Ein Junger Parfumeur wollte Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris einen Laden eröffnen. Dabei richtete er sein Augenmerk auf eine kleine Parfumerie in der Rue Rossini. Er kaufte dieses Geschäft wenig später und produzierte dort seine selbst kreierten Parfums. Sein Name war Ernest Daltroff und die Parfumerie hieß Caron. Er beließ es bei diesem Namen. Einmal, weil ihm der Name gefiel und zum zweiten, weil er der Meinung war, dass sein eigener russischer Name nicht gerade ein angemessener Name für eine Parfumerie mitten in Paris wäre. Er war gewissermaßen auch ein Geschäftsmann, der am finanziellen Erfolg seines Geschäfts interessiert war. Ein Jahr später zog er mit seiner Parfumerie in die angesehene Einkaufsmeile Rue de la Paix. Dort betrieb die Modemacherin Félicie Vanpouille ebenfalls ein Geschäft. Die beiden Nachbarn verstanden sich so gut, dass Vanpouille mit der Zeit Daltroff's Muse, kurz darauf seine ständige Beraterin und danach sogar bis Daltroff's Tod seine Teilhaberin wurde. Nach seinem Tod im Jahre 1941 übernahm sie die Geschäftsleitung. Sie hatte schon immer ein sehr feines Gespür für die Bedürfnisse ihrer Kunden, einen sicheren Geschmack und außerordentlichen Geschäftssinn. "Narcisse Noir" und "Fleurs De Rocaille" waren schon dank ihrer Talente zum Hit geworden. Bei "Pour Un Homme" hatte sie den verkaufsfördernden Einfall, den Messieurs zu sagen, diese mögen sich doch mit einem "Eau De Toilette" parfümieren. Einem "Parfum" für einen Mann sozusagen. Daher rühren auch die Mißverständnisse, Pour Un Homme wäre der erste "Herrenduft". Was natürlich so nicht stimmt, weil es vorher schon Herrendüfte gab ( Knize Ten, Varon Dandy und viele andere ). Diese waren allerdings mehr Düfte in Cologne-Form. Vanpouille bewies einmal mehr ihren Geschäftssin und Pour Un Homme startete einen bis heute selten gesehenen Siegeszug. Diese Strategie allein war natürlich nicht für den großen Erfolg verantwortlich. Der Duft trug natürlich mit zum Erfolg bei. Und zu dem komme ich jetzt.
Zu dem Duft von Pour Un Homme muß man eines sagen: Lavendel und Vanille zeigen auf eindrucksvolle Art und Weise ihre Präsenz. Wobei sich Lavendel eindeutig von der Kopfnote bis zum Herzen behaupten kann. Vanille hingegen tritt erst nach einiger Zeit in der Herznote hervor, wenn auch vorerst nur dezent. Erst in der Stunden währenden Basis lebt Vanille richtig auf und entwickelt sich fast zu einer herrischen Diva. Das ist auch nötig, weil der Duft in der Basis keinen allzu femininen Touch erhalten soll. Nun kennen wir den (männlichen) lavendeligen Kopf und den (weiblichen) vanilligen Fond. Wohlgemerkt nicht sehr feminin. Aber was ist mit der Herznote. Da tut sich anscheinend wirklich nicht viel, wie es auch schon unser Freund Yatagan in seinem Kommentar festgestellt hat. Da klafft eine Lücke, was zumindest dominante Hauptakteure in Form von Blüten, Holz oder Gewürzen anbelangt. Dennoch birgt eben dieses Herz genau die Zutaten, die diese beiden gegensätzlichen Hauptdarsteller Lavendel und Vanille auf wundersame Weise ineinander verschmelzen läßt. Wenn man sich den Kopf und den Fond genauer unter die Lupe nimmt, kann man erahnen, was im Herzen so dezent aber sicher umgesetzt wurde. Da sehen oder riechen wir z.B., dass Lavendel nicht allein daherkommt. Es scheint ein üppiger Akkord auf Lavendelbasis zu sein (Rosmarin, Salbei als krautige Facette; Zitrone, Bergamotte als frische Facette und Rose, Rosenholz als blumige Facette). Bei Vanille handelt es sich ebenfalls um einen Akkord. Weniger üppig, dafür aber geheimnisvoller. Dieser Vanille-Akkord verfügt über süßliche, holzige und moosige Akzente. Aber etwas muß in diesem Akkord oder als eigenständige, dezente Note im Herzen des Parfums vorhanden sein, damit das Ganze Duftgebilde "harmonisch" wirkt. Es könnte ein Hauch von Zimt und/oder Nelke sein, der als blütig-würzige Brücke zum süßlichen Hintergrund dient. Vielleicht auch eine Nuance Jasmin-Sambac oder eben nur ein Tröpfchen Tagetes. Es ist auf jeden Fall eine Komponente, die auf geringstem Raum die blumigen und würzigen Seiten von Lavendel und Vanille in sich integriert. So wie ein Sekundenkleber, der verschiedenste Materialien fest miteinander verbindet, selbst aber "kaum" da ist. Das Ergebnis ist jedenfalls ein Duft, der an sich kontrovers ist. Aber eben auch ein Duft, der trotz aller Gegensätze als festes Bündnis auftritt. Deshalb wundert es mich überhaupt nicht, daß im Laufe der Jahrzehnte sehr viele Menschen ein "festes Bündnis" mit diesem Parfum eingegangen sind.
Was mein persönliches Fazit angeht, so muß ich eingestehen, daß ich ganz sicher kein Fougère Typ bin. So fing auch mein "persönliches, kleines Bündnis" mit "Pour Un Homme" vor ca 20 Jahren auch an. Eine kleine, unscheinbare Parfümerie am Rande der City von Braunschweig hatte gerade eröffnet. Ich war damals zwar schon "duftbegeistert", hatte aber bei weitem nicht die Kenntnisse von heute. Ich betrat also den kleinen Laden und war schon überrascht, nur einen jungen Mann als Verkäufer anzutreffen. Gerade um die 30 Jahre alt, hatte er dieses kleine Geschäft eröffnet. Seine Frau war seine einzige "Kollegin". Er nahm sich Zeit für mich und führte mich regelrecht durch das kleine aber feine Angebot. Lauter Exoten, die man bei dem Türkis-Riesen oder anderen "normalen" Parfümerien nicht vorfand. Er erklärte auf meine Verwunderung hin, seine Produkte wären mehr Nischen-Parfums. Ich hörte zum ersten mal von dieser "Nische". Neben englischen und amerikanischen Seltenheiten sah ich plötzlich Caron's Pour Un Homme, das nun nicht in diese Nische passte. Ich kannte den Duft nicht und testete ihn. Als der Verkäufer mich fragend anschaute sagte ich nur: "Käsekuchen, das Zeug erinnert mich an Käsekuchen". Nun, ich entschied mich für einen englischen Klassiker namens "Mulberry". Ein paar Tage später stand ich jedoch wieder in dem Laden. Der Verkäufer fragte mich mit einem herzhaften Lächeln: "Käsekuchen gefällig?". Was soll ich lügen; genau deswegen war ich da. Denn dieser Duft ließ mich einfach nicht mehr los. Ich dachte tagelang an den wohlriechendsten Kuchen, den ich je in meinem Leben geschnuppert hatte. Ich wollte ihn stundenlang "am Hals" haben, und nicht für einen Augenblick "im Hals".
Wäre ich heute an der Stelle jenes Verkäufers, würde ich diesem herzhaften Lächeln nur folgende Worte hinzufügen: Natürlich. Manchmal ist es eben nur eine "Reine Herzensangelegenheit" Ja, es ist das relativ kleine und unscheinbare Herz, das so wichtig für unser Leben ist. Im wahrsten Sinne des Wortes, als auch emotional.
Bestes Beispiel dafür, dass ein Duft, den man glaubt in-und auswendig zu kennen und sein " eigen " nennt, trotzdem wieder neu kennen und schätzen lernt.