Kürzlich traf ich eine alte Bekannte wieder, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte: Rive Gauche, eine Pariserin reinsten Wassers. Während unseres belanglosen Geplauders überkam mich mehr und mehr das Gefühl, dass sie seit unserer letzten Begegnung doch so einiges an Esprit und Savoir-vivre eingebüsst hatte. Verstohlen musterte ich mein Gegenüber. Sie sah immer noch unheimlich cool in ihrem schwarz-blau-silbernen Outfit aus und strahlte auf den ersten Blick noch die gleiche Unnahbarkeit aus wie damals. Und doch hatte sie etwas von ihrer Harschheit verloren, auch ihre Stimme klang nicht so metallisch wie früher, sondern weicher und einschmeichelnder. Als die herbe Schönheit im Smoking und in transparenter Bluse das gesellschaftliche Parkett in Paris betrat, regierte unter der rebellierenden Jugend die Hippie- und Rockkultur, unter den Arrivierten standen hingegen immer noch erzkonservative Werte hoch im Kurs. Im Juli 1971 setzte Jim Morrison in Paris seinem Leben ein Ende. 1971 gingen auch zahlreiche prominente Frauen in Frankreich auf die Straße um gegen das Abtreibungsverbot zu protestierten. Noch drei Jahre zuvor mündeten die durch Studentenproteste ausgelösten Unruhen in einem wochenlangen Generalstreik, der das ganze Land lahm legte. Ein gesellschaftliches Klima des Umbruchs also, indem eine Lady Cool wie Rive Gauche zur Hochform auflief. Sie hätte auch wunderbar in die Existenzialistenkeller der unmittelbaren Nachkriegsjahre gepasst, wo sie mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre oder Albert Camus heiße Diskussionen geführt oder sich mit Juliette Greco die Nächte um die Ohren geschlagen hätte. Rive Gauche ging neue Wege, wollte nicht gefallen und war von unverkennbarem, fast maskulinem Charakter. Sie war schon cool bevor dieses Wort Eingang in den globalen Sprachschatz fand. Sie gab sich beim ersten Kontakt fast abweisend und harsch mit Aldehyde, Bergamotte, Freesie und Ylang-Ylang, metallisch-distanziert und doch verführerisch mit Rose und Jasmin wenn man sie näher kannte und schließlich nach längerer Bekanntschaft herb-würzig mit Eichenmoos und Vetiver. Die Rive Gauche von heute war eine Mrs. French Chic, die weitaus femininer geworden ist und viel von ihrer Strenge verloren hatte. Sie tritt den Leuten ungezwungener und spritziger mit zitrischen und grünen Noten gegenüber, um dann mit weißen Blüten, Iris und Rose zu bezaubern, bevor sie ihre warme Seite mit Tonkabohne, Ambra, Vetiver und Eichenmoos offenbart. Sie wirkt heute weniger distanziert, nahbarer und auch jünger als damals.