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Top Rezension
Admiral auf hölzernem Schiff
Nach dem Cumin-Rausch des zweiten, und dem Gewürz-Potpourri des ersten, hier nun die Strauch-, Kraut- und Holzorgie des dritten ‚Eaus’. Die kleine, zu jener Zeit recht unkonventionelle Firma Diptyque mischte die ach so distinguierte Parfumszene von Paris zu Beginn der 70er Jahre mit solchen, aus allen Rastern fallenden Kreationen ordentlich auf. Doch was ist geblieben vom Aufbruch zu neuen Ufern, von Wagemut und Rebellentum?
Leider fast nichts.
Gegen den Strich bürsten heute andere (man denke an Etat Libre d’Orange), und ein unternehmerisches Risiko mit gewagten, eher abseitigen Werken geht Diptyque schon lange nicht mehr ein – man ist brav geworden, angepasst, in gewisser Weise ‚erwachsen’.
Sollen sich doch andere in jugendlichem Überschwang abmühen und sich abzugrenzen versuchen – Diptyque ist angekommen im Nischen-Mainstream (ja, das gibt es meiner Ansicht nach mittlerweile: fast jedes sich in der ‚Nische’ tummelnde Unternehmen hat über kurz oder lang ihren Amber-Duft, ihren Gourmand-, Vetiver-, Rosen-, Weihrauch-, Iris-Duft etc.).
Doch um den Imagewechsel möglichst gründlich zu vollziehen, hat Diptyque nicht nur die eigene Ausrichtung und Strategie geändert, sondern sich obendrein vom aufrührerischen Erbe getrennt – ‚L’Autre’ und ‚L’Eau Trois’ verschwanden, ebenso das gar nicht mal so alte, aber äußerst indolische und heutige Nase arg beleidigende ‚Virgilio’.
So präsentiert sich der Katalog der Firma heute in von schrägen Kreationen gereinigter Form – kein potentieller Kunde soll hier mehr über Gebühr verschreckt werden, sich fragend ob so etwas überhaupt tragbar sei (und ‚L’Autre’ war ja wirklich eine Zumutung – und was für eine!).
So ist auch leider das großartige ‚L’Eau Trois’ in den Hades der Parfumgeschichte eingegangen. Wird es einen Orpheus geben, der es zurückzuholen versucht?
Wir werden sehen.
Einstweilen bleibt die Erinnerung an einen extremen Duft. Krautiger, rauchiger und holziger ist kaum denkbar. Ein ganzes ‚Bouquet garni’ steckt in diesem Duft: Lorbeer, Thymian, Rosmarin und Oregano, aber auch ein ordentliches Quantum aromatisch duftender, mediterraner Sträucher und Hölzer, wie Myrte und Pinie, viel Weihrauch und vor allem jede Menge Harze - viel Zistrose und noch viel mehr Myrrhe.
Die Myrrhe ist es auch, die dem ansonsten äußerst herb-aromatischen Gebräu einen leichten balsamischen Grundton verleiht und so den vor sommerlicher Hitze geradezu ausgedörrten Aromaten einen Rest an Weichheit und Biegsamkeit zurückgibt. Sie ist es letztlich, die den Duft davor bewahrt nicht ausschließlich als kratzig und hölzern, ja knochentrocken wahrgenommen zu werden, denn irgendwelche Blümchen, süße Früchte oder Gaumenschmeichelnde Gewürze sucht man hier vergebens.
‚L’Eau Trois’ sei der Duft der rauen, zerklüfteten Küstenlinie des nördlichen Griechenlands – so, oder jedenfalls so ähnlich lautete die Beschreibung von Seiten Diptyques.
Ich war da noch nie und kann nicht beurteilen ob das stimmt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es dort nicht viel anders riecht als in den Bergen Korsikas oder auf den Hügeln der Provence. Und ähnlich wie Annick Goutals Duft ‚Sables’ vor meinem inneren Auge die an den Küsten allgegenwärtige Macchie aufblühen lässt, so ließ mich ‚L’Eau Trois’ tatsächlich immer an die herbe Würze und knarzige Trockenheit mediterraner Berghänge denken.
Auch an einen anderen Duft erinnerte mich ‚L’Eau Trois’ – an Carons ‚Yatagan’. Auch hier viele Harze von wildem, sonnenverdörrtem Gestrüpp und wenig die Sinne schmeichelndes Blühen. Aber im Gegensatz zu ‚Yatagan’ fehlte ‚L’Eau Trois’ die animalische Durchdringung – hier ist nichts, aber auch gar nichts tierischen Ursprungs. Das machte den Duft allerdings nicht tragbarer, ganz im Gegenteil. Denn letztlich mangelte es ihm doch ein wenig an sinnlicher Kraft und erotischer Ausstrahlung (die ‚Yatagan’ fast im Übermaß besitzt). Und so hatte er für mich auch immer eher etwas Steifes und Altmodisches: Ein Duft, wie geschaffen für einen herrischen Admiral auf einem großen, uralten Segelschiff. Streng, unnahbar und hölzern, dabei Autorität ausstrahlend, doch ohne jegliche emotionale Regung - so war der Duft.
Trotzdem irgendwie großartig.
So anders!
Leider fast nichts.
Gegen den Strich bürsten heute andere (man denke an Etat Libre d’Orange), und ein unternehmerisches Risiko mit gewagten, eher abseitigen Werken geht Diptyque schon lange nicht mehr ein – man ist brav geworden, angepasst, in gewisser Weise ‚erwachsen’.
