Thundra Profumum Roma 1996
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Sehr hilfreiche Rezension
„Man reist nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“
Mit dem in der Überschrift stehenden Goethe-Zitat möchte ich beginnen.
Und ich möchte diese Rezension bewusst einrahmen zwischen zwei Zitaten, denn sie bezieht sich auf einen Duft, der nach einer Klimazone benannt ist, die eingerahmt ist.
Eingerahmt im wahrsten Sinne des Wortes.
Eingerahmt zwischen zwei anderen Klimazonen. Und dieser Umstand wird sich wiederfinden in der Duft-DNA...aber dahin kommen wir noch.
Und um dahin zu kommen, werden wir gemeinsam reisen. Diese Rezension wird nicht gerade verlaufen, sie wird sich schlängeln und lang werden. Sie wird ein Frage-Antwort-Spiel werden und eine Definitionssuche. In erster Linie aber eine Reise.
Ihr könnt jetzt noch abspringen, aber ich freue mich, wenn ihr mitreist. Wir reisen, um einen Duft zu verstehen, der es verdient hat, verstanden zu werden. Ob wir ihm gerecht werden können, kann ich euch nicht versprechen, aber wir werden unser Bestes geben auf dieser Reise.
Fangen wir am Anfang an und arbeiten uns dann langsam und kontinuierlich nach vorne, denn anders lässt es die Thundra, oder wie ich fortan schreiben werde die Tundra, gar nicht zu.
Zu jeder exakten Aufarbeitung gehört zunächst einmal eine Klärung der Begrifflichkeiten.
Meiner Meinung nach ist ein gewisses Verständnis dafür, was die Tundra bedeutet, sogar unerlässlich, um den Duft zu verstehen.
Was also ist die Tundra?
Die Tundra, die auch baumlose Kältesteppe genannt wird, ist vereinfacht gesagt der Oberbegriff für die Offenlandgebiete der (sub-)polaren Klimazone.
Was bedeutet das nun und wo überall findet man diese Tundra, oder besser die Tundra-Gebiete?
Naja, im Prinzip gibt es nur drei große Bereiche, weshalb wir uns das kurz gemeinsam in der Theorie anschauen wollen, bevor wir dann die Tundra gemeinsam bereisen.
Der größte Teil der Tundra liegt im Norden der nördlichen Erdhalbkugel auf den Landmassen der Arktis. Deshalb wird dieser Teil auch Arktische Tundra genannt und hierzu gehören Teile Kanadas, Sibiriens, Skandinaviens und Alaskas.
Dann gibt es noch die Tundra auf der Südhalbkugel. Da die Antarktis aber fast vollständig mit Eis bedeckt ist, befinden sich die Gebiete der Tundra hier nur am Rand der Antarktis. Je nach Definition gehören auch wesentliche Teile von Feuerland und den Falklandinseln zu dieser Tundra der Südhalbkugel. Das ist dann aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Südpol die Antarktische Tundra.
Der dritte große Bereich ist die alpine Tundra, die sich auf der ganzen Welt verteilt. Hierzu gehören dann Tundrengebiete in Gebirgen wie den Alpen oder dem Himalaya.
Diese drei großen Tundrenbereiche zusammen bedecken als Kältesteppe immerhin eine Landmasse von ungefähr 3-4%.
Wenn ich nun ab hier in dieser Rezension von Tundra schreibe, dann meine ich fortan die Arktische Tundra. Zum einen, weil ich zu dieser den größten Bezug habe, zum anderen aber - und das ist an dieser Stelle viel wichtiger - weil sie mir als die absolut einschlägige für das hier rezensierte Parfum erscheint.
Wie bringen wir nun aber Parfum und Klimazone in Einklang, werdet ihr euch vermutlich fragen. Und zu Recht, aber habt noch kurz Geduld, dann wird sich alles klären.
Ich werde euch jetzt auf eine kurze Reise durch die Tundra mitnehmen. Warum DURCH die Tundra und nicht IN die Tundra? Ja, diese Frage ist berechtigt und die Antwort darauf der Lage der Tundra geschuldet.
Die allerwenigsten Menschen siedeln in der Tundra oder lassen sich hier wohnhaft nieder.
In erster Linie durchquert man die Tundra, zumindest als Reisender. Man durchquert sie, um von der Taiga zur Arktis zu kommen. (Oder eben andersrum.)
