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No 1 - El Pasajero (Extrait de Parfum) von Lengling

No 1 - El Pasajero 2015 Extrait de Parfum

Sarungal
15.09.2015 - 09:53 Uhr
12
Top Rezension
7Duft 5Haltbarkeit 5Sillage

17 Uhr in Fischbachau

Seetang-Absolue?
Die olfaktorische Palette reicht hier angeblich von aquatisch-frisch bis brackig-modrig – eine Definition, die kaum Erstaunen auszulösen vermag, auch wenn die subjektive Erwartungshaltung mit dem Schlimmsten rechnet. Frei von allen duftpyramidalen Informationen konstatiert der geneigte Tester erfreulicherweise einen angenehm wässrigen Hauch von Frische in der Eröffnung, dessen salzige Anteile homöopathisch stark potenziert (mithin also nicht vorhanden) sind. Damit weht eine angenehme Brise im Geschehen, zauberhaft ergänzt von den lichtgrünen Duftfarben eines Auwaldes: Es scheint, als assoziierte ich ohnehin eher Schlier- denn Nordsee. Ob diese Eröffnung ausreicht, um „El Pasajero“ ins aquatische Genre einzuordnen, ist eine Frage, die ich mit einem entschlossenen „Eigentlich jein!“ beantworte.

Mühelos lassen sich die floralen Anteile im Bouquet goutieren: So charmant verblendet, so frei von aller Prunksucht, so bar aller Schwülstigkeit erscheint die Blumigkeit eher vollsaftig als blühend. Dass es die Magnolie ist, die hier mehr knospend denn in voll entfalteter Pracht ihre Aromen einbringt, muss ich ebenso glauben wie den behaupteten Einfluss von Methyl Dihydrojasmonate. Letzteres imitiert seit 1959 erfolgreich Jasminnoten – sie in Lenglings Duft zu konkretisieren gelingt mir immerhin etwas besser als bei der Magnolie. Insgesamt aber begegnen uns die floralen Anteile als sonnenhelle Naturprojektionen ohne eindeutig definierte Herkunft; flüsternde Blüten in gedecktem Weiß etablieren den floralen Gedanken als dezente, durchaus liebliche, aber kaum süße Duftfarbe.

Sehr elegant stellt Osmanthus seine pfirsich-flauschigen Aromen wie fruchtige Duftpuffer ins Bouquet; sie sind durchaus identifizierbar, balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen Blüte und Obst und singen doch unisono im Chor mit den übrigen naturnahen Noten. Ihr seht mich beeindruckt!

Wohl lese ich „Ambra“ – und fände doch weitaus lieber „Minze“ in der Pyramide: Während sich Ersteres meiner Nase nur schwach erschließt (besser ist das!), nehme ich eine zischfrische Note im Duft wahr – dezent und unaufdringlich, gänzlich unmedizinisch und gewiss bar aller kaugummierten Plattheit. Sollte ich an dieser Stelle halluzinieren, dann sicher nicht zum Schaden der Komposition: „El Pasajero“ jedenfalls behält die Frische der Eröffnung, die Brise vom Auwald bleibt belebend, und die blümelnd-grünen Noten verbreiten weiterhin eine gelassen-heitere Stimmung.

Das wirkt frühsommerlich, noch unbelastet von drückender Hitze und feuchter Schwüle; wie die jüngst vom Regenschauer erfrischte Uferböschung eines lebhaft strömenden Gebirgsbaches. Sicherlich passt Benzoe ebenso wenig zu meiner Assoziation wie Seetang und Jasmin – aber die harzige Grundierung will mir ohnehin vornehmlich als Fixativ erscheinen. Nebenbei spendiert sie dem Duft ein wenig Tiefe, eine Idee von Süße und nicht zuletzt auch eine sanft geerdete Pudrigkeit.

Offiziell übrigens – der Name „El Pasajero“ deutet es ja bereits an – sollte ich mich des Nächtens unter strahlenden Sternen in Andalusiens Bergen wiederfinden; dass es bei mir eher 17 Uhr in Oberbayern ist, bitte ich zu entschuldigen. Auch meine Nase arbeitet defizitär: Die „seidige Magnolie“, die konkret zu identifizieren mir nicht recht gelingen will, fungiert offiziell als „wunderschöner Kontrast“ zur „Brillanz“ der spanischen Sommernacht. Blöd – bei mir erweist sie sich als herausragend teamfähiger Mitspieler ohne Allüre.

„El Pasajero“ ist - trotz aller Freude am Duft – nichts, das ich selbst unbedingt tragen möchte; das dürfte aber aktuellen Geschmacksvorlieben geschuldet sein. Jenseits persönlicher Präferenzen gefällt mir Lenglings Parfum sehr gut, auch wenn es sicher keine neuen Horizonte eröffnet. Immerhin ist „El Pasajero“ - im Gegensatz zum Kollegen Nr. 5 („Eisbach“) – ganz bestimmt für Jungs wie Mädchen geeignet.

Fazit: Der unbekannte Parfumeur (was soll das eigentlich?) hat sein Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt und einen charmant-hellen Duft kreiert. Monumentale Haltbarkeit und hallenfüllende Sillage bietet „El pasajero“ nicht, dafür aber offensichtlich eine breite Palette an Assoziationsoptionen von Andalusien bis Fischbachau – eine olfaktorische Wunderwaffe für Reisefaule…
6 Antworten
PaloneraPalonera vor 10 Jahren
Schmunzel - das Phänomen, ganz andere Dinge zu riechen als jene, die die Pyramide vorgibt, kommt mir auch sehr bekannt vor... Und ich schrieb es schon: Lengling kriegt Dich noch, früher oder später, ;-)!
OrmeliOrmeli vor 10 Jahren
Wie wäre es mit dem Dechsendorfer Weiher? Davon abgesehen sind mir pfirsich-flauschige Aromen nicht so geheuer, aber hier könnte es passen :-)
ZoraZora vor 10 Jahren
Ein wundervoller Kommentar der neugierig macht.
ErgoproxyErgoproxy vor 10 Jahren
Hm, ich fahr lieber in die Berge.:)
SarungalSarungal vor 10 Jahren
Der geht IMMER und ÜBERALL :-) - oder so
MeggiMeggi vor 10 Jahren
...oder am Elsensee?