Ich schaue im Fernsehen nur wenige, völlig verschiedene Sportarten gerne an.
Die erste ist Tennis - und auch wenn ich früher viel lieber Sandplatztennis mochte, muss wohl der Rasenkönig Roger Federer als unbestrittener Jahrhundertspieler unter den Aktiven gelten. Kein anderer vermag so elegant, so souverän, so schnörkellos wie er zu spielen - und gleichzeitig doch alles so leicht und gentlemanlike aussehen zu lassen - die Anhänger von Novak Djokovic, von Andy Murray und von Rafael Nadal mögen mir das verzeihen.
Die zweite Sportart, die ich gerne anschaue, ist Snooker. Das mögen Nichtliebhaber dieses Sports noch weniger verstehen als meine Tennisleidenschaft, doch wenn man das Spiel verstanden hat, ist es wahnsinnig spannend und gleichzeitig ruhig und in seiner Konzentrationsdichte fast kontemplativ. Die lebende Legende hier ist der Engländer Ronnie O'Sullivan - hochfahrend, launisch, schwierig und ein Enfant Terrible mit und ohne Snookerqueue.
Beiden Disziplinen ist gemein, dass sie als traditionelle Gentlemansportarten gelten - es gilt bei beiden eigentlich als selbstverständlich, einen Fehler, den weder der andere Spieler, noch der Schiedsrichter bemerkt haben, selbst anzuzeigen, wenngleich das im Snooker heute wesentlich verbindlicher gehandhabt wird als im Tennis. (Roger Federer kann jedoch zweifellos als einer von denen gelten, der diesen Ehrenkodex lebt und praktiziert.) Beide Sportarten stehen der Farbe Grün sehr nahe (auch wenn Tennis 'weißer Sport' genannt wird), beide sind auf ganz verschiedene Art und Weise telegen - und können beide tragische Helden hervorbringen. Und beide kamen mir in den Sinn, als ich The Soft Lawn getragen habe.
Er ist ein grüner Duft, das zuallererst. Er hat die Geschmeidigkeit und Leichtigkeit eines Sportparfums - ohne dass je einer wagen dürfte, ihn tatsächlich so zu nennen. Der namengebende Rasen ist deutlich zu erkennen - doch ist es nicht der Duft einer Wiese, sondern irgendwo zwischen dem (Sandplatz-)Court Philippe Chatrier von Roland Garros und dem Belag einer Tennishalle. Die Ausdrucksweise und -stärke dieses Parfums ist von höchstens mittlerer Ausprägung und wohlanständig - und so selbstverständlich und elegant wie ein Rückhandpassierball aus der Defensive, wie ihn nur König Roger bei 5:6 im Tie Break zu schlagen in der Lage ist. Und jenseits dieser grünen Eleganz aus Lindenblüte und so etwas wie ihrem synthetischen Spiegelbild (ja wirklich!) ist etwas Grummelndes und Bitteres aus Efeu, Lorbeer, Vetiver - eine Art heller Hustensaftakkord, der unmerklich in das Synthetische der Lindenblüte übergeht - was großartig gemacht ist. Ein kleines bisschen so wie ein hadernder Ronnie O'Sullivan den Snookertisch umtigert, wenn er weiß, dass er den Gegner mit nur noch einer roten Kugel auf dem Tisch zum Foul wird zwingen müssen, um den Frame noch zu gewinnen - und gleichzeitig genau weiß, dass er das kann.
Fazit: wer ein paar meiner Kommentare gelesen hat, weiß, dass ich ein Geschichtenerzähler bin - viel mehr als ein Analyst. Über das Geschichtenerzählen an Parfums heranzugehen, ist ein anderer Zugang als über deren Dekonstruktion - und weil Josh Meyer auch ein Geschichtenerzähler ist, fand ich seine Düfte schon immer spannend und interessant. Das Interview mit ihm hier neulich erinnerte mich wieder dran. The Soft Lawn stand auf meiner Liste an allererster Stelle - und ja: es lohnt sich, ihn zu testen.
coole Idee, einen Duft mit Ronnie zu vergleichen, den ich zwar vergöttere, dessen Spiele ich häufig jedoch nicht ansehe, wenn sich abzeichnet, dass er sich mal wieder selber im Wege steht - so ähnlich scheint es auch mit diesem Duft zu sein dessen synthetische Note für mich den guten Eindruck lädiert.
Ich mag Deine Duftgeschichten, auch und gerade über solche erschließt sich mir ein Duft; zu Imaginary Authors passen sie natürlich besonders gut. Und dann noch Roger Federer *hach*... Der Duft ist trotzdem nicht schön (aber selten) ;-)
auf die Merkliste schafft er es nicht ,
vielleicht aber mal ein "Eau de O'Sullivan", der dann nach sicher nach Phenolharz , Esche, Wolle, Nylon und Kreide riechen muss ;).
Danke für den interessanten Kommentar.
vielleicht aber mal ein "Eau de O'Sullivan", der dann nach sicher nach Phenolharz , Esche, Wolle, Nylon und Kreide riechen muss ;).
Danke für den interessanten Kommentar.