So, jetzt dürfte ich ja eure Aufmerksamkeit haben, oder?
Habe ich?
Passt!
Ja, ich weiß, dass das jetzt irgendwie billig war. Ich muss Jeremy aber, auch wenn ich seine dezent narzistische Art nicht ausstehen kann, in einer Sache beipflichten. So berichtet er, dass Bleeker Street nach frisch geschnittenem Gras dufte. Hier gebe ich ihm auch durchaus recht, jedoch mit einigen Abstrichen.
Als jemand, der schon in seiner frühen Kindheit mit der Kunst des Rasenmähens vertraut gemacht wurde, kann ich sicher sagen, dass Rasen, sofern dieser morgens gemäht wird, wenn es noch nicht so heiß und das Grün noch etwas feucht ist, sich durch eine idyllische Saftigkeit auszeichnet.
Von dieser Saftigkeit spürt man allerdings nicht mehr sonderlich viel, wenn man beispielsweise mal etwas länger schläft und das Mähen auf den Nachmittag verlegen muss, um die nachbarliche Rentnerhorde nicht aus ihrem Mittagsschlaf zu reißen. Schmeißt man erst gegen 15 Uhr den Rasenmäher an, hat die Mittagshitze zumeist das letzte bisschen Saft aus jedem einzelnen Grashalm getilgt. Nun ist von der grünen Saftigkeit nicht mehr viel übrig. Stattdessen macht sich dann eine muffig-grüne Duftwolke, verziert mit Unmengen an Staub und Dreck breit und man fragt sich, warum man nicht früher aufgestanden ist.
"Bleeker Street" ist weder das morgendliche Rasenmähen noch das am Nachmittag. Es befindet sich irgendwo dazwischen. Zu Beginn noch sehr luftig und frisch, verdichtet der Duft sich nach circa einer halben Stunde und ist nicht mehr ganz so transparent. Zu Beginn sorgten die Johannesbeere und das Veilchen tatsächlich noch für einen grasähnlichen grünen Auftakt. Die Johannesbeere war für das Saftige zuständig, während das Veilchen für die grün-krautige Note Verantwortung übernahm. Diese grün-krautige Saftigkeit wird danach mit einer etwas muffigen Cremigkeit unterlegt und verliert somit automatisch an Luftigkeit. Verantwortlich für die weichende Transparenz und Luftigkeit dürfte der Zimt sein, den ich jedoch nicht explizit herausrieche, doch auch das Zedernholz dürfte an diesem sich wandelnden Dufteindruck seinen Anteil haben. Es ist aber alles, so zumindest für mich, sehr schwierig herauszuriechen.
Mit dem Einsetzen der Basisnote wird es dann nochmal richtig grün. Das Eichenmoos und das Patchouli sind hier beteiligt und verpassen der Komposition nun wieder einen sehr krautig-grünen Anstrich, der zusätzlich eine minimale Süße, hervorgerufen durch die Vanille, erfährt. Leder nehme ich hier übrigens nicht wahr - so viel sei noch abschließend gesagt.
Haben wir es hier nun mit Rasen zu tun, der frisch gemäht wurde? Ich sage "Jain". Es ist viel eher eine Wiese, also weit entfernt vom penibel gepflegten englischen Rasen, bei der Moos, Veilchen, Patchouli und sonstige grüne Nettigkeiten eine Koexistenz pflegen. Der Inhalt unseres Rasenmäherkorbs besticht am Ende durch ein krautig-grünes Gemisch, das noch eine gewisse Restfeuchtigkeit sein Eigen nennen darf. Anscheinend hielten wir uns doch nicht so ganz an die Ruhezeiten und mähten bereits mittags, sodass noch nicht alles vollständig ausgetrocknet war. Das Ordnungsamt steht auch schon vor der Tür, die mumifizierte Nachbarschafts-Stasi auf dem Balkon, ich schnell in den Schuppen - den rasenschneidenden Mittagszeitzersprenger verstecken.