Gehen ein Gewürzhändler und eine Floristin in eine Patisserie...
Heraus kommt aber kein Witz, sondern eines der am unterschätztesten Parfüms von Serge Lutens/Chris Sheldrake. Sie haben sich hier zurückgenommen und dadurch ein kleines Meisterwerk geschaffen, welches unangestrengt gut und leicht zu tragen duftet, aber bei genauerem Hinriechen beeindruckend komplex ist - so wie der Maßanzug, der nicht danach aussieht, aber jeder bewundert die bella figura des Trägers. Gegensätze in einer ästhetischen Synthese auflösen, Spannung in Harmonie, das ist oft die Wurzel großer Kunst, ob in der Gourmandise, der Malerei oder der Parfümerie. Douce Amère, kündigt diesen Ansatz bereits im Namen an. Anis, Artemisia und Zeder versus Blüten, Vanille und mandel-marzipaniges Heliotropin und mittendrin der bindende rassig-scharfe wie süße Zimt. Das ist ein Grüne Fee als White Russian, Crème Brûlée mit Kardamomsamen, milchige Süße mit würzigem Kontrapunkt. Es ist auch, wie Luca Turin bemerkt, ein Oriental ohne Amber und ohne die häufige Schwere diese Genres. Ebenso ein Gourmand-Duft, der aber letztlich etwas zu abstrakt ist, um wirklich hineinbeißen zu wollen, ein Floriental nicht im, sondern vor dem Blumenladen, ein von der Pyramide her femininer Duft, der Alain Delon besser gestanden hätte als Liz Taylor. Douce Amère, eine wunderschöne, elegante, handwerklich perfekte, künstlerisch anspruchsvolle Preziose aus der goldenen Ära dieses großen Hauses, welches das orientalische Genre im Alleingang neu definierte.
"Handwerklich perfekte, künstlerisch anspruchsvolle Preziose aus der goldenen Ära dieses großen Hauses" - Das trifft es wunderbar. Exzellenter Kommentar.