NordiqueNordiques Parfumblog

Es folgt eine Art Sunday Read, gespickt mit Verallgemeinerungen, Ungenauigkeiten und Überspitzungen, welcher lediglich dem Zweck der reinen Wochenendunterhaltung gedacht ist. In diesem Sinne – bitte am besten schon mal ein Auge zudrücken ;)

Es herrscht Aufruhr.

Seit Jahren nun schon verdunkelt sich der Himmel zunehmend über dem kleinen Städtchen, welches idyllisch in den sonst so immergrünen, wohlriechenden Weiten des Internets sein friedliches Dasein fristet.

Ich schlendere durch die größtenteils leeren Straßen. Ab und zu jedoch entdecke ich Menschen. Einer gräbt mit seiner Nase tränenüberströmt in den Scherben seines zerbrochen vor ihm liegenden Vintage-Erstausgabe-Flakons eines bekannten französischen Dufthauses – letzteres verrät mir mein mittlerweile geschulter Blick. Ich wende mich mitleidend ab.

Ein paar Straßenecken weiter steht einer der örtlichen Parfumhändler mit seinem Wägelchen. Über ihm prangt ein Schild: „KEINE FRAGEN ZUM UNAUSSPRECHLICHEN!!“ Er sieht mir misstrauisch entgegen, wirft in Windeseile ein Tuch über seine Auslage und raunzt mich an: „WEG!!“ Ich bin leicht irritiert, richte meinen Blick nach vorn und tue so, als würde mich seine Ware sowieso nicht interessieren. Innerlich verdrücke ich eine kleine Kullerträne, hatte er doch sämtliche Private Blends von Tom Ford im Sonderangebot.

Nur einige hundert Meter weiter nehme ich wahr, wie die Leute hastig ihre Fensterläden schließen, als sie mich die Straße hochkommen sehen. Ich hebe meine Arme und schaue, ob das mir von einer Freundin empfohlene supertolle All-Natural-No-Junk-Fairtrade-Biodeo aus der Drogerie vielleicht doch nicht ganz so supertoll ist.

Ein paar Schritte weiter doch dann glücklicherweise die Aufklärung – nun ja, zumindest teilweise. Ein in die Jahre gekommener, blinder Mann mit zerzaustem grauen Haar und ellenlangem Rauschebart sitzt am Straßenrand – mir weht eine wilde Mischung aus Guerlains Héritage, Geoffrey Beenes Grey Flannel und Chanels Pour Monsieur in die Nase. Er ruft mir zu: „Sind Sie es?! Sind Sie der, der unseren Jungen den Verstand und unseren Mädels die Schlüpfer entführte?! Sind Sie die Prophezeiung?!“

Bevor ich auch nur den Gedanken einer Antwort fassen kann, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen und fährt fort: „Oh nein, oh nein, oh nein – sie sagten, es würde passieren! Sie sagten ER würde kommen! ER würde kommen, und er würde es ihnen nehmen! Ihr hart verdientes Taschengeld, ihren Verstand, ihre Seele! Und ihre Unterwäsche! Was ist nur aus diesem Ort geworden?!“

Meine Verwirrung ist vervollständigt und mir entfährt ein naives: „Wer ist ER denn?“


„DER UNAUSSPRECHLICHE!!!“


Seine feuchte Aussprache schleudert mir ein paar Partikel seiner letzten (oder vorletzten?) Mahlzeit ins Gesicht. Ich entgegne höflichst: „Nein, mein Herr, dieser bin ich nicht. Aber, mit Verlaub, was geht hier eigentlich vor sich?“

Er beruhigt und sammelt sich. Mit nun leicht aufgeriebener, gar zerbrechlich wirkender Stimme setzt er zur längst überfälligen Erklärung an: „Die jungen Männer. Das flimmernde Orakel aus San Bruno, Kalifornien. Es versprach ihnen: ‚Der schwarze Reiter wird kommen – und ist er da, so fallen die Höschen.‘ Seit dem reden sie von nichts anderem mehr. Gar gebetsmühlenartig sprechen sie davon: ‚Der schwarze Reiter wird kommen; der König wird sie alle plattreiten; der schwarze Reiter kriegt sie ALLE!‘ – all das, während wir ihnen versuchen zu zeigen, wie man sich stilvoll kleidet und welche Umgangsformen einen wahren Gentleman ausmachen. Es ist zwecklos.“

Meine Verwirrung ist nicht weniger geworden. Aus meinen Gedanken reißt mich Tumult, der sich von Norden her die Straße herunterschiebt. Der alte Mann nimmt wortlos Reißaus, und verschwindet in der einzig noch offenen Gastwirtschaft der Stadt, der Yesterday Bar.