Zugegebenermaßen kenne auch ich mich in der Tundra nun wirklich nicht ideal aus. Teile der Taiga habe ich zwar bereist und auch bis zur Tundra bin ich gekommen. Ich habe sie aber nie durchquert.
Nichtsdestotrotz habe ich mich mit der Landkarte und den Reiserouten intensiv genug auseinander gesetzt, um beschreiben zu können, dass die Tundra auf ihrer einen Seite direkt an polare Eisflächen grenzt und auf der anderen Seite, also der vegetationsfreundlicheren, in die Taiga übergeht, die sich vor allem durch ihre unzähligen Nadelbäume auszeichnet und wunderschön zu bereisen ist, aber das ist ein Thema für eine andere Rezension.
Nun lasst uns also gemeinsam in Gedanken im Rahmen dieser Rezension die Tundra durchqueren.
Dazu befinden wir uns auf dem Dempster Highway. Das ist eine der entlegensten Straßen in Kanada und dazu die einzige, die im Sommer und Winter in die Arktis führt.
Über 736 Kilometer schlängelt sich diese Straße über den Permafrost, aus dem Süden des Yukon unweit der Goldgräberstadt Dawson City bis nach Inuvik in den Nordwestterritorien.
Der Dempster Highway führt vorbei an einsamen Seen und subarktischen Wäldern.
Er führt durch die Tundra. Hier gibt es kaum eine Menschenseele weit und breit.
Was für ein Abenteuer!
„Bei 66 Grad und 33 Minuten nördlicher Breite überqueren wir den Polarkreis, später geht’s auf Fähren über die mächtigen Ströme des Nordens. Nur ein Hotel gibt es an der Straße, eine Tankstelle und Werkstatt inklusive.
Ansonsten nur Leere, Einsamkeit und der Horizont, der nicht zu enden scheint.
Am Ende unserer Reise sorgt Inuvik für Superlative mit dem nördlichsten Gewächshaus und der bekanntesten Iglu-Kirche des Landes. Ein ausgefeiltes Lüftungssystem sorgt dafür, dass die runde Konstruktion nicht im Permafrost versinkt. Im Herbst wird in Invuvik eine neue Straße eröffnet, die bis nach Tuktoyaktuk an den Arktischen Ozean führt.“ (Quelle: Reisebericht Dempster Kanada)
So, jetzt habt ihr die Bipolarität der Tundra verstanden. Da wir uns subpolar befinden, ist der Begriff der Bipolarität vermutlich nicht ideal gewählt. Das ist aber auch egal, denn es geht ja darum, zu verstehen, dass es sich um eine diametrale Landschaft handelt.
Gefangen zwischen Taiga und Arktis liegt sie also da: Die Tundra.
Das ist die Lage, aber was ist mit dem Parfum? Haltet durch, die Tundra ist schwierig zu bereisen...
Bevor wir zum Duft an sich kommen müssen wir neben der Lage der Tundra nämlich noch ihre Eigenschaften klären.
Wie ist das Klima? Kalt. Die Temperatur und die Sonneneinstrahlung sind sehr extrem. Es gibt hier lange Winter. Dann liegt die Durchschnittstemperatur bei unter 15 Grad Celsius. Es gibt aber auch große Schwankungen, denn im Sommer steigen die Durchschnittstemperaturen auf über 15 Grad Celsius. Die Böden sind zwischen acht und elf Monaten komplett mit Schnee bedeckt und gefroren.
Genau daher kommt ja auch der Name Permafrost, nämlich von permanentem Frost.
Was passiert im Sommer? Im Sommer schmilzt nun die oberste Eisschicht, aber eben nur diese.
Dann kann das Wasser nicht absickern und es bildet sich ein Überschwemmungsgebiet.
Im Sommer scheint die Sonne in der Tundra zumeist den ganzen Tag.
Und genau hier liegt der kurze Zeitraum der Pflanzen, den sie wachsen können.
Das extreme Klima macht es überhaupt nur wenigen Pflanzen (auch Tieren) möglich, sich hier anzusiedeln.
So ist die Kältesteppe eine sehr karge Landschaft.
Und genau daran kann man beispielsweise den Übergang von der Taiga in die Tundra bestimmen. Dort, wo es keine Bäume mehr gibt, beginnt das Tundragebiet.
Aber wieso? Der Permafrost hindert die Wurzelschlagung der Bäume. Außerdem können diese hier keine Nährstoffe aus dem Boden ziehen.
