Na gut, noch eine hochambitionierte und hochpreisige Nischen-Linie - eine mehr oder weniger, was soll´s. Man (will sagen: ich) verliert sowieso langsam den Überblick. Nun also „Arquiste“. Carlos Huber heißt der Gründer, ein weitgereister, polyglotter Mann, der dieses und jenes studierte und schon immer von Düften fasziniert war (irgendwie habe ich das Gefühl, immer die gleiche Vita zu lesen....). Jedenfalls hat dieser Herr Huber, was die Auswahl seiner Parfümeure betraf, ein erstaunlich gutes Händchen bewiesen: Yann Vasnier und Rodrigo Flores-Roux (wie Herr Huber ein gebürtiger Mexikaner) waren seine Auserwählten, und die schufen ihm gleich eine ganze Reihe von - wie könnte es anderes sein – sicher bedeutenden Werken. Als ich die Kurzbeschreibungen der Düfte las, war es vor allen anderen „Aleksandr“ der mich augenblicklich interessierte: Puschkin und sein schicksalhaftes Duell im russischen Winter, olfaktorisch abgebildet mit Noten von Neroli, Veilchenblatt, Tannenbalsam und Russisch Leder. Holla, das klang vielversprechend! Obendrein von Yann Vasnier komponiert, dem Mann hinter den Divine-Düften – dabei konnte eigentlich nur Grandioses herauskommen.
Doch ich muss gestehen: ich bin enttäuscht.
Nicht dass der Duft schlecht wäre, ganz im Gegenteil, er ist gut, vielleicht sogar sehr gut, aber ich habe ihn mir ganz anders vorgestellt: kräfiger, ledriger, reichhaltiger, irgendwie russischer. Aber ich hätte gewarnt sein können: Neroli stand da immerhin geschrieben, und Neroli ist es auch, was meiner Nase da augenblicklich so kräftig entgegenweht. Nun bin ich aber alles andere als ein Fan dieser, meines Erachtens, schwierigen, häufig lauten und eigentlich immer viel zu klebrig-süßen Blüten-Note. Ist sie gut eingebunden, ertrage ich sie, wird sie aber herausgestellt oder bildet gar das Zentrum eines Duftes, ist sie mir zuviel. Und hier, im Falle von „Aleksandr“ ist sie für meinen Geschmack viel zu deutlich im Vordergrund, ja dominiert im Grunde den ganzen Duft. Schon zu Beginn blüht sie mächtig auf, begleitet von allerlei ozonischen Noten (Puschkin, mit altmodischem Neroli-Cologne beduftet, bereit zum Duell, auf einer Lichtung im frostigen und zugigen Winterwald...), und schon hier steige ich aus - das ist mir einfach zuviel: zuviel Neroli und zuviel ozonisches Gewaber. Mochte ich ersteres – wie gesagt – noch nie so richtig, finde ich letzteres nur noch mit Mühe erträglich.
Aber gut, jeder Anfang hat ein Ende, und mal schauen wie es weitergeht. Doch die Entwicklung ist langsam, sehr langsam. Zunächst verschwinden glücklicherweise die ozonischen Anklänge und lassen Raum für ein leises, zaghaftes Veilchenblatt. Das mag ich eigentlich ganz gerne, vor allem dessen frische und grüne Nuancen, die hier aber leider überhaupt keine Chance gegen die überlaute Pomeranzen-Blüte haben. Ich muss mich schon sehr anstrengen um es zu riechen, aber dann rieche ich es – immerhin. Ansonsten: Neroli, Neroli, Neroli.
Zusehends gewinnt der Duft dann etwas Volumen und auch Wärme: harzige und balsamische Noten scheinen auf (der Tannenwald), ebenso eine Ahnung von feinem, veloursartigem Leder, nebst leisem animalischen Hauch (das Pferd mit dem Herr Puschkin zu seinem letzten Gang ritt), und das alles auf einer dezent ambrierten, leicht pudrigen Basis, deren Proportionen eher überschaubar sind. Überhaupt ist der Duft eigentlich in jeder Phase ausgesprochen zurückhaltend, dabei dennoch präsent – ganz im Stile der klassischen Gentleman-Düfte à la „Pour Monsieur“ von Chanel oder „Monsieur“ von Givenchy (allerdings haltbarer als diese, wenn auch ohne deren Raffinesse).
So klingt „Aleksandr“ schließlich ganz versöhnlich aus und zu guter letzt gefällt er mir sogar ein wenig. Doch wie gesagt, ich hatte mehr erwartet: etwas im Stile eines – meinetwegen neu interpretierten – Cuir de Russie. Kraftvoller jedenfalls, verwegener. „Aleksandr“ aber ist überaus zivilisiert, feingliedrig und von eher blassem Teint. Fazit: ein schöner und melancholischer Duft, wenn, ja wenn da nicht diese übermäßige Neroli-Dominanz wäre, die ihn mir schlichtweg verleidet.
Andere werden ihn genau darum schätzen, dessen bin ich mir gewiss!
Die Probe ging damals kaputt bei der Lieferung und es hat alles im Umschlag nach Tanne gestunken, das war so furchtbar - finde den Duft echt grauenvoll.