Es ist bemerkenswert, was man durch die Kontakte hier im Forum für Entdeckungen macht. So war mir Mona di Orio bisher kein Begriff – und dabei scheint sie in interessierten Kreisen einen geradezu legendären Ruf zu genießen: Bereits als junge Frau wurde sie Schülerin von Edmond Roudnitska und arbeitete später eng mit Serge Lutens zusammen, bevor sie schließlich gemeinsam mit dem niederländischen Designer Jeroen Oude Sogtoen ihr eigenes Haus, die „Maison Mona di Orio“ gründete. Mit zum Geniekult gehört leider oft der frühe Tod - „Vetyver“ erschien 2011, dem Todesjahr seiner Schöpferin, und so dürfte es sich um eine ihrer letzten Kreationen handeln. Immer aufgeschlossen für neue Vetivererlebnisse, konnte ich diese Wissenslücke nun dank einer großzügigen Probe von Mightynaf schließen.
Neugierig gemacht durch einige kontroverse Rezensionen frage ich mich, was mich erwartet: vielleicht gar kein „richtiger“ Vetiver, wie mancher bemängelt? Ein konzeptueller Anti-Vetiver etwa gar? Zu Beginn ein kurzes Sortieren der Noten, bei dem vieles kurz hervorblitzt. Aber ziemlich schnell wird es ruhiger und linearer. Doch, fast von Anfang an ist auch der Vetiver präsent, wenn auch nicht monothematisch, trotz des geradlinigen Namens. Als holzig, erdig, ja ledrig wird er beschrieben. Dem stimme ich zu, zugleich aber ist er ingwerfrisch. Mehr und mehr kristallisiert sich ein Dreiklang heraus: Viel Salbei, Vetiver, Ingwer. Herb und leicht bitter. Darunter wärmendes Labdanum, das Zistrosenharz, und entfernt ein Hauch lindernder Moschus. Talgig, ölig wurde er genannt, fleischig gar. Kann ich das nachvollziehen? Nicht, wenn es etwas Animalisches beschreiben soll. Aber etwas Intimes, Anschmiegsames hat er. Fast organisch könnte man sagen. Zurückhaltend, beinahe introvertiert und auf körperliche Weise sinnlich: wenn diese Kombination von Attributen kein Paradox darstellen sollte, so beschreibt es meine Empfindung zu dem Duft wohl ganz gut. Vielleicht ist es diese Verbindung scheinbarer Widersprüche, die als typisch für Mona di Orio gilt und mit dem Chiaroscuro-Stil in Verbindung gebracht wird, in dem Ausdruck und Räumlichkeit durch starke Kontraste erreicht werden.
Ohne nun allerdings mit besonders lauten Kontrasten um Aufmerksamkeit heischen zu müssen strahlt „Vetyver“ eher ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Kühle und Wärme aus. Obwohl von einer wirklichen Ähnlichkeit zu sprechen unpassend wäre, kommt mir auf der Suche nach Vergleichbarem immer wieder „Exhale“ in den Sinn, auch wenn der viel extrovertierter und mir durch ein Zuviel an Amber und Moschus auch etwas zu lieblich ist. „Vetyver“ ist herber und damit nach meinem Geschmack doch ausgewogener. Er ist uneitel, auch im Namen, allenfalls das Y vielleicht ein wenig manieriert.
„Vetyver“ ist ein harmonischer, aber kein gefälliger Duft. Als schwierig oder besonders anstrengend, wie von anderen Rezensenten zuweilen wahrgenommen, würde ich ihn jedoch nicht bezeichnen. Fordernd, ja – im positiven Sinne. Etwas Erdendes hat er zugleich auch. Und so überzeugt er mich auch eher als Duft-Duft (im Sinne von Art-pour-l’Art) denn als Parfum. Ein Duft von eher moderater Ausstrahlung – was mir sehr recht ist – aber dabei zugleich von doch beachtlicher Haltbarkeit. Für konservative Anhänger eines Guerlain’schen Klassikers vielleicht eine Herausforderung oder ein Affront, für aufgeschlossene Liebhaber der mannigfaltigen Facetten der Süßgraswurzeln dagegen sicher eine Überlegung wert.
Schnell noch zu den Äußerlichkeiten: Der Schampusflaschenverschluss des klassischen Originalflakons sieht originell aus, ist aber leider rein dekorativ und weder funktional noch notwendig, denn so ein explosives Gebräu ist „Vetyver“ nicht. Nach Mona di Orios Tod hat ihr Partner, Jeroen Oude Sogtoen, das Flakon-Design verändert und einen weniger kantigen, vielmehr in jeder Hinsicht abgerundeten Entwurf vorgelegt, der die Sinnlichkeit und Ausgewogenheit der Kreationen besser widerspiegele. Dem schließe ich mich an: er hat etwas Harmonisches und zugleich sehr Edles. Stimmig.
Fand den auch ganz interessant, wenn ich ihn auch nicht zu hoch bewertet hatte damals. Müsste vielleicht wieder einen Test wagen. Vetiver ist eigentlich ein einfaches und doch schwieriges Thema... Es gibt so viele verschiedene Ansätze. Mir gefallen meist die puristischen.
MDO ist natürlich ein erstklassiges Haus, ich habe noch immer den Cuir, den ich total spannend finde, aber nie trage... noch im alten (für mich) stimmigeren Flakondesign ;-)
Deine Duftbeschreibung habe ich mit sehr großem Interesse gelesen. Bin auch Vetiver-Fan (AugustA) und habe auch aus diesem Grund den MdO getestet, das ist schon ein Weilchen her. Der Chiaroscuro-Vergleich beschäftigt mich jetzt, ich muss mal meine alte Probe raussuchen.
Dann bin ich gespannt auf Deine Ergebnisse. Ich war mir, wie schon in der Rezension angedeutet, nicht so sicher, aber dieses Bild wurde wohl gerne in eher allgemeiner Weise für die Düfte von Mona di Orio, nicht speziell für den "Vetyver", verwendet.
MDO ist natürlich ein erstklassiges Haus, ich habe noch immer den Cuir, den ich total spannend finde, aber nie trage... noch im alten (für mich) stimmigeren Flakondesign ;-)