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Candila
29.05.2016, 12:01 Uhr
9Duft 8Haltbarkeit 6Sillage 7Flakon
Top Rezension 21

Fantasiewald-Feeling

"Ormonde Woman" ist eigentlich ganz einfach zu beschreiben: Schaut euch die Farbe der Flüssigkeit im oben abgebildeten Flakon an; genau so mild grün riecht der Duft.
Er entspricht genau jenem Aroma, das durch das geöffnete Autofenster dringt, wenn man an einem heißen Sommertag an Wiesen mit frisch gemähtem Gras vorbei und dann durch einen schattigen Wald fährt.

Die ersten paar Minuten sind noch etwas seltsam; ich rieche etwas, das ich am ehesten mit „Tannenkaugummi“ bezeichnen möchte. Sehr aromatisch nach Tanne und Kiefer und anderen Nadelhölzern riechend, aber auch mit einer gewissen künstlichen Süße im Hintergrund, die ich zunächst einer etwas zu süßlich geratenen Grasnote zuschrieb, die aber durchaus von Iso-E-Super, das Estherica in ihrem Kommentar angesprochenen hat, stammen könnte. Für diese Note bin ich mehr oder weniger geruchsblind, nehme sie in Düften, wenn überhaupt, nur als leicht störende, synthetische Note wahr.

Etwas später rieche ich den Wald durch das geöffnete Autofenster, und ich rieche gleichzeitig etwas, das ich mit Neuwagenduft verbinde. Die anfänglich süß-synthetische Note, die leise hinter den grasigen, waldigen, koniferenartigen Eindrücken schlummerte, scheint sich in den Geruch von hellem, warmem Leder, verwandelt zu haben. - Ist aber leider nur Kunstleder.

Wenn sich der Duft im Mittelteil gesetzt hat, liefert er sanftes und aromatisches Grün, ganz zart mit pudrigem Veilchen und süßem, aber nur schwach vernehmlichem Jasmin durchzogen. Rundherum eine weiche, angenehm frische und saubere Brise grünen Waldduftes mit allen möglichen Nadelgewächsen, mit Moos und mit samtigen, dunkelgrünen Laubblättern.
"Ormonde Woman" liefert mir eine wunderschöne Abbildung des Lichtspiels im Wald: Da ist sowohl Sonne als auch Schatten im Duft; manchmal wechseln sie sich ab, die meiste Zeit aber fließen sie harmonisch ineinander über. Ein sehr schön ausbalanciertes Zusammenspiel zwischen kühleren, würzigen und holzigen Aromen mit wärmeren und weicheren (Gras, Blätter, Veilchen), was zusammen diesen Eindruck von einem warmen, sonnigen Sommertag in einem kühlen, schattigen Wald ergibt.
Vetiver ist von der ersten bis zur letzten Minute deutlich zu vernehmen; es steuert diese tiefe, grüne Frische bei und hält den sonst sehr stillen Duft am Leben.

Je länger ich „Ormonde Woman“ trage, desto wärmer wird er. Irgendwann mischen sich eine relativ große Portion Ambra und trockenes Sandelholz ins Geschehen, was dem Waldduft noch etwas Warm-Balsamisches bzw. Warm-Harziges verleiht.
Insgesamt ein angenehm milder und schön aromatischer Waldduft, der einen entspannt faulen Sommernachmittag im Wald abbildet.
Allerdings zieht sich auch diese bereits erwähnte, für mich etwas störende künstliche Note im Hintergrund durch den ganzen Duftverlauf. Ohne diese Note wäre der Duft für mich authentisches, sehr natürliches Waldfeeling; mit dieser Note wirkt er auf mich wie eine abstrakte Interpretation eines Fantasiewaldes.
Kann aber auch sehr schön sein, so ein Fantasiewald.
2 Antworten
HyazintheHyazinthe vor 9 Jahren
...wie eine abstrakte Interpretation eines Fantasiewaldes: super, das trifft es genau. Der Start wunderschön, und dann kommt das Störende dazu, etwas ziemlich synthetisches, wie neue Schuhe, oder wie es in manchen Läden riecht, was neue Sachen ausströmen. Ich wollte einen waldigen Duft, er hätte es sein können, aber so, da kann ich nicht ja sagen. Schade.
FittleworthFittleworth vor 10 Jahren
Sehr schöner, informativer Kommentar. Waldluft-Pokal!