich zu ihr umdrehe, lächelt sich mich verkrampft und hilflos an. Ihr Blick verrät, dass sie das gleiche denkt wie ich. Mein Vorteil ihr gegenüber wird in jeder Kurve deutlich, der kräftige Mann hat nichts an dem er sich festhalten kann oder will.
Ein Blick auf die Monitore, die eigentlich News und die nächsten Haltestellen ankündigen sollen, ist unmöglich. Die automatische Haltestellenansage ist auch ausgefallen und man hört den Lokführer die nächsten Haltestellen in einer Art und Weise ansagen, wie man es nur vom Fischmarkt kennt. Es ist November und draußen nieselt es. Die Klamotten sind feucht und klamm. Entsprechend mischt sich zu Weinbrand und Bier auch noch Muff, Schweiß und klebriges Haarspray.
In einer überfüllten U-Bahn Mitten im November – nirgendwo auf dieser Welt möchte ich jetzt lieber sein!
„Nächster Halt: Kellinghusenstraße, Übergang zur U3!“ Wie durch ein Wunder verlassen gut zweidrittel der Fahrgäste die U-Bahn. Kaum jemand steigt zu. Ich darf mich setzen und mir gegenüber ist sogar noch ein Platz frei. Fast alle sind gegangen: Der kräftige Mann, das ältere Ehepaar, die Studenten und die Mutter mit Kind. Die beiden jungen Frauen sind immer noch da und sind mittlerweile bei der vierten von insgesamt sechs Einkaufstüten angelangt. Das Mädchen von der Haltestange konnte ebenfalls einen Sitzplatz ergattern. Sie sitzt 4 Reihen vor mir, zückt ihr Handy und versinkt in ihre eigene Welt.
„Nächster Halt: Hudtwalckerstraße!“ Die Türen gehen auf und eine schick gekleidete junge Dame kommt herein. Sie sieht den freien Platz mir gegenüber und setzt sich. Ihren Regenschirm platziert sie zwischen Sitz und dem Müllcontainer unter dem Fenster, ihre offensichtlich teure Handtasche behält sie auf dem Schoß. Sie trägt einen langen schwarzen Mantel und ihre blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Große goldene Ohrringe und eine getönte Brille - die von feinen Regentropfen überzogen ist - umrahmen ihr feingeschnittenes und nur dezent geschminktes Gesicht. Sie nimmt die Brille zum Putzen ab und schaut zu mir rüber. Unsere Blicke treffen sich. Mir stockt der Atem und ich merke, wie es mir in den Bauch fährt: Sie hat smaragdgrüne Augen!
Etwas verstohlen schaue ich weg.
Ich kann mich nicht erinnern, so eine Augenfarbe schon einmal bei jemanden gesehen zu haben. Ein grün, wie es die Natur wohl nur sehr selten in die Augen eines Menschen zaubert. Ich bin irretiert und fasziniert zugleich. Und plötzlich schießt mir ein Bild in den Kopf und ich weiß, wo ich dieses grün schon einmal gesehen habe: „Cedarstorm, sie hat Augen wie der Flakon von Cedarstorm!“
Die Fahrt geht weiter und ich verbinde unvermeidlich diesen besonderen Herbstduft mit dem hübschen Mädchen mir gegenüber. Immer wieder schaue ich heimlich zu ihr hin und überlege, ob sie wohl auch so duftet, wie dieses französiche Parfum? Sie hat die gleichen feinen Züge, eine unaufdringliche aber dennoch einnehmende Schönheit, wirkt unerreichbar fern und doch so anziehend nah. Etwas ganz besonderes, bei so viel Durchschnitt und Herkömmlichkeit.
Erneut schaue ich zu ihr rüber und dann in ihr Spiegelbild im Fenster. Sie selbst nimmt mich nicht wahr und mit ihren Gedanken scheint sie ganz weit weg zu sein. Zumindest nicht bei mir oder sonstwo in dieser muffeligen U-Bahn.
Wir sind mittlerweile zwei Stationen weiter und aus meinen Gedanken gerissen bemerke ich, dass die U-Bahn erneut langsamer wird. Die junge Dame mir gegenüber setzt ihre Brille auf, nimmt Regenschirm und Handtasche und steht auf. Ohne einmal zu mir herunter zu blicken begibt sie sich in Richtung Ausgang und verlässt die Bahn. Ich versuche noch irgendeinen Duft zu erhaschen, nehme aber nichts wahr. Am Ende bin ich sogar dankbar nichts gerochen zu haben, so bleibt mir eine unberührte Erinnerung an 10 Minuten Fahrt in der U1 an einem verregneten Novembertag.
