08 Intrigant Patchouli von Pierre Guillaume

08 Intrigant Patchouli 2005

Augusto
20.02.2018 - 12:06 Uhr
6
Sehr hilfreiche Rezension
8Duft 7Haltbarkeit 7Sillage 7Flakon

Neo retro?

AugustA sagt:
Was hatte ich mir nicht alles unter diesem Namen vorgestellt: Kämpfe der Duftnoten-Parteien, Durchsetzung hinten herum, verstecktbösartige Kunstgriffe... - und jetzt: Ach so, er ist ein Schmeichler! Verdeckt zunächst seine Stärken, fällt erst mal kaum auf und hat es doch in sich. Schmeichelt sich nach einigem Auftritt auf die Haut und bleibt einfach darauf sitzen oder vielmehr liegen bis er nach einigen Stunden unbemerkt verschwindet. Ist das eine Intrige?

Die Kopfnote ist schon cremekaramell gefärbt mit so einer leisen Kleberahnung. Zitrisch? Jemand sagte, glaube ich, Heftpflaster und das stimmt auch. Der Anfang hat auch schon etwas Ingwerwürze, bisschen auch (chinesischer?) Medizinschrank, dann dachte ich beim ersten Test, er wird flach. Hab ihn quasi einfach vergessen. Weg war er.
Aber nach mehrmaligem Tragen, jetzt, im frostkalten Februar, immer abends, ändert sich dieser Eindruck völlig.

Ein Honig-Patchouli, schon. Hmmm, Honig, ja. Aber der Referenz-Lieblings-Honigpatchouli ist für mich der Mazzolari. Und der riecht so ganz anders.
Intrigant Patchouli ist da viel weniger traditionell. Null Hippie-Erde-Patch. Nix Gruftie. Eher zeitgemäß-modern mit einem melancholisch wirkenden warmen Anklang. Kennt Ihr das, wenn modern ganz retro wirkt? Oder umgekehrt? Neo-retro? Retro-Futuristisch wie diese glatten interessanten Oberflächen und Stoffe aus den Fünfzigern und Sechzigern? Plastik, das man gerne anfasst?

Der Duft legt sich nun etwas und riecht nun nach der ersten halben Stunde immer noch wahnsinnig gut in der Kälte. Er wird weiter süßlich, aber nicht gourmand. Auch nicht direkt gewürzig, wenn auch mit der weiteren Entwicklung eine gute Prise Zimt-Eindruck dazu kommt. Aber mehr der Eindruck, nichts Gewürz-britzeliges, schon gar kein Weihnachten, ganz sanft nur und an Haut erinnernd. Ah so, der Moschus. Blitzen Blumen durch? Vielleicht irgendeine süße Blüte wie Ylang oder am Ende Veilchen? Nein, gar nicht. Das Raten geht weiter. Am Ende die Weißblüher, die auch Meggi schon in Verdacht hatte? Das könnte der Jasmin sein, der an dem Duft wenigstens vorbei gekommen sein könnte. Ich habe da auch so eine Nase für, nur finde ich es super. Abgefahren. Indolblumen-Moschus versteckt unter Creme-Patchouli. Gibt es sowas? Da hat sicher auch das Sandelholz seine Finger drin. Sehr milchiges Sandelholz entfaltet sich hier bei mir relativ stärker als der typische manchmal auch strenge Patchouli oder diese beiden sind in diesem Duft eben besonders interessant ausgewogen.
Also, für alle Patchouli-Fans und Patchouli-Hasser, falls ich es noch nicht erwähnt habe: Dieser Patchouli ist nicht erdig, nicht muffig, nicht kellerig. Jedenfalls nicht an mir.
Der Duft hat eine weiche Textur und schafft es, nicht schwer zu werden. Auch in der Basis. Wachsig, ja, wie eine Bienenwachskerze, wenn sie abbrennt. So ein leichter Schimmer von Kerzenlicht.

Er hält an mir dann doch noch Stunden, aber ab der vierten oder fünften Stunde muss ich schon dran denken, ihn zu riechen. Dafür gibt es leichte Abzüge.

Und auch wenn Vergleiche zwangsläufig hinken, hier noch einer: Alles, was mir am Musc Ravageur manchmal zu viel ist, ist hier genau richtig. - Fazit: Er gefällt mir doch sehr gut. Jedes Mal ein bisschen anders, immer was zu bemerken. Schön. Gut, dass es nochmal so kalt geworden ist.

Aktualisiert am 21.02.2018 - 15:21 Uhr
2 Antworten
LeonsLeons vor 4 Jahren
Wunderbar beschrieben ...
SciaScia vor 6 Jahren
Oh ja, ganz genau... Jedes mal etwas anders. Mal stört was, mal nicht... dann mal etwas tierisch, ein andermal honigblumigweich..