Ich gehe dem Aufruhr auf den Grund und erblicke eine Gruppe junger Männer, wie sie gerade aus dem an die Stadt angrenzenden Wald zurückkommen. Einer trägt einen Umhang aus noch verpackten Damenschlüpfern, ein weiterer zählt tränenüberströmt seine letzten Euros Taschengeld. Neben einem weiteren Jungspund, der lustigerweise einen Stringtanga auf dem Kopf trägt (hä?!), erblicke ich jemanden, der mit Hilfe seines Smartphones Batch-Codes aus einem Internetforum auswendig lernt. Was ein bizarres Bild!

Die Gruppe kommt auf mich zu. Von marschieren kann da allerdings keine Rede sein – seit 2011 musste ja keiner mehr zum Bund. Sie umrunden mich. Mir wird ein wenig komisch. Der umhangtragende Rädelsführer schnuppert intensiv an mir. Ich hebe vorsichtig meine Arme – er rümpft die Nase und drückt sie wieder runter. Seine Nase wandert an meinen Hals. Er nimmt einen tiefen Atemzug, seine Gesichtszüge entspannen sich und ihm entfährt ein wohliges „Mmmhh“. Er schaut grinsend in die Gesichter seiner Kameraden und beginnt leicht zu nicken. Plötzlich jedoch lenkt er seinen Blick wieder auf mich und wird ernst: „Dupe?“, fragt er mich.

Sie lachen mich aus und ziehen weiter.


Das kleine, idyllische Städtchen, in das ich mich hier mal wieder liebend gerne verirrt habe, heißt übrigens Parfumo. Komischer Name für eine Stadt.

Ich fühle mich hier zeitweilen zurückerinnert an die Geschichte und Szenerie des Tim Burton-Filmklassikers Sleepy Hollow. Als nassforscher, duftinteressierter Kriminalinspektor (zwei davon treffen auch wirklich auf mich zu) aus der Großstadt, nehme ich den langen Weg in das abgelegene Städtchen auf mich, um mehr darüber zu erfahren, warum dieser Ort so sehr besonders ist. Doch die Gemeinschaft scheint gespalten. Die Alten warnen vor drohendem Unheil und erinnern stets an die wirklich wahren Dinge im Leben, die Jungen tragen ihr lang gespartes Taschengeld (bzw. ihre Schlüpfer) in die umliegenden Wälder, um sich dem diabolischen Einfluss des kopflosen (bzw. schwarzen) Reiters hinzugeben.

Dazu will ich natürlich nicht verschweigen, dass ich in der Tat nun wirklich einiges gemeinsam habe mit dem Sleepy Hollow-Hauptdarsteller Johnny Depp (die Sehschwäche), was diesen Transfer, meiner Meinung nach, äußerst passend macht.

Die zahllosen Androhungen, mich und alle(s) andere(n) würde(n) vom schwarzen Reiter, dem UNAUSSPRECHLICHEM, plattgeritten werden, erinnern mich weiterhin an die sich im fortgeschrittenem Stimmbruch befindlichen Ringgeister, die in Tolkiens Der Herr der Ringe dem Ringträger Frodo zusetzen.

Wie ein Frodo (jedoch ohne Ring) fühlte ich mich damals auch nach meinem Beitritt in den Schulchor kurz vor meiner Oberstufenzeit. Einerseits, weil ich damals noch nicht zu den coolen, älteren Oberstuflern gezählt habe, andererseits aber auch, weil ich physisch einfach stark in Richtung Hobbit tendierte. Das hat sich zum Glück heutzutage zumindest teilweise geändert (Haare auf den Füßen habe ich trotzdem noch).

Der Schulchor bestand also aus den coolen, älteren Oberstufenjungs, Hobbits (inklusive moi), den coolen, älteren Oberstufenmädels und den Pferdemädchen. Letztere waren die, die auf die Frage unseres Chorleiters an die Mädchen im Ensemble, was sie denn zurzeit am meisten interessierte mit einem langgezogenen „Pfeeeerde“ antworteten, während die coolen, älteren Oberstufenmädchen zeitgleich ein ähnlich langgezogenes „Juuuungs“ dagegensetzten.