Zuhause angekommen hole ich mir sofort den Flakon von Cedarstom und rieche am Sprühkopf. Die Farbe passt hundertprozentig zu ihren Augen, das ist eindeutig. Und der Duft? Der Duft ist würzig und holzig, etwas cremig, leicht pudrig und mit einer leichten Frische. Aber alles sehr fein abgestimmt. Ein Spritzer auf den Unterarm bestätigt meine Wahrnehmung. Doch nach 2, 3 Stunden verblasst der Duft ganz deutlich und er verschwindet irgendwo hin. Wie das junge Mädchen.
Heute nach ein paar Tagen bestätigt sich mein Eindruck, Cedarstorm ist ein feiner, eleganter und schöner Duft. Er passt nicht nur zu feinen Damen, sondern auch zu gut gekleideten Herren. Er passt auch wunderbar in diese Novembertristess und zaubert schöne Bilder in die Köpfe derer die ihn tragen und derer die ihm begegnen. Traurigerweise ist er wirklich nur ein kurzer Begleiter, denn kaum hat er Platz genommen und seine Schönheit gezeigt, verflüchtigt er sich auch schon wieder.
Leider, denn wirklich schöne Düfte gibt es genauso selten wie Mädchen mit smaragdgrünen Augen.
Dutzende Menschen stehen dicht gedrängt wie Ölsardinen neben einander, die wenigen Sitzplätze sind innerhalb von Sekunden wieder besetzt. Junge Leute mit Ohrstöpseln wippen rhythmisch mit dem Kopf, während ihre Lippen lautlos den Text ihrer Lieder wiedergeben. Ich höre Hip-Hop und Raggae. Ich sehe Männer mit Aktentaschen aus Leder und kann die Gespräche von Studenten verfolgen, wie sie sich lautstark über juristische Probleme austauschen. Links sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich über ihre Einkäufe. Rechts meckert eine sichtlich genervte Mutter mit ihrem Kind, weil es mit dreckigen Stiefeln auf dem Sitz herumhüpft. Sie tut dies in einer Sprache die mir nicht vertraut ist. Ein älteres Ehepaar schüttelt provozierend den Kopf und man merkt, dass beide mit Mutter und Kind so ihre Probleme haben. Hinter mir steht ein kräftiger Mann und atmet mir ständig in den Nacken. Sein Geruch verrät mir, dass er nach Feierabend noch an einer Kneipe vorbeigekommen sein muss. Neben ihm klammert sich ein junges Mädchen an die Haltestange. Als ich mich zu ihr umdrehe, lächelt sich mich verkrampft und hilflos an. Ihr Blick verrät, dass sie das gleiche denkt wie ich. Mein Vorteil ihr gegenüber wird in jeder Kurve deutlich, der kräftige Mann hat nichts an dem er sich festhalten kann oder will.
Ein Blick auf die Monitore, die eigentlich News und die nächsten Haltestellen ankündigen sollen, ist unmöglich. Die automatische Haltestellenansage ist auch ausgefallen und man hört den Lokführer die nächsten Haltestellen in einer Art und Weise ansagen, wie man es nur vom Fischmarkt kennt. Es ist November und draußen nieselt es. Die Klamotten sind feucht und klamm. Entsprechend mischt sich zu Weinbrand und Bier auch noch Muff, Schweiß und klebriges Haarspray.
In einer überfüllten U-Bahn Mitten im November – nirgendwo auf dieser Welt möchte ich jetzt lieber sein!
„Nächster Halt: Kellinghusenstraße, Übergang zur U3!“ Wie durch ein Wunder verlassen gut zweidrittel der Fahrgäste die U-Bahn. Kaum jemand steigt zu. Ich darf mich setzen und mir gegenüber ist sogar noch ein Platz frei. Fast alle sind gegangen: Der kräftige Mann, das ältere Ehepaar, die Studenten und die Mutter mit Kind. Die beiden jungen Frauen sind immer noch da und sind mittlerweile bei der vierten von insgesamt sechs Einkaufstüten angelangt. Das Mädchen von der Haltestange konnte ebenfalls einen Sitzplatz ergattern. Sie sitzt 4 Reihen vor mir, zückt ihr Handy und versinkt in ihre eigene Welt.
„Nächster Halt: Hudtwalckerstraße!“ Die Türen gehen auf und eine schick gekleidete junge Dame kommt herein. Sie sieht den freien Platz mir gegenüber und setzt sich. Ihren Regenschirm platziert sie zwischen Sitz und dem Müllcontainer unter dem Fenster, ihre offensichtlich teure Handtasche behält sie auf dem Schoß. Sie trägt einen langen schwarzen Mantel und ihre blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Große goldene Ohrringe und eine getönte Brille - die von feinen Regentropfen überzogen ist - umrahmen ihr feingeschnittenes und nur dezent geschminktes Gesicht. Sie nimmt die Brille zum Putzen ab und schaut zu mir rüber. Unsere Blicke treffen sich. Mir stockt der Atem und ich merke, wie es mir in den Bauch fährt: Sie hat smaragdgrüne Augen!