Und genau deshalb findet man hier eben keine Bäume, sondern so viele kleine Pflanzen wie Moose, Flechten und Sträucher.
+++++
Der Duftet beginnt beim ersten Aufsprühen bereits, sein Wechselspiel aus Patchouli und Minze zu offenbaren.
Die Kopfnote kommt recht stechend daher, denn es handelt sich um eine derart raffinierte kalt Minze, dass man olfaktorisch sofort den Permafrost meint, begreifen zu können.
Gleichzeitig riecht man aber ein so tiefes erdiges Patchouli, dass man den kargen Boden, der die Grundlage aller Tundra ist, meint schmecken zu können.
Sofort ist man dort. Vor Ort. Man riecht in den ersten Minuten bereits die Arktis in der Ferne (Minze) und die zurückliegende Taiga (leichte Nadelwaldassoziation) im Nacken.
Patchouli bleibt im Verlauf immer präsent, aber wird offener, voluminöser. Die Nadelwaldassoziation wird völlig verdrängt und durch feuchten, moosigen Boden ersetzt. Gleichzeitig bleibt die Minze stets vorhanden, mal stärker und mal weniger stark. Sie weht regelrecht, wie kalte Winde.
Mit der Zeit kommt eine leichte Kräuternote zum Vorschein, die ich nicht näher eingrenzen kann (Thymian, Lavendel, Rosmarin), aber zumindest drängt sich hier die Assoziation mit den Sträuchern und Flechten der Tundra auf. Auch eine ganz leichte, zurückhaltende Animalik blitzt hin und wieder durch, wie ein Schneehase, der kurz ins Bild läuft.
Am Ende bleibt nurmehr Patchouli. Wunderschönes regelrecht breitgetreten offenes Patchouli. Und dennoch ist dieses Patchouli kein warmes Kakaopatchouli, kein reiches Erntepatchouli und kein Kaminkuschelpatchouli. Dieses Patchouli ist kalt-erdig, genial passend zu dem dezenten Minzton der ihn permafrost, ähh permanent begleitet. Und doch strahlt das Patchouli hin und wieder eine gewisse Wärme aus, als wenn der Sommer in der Tundra das Eis zum Schmelzen bringen könnte und die Erde Feuchtigkeit erhält.
Dieser Duft ist das, was man als Nische im eigentlichen Sinne begreifen kann, denn er riecht konsequent nach dem, was er angibt zu sein und strebt nicht danach, jedem zu gefallen.
Die Kombination aus Patchouli und Minze dürfte einem nämlich nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen, wenn man Duftpärchen nach Harmonie durchgeht.
Er hätte, um ein sog. „Crowdpleaser“ zu werden, runder sein müssen, weniger fordernd und weniger brachial. Aber die Tundra ist fordernd.
Und genau das zeigt dieser Duft meisterhaft: Die Tundra. Die Schönheit der Tundra.
Ihr Lieben, wenn ihr also mal (wieder) auf dem Dempster Highway unterwegs seid. Schaut nicht nur nach dem Pol, der Arktis und dem Leuchten der Sterne und Polarlichter. Schaut, wo ihr seid. Was diese karge Landschaft an Schönem für euch bereithält. Es gibt hier bereits Polarfüchse, jede Menge Schnneehasen, Rentiere und den ein oder anderen Eisbären. Aber es gibt eben auch Flechten. Es gibt Moose. Es gibt Sträucher. Sie alle riechen wundervoll nach nahezu unberührter und bemerkenswert ursprünglicher Natur.
Und es gibt Schnee und Frost. Und auch diese beiden könnt ihr riechen. Eure Nase wird die Kälte spüren.
Verweilt gedanklich einen Augeblick an dieser schönen Durchgangsstation. Ihr werdet ankommen, keine Sorge. Aber schaut noch nicht aufs Ziel, sondern verweilt in der Schönheit des Augenblicks.
Denn
„Nur aufs Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen.“
-Friedrich Rückert
Und ich möchte diese Rezension bewusst einrahmen zwischen zwei Zitaten, denn sie bezieht sich auf einen Duft, der nach einer Klimazone benannt ist, die eingerahmt ist.
Eingerahmt im wahrsten Sinne des Wortes.
Eingerahmt zwischen zwei anderen Klimazonen. Und dieser Umstand wird sich wiederfinden in der Duft-DNA...aber dahin kommen wir noch.