Sollen sich doch andere in jugendlichem Überschwang abmühen und sich abzugrenzen versuchen – Diptyque ist angekommen im Nischen-Mainstream (ja, das gibt es meiner Ansicht nach mittlerweile: fast jedes sich in der ‚Nische’ tummelnde Unternehmen hat über kurz oder lang ihren Amber-Duft, ihren Gourmand-, Vetiver-, Rosen-, Weihrauch-, Iris-Duft etc.).
Doch um den Imagewechsel möglichst gründlich zu vollziehen, hat Diptyque nicht nur die eigene Ausrichtung und Strategie geändert, sondern sich obendrein vom aufrührerischen Erbe getrennt – ‚L’Autre’ und ‚L’Eau Trois’ verschwanden, ebenso das gar nicht mal so alte, aber äußerst indolische und heutige Nase arg beleidigende ‚Virgilio’.
So präsentiert sich der Katalog der Firma heute in von schrägen Kreationen gereinigter Form – kein potentieller Kunde soll hier mehr über Gebühr verschreckt werden, sich fragend ob so etwas überhaupt tragbar sei (und ‚L’Autre’ war ja wirklich eine Zumutung – und was für eine!).
So ist auch leider das großartige ‚L’Eau Trois’ in den Hades der Parfumgeschichte eingegangen. Wird es einen Orpheus geben, der es zurückzuholen versucht?
Wir werden sehen.
Einstweilen bleibt die Erinnerung an einen extremen Duft. Krautiger, rauchiger und holziger ist kaum denkbar. Ein ganzes ‚Bouquet garni’ steckt in diesem Duft: Lorbeer, Thymian, Rosmarin und Oregano, aber auch ein ordentliches Quantum aromatisch duftender, mediterraner Sträucher und Hölzer, wie Myrte und Pinie, viel Weihrauch und vor allem jede Menge Harze - viel Zistrose und noch viel mehr Myrrhe.
Die Myrrhe ist es auch, die dem ansonsten äußerst herb-aromatischen Gebräu einen leichten balsamischen Grundton verleiht und so den vor sommerlicher Hitze geradezu ausgedörrten Aromaten einen Rest an Weichheit und Biegsamkeit zurückgibt. Sie ist es letztlich, die den Duft davor bewahrt nicht ausschließlich als kratzig und hölzern, ja knochentrocken wahrgenommen zu werden, denn irgendwelche Blümchen, süße Früchte oder Gaumenschmeichelnde Gewürze sucht man hier vergebens.
‚L’Eau Trois’ sei der Duft der rauen, zerklüfteten Küstenlinie des nördlichen Griechenlands – so, oder jedenfalls so ähnlich lautete die Beschreibung von Seiten Diptyques.
Ich war da noch nie und kann nicht beurteilen ob das stimmt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es dort nicht viel anders riecht als in den Bergen Korsikas oder auf den Hügeln der Provence. Und ähnlich wie Annick Goutals Duft ‚Sables’ vor meinem inneren Auge die an den Küsten allgegenwärtige Macchie aufblühen lässt, so ließ mich ‚L’Eau Trois’ tatsächlich immer an die herbe Würze und knarzige Trockenheit mediterraner Berghänge denken.
Auch an einen anderen Duft erinnerte mich ‚L’Eau Trois’ – an Carons ‚Yatagan’. Auch hier viele Harze von wildem, sonnenverdörrtem Gestrüpp und wenig die Sinne schmeichelndes Blühen. Aber im Gegensatz zu ‚Yatagan’ fehlte ‚L’Eau Trois’ die animalische Durchdringung – hier ist nichts, aber auch gar nichts tierischen Ursprungs. Das machte den Duft allerdings nicht tragbarer, ganz im Gegenteil. Denn letztlich mangelte es ihm doch ein wenig an sinnlicher Kraft und erotischer Ausstrahlung (die ‚Yatagan’ fast im Übermaß besitzt). Und so hatte er für mich auch immer eher etwas Steifes und Altmodisches: Ein Duft, wie geschaffen für einen herrischen Admiral auf einem großen, uralten Segelschiff. Streng, unnahbar und hölzern, dabei Autorität ausstrahlend, doch ohne jegliche emotionale Regung - so war der Duft.
Trotzdem irgendwie großartig.
So anders!
7 Antworten
Laurel vor 11 Jahren
Konnte ihn heute endlich auch testen. Deine Beschreibung trifft es genau, herb-aromatisches Gestrüpp. Zum Glück nicht durch süßes/blumiges durchdrungen, somit sehr authentisch.
Rivegauche vor 13 Jahren
"L'Autre" und "L'Eau Trois" gibt es wieder, aber ausschliesslich in den Diptyque Boutiquen. Von den alten Diptyques ist mir dieser der liebste.
Gentilhomme vor 14 Jahren
Toller Kommentar, wobei als bekennender Diptyque-Jünger finde ich das L'Autre es nicht verdient hat als Zumutung bezeichnet zu werden, das gebührt eher Eau de Lierre :-)
Pazuzu vor 15 Jahren
Leider kann ich mit den alten Diptyque Düften bisher wenig anfangen! Toller Kommentar wie immer!
Inala vor 15 Jahren
Nischen-Mainstream! Ohja. Leider ist es so. Pokal für diesen ausführlichen, mit vielen guten Hintergrund-Infos gespickten Kommi.
Ergoproxy vor 15 Jahren
Klingt interessant! Sehr guter Kommi, ein güldenes Gefäß dafür.
Duftstick vor 15 Jahren
liest sich ganz toll! Bravo oder Ahoi!