Dass niemand auch nur im Ansatz ein langgezogenes „Hoooobitts“ ausstieß, trägt hier nichts zur Debatte. So.

Von da an gab es für die coolen, älteren Oberstufenjungs nichts tolleres, als sich ständig über Pferde und die Pferdemädchen lustig zu machen. Da ich als Hobbit maximal auf ein Pony gepasst hätte (und auch ein bisschen cool sein wollte), stimmte ich da natürlich regelmäßig mit ein – ja, es tut mir leid, ich war jung und dumm. Zumindest ersteres hat sich mittlerweile gebessert.

Ohne Verallgemeinern zu wollen, stelle ich mir regelmäßig vor, was für eine Genugtuung es für die Pferdemädchen sein muss, wenn sie heutzutage lesen/sehen/hören, wie die coolen, älteren Oberstufenjungs vierundzwanzig Stunden am Tag vom schwarzen Reiter und seiner Royalität faseln.

Ich selbst bin dann mit Mitte zwanzig das erste Mal auf einem Pferd geritten (es war leider nur braun – aber dunkelbraun … ging ganz leicht ins Schwarze, schwöre! Aber ich hatte ein schwarzes T-Shirt an! Ha!)

Seit dem weiß ich, dass die Pferdemädchen seit jeher Recht hatten. Auch in Anbetracht der Tatsache, was für ein Trara ständig um den UNAUSSPRECHLICHEN gemacht wird – von beiden Seiten her. Jungs sind einfach uninteressant … und doof. Da hilft auch kein schwarzer Reiter.

Ich schließe mit einem abgewandelten Oscar Wilde: Persiflage ist doch manchmal die höchste Form der Anerkennung – und Zuneigung. In diesem Sinne – einen schönen Sonntag! Ich mag Parfumo und euch alle – wirklich!


PS: Ich mag alte Menschen und anderen Vintagekram sehr gerne – inklusive entsprechender Düfte.

PPS: Ich mag auch Aventus.

#hattanischjesacht?!?


4 Antworten
Vor 17 Monaten
38 Auszeichnungen

Ich fürchte, der nun nachfolgende Text wird kein besonders tiefgründig-geistreicher Erguss, der zum Nachdenken anregt oder versucht, die (Parfüm-)Welt in der wir leben ein bisschen besser zu machen. Er basiert lediglich auf einer kleinen, aber für mich überraschend feinen Beobachtung, die ich in den letzten Tagen/Wochen gemacht habe und den dazugehörigen Gedanken, die anfingen, durch meinen Kopf zu schwirren. Eigentlich etwas total Simples – Feierabendliteratur. So, wie ich es auch bin … war ich doch damals im Deutschunterricht schon immer eher der Typ „bemüht, aber …“.

Nun zum Thema.

Marilyn Monroe badete in Chanel N° 5, Kleopatra in Eselsmilch. Patrick Bateman ließ seine tagtäglichen Businessmeetings olfaktorisch von Yves Saint Laurents Pour Homme untermalen – ebenso, wie seine nächtlichen … Eskapen?! Oder doch eher Wahnvorstellungen? (Kardinalfrage für eine eher weniger duftrelevante Diskussion). George „Dapper Dan“ Clooney verdankt den perfekten Sitz und Glanz seiner Haare im echten Leben den Eigenschaften der Murray’s Superior Hair Dressing-Pomade aus Chicago.

So, wie diese gibt es noch unzählige weitere Beispiele bekannter realer oder auch fiktiver Personen, die man, ob nun durch gezielte Werbung oder schlichtweg aufmerksames Beobachten, mit bestimmten Pflegeritualen oder –produkten, gar mit bestimmten Düften in Verbindung bringt. Und was diese Tatsache zum Teil auslösen kann, ist doch, so musste ich feststellen, durchaus bemerkenswert – gar kindlich, vielleicht sogar ein wenig absurd.

Neulich gab es, so vermutlich allgemein bekannt, mal wieder eine Hochzeit im Fernsehen. Dass solche weltverändernden, jahrhundertmarkerschütternden, geschichtsträchtigen Ereignisse auch nicht spurlos an der Parfumo-Community vorbeigehen, ließ sich an diesem besagten Tage gut im Parfumo-Ticker ablesen. In diesem Spirit bin ich im Übrigen auch schon sehr auf meine erste Parfumo-Fußball-WM gespannt.

