Hedera von L'Erbolario

Hedera 2012

Ninchen
07.09.2019 - 13:56 Uhr
11
Sehr hilfreiche Rezension
7Duft 6Haltbarkeit 6Sillage 8Flakon

Das Geheimnis

Alles an diesem Duft ist geheimnisvoll.

Es fing schon damit an, wie er zu mir fand. Noch nie etwas von der Marke gehört, wurde er mir in meiner Duftsuche nach einem grün-frischen Duft im Forum empfohlen. Ist aber relativ rasch wieder aus der engeren Wahl gekickt worden - aufgrund der Info "wird nicht mehr hergestellt" - sowas bringt nur Kopfweh, besser, man weiß gar nicht, was man versäumt hat (oder auch nicht).

Dann im Souk einen ganz anderen Duft entdeckt, den die liebe Parfuma aber nur im Doppelpack abgeben wollte. In Kombination mit einem, den ich so überhaupt nicht wollte. Den Souk hoffnungsvoll nach sonstigen Kandidaten durchforstet - und zack. "Hedera" - sofort erkannt. Sowas ist kein Zufall - der Doppelpack durfte neu zusammengestellt werden und schon waren beide mein.

Die geheimnisvolle Verpackung. Hinein in den zartgelben Karton mit den schönen Efeublättern - und dort wartet kein Flakon, wie erwartet. Nein, dort wartet eine zweite, diesmal runde Schachtel, mit dunkelgrünem Samt umkleidet. Wie eine schmälere, höhere Hutschachtel - sehr edel und schön. Dann erst hält man den Flakon in Händen.

Der Dufttest selbst war eine einzige Überraschung. Empfohlen wurde er mir als grün-frischer-sommerlicher Duft mit minziger, kalter Note. Was soll ich sagen? Ich fiel aus allen Wolken.

Nach dem Aufsprühen kurz eine zitrisch-krautige "Bombe" - so intensiv, dass es richtig und wahrhaftig in der Nase kitzelt, dass man - so sehr man auch weitertesten will - automatisch eine Spur zurückweicht, weil es einfach zu viel ist, vermutlich hat hier die Bergamotte die Hosen an... Wenige Augenblicke danach taucht die Orangenblüte auf - eine strahlende Orange, die den Duft gefühlt in gleißendhelles Licht taucht und einem für ein paar Minuten ein seliges Lächeln ins Gesicht zaubert.

Ab dann macht die Duftpyramide was sie will und hält sich nicht mehr ans Protokoll. Anklänge von Kokos schauen jetzt schon vorbei (obwohl in der Basis gelistet) und ab jetzt habe ich hier einen Duft, der in keinster Weise frisch und schon gar nicht kalt ist. Er "süsselt", er "wummst" (ordentlich), er "HERBSTELT", er ist üppig. Üppiger geht kaum. Zumindest auf meiner Haut.

Ich rieche den gesamten Duftverlauf lang keine Spur von Jasmin, keine Rose, kein Lavendel, keine Ananas, keine holzigen Noten.

Dominant ist durchgehend die Efeunote und dazwischen bzw. dazu flackert immer wieder eine kokos-buttrige, sehr angenehme, aber auch ganz spezielle, Note auf. Wenn auch nicht gelistet, meine ich zwischendurch auch Weintrauben zu riechen - üppige, vollreife, saftige Weintrauben.

Alles in allem ist dieser Duft für mich nicht unkompliziert und beiläufig zu tragen. Er ist dominant und fällt auf. Meiner Meinung nach ist es auch ein Duft, der polarisiert und der bei manchen Menschen ein "ihh, das müffelt" provozieren könnte. Ähnlich wie "Feige" in Parfums, die auch manchmal auf unterschiedliche Reaktionen stößt.

Haltbarkeit würde ich im Mittelfeld einordnen, gegen Ende wird er zahmer und die Bezeichnung "grün-cremig" trifft es wohl.

Meine bessere Hälfte beurteilte ihn als "eigenartig" und auf die Frage, was er riecht, hörte ich 3 x in unterschiedlichen Duftphasen "Tee/Früchtetee/eine Teebeutelmischung".

Und da kommen wir schon zum wohl größten Geheimnis dieses Duftes. Er dürfte auf unterschiedlichen Hauttypen mit uns machen, was ihm gerade einfällt. Und er dürfte bei unterschiedlichen Menschen völlig unterschiedliche Assoziationen wecken. Wenn ich hier frisch-minzig lese, wenn ich sommerlich lese und von Verwendung bei 30 Grad höre, dann bin ich geneigt zu glauben, wir sprechen von unterschiedlichen Düften.

Aber nein, es ist wohl immer der Gleiche. "Hedera". Der, der manche im Sommer bei 30 Grad erfrischt, der andere spontan an einen Jahrmarktbesuch erinnert, der bei manchen minzig-kalt wirkt und der mich an einem nass-grauen herbstelnden Spätsommertag (zu diesem Wetter er meiner Meinung nach exakt passt) an süßliche saftige Weintrauben und Kokosbutter erinnert.

Wie der immer gleiche Duft das schafft, wie er dazu in der Lage ist und wie so etwas überhaupt möglich ist - das ist wohl sein Geheimnis - und wird es auch immer bleiben...
4 Antworten
CosmicLoveCosmicLove vor 5 Jahren
1
So kam er für mich auch rüber. Nur hat irgendwie mein Herz nicht an ihm gehangen. Ich habe ihn einer Freundin geschenkt, die ihn sehr mochte..
Persis2014Persis2014 vor 6 Jahren
Toller Kommentar. Klingt zum Verlieben und ich freue mich, ihn bald wieder mein nennen zu dürfen. Dafür einen geheimnisvollen Pokal
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Grüne Düfte mag ich auch. Sehr. Und die Marke L‘Erbolario gefällt mir auch. Sehr. Und Dein Kommentar auch. Sehr. Dreimal ‚Sehr‘. Ist das wohl ein Zeichen? ;))))
Ein Sehr-Pokal :D
Edda32Edda32 vor 6 Jahren
Ich kenne den Duft gar nicht, aber eine Freundin hat ihn. Habe ihn auch öfter empfohlen bekommen, weil ich üppig-grüne Düfte mag. Nunja...Efeu...diese Gartenpest, die alles überwuchert, wenn man ihm zwei Minuten den Rücken zuwendet...Von daher hat er mich dann irgendwie nie gelockt, wegen der schlechten Assoziationen. Aber dein Kommentar hier....ach der liest sich aber echt sehr interessant! Und sehr unterhaltsam geschrieben war er auch. Danke!