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Oranges and Lemons, say the Bells of St. Clement's von Heeley

Oranges and Lemons, say the Bells of St. Clement's 2010

Sisyphos
16.04.2012 - 13:10 Uhr
6
Sehr hilfreiche Rezension
4Duft 5Haltbarkeit 5Sillage 5Flakon

Utopisch

"1984" von George Orwell hat mich in meiner Jugend schwer beeindruckt. Dieses literarische Werk ist neben "Schöne Neue Welt" von Aldous Huxley die vielleicht bedeutsamste und umfassendste Anti-Utopie (Dystopie) des 20. Jahrhunderts, "Fahrenheit" von Ray Bradbury (nicht von Dior!) richtet seinen Schwerpunkt stark auf den einen Aspekt des geschriebenen Wortes, also auf das Buch als Medium. Während "1984" wenn man so will einen totalitären und tristen Kontroll-Staat im Stil der ehemaligen Ostblockstaaten beschreibt, befasst sich "Schöne Neue Welt" mit einer streng in Schichten eingeteilten und auf Konsum sowie Hedonismus ausgerichteten Spaß-Gesellschaft, die eher zu den westlichen Staaten in der Zeit des Kalten Krieges passt, und in der es unter anderem ein "Gefühlskino" zur Unterhaltung der Bürger gibt, in dem auch Gerüche(!) erfahrbar gemacht werden.

"Oranges and Lemons, say the Bells of St. Clement´s" ist ursprünglich ein Kinderreim, der u. a. eben auch in "1984" literarisch verarbeitet wurde, was mir nicht mehr präsent war und ich somit im Internet nachlesen konnte, nachdem ich den auffälligen und langen Titel bei Google eingab. Der Protagonist und einige andere Figuren des Romans können sich an den vollständigen Reim bzw. das Ende nicht mehr erinnern. Daher steht er stellvertretend für die nahezu vollkommene Auslöschung bzw. Überwachung der Privatsphäre und Vergangenheit (also, der Geschichte) durch den Staat, der so seine Macht sichert. Mit dem Tod des Protagonisten und der anderen Charaktere wird auch dieser Reim für immer verschwinden; selbst die mündliche Tradierung von Kultur funktioniert nicht mehr, weil der Staat sogar die Gedanken kontrolliert.

Ist das die Inspiration von James Heeley, die hinter diesem Duft steht? Oder geht es einfach um die Bilder, die in dem ursprünglichen Kinderreim vorkommen (jemand kauft Orangen und Zitronen, kann sie aber nicht vollständig bezahlen)?

"St. Clement´s" ist mein dritter Versuch, mich dem Hause Heeley zu nähern. Orange, Zitrusnoten und etwas Richtung Grapefruit sind markant und frisch in der Kopfnote, an Tee erinnernde Aromen in der Mittelnote sind für mich gut nachvollziehbar, die Basis ist dann recht grün: Frische grüne Gräser, Vetiver. Der Flakon ist schlicht, Sillage und Haltbarkeit liegen für mich irgendwo im Mittelfeld.

Der vorangegangene Kommentar hat es recht lapidar (dafür hier die Langfassung ...) auf den Punkt gebracht: 4711 Kölnisch Wasser. Meine Großmutter hatte die Erfrischungstücher immer in der Schublade. Wenn mir als kleiner Junge mal schlecht war, hat sie mir eins davon in die Hand gedrückt; und das, obwohl ich Düsseldorfer bin.

Was über 4711 hinaus geht, ist für mich die Tee-Assoziation (einfach Schwarzer Tee oder eben Earl Grey, wo wir wieder das Bergamotte-Aroma hätten) und eine leichte Süße in der Duftentwicklung, die sich zu den grünen Noten gesellt. Dadurch gewinnt der Duft insgesamt etwas an Komplexität.

Was unterm Strich jedoch bleibt, ist Unverständnis; und zwar in Bezug auf die Konzeption des Duftes und den ambitionierten Namen des Parfums. Ich kann dem wilden und diffusen Agarwoud von Heeley im Grunde nichts abgewinnen, das etwas veredelte Tiger-Balsam von Esprit du Tigre hat für mich keine echte Eigenständigkeit und St. Clement´s mit seinen literarisch-intellektuellen Anleihen im Titel ist da für mich auch nicht anders. Zumindest die Komponenten sind harmonisch und aufeinander abgestimmt und die Vitalität des Duftes verfügt über einen gewissen Charme.

Am Ende ist dieser Duft dann doch eher ein harmlos-netter Kinderreim und kein literarisches Schwergewicht wie "1984".
4 Antworten
FranFran vor 13 Jahren
Rivegauche nimmt mir die Worte aus dem Mund: Danke, toll.
AsphaltblumeAsphaltblume vor 13 Jahren
Ich nehme an, es ist ein gutes Zeichen, dass du "Farm der Tiere" von George Orwell nicht auch noch mit reingebracht hast? ;-)
Schöner Kommentar, macht mir Lust, diese Glocken unter die Nase zu nehmen.
RivegaucheRivegauche vor 13 Jahren
Danke, toll.
MaryanaMaryana vor 13 Jahren
wow, was du alles weißt resp. recherchierst.
bei mir haben die "Bells" eine simple Assoziation an Glockenblumen erzeugt und genauso duftet das (kurzlebige) Wässerchen für mich - nach einem Waldspaziergang im Frühling mit Glockenblumen am Wegrand