Besonders interessant las sich ein Artikel einer (britischen?) Website, der im Zuge der besagten Hochzeit in den Parfumo-Ticker gepostet wurde. Welcher User auch immer dafür verantwortlich war – vielen Dank dafür, you know who you are. Dem Artikel war zu entnehmen, dass das neueste, frisch gebackene Windsor-Ehepaar an diesem schönsten Tag ihres Lebens olfaktorisch von den Kreationen des Pariser Hauses Diptyque belgeitet wurde (um welche spezifischen Düfte es sich handelte, war leider nicht ganz klar).

Einer der größten Unterschiede, noch vor der grundlegenden biologischen Geschlechtszugehörigkeit, zwischen meiner Mutter und mir ist die Tatsache, dass sie ein ausgeprägtes Faible für die Adelsfamilien dieses Kontinents hat – und mich die ganze Chose in etwa so sehr interessiert wie einen Wattwurm die neuerliche Rezepturänderung von Nutella.

Aber beim Lesen dieses Artikels war ich plötzlich elektrisiert, bin ich doch mittlerweile selbst ein großer Fan einiger Diptyque-Kreationen. In diesem Zuge möchte ich ein Wort in den Mund nehmen bzw. von meinen Fingern tippen lassen, welches ich mir bisher immer verboten habe, da furchtbar subjektiv: Unterbewertet!! (Tam Dao <3)

Wie dem auch sei – war es denn wirklich die Möglichkeit, dass Frau Meghan und Herr Harry manchmal olfaktorisch genauso auftraten, wie ich?! Ich fühlte mich in etwa so, wie der kleine schwäbische Junge, der in den 90er-Jahren fassungslos vor Jürgen Klinsmann steht und stammelt „Klinsi, ich find dich so subba“ (Klinsis Antwort: „Wiiirklich?). Mensch, dabei bin ich doch mittlerweile fast 30 – und eigentlich immer noch ein Nutella-verachtender Wattwurm! (Letzteres stimmt übrigens nicht – 100g Butter, 100g Nutella, fertig ist die Scheibe Brot).

Weiterhin verriet der Artikel, dass Frau Meghan auch außerhalb der Feierlichkeiten ein Mensch ist, der der Duftleidenschaft frönt. Ihr momentaner Favorit: Wood Sage & Sea Salt von Jo Malone. Und auch, wenn ich selbst nicht danach riechen möchte – der passt doch perfekt zu ihr! Harry, alter Kostümhalunke – alles richtig gemacht bei der Partnerwahl!

Ich glaube, ich kaufe mir demnächst ein Duchess of Sussex-Poster.

Wie vorhin schon kurz erwähnt, steht demnächst ein weiteres Ereignis vergleichbarer gesellschaftlicher Tragkraft an: Die Fußball-Weltmeisterschaft. Der vor ziemlich genau vier Jahren ausgelöste, größte bundesweite Freudentaumel seit … ja, 1990 (in gleich doppelter Hinsicht) steckt doch noch allzu wohlig in den Köpfen der meisten, die es auf irgendeine Weise mit Deutschlands Fußballmannschaft halten.

Einer, der damals ganz entscheidend zu eben dieser Kollektivekstase beigetragen hat, wird dieses Mal, ähnlich wie ich und die meisten anderen, zuhause auf dem Sofa sitzen und zusehen, wie die Mannschaften aus aller Welt um die goldene Pampelmuse mit Sockel um wie Wette spielen: Mario Götze. Allerdings wird dieser, im Unterschied zu mir, vermutlich nur eine halbe anstatt vier Tüten Chipsfrisch Ungarisch pro Spiel schaffen – ha!

