Noir (Eau de Toilette) von Tom Ford

Noir 2013 Eau de Toilette

loewenherz
22.01.2017 - 03:58 Uhr
14
Top Rezension
7Duft 5Haltbarkeit 5Sillage 5Flakon

This is(n't) hardcore

So - also ohne das '(n't)' - heißt ein berühmtes Lied der britischen Band Pulp von 1998. Im dazugehörigen (ganz, ganz großartigen!) Video zieht der Leadsänger Jarvis Cocker alle, wirklich alle Glamrock- und Old Hollywood-Register, die es gibt - ist nacheinander laut und leise, androgyn-sexy, glamourös und hochdramatisch, fast schmerzhaft retrokitschig, overprocessed und selbstironisch - inklusive ondulierter Showtänzerinnen mit Straußenfederfächern - und der Clip aufgrund all dessen auf faszinierend entrückte Art und Weise wunderschön.

All das, was ich über das Video zu 'This is hardcore' geschrieben habe, lässt sich im Wesentlichen auch für das Duftschaffen des Hauses Tom Ford sagen: laut und leise, androgyn und sexy, glamourös und hochdramatisch, retrokitschig, overprocessed und selbstironisch - ja! Man liebt oder man hasst seine Düfte dafür, die immer ein bisschen drüber sind, ein bisschen 'over the top' - kleine Diven und Salonlöwen alle miteinander, die eine Bühne haben wollen und quengelig werden, wenn sie keine kriegen.

Noir (Eau de Toilette) ist überhaupt gar nicht so. Das gleichnamige Eau de Parfum und dessen Extreme-Variante sind es - das namensähnliche Noir de Noir sowieso, kaum einer mehr als der. Noir (Eau de Toilette) hingegen ist nachgerade normal - ohne hier eine Wertung in das Adjektiv 'normal' zu legen. Ihm fehlen die Fordsche Attitude, der Hang zum Drama und jener duftgewordene Diademgriff (Handrücken theatralisch an die Stirn, Augen zum Himmel und dazu ein still leidendes Seufzen). Andererseits kommt er ganz gut ohne aus.

Er ist nahe dran an dem, was man einen klassischen Herrenduft nennen möchte, allerdings ziemlich modern. Da ist ein nebelverhangener, bleicher Zitrus, kühl und souverän, vor einem diffusen, stellenweise nur angedeutet scheinenden Background, der fast einem Herrenparfum der 80er entstammen könnte, ganz sachte in die Gegenwart gebracht. Er ist ein bisschen würzig und ein bisschen viehisch - und dieses 'ein bisschen' ist ja eigentlich so gar nicht Tom Ford. Höchstens Grey Vetiver (beide, Eau de Parfum und Eau de Toilette) und For Men sind noch ein bisschen so. Gleichwohl - wer einen weiteren Dramakönig haben will, wird sowieso wohl zuerst die Private Blends und nicht die Signature Blends danach durchsuchen. Für alle anderen (oder die, die schlicht neugierig sind): try him!

Fazit: einer der wenigen Bodenständigen im Œuvre des Herrn Ford. Schwarz oder auch nur dunkel ist er auch nicht.
2 Antworten
madomado vor 7 Jahren
Gerade getestet und ich muss sagen: Ich habe selten einen Kommentar gelesen, der einen Duft so auf den Punkt bringt wie deiner hier. Chapeau!
TooSmell27TooSmell27 vor 8 Jahren
You´re right! Der ist interessant, ohne das Dufttragen auf die Spitze zu treiben.