Und um dahin zu kommen, werden wir gemeinsam reisen. Diese Rezension wird nicht gerade verlaufen, sie wird sich schlängeln und lang werden. Sie wird ein Frage-Antwort-Spiel werden und eine Definitionssuche. In erster Linie aber eine Reise.
Ihr könnt jetzt noch abspringen, aber ich freue mich, wenn ihr mitreist. Wir reisen, um einen Duft zu verstehen, der es verdient hat, verstanden zu werden. Ob wir ihm gerecht werden können, kann ich euch nicht versprechen, aber wir werden unser Bestes geben auf dieser Reise.
Fangen wir am Anfang an und arbeiten uns dann langsam und kontinuierlich nach vorne, denn anders lässt es die Thundra, oder wie ich fortan schreiben werde die Tundra, gar nicht zu.
Zu jeder exakten Aufarbeitung gehört zunächst einmal eine Klärung der Begrifflichkeiten.
Meiner Meinung nach ist ein gewisses Verständnis dafür, was die Tundra bedeutet, sogar unerlässlich, um den Duft zu verstehen.
Was also ist die Tundra?
Die Tundra, die auch baumlose Kältesteppe genannt wird, ist vereinfacht gesagt der Oberbegriff für die Offenlandgebiete der (sub-)polaren Klimazone.
Was bedeutet das nun und wo überall findet man diese Tundra, oder besser die Tundra-Gebiete?
Naja, im Prinzip gibt es nur drei große Bereiche, weshalb wir uns das kurz gemeinsam in der Theorie anschauen wollen, bevor wir dann die Tundra gemeinsam bereisen.
Der größte Teil der Tundra liegt im Norden der nördlichen Erdhalbkugel auf den Landmassen der Arktis. Deshalb wird dieser Teil auch Arktische Tundra genannt und hierzu gehören Teile Kanadas, Sibiriens, Skandinaviens und Alaskas.
Dann gibt es noch die Tundra auf der Südhalbkugel. Da die Antarktis aber fast vollständig mit Eis bedeckt ist, befinden sich die Gebiete der Tundra hier nur am Rand der Antarktis. Je nach Definition gehören auch wesentliche Teile von Feuerland und den Falklandinseln zu dieser Tundra der Südhalbkugel. Das ist dann aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Südpol die Antarktische Tundra.
Der dritte große Bereich ist die alpine Tundra, die sich auf der ganzen Welt verteilt. Hierzu gehören dann Tundrengebiete in Gebirgen wie den Alpen oder dem Himalaya.
Diese drei großen Tundrenbereiche zusammen bedecken als Kältesteppe immerhin eine Landmasse von ungefähr 3-4%.
Wenn ich nun ab hier in dieser Rezension von Tundra schreibe, dann meine ich fortan die Arktische Tundra. Zum einen, weil ich zu dieser den größten Bezug habe, zum anderen aber - und das ist an dieser Stelle viel wichtiger - weil sie mir als die absolut einschlägige für das hier rezensierte Parfum erscheint.
Wie bringen wir nun aber Parfum und Klimazone in Einklang, werdet ihr euch vermutlich fragen. Und zu Recht, aber habt noch kurz Geduld, dann wird sich alles klären.
Ich werde euch jetzt auf eine kurze Reise durch die Tundra mitnehmen. Warum DURCH die Tundra und nicht IN die Tundra? Ja, diese Frage ist berechtigt und die Antwort darauf der Lage der Tundra geschuldet.
Die allerwenigsten Menschen siedeln in der Tundra oder lassen sich hier wohnhaft nieder.
In erster Linie durchquert man die Tundra, zumindest als Reisender. Man durchquert sie, um von der Taiga zur Arktis zu kommen. (Oder eben andersrum.)
Zugegebenermaßen kenne auch ich mich in der Tundra nun wirklich nicht ideal aus. Teile der Taiga habe ich zwar bereist und auch bis zur Tundra bin ich gekommen. Ich habe sie aber nie durchquert.
Nichtsdestotrotz habe ich mich mit der Landkarte und den Reiserouten intensiv genug auseinander gesetzt, um beschreiben zu können, dass die Tundra auf ihrer einen Seite direkt an polare Eisflächen grenzt und auf der anderen Seite, also der vegetationsfreundlicheren, in die Taiga übergeht, die sich vor allem durch ihre unzähligen Nadelbäume auszeichnet und wunderschön zu bereisen ist, aber das ist ein Thema für eine andere Rezension.