Ich interessiere mich schon für Fußball, ja. Ich gucke die WM, ja. Jedoch war Fußball noch nie etwas, das besonders starke Emotionen in mir auslöst – weder in die eine, noch in die andere Richtung. Es hat bei mir nicht den religionsgleichen Stellenwert wie andere, wichtigere Dinge im Leben wie … hm … äh … Nutella zum Beispiel (oder Parföng? :-D )

Ich finde es nicht okay, wenn ein Spieler sämtlichen anderen Spielern auf regelmäßiger Basis pro Spiel im Schnitt siebeneinhalb Gehirnerschütterungen und vierdreiviertel Kreuzbandrisse zufügen darf und dafür nicht bestraft wird – da regt sich in mir schon mein Gerechtigkeitsbewusstsein. Aber die für manche zentralen Randannahmen der Fußball-WM (à la „LOL Holland ist nicht dabei ROFL“) verbunden mit Gefühlen der Überlegenheit, Häme und Schadenfreude sind für mich etwas, das sich meiner Empfindung entzieht – auch auf Vereinsebene. Ich glaube, es lebt sich einfach stressfreier so. Aber mal sehen – vielleicht steckt mich der bald aufkommende Kollektivrausch ja doch noch an?

Dies im Hinterkopf behaltend, zurück zu Mario Götze.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte ein immer bekannter werdender Sportstreamingdienst eine mehrteilige Dokumentation über eben diesen sehr bekannten jungen Herren. Eigentlich wollte ich nur kurz am Nachmittag ein wenig Zeit überbrücken, doch dann blieb ich vor dem Fernseher kleben. Ergo kann ich besagte Dokumentation wirklich nur empfehlen. Insbesondere als leidenschaftlicher Kopfschüttler wenn es um die, meiner Meinung nach völlig überzogene Kritik an dieser Person des öffentlichen Lebens geht, die in den letzten Jahren leider gar salonfähig geworden ist.

Die hier alles entscheidende Szene folgt jedoch schon wenige Minuten nach Beginn der ersten Folge der Dokumentation. Mario wird beim morgendlichen Pflegeritual in seinem schönen, dennoch verblüffend steril wirkenden Bad gefilmt. Auf eine Nassrasur folgt das Öffnen des Badezimmerschrankes – das anschließende Eincremen des Gesichtes begleitet ein Close-Up in eben diesen. Und nicht erst jetzt erblickte mein geschultes Auge mir nur allzu bekannt vorkommende Glasfläschchen unterschiedlichster Formen und Farben. He Wood Rocky Mountain Wood (Dsquared²), Dubai – Emerald (Bond No. 9), Casamorati – Dama Bianca (XerJoff), Aresthusa (Tiziana Terenzi), gleich zwei Mal White Fire (Tiziana Terenzi), und noch zwei weitere Terenzis, die ich leider – auch nach dem hundertsten Mal zurückspulen – nicht erkennen konnte. Bei manchen Düften ist zu vermuten, dass hier auch Frau Götzes Sammlung ihren Platz hat.

Zum Abschluss des Pflegerituals folgte ein beherzter Griff zu einem der beiden Terenzis, die ich leider nicht erkennen konnte. Fünf, sechs Sprüher an den Hals, und Herr Götze war bereit für den Tag.

Und ich? Ich war, als bekennender Fan einiger Terenzi-Kreationen, mal wieder elektrisiert, klebte jedoch weiterhin im Sessel fest.

In Gedanken stand ich als kleiner, (nicht-)schwäbischer Nutella essender Wattwurm vor Deutschlands WM-Helden von 2014 und stammelte: „Mario, ich find dich so subba“ (Marios Antwort: „It’s-a Me, Mario!“ – so, Super Mario-Referenz mehr oder weniger erfolgreich verbaut)

Was das Dufthobby nicht so alles mit einem anstellt …


Ich bedanke mich herzlichst für’s Lesen und wünsche allen einen „dufte“ WM bzw. Royale Hochzeit gehabt zu haben!

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Erster Akt: Der Fall

Die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen des Tages fallen durch mein durch Ruß und Staub getrübtes Hauptstraßenfenster. Draußen herrscht hektisches Treiben. Berufsverkehr. Die Menschen wollen nach Hause – stadtein- und stadtauswärts. Rigoroses Hupen, Rumgebölke – der Sinn einer Bedarfsampel scheint sich Vielen einfach nicht Erschließen zu wollen. Motoren heulen auf, Reifen drehen durch – im Straßenverkehr fällt ein Jeder in seine animalischsten Grundmuster zurück.

Ich sitze in meinem abgewetzten Ledersessel, blinzle hinaus und nippe gedankenverloren an meinem fünften Scotch des Tages.

Leere.

