№ 07 - Vetiver Dance von Tauer Perfumes

№ 07 - Vetiver Dance 2008

Profumo
28.03.2011 - 14:26 Uhr
20
Top Rezension
4Duft 10Haltbarkeit

Weniger wäre mehr gewesen

Andy Tauer ist schon ein besonderer Parfumeur: einer, dessen Profil nicht durch die üblichen Kaderschmieden um seine Ecken und Kanten gebracht wurde, auf dass es - millimetergenaue Briefings folgend - allerweltstaugliche Massenmarkt-Produkte schüfe. Nein, er behielt sein Profil, blieb ein Autodidakt und entwickelte einen ureigenen, sehr charakteristischen olfaktorischen Grundton, den alle seine Kreationen auszeichnen.
Wunderbare Werke sind so entstanden, die nicht nur sehr gut und verführerisch duften, sondern sich vor allem durch ihre Andersartigkeit auszeichneten: den typischen Tauer-Sound, der mir stets das Bild vermittelt der Parfumeur entwickle seine Düfte in einer Art rustikaler Werkstatt voller Schmierfette, Gummireifen und Teer-ähnlichen Substanzen, statt in einem hochsterilen Labor.

Doch diese ‚Taueriade’ hat auch ihre Tücken: gab sie manchen orientalischen oder floralen Werken Andy Tauers noch ein gewisses Etwas – ein unerwartet kontrastreiches Mit- und Nebeneinander scheinbar dissonanter Noten - , und ließ diese zu aufregend neuartigen Dufterlebnissen werden, so ist sie spätestens mit ‚Vetiver Dance’ an ihre Grenzen gelangt.
Dabei ist der Duft, erst einmal aufgesprüht, recht vielversprechend: grün-blättriges Vetiver, umschwirrt von einer Vielzahl zitrischer, aromatischer und holziger Nuancen, unterlegt von einer (zunächst) leichten animalischen Komponente. Einen derart freudig-sprühenden und vor Vitalität strotzenden Einstand eines Vetiver-Duftes hat es - sieht man einmal von Guerlains großem Klassiker ab - noch nicht gegeben.
Aber schon hier, kaum dass sich der Duft zu entwickeln beginnt, und erst recht im Vergleich zu Jean-Paul Guerlains genialem Jugendwerk, offenbaren sich dessen problematische Seiten: ‚Vetiver Dance’ hat keine Fassung, ist unausgewogen und nicht nur eine Spur zu laut. Was da auf der olfaktorischen Bühne geboten wird, ist eben nicht die perfekt gegliederte, minutiös, einem Uhrwerk gleich, aufeinander abgestimmte Choreographie des Guerlain´schen Duftes, sondern der übermotivierte, etwas planlose Auftritt eines chaotischen Haufens: hier schlägt die Pampelmuse ein Rad, dort hüpft schwarzer Pfeffer im Quadrat, daneben bemühen sich Heerscharen von Maiglöckchen um rhythmischen Gleichklang, während ein exaltiert agierender Salbei an der Rampe steht und plärrend um die Gunst des Publikums buhlt. Überhaupt gibt es viele Rampensäue und Möchtegern-Primadonnen in dieser Darbietung, was weiter nicht schlimm wäre, wenn wenigstens eine akzeptable Ensemble-Leistung geboten würde, doch das hysterisierte Herumgehopse nervt – mich jedenfalls – je länger es anhält.
Daran ändert auch leider das wohlbekannte Lied des etwas abseits stehenden (diesmal kleineren) Chores nichts: das Lied des Mechanikers mit seiner Duftorgel. Manchem allzu oft vernommenem Leitmotiv hauchte es zwar neuen Schwung und Leben ein, doch hier, in all dem Tohuwabohu, stiftet es zusätzlich Verwirrung.

Zu allem Überfluss drängt sich im weiteren Duftverlauf auch immer mehr jene besagte animalische Komponente in den Vordergrund. Was zunächst noch akzeptabel ist, ja sogar einen gewissen Reiz hat, wird zusehends bedrohlicher, bis irgendwann der Punkt kommt, an dem man unweigerlich seine Schuhsohlen inspiziert, dem Verdacht folgend, ob man nicht vielleicht in die Hinterlassenschaft eines Vierbeiners getreten sei.
Dabei liebe ich Düfte mit starken animalischen Akzenten: ‚Jicky’ von Guerlain (alte Fassung) oder Yves-Saint Laurents ‚Kouros’ beispielsweise – was wären sie ohne die kräftigen Zibet- bzw. Moschus-Beimischungen? Sicher ein gutes Stück langweiliger und unerotischer (wenn auch vielleicht etwas tragbarer). Voraussetzung aber ist, dass die animalischen Facetten, so deutlich sie auch zutage treten mögen, gut in das Duftkonzept eingebunden sind und von den übrigen Noten im Zaum gehalten werden. Nur so gerät der frivole Flirt mit der vermeintlich üblen Geruchswelt nicht zum Fiasko
Im Falle von ‚Vetiver Dance’ aber enthüllt sich diese prekäre Seite derart entfesselt und vehement, dass mir der Duft im weiteren Verlauf immer ungemütlicher wird. Das geht schließlich soweit, dass ich ihn in seiner letzten, nur mehr tierisch dahin dünstenden Phase, am liebsten abwaschen würde - was einiges heißen will, bei einem Parfum-Aficionado wie mir.

Wirklich schade, denn die Idee zu diesem Duft war so schlecht nämlich nicht: ein im Zentrum stehendes Vetiver mit seinen frischen-grünen bis erdig-braunen Nuancen, umtanzt von einer Vielzahl, den Facettenreichtum des Vetivers stützender und weiterführender Noten. Doch die Gesamtheit will keine Einheit bilden, die Ausführung ist unausgegoren und die Kalibrierung der einzelnen Noten missraten.

Wie gesagt: für mein Empfinden ist ‚Vetiver Dance’ ein viel zu chaotischer, zu lauter und ungemütlicher Duft. Und was bitte soll diese schier atemverschlagende tierische Basis?
Ein Tanz auf ihr, erst recht wenn in üble Rempelei ausartend, ist wahrlich kein Vergnügen.
7 Antworten
SedonaSedona vor 12 Jahren
"ein unerwartet kontrastreiches Mit- und Nebeneinander scheinbar dissonanter Noten" - das ist für mich mit fast allen Werken von Tauer so.
SedonaSedona vor 12 Jahren
"Wie gesagt: für mein Empfinden ist ‚Vetiver Dance’ ein viel zu chaotischer, zu lauter und ungemütlicher Duft. Und was bitte soll diese schier atemverschlagende tierische Basis?" - besser könnte man nicht sagen!
DieNaseDieNase vor 14 Jahren
bei dem hat der Zibet-Alarm bei mir aber nicht angeschlagen. Aber er bekommt mit der Zeit eine urinöse Note leier.
Medusa00Medusa00 vor 14 Jahren
lufthol
Odeur23Odeur23 vor 14 Jahren
...dem Verdacht folgend, ob man nicht vielleicht in die Hinterlassenschaft eines Vierbeiners getreten sei...oh je, nein so sollte kein Duft riechen..
MilosavaMilosava vor 14 Jahren
Wahnsinns-Kommentar!!
CloverClover vor 14 Jahren
Grandios geschriebene und wunderbar differenzierte Analyse. Vielen Dank!