Etwas verstohlen schaue ich weg.
Ich kann mich nicht erinnern, so eine Augenfarbe schon einmal bei jemanden gesehen zu haben. Ein grün, wie es die Natur wohl nur sehr selten in die Augen eines Menschen zaubert. Ich bin irretiert und fasziniert zugleich. Und plötzlich schießt mir ein Bild in den Kopf und ich weiß, wo ich dieses grün schon einmal gesehen habe: „Cedarstorm, sie hat Augen wie der Flakon von Cedarstorm!“
Die Fahrt geht weiter und ich verbinde unvermeidlich diesen besonderen Herbstduft mit dem hübschen Mädchen mir gegenüber. Immer wieder schaue ich heimlich zu ihr hin und überlege, ob sie wohl auch so duftet, wie dieses französiche Parfum? Sie hat die gleichen feinen Züge, eine unaufdringliche aber dennoch einnehmende Schönheit, wirkt unerreichbar fern und doch so anziehend nah. Etwas ganz besonderes, bei so viel Durchschnitt und Herkömmlichkeit.
Erneut schaue ich zu ihr rüber und dann in ihr Spiegelbild im Fenster. Sie selbst nimmt mich nicht wahr und mit ihren Gedanken scheint sie ganz weit weg zu sein. Zumindest nicht bei mir oder sonstwo in dieser muffeligen U-Bahn.
Wir sind mittlerweile zwei Stationen weiter und aus meinen Gedanken gerissen bemerke ich, dass die U-Bahn erneut langsamer wird. Die junge Dame mir gegenüber setzt ihre Brille auf, nimmt Regenschirm und Handtasche und steht auf. Ohne einmal zu mir herunter zu blicken begibt sie sich in Richtung Ausgang und verlässt die Bahn. Ich versuche noch irgendeinen Duft zu erhaschen, nehme aber nichts wahr. Am Ende bin ich sogar dankbar nichts gerochen zu haben, so bleibt mir eine unberührte Erinnerung an 10 Minuten Fahrt in der U1 an einem verregneten Novembertag.
Zuhause angekommen hole ich mir sofort den Flakon von Cedarstom und rieche am Sprühkopf. Die Farbe passt hundertprozentig zu ihren Augen, das ist eindeutig. Und der Duft? Der Duft ist würzig und holzig, etwas cremig, leicht pudrig und mit einer leichten Frische. Aber alles sehr fein abgestimmt. Ein Spritzer auf den Unterarm bestätigt meine Wahrnehmung. Doch nach 2, 3 Stunden verblasst der Duft ganz deutlich und er verschwindet irgendwo hin. Wie das junge Mädchen.
Heute nach ein paar Tagen bestätigt sich mein Eindruck, Cedarstorm ist ein feiner, eleganter und schöner Duft. Er passt nicht nur zu feinen Damen, sondern auch zu gut gekleideten Herren. Er passt auch wunderbar in diese Novembertristess und zaubert schöne Bilder in die Köpfe derer die ihn tragen und derer die ihm begegnen. Traurigerweise ist er wirklich nur ein kurzer Begleiter, denn kaum hat er Platz genommen und seine Schönheit gezeigt, verflüchtigt er sich auch schon wieder.
Leider, denn wirklich schöne Düfte gibt es genauso selten wie Mädchen mit smaragdgrünen Augen.
7 Antworten
Rickthedog vor 10 Jahren
Das kann ich nachfühlen. Manchmal sieht man in die Augen eines Mitmenschen und ist entflammt. Du siehst hinein und etwas passiert mit Dir... Der Pokal mit den wunderschönen Smaragden geht an Dich!
Turandot vor 10 Jahren
Zwar habe ich langweilig grau-blaue Augen, aber den Duft hast Du eben auf meine Merkliste geschubst.
Fittleworth vor 11 Jahren
Hervorragender Kommentar! Smaragdaugen-Pokal!
Karli vor 11 Jahren
In das Mädchen hätte sich jeder verliebt :-)
Oloroso vor 11 Jahren
Hast du dich für einen Moment verliebt? ;) Schöne Geschichte!
Zora vor 11 Jahren
Den Duft kenne ich nicht, aber wenn er nur halb so gut riecht wie Dein schöner und romantischer Kommentar zu lesen ist, würde ich ihn sehr gerne testen.
Tanne vor 11 Jahren
Sieht so aus, als hätte der Duft alles, was man in dieser Jahreszeit braucht.

