... auch wenn sie auf Dauer nervt.
Clara ist die emanzipierte Frau der "Edwardian era". Als frau eigentlich noch "angel in the house" war und froh war, wenn der Ehemann ihr "a room of one's own" zugestand, lebte sie bereits allein und verdiente ihr Geld selbst.
Die Auswahl war übersichtlich, Fabrikarbeiterin stand ihr nicht, als Prostituierte hätte sie ihre Selbstbestimmung aufgeben müssen und geheiratet hätte sie - wenn überhaupt - einen Nobelmann, welche bekanntlich rar gesät sind und seltenst eigenwillige Damen, welche die 20 bereits deutlich überschritten haben, zu ehelichen pflegten.
Clara arbeitet also in einem Nachtclub, in welchem Männer Abend für Abend nach Abenteuern und Frauen nach gut situierten Versorgern suchen. Sie grüßt die Gäste, denn man kennt sich oder tut zumindest so. Küsschen von den Damen mit den schweren süßen Parfums, die im Laufe des Abends an ihr kleben bleiben, ein dezentes Kopfnicken seitens der Herren. Clara bringt ihnen Glas um Glas der goldbraunen Gebräue aus den schweren Fässern im Keller. Verschüttetes wischt sie mit dem Hemdsärmeln auf, die vielen Wege die enge Kellertreppe herauf und herunter bringen sie gehörig ins Schwitzen, aber Clara weiß, dass die Herren gern eine Münze extra springen lassen, wenn ihr Gesöff frisch und kalt ist. Also geht sie und schert sich nicht um die Ausdünstungen unter ihren Armen, welche im Laufe der Nacht ein eigentümliche Verbindung mit Alkohol und süßen Schwaden eingehen.
Gegen Ende der Nacht beginnen die Männer auch Clara mit leicht benommenen Augen zu mustern, sie kennt das schon. Kaum jemand macht ihr offenen Avancen und sie hat schon früh herausgefunden, dass gekonntes Vorspielen von Ahnungslosigkeit diese schnell im Keime ersticken lassen kann.
So bleibt den übrig gebliebenen Herren nur, sich zurück zu lehnen und sich an ihrer Melange zu erfreuen, des Duftes einer Frau, die sie nicht haben können (und im unbenebelten Zustand auch selten haben wollen), die duftet wie ihr liebster Ort, nach süßen Versprechungen, nach narkotisierenden Alkoholika, nach getaner Arbeit unter unrasierten Frauenachseln und sie stellen sich vor, ihre Nasen in Claras Kleid zu versenken und so die Erinnerung an diesen gelungenen Abend aufrecht zu erhalten.
Aber wie jeden Abend geht Clara allein nach Hause, in ihre eigenen kleine Wohnung, bezahlt von ihrem eigenen kleinen Geld. Das Kleid hängt sie raus, sie kann sich die Dienste einer Wäscherin leisten und das tut sie mit größter Zufriedenheit. Morgen wird sie ein anderes tragen, und den Geruch ihres Kleides nach einem Arbeitstag kann sie beim besten Willen nicht über Nacht in ihrer Wohnung ertragen. Zu Bett geht sie im Morgengrauen, frisch gewaschen und gänzlich unbeduftet.
Nur die Wäscherin rümpft am nächsten Morgen ihre Nase, als sie das Kleid einsammelt und in ihrem Sack verschwinden lässt. Sie hat da ganz eigene Ideen, was diese Kundin wohl für eine sein wird....