Dieser Fall lässt mir keine Ruhe – und ich weiß einfach nicht weiter. Seit Monaten leert jeder weitere Schluck den Kübel meiner Hoffnung, irgendwann einmal die Lösung zu finden. Das zwischenzeitlich durchaus aufgeflackerte Licht am Ende des Tunnels wird zunehmend ertränkt im Wasser des Lebens.

Seit Jahren verfolge ich nun schon diesen Fall. Ich bin Privatdetektiv – eine wahre Spürnase, schenkt man den wenigen sozialen Kontakten, die ich noch pflege, Glauben. Torf, Rauch, Malz, Ethanol – die Wetzsteine meines dritten Sinnes.

Ich komme nicht weiter, es ist der Fall meines Lebens. Man gab mir lediglich folgendes zum Auftrag: „Finde IHN!“. Nun ja, in den Fußnoten stand dann noch: „Wie heißt er? Gibt es den auch in 30ml? Wieviel kostet er? Und kann ich ihn wirklich nur im Alsterhaus kaufen?“.

Was geschah bisher?

Ende April dieses Jahres stand ich bereits kurz vor der Kapitulation. Ich begann zu zweifeln – Spürnase, jaja. Vielleicht sollte ich mein Arbeitsgebiet doch auf Hochprozentiges aus Schottland beschränken.

Doch dann bekam ich unverhofft Hilfe, wie ich sie niemals für möglich gehalten hätte. Tausende Kollegen verschafften mir Einblicke in ihre Aufzeichnungen – einfach so. Aufzeichnungen, die auch sie seit Jahren akribisch anlegten, stets ebenfalls auf der Suche nach „IHM!“. Sie schickten mir gar Spuren, Hinweise, Beweisstücke in Form von kleinen Glas- oder Plastikfläschchen mit verschiedensten Inhalten. Ich war nicht allein und schöpfte neuen Mut. Mit dieser Unterstützung musste es mir einfach gelingen, „IHN!“ endlich zu finden.

Ich verbrachte meine Tage mit dem Durchforsten von Aufzeichnungen, mit dem Sichten von mir zugesandten Beweisen. Es waren stets viele überwältigend eindeutige Fundstücke dabei – ich war so oft fest davon überzeugt, kurz vor der Lösung zu stehen. Zu früh gefreut, falsch gedacht, Ernüchterung – jedes Mal.

Vor ein paar Monaten dann, ich war gerade wieder einmal auf dem besten Wege, mich in den Schlaf zu trinken, öffnete ich die Postsendung einer Kollegin aus dem Süden. Drei kleine Beweisfläschchen, um zwei von ihnen hatte ich explizit gebeten. Wieder einmal zwei Spuren, die mich in den Glauben versetzten, der Lösung ganz nah zu sein. Dem dritten Fläschchen jedoch schenkte ich erst ein paar Tage später Beachtung. Ich war zuvor zu beschäftigt damit, die bereits wieder einmal schnell eingesetzte Erkenntnis, meine vor kurzem erst zur Kardinalspur erkorenen Beweisstücke zu den anderen nicht zielführenden Spuren zu stellen und die Enttäuschung darüber mit einer Flasche Hochlandmalz zu ertränken.

Dann kam er, der Moment, welcher mich in die bisher rätselhafteste Phase der Beweisfindung meines Spürnasendaseins katapultieren sollte.

Das mir ebenfalls zugesandte dritte Fläschchen beinhaltete eine dunkelbraune Flüssigkeit – welch schöne Farbe, karamelliert, fast bernsteinern. Leicht trüb – wie die letzten Strahlen der Herbstsonne durch mein Hauptstraßenfenster betrachtet. Etwas ölig anmutend – wie der langsam abperlende Tropfen Whisky in meinem Nosingglas. Auf dem kleinen Fläschchen stand lediglich folgender Hinweis: „Tom Ford. Noir.“

Tom Ford. Aha. Schon mal gehört, mir durch die Aufzeichnungen meiner Kollegen erstmals nähergebracht. Noir. Hm. Französisch für Schwarz. Interessant.

Ich träufelte etwas von der braunen Flüssigkeit auf mein Handgelenk. Den restlichen Abend über rührte ich keinen Tropfen Lebenswasser mehr an. Ich bekam die Nase nicht mehr weg vom Knotenpunkt Radius/Ulna. Das war süßlich. Das war würzig-holzig. Da war Rauch. Es war weich, lecker – das MUSS er einfach sein!

