Als ich „Yuzu ab Irato“ das erste Mal testete, war ich nicht übermässig begeistert. Er gehört zu einer Kategorie von Düften, bei denen ich mich ‚einriechen‘ muss. Damit verhält es sich etwa so wie man als Jugendlicher Wein nicht besonders ansprechend findet und bei jedem weiteren Probieren dennoch immer mehr entdeckt, was an diesem Getränk dran sein könnte. Das hat weniger mit der Komplexität der Materie zu tun als mit dem Erlebnis von neuen ungewohnten Geschmacksrichtungen. Oder im Fall von Parfum eben eines irgendwie andersartigen Duftes.
Seit ich „Yuzu ab Irato“ besitze (den ich mir blind als 30mL-Version gekauft hatte), musste ich die Bewertung mehrere Male nach oben hin anpassen. Genial finde ich hierbei die authentische Yuzu-Mandarine, die ohne einen Hauch Künstlichkeit oder Klebrigkeit rüberkommt. Sie ist dabei nicht unbedingt frisch, aber wirkt doch belebend. Etwa so wie ein Carpaccio im Sommer keinen eigentlich kühlenden Effekt hat, aber halt doch erfrischender ist als ein Gulasch.
Eine ausgeprägte Rauch/Schwarzteenote (wie wenn man an einer Dose Earl Grey-Tee schnuppert) trägt dazu bei, dass unsere nipponeske Mandarine nicht in die gewöhnliche Drogerie-Frische-Fraktion abgleitet. Dieser etwas rüde Yuzu/Rauch-Akkord bleibt praktisch den ganzen Duftverlauf bestehen. Wobei Duftverlauf ist eigentlich zuviel gesagt, denn Y.a.I. ist keine nervig-kapriziöse Diva, die eine grosse Show abzieht und dann die eine oder andere Temperaturschwankung oder gar ein wenig Schwitzen schlecht verträgt. Eher das Gegenteil ist der Fall, Y.a.I. ist ein Duft, auf den man sich verlassen kann und der nie laut wird, aber stets eine erfrischende Duftaura projiziert.
Um beim Bild von Sashimi zu bleiben: Yuzu spielt die Hauptrolle, ein farblich schönes, etwas blasses Orange, wie ein Sake Sashimi (Lachs) frisch ab Eis. Es braucht nicht viel für diese raffinierte & einfache Speise, aber die Frische ist entscheidend. Diese Yuzu ist knackig, gerade vom Baum gepflückt und schwebt jetzt über einem Bett ätherischer Gewürze, deutlich wahrnehmbar durch Minze und Thymian. Pfeffer akzentuiert die delikaten Aromen und hebt die Frucht in ihrer feinen Kräutermarinade noch schöner hervor. In der Duftpyramide sind noch florale Noten Hyazinthe, Jasmin und Magnolie angegeben, die jedoch so gut mit dem Gesamterlebnis verwoben sind, dass ich eigentlich von einem absolut unfloralen Duft sprechen muss. Allerdings werden auch diese Beifügungen ihre Berechtigung haben, wie ein Pot Jasmin-Tee eben gut zu einer Sushi- oder Sashimi-Mahlzeit passt. Mit einer ‚wütenden Zitrusfrucht‘, wie die neolateinische Namensgebung vermuten lässt, hat der Duft nicht viel zu tun, wenn auch der Name nicht schlecht gewählt wurde.
Fazit: ein gelungenes Parfum für sommerlich urbane Ansprüche, geeignet sowohl fürs Büro, als auch für spezielle Anlässe. Dabei ist „Yuzu ab Irato“ absolut eigenständig und hat einen hohen Wiedererkennungswert.
Da mein kleiner 30mL-Flakon unweigerlich zur Neige geht, werde ich den Duft wohl nachkaufen müssen. Eher eine Seltenheit, dass ich mir zweimal das gleiche kaufe, aber Yuzu ist einer derjenigen Düfte, die ich bedenkenlos auflege, wenn ich nicht gross überlegen mag. Und der mir nie auf die Nerven geht.