Nun lasst uns also gemeinsam in Gedanken im Rahmen dieser Rezension die Tundra durchqueren.
Dazu befinden wir uns auf dem Dempster Highway. Das ist eine der entlegensten Straßen in Kanada und dazu die einzige, die im Sommer und Winter in die Arktis führt.
Über 736 Kilometer schlängelt sich diese Straße über den Permafrost, aus dem Süden des Yukon unweit der Goldgräberstadt Dawson City bis nach Inuvik in den Nordwestterritorien.
Der Dempster Highway führt vorbei an einsamen Seen und subarktischen Wäldern.
Er führt durch die Tundra. Hier gibt es kaum eine Menschenseele weit und breit.
Was für ein Abenteuer!
„Bei 66 Grad und 33 Minuten nördlicher Breite überqueren wir den Polarkreis, später geht’s auf Fähren über die mächtigen Ströme des Nordens. Nur ein Hotel gibt es an der Straße, eine Tankstelle und Werkstatt inklusive.
Ansonsten nur Leere, Einsamkeit und der Horizont, der nicht zu enden scheint.
Am Ende unserer Reise sorgt Inuvik für Superlative mit dem nördlichsten Gewächshaus und der bekanntesten Iglu-Kirche des Landes. Ein ausgefeiltes Lüftungssystem sorgt dafür, dass die runde Konstruktion nicht im Permafrost versinkt. Im Herbst wird in Invuvik eine neue Straße eröffnet, die bis nach Tuktoyaktuk an den Arktischen Ozean führt.“ (Quelle: Reisebericht Dempster Kanada)
So, jetzt habt ihr die Bipolarität der Tundra verstanden. Da wir uns subpolar befinden, ist der Begriff der Bipolarität vermutlich nicht ideal gewählt. Das ist aber auch egal, denn es geht ja darum, zu verstehen, dass es sich um eine diametrale Landschaft handelt.
Gefangen zwischen Taiga und Arktis liegt sie also da: Die Tundra.
Das ist die Lage, aber was ist mit dem Parfum? Haltet durch, die Tundra ist schwierig zu bereisen...
Bevor wir zum Duft an sich kommen müssen wir neben der Lage der Tundra nämlich noch ihre Eigenschaften klären.
Wie ist das Klima? Kalt. Die Temperatur und die Sonneneinstrahlung sind sehr extrem. Es gibt hier lange Winter. Dann liegt die Durchschnittstemperatur bei unter 15 Grad Celsius. Es gibt aber auch große Schwankungen, denn im Sommer steigen die Durchschnittstemperaturen auf über 15 Grad Celsius. Die Böden sind zwischen acht und elf Monaten komplett mit Schnee bedeckt und gefroren.
Genau daher kommt ja auch der Name Permafrost, nämlich von permanentem Frost.
Was passiert im Sommer? Im Sommer schmilzt nun die oberste Eisschicht, aber eben nur diese.
Dann kann das Wasser nicht absickern und es bildet sich ein Überschwemmungsgebiet.
Im Sommer scheint die Sonne in der Tundra zumeist den ganzen Tag.
Und genau hier liegt der kurze Zeitraum der Pflanzen, den sie wachsen können.
Das extreme Klima macht es überhaupt nur wenigen Pflanzen (auch Tieren) möglich, sich hier anzusiedeln.
So ist die Kältesteppe eine sehr karge Landschaft.
Und genau daran kann man beispielsweise den Übergang von der Taiga in die Tundra bestimmen. Dort, wo es keine Bäume mehr gibt, beginnt das Tundragebiet.
Aber wieso? Der Permafrost hindert die Wurzelschlagung der Bäume. Außerdem können diese hier keine Nährstoffe aus dem Boden ziehen.
Und genau deshalb findet man hier eben keine Bäume, sondern so viele kleine Pflanzen wie Moose, Flechten und Sträucher.
+++++
Der Duftet beginnt beim ersten Aufsprühen bereits, sein Wechselspiel aus Patchouli und Minze zu offenbaren.
Die Kopfnote kommt recht stechend daher, denn es handelt sich um eine derart raffinierte kalt Minze, dass man olfaktorisch sofort den Permafrost meint, begreifen zu können.