Sofort machte ich mich an das Durchforsten der Aufzeichnungen meiner Kollegen.

Tom Ford. Noir.

Sechs verschiedene Einträge. Verdammt. Das ist alles andere als eindeutig. Ausschlussverfahren.

„Noir Eau de Toilette“ – kann nicht sein, das ist eine sichtbar durchsichtige Flüssigkeit.

„Noir Eau de Parfum“ – Flakon blickdicht. Also nachlesen. Kollege O., eine in seinen Beschreibungen olfaktorischer Spuren und Beweisstücken von mir hochgeschätzte Koryphäe, ja gar eine Legende unter den Spürnasen, hielt fest: „Pfeffrig-pudriger Geselle mit zu viel Wucht und Penetranz“. Puder? Penetranz? Nein, kann nicht sein. Ich wollte dennoch sicher gehen. Beweis geordert – aufgesprüht. Aha! Sieh an – ja, geht irgendwie in die Richtung, hat aber einen animalischen Unterton, der passte nicht. Vielleicht ist er es denn… Moment mal – die Flüssigkeit ist durchsichtig!

„Noir Anthracite“ – Wieder blickdicht. Aber viel zu neu, kann nicht sein.

„Noir de Noir“ – Recht blickdicht. Aber der Name? Passt doch irgendwie nicht so recht. Beweis geordert – wunderschön, aber nein, der ist es definitiv auch nicht.

„Noir Extreme“ – Ist es denn die Möglichkeit? Blickdicht… Nachlesen! Aus den Aufzeichnungen vom ebenso hochgeschätzten Kollegen K. aus den Südlanden ruft es mir schier entgegen: „Heast, i sag dir glei, des hot nix mit da Männlichkaat zu tun, waaßt. Süß is fia de Madl!“ Ich redete mir ein, dass das so pauschal nicht stimmt, setzte mich auf mein pinkfarbenes Schaukeleinhorn, goss mir einen Asti auf die gefrorenen Himbeeren im Glas und wippte grübelnd vor und zurück. Ein Beweisstück musste her! Geordert, aufgemacht, aufgesprüht – JA! Das ist ER! Süß, weich, dennoch würzig, leicht cre… äh, Moment mal – die Flüssigkeit… schon wieder durchsichtig! Außerdem sticht da irgendwas in der Kopfnote, das passt nicht.

Ich begann, an der Welt und an meinem Verstand zu zweifeln. Gerade zum Schluck eines Torftropfens angesetzt, fiel mir beinahe das Glas von der Lippe – frag doch einfach mal die nette Kollegin, die dir dieses Beweisstück damals zukommen lassen hat. Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen – ich sah den Wald vor lauter Eichenfässern nicht!

Ernüchterung. Auch die Kollegin bekam diese Kostbarkeit zuvor nicht näher definiert zugeschickt. Sie wusste leider keine Antwort, konnte mir lediglich versichern, dass ihre Nachforschungen ergeben haben, dass es nicht „Noir pour Femme“ sein kann.

Zweiter Akt: Whisky

Ich trank und schlief.

Dritter Akt: Letzter Akt

In ein paar Tagen trifft Beweisstück „Noir pour Femme“ bei mir ein.

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Ich bedanke mich herzlichst für’s Lesen meines ersten Blogeintrages!

Und während diese Geschichte in ihrem Kern auf wahren Begebenheiten beruht (es ist zum verrückt werden – aber das kennen wir sicherlich alle hier) versichere ich euch, dass ich (noch) kein Alkoholproblem habe, sondern mich lediglich hier und da der Übertreibung bedient habe. Ebenso ist es auch nicht so schlimm mit der Verzweiflung bestellt, wie es vielleicht den Anschein erweckt – aber kurios ist es schon.

Wer da also eine Lösung parat hat… Ich bin ganz Ohr! ;-)

Des Weiteren möchte ich an dieser Stelle einen großen Dank an euch alle loswerden. Ich habe Parfumo früher im Jahr für mich entdeckt und bin begeistert, wie viele tolle Menschen hier das Hobby teilen! Danke für eure genialen Beiträge (Kollegen O. und K. – merci!) und die netten Kontakte und insbesondere an die, die diese Seite mit ihrer Arbeit zu dem machen, was sie ist.

Cheers,

Spürnase N.
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