Gleichzeitig riecht man aber ein so tiefes erdiges Patchouli, dass man den kargen Boden, der die Grundlage aller Tundra ist, meint schmecken zu können.
Sofort ist man dort. Vor Ort. Man riecht in den ersten Minuten bereits die Arktis in der Ferne (Minze) und die zurückliegende Taiga (leichte Nadelwaldassoziation) im Nacken.
Patchouli bleibt im Verlauf immer präsent, aber wird offener, voluminöser. Die Nadelwaldassoziation wird völlig verdrängt und durch feuchten, moosigen Boden ersetzt. Gleichzeitig bleibt die Minze stets vorhanden, mal stärker und mal weniger stark. Sie weht regelrecht, wie kalte Winde.
Mit der Zeit kommt eine leichte Kräuternote zum Vorschein, die ich nicht näher eingrenzen kann (Thymian, Lavendel, Rosmarin), aber zumindest drängt sich hier die Assoziation mit den Sträuchern und Flechten der Tundra auf. Auch eine ganz leichte, zurückhaltende Animalik blitzt hin und wieder durch, wie ein Schneehase, der kurz ins Bild läuft.
Am Ende bleibt nurmehr Patchouli. Wunderschönes regelrecht breitgetreten offenes Patchouli. Und dennoch ist dieses Patchouli kein warmes Kakaopatchouli, kein reiches Erntepatchouli und kein Kaminkuschelpatchouli. Dieses Patchouli ist kalt-erdig, genial passend zu dem dezenten Minzton der ihn permafrost, ähh permanent begleitet. Und doch strahlt das Patchouli hin und wieder eine gewisse Wärme aus, als wenn der Sommer in der Tundra das Eis zum Schmelzen bringen könnte und die Erde Feuchtigkeit erhält.
Dieser Duft ist das, was man als Nische im eigentlichen Sinne begreifen kann, denn er riecht konsequent nach dem, was er angibt zu sein und strebt nicht danach, jedem zu gefallen.
Die Kombination aus Patchouli und Minze dürfte einem nämlich nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen, wenn man Duftpärchen nach Harmonie durchgeht.
Er hätte, um ein sog. „Crowdpleaser“ zu werden, runder sein müssen, weniger fordernd und weniger brachial. Aber die Tundra ist fordernd.
Und genau das zeigt dieser Duft meisterhaft: Die Tundra. Die Schönheit der Tundra.
Ihr Lieben, wenn ihr also mal (wieder) auf dem Dempster Highway unterwegs seid. Schaut nicht nur nach dem Pol, der Arktis und dem Leuchten der Sterne und Polarlichter. Schaut, wo ihr seid. Was diese karge Landschaft an Schönem für euch bereithält. Es gibt hier bereits Polarfüchse, jede Menge Schnneehasen, Rentiere und den ein oder anderen Eisbären. Aber es gibt eben auch Flechten. Es gibt Moose. Es gibt Sträucher. Sie alle riechen wundervoll nach nahezu unberührter und bemerkenswert ursprünglicher Natur.
Und es gibt Schnee und Frost. Und auch diese beiden könnt ihr riechen. Eure Nase wird die Kälte spüren.
Verweilt gedanklich einen Augeblick an dieser schönen Durchgangsstation. Ihr werdet ankommen, keine Sorge. Aber schaut noch nicht aufs Ziel, sondern verweilt in der Schönheit des Augenblicks.
Denn
„Nur aufs Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen.“
-Friedrich Rückert
9 Antworten
Danke für die Erwähnung!
Den Duft kenne/kannte ich gut,musst trotzdem kurz in mein olles Statement spicken um den Geruch zurückzuholen.
Moschusochsen frieren nicht. :')
Patchouli ist ohnehin ein Liebling seit meiner Jugend und der Duft klingt, als wäre es genau mein Ding.
Danke für die tolle Rezi.
Hoffentlich dauert Deine Roma-Woche noch gaaanz lange, wenn sie uns so tolle Texte beschert.
Was für eine Reise!
Selten habe ich solche Bilder einer imposanten Landschaft regelrecht sehen, riechen, schmecken können!
Du hast dem Duft die allerbeste Rezension gewidmet.
Und dafür gebührt Dir ein ganz besonderer Pokal.
Nenne es Forscher, Naturkenner, begnadeter Erzähler, geniale Nase, ganz wie es Dir gefällt!
🏆