Login

Konto erstellen Passwort vergessen?
Apicius
22.07.2010, 05:46 Uhr
8Duft 7.5Haltbarkeit 5Sillage 7.5Flakon
Top Rezension 35

Ein abstrakter Duft

Andy Tauers L’Air du Desert Maroccaine ist ein ganz schwieriger Duft. Jedenfalls für denjenigen, der versucht, es zu testen und auseinanderzunehmen. Die verwendeten Duftnoten verschmelzen allesamt perfekt zu etwas Neuem und dabei Eigenständigen. Vergleiche – auch den unten erwähnten mit Terre d’Hermès – halte ich für problematisch. L’Air du Desert Maroccaine ist die Doktorarbeit eines Parfumeurs.

So bleibt nur die Assoziation mit Wüstenluft – trocken, staubig, tagsüber brennend heiß, nachts bitterkalt. Das lässt sich vielleicht gerade so nachvollziehen, wobei ich die Benennung und den Vergleich schon etwas bemüht finde. Aber wer weiß – schließlich war ich noch nicht in der Sahara.

Ich plädiere dafür, in diesem Parfum eine rein abstrakte Dufterfahrung zu sehen. So, wie man auch von abstrakter Musik im Gegensatz zu programmatischer Musik spricht, welche eben keine spezielle Stimmung oder gar ein Naturgeschehen ausdrückt. Wenn sich schon keine Bilder als Assoziation einstellen, dann vielleicht Töne. Mir kommt bei diesem Duft Johann Sebastian Bach in den Sinn, in dessen an strenger Kontrapunktik orientiertem Werk die abstrakte Musik einen großen Stellenwert einnimmt. Man trage also diesen Duft, während man der Kunst der Fuge, den Partiten und Sonaten für Violine solo oder dem Wohltemperierten Klavier lauscht. Die Strenge dieses Duftes, seine Bitterkeit, Erdigkeit und Tiefe, aber auch die fast mathematisch perfekte Balance aller beteiligten Komponenten wirkt wie von Bachs Musik gespiegelt.

Aber Vorsicht – genauso wie die radikaleren Werke Bachs erschließt sich dieses Parfum nicht auf Anhieb. Mit Sicherheit ist das kein Parfum der großen Effekte, welches einen sofortigen Muss-ich-haben-Reflex auslöst. Man ahnt zwar, dass man ein Meisterwerk vor sich hat, ist aber außerstande, diesen Eindruck mit ein paar Argumenten schlüssig zu begründen.

Entsprechend schwierig finde ich es, dieses Parfum zu tragen. Ich hatte es vor längerer Zeit bei einem Theaterbesuch getragen und fühlte mich unwohl damit. Es hat mich gestört, weil es zu viel Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nahm. Dabei glaube ich nicht, dass ich überdosiert hatte. Es gehörte nicht zu mir und wirkte auf mich wie ein Fremdkörper. Ständig wollte ich mich umschauen nach dem eigentlichen Träger dieses Parfums, der mich somit wie ein Gespenst verfolgte.

L’Air du Desert Marrocaine enthält eine seltsame Bitterkeit, die ich auch in anderen Parfums von Andy Tauer vorgefunden habe und die ein Stilmerkmal dieses Parfumeurs zu sein scheint. Mich irritiert das, es ist nichts für mich – jedenfalls bis jetzt nicht. Aber ich anerkenne, dass es ein großartiger Duft ist.
7 Antworten
ShlomoShlomo vor 9 Jahren
Hervoragend besprochen, auch wenn mir persönlich weniger Bach als vielmehr manche Werke von Schostakowitsch in den Sinn kommen - die 15. Sinfonie, das 2. Cellokonzert, die letzten Streichquartette.
BikerBiker vor 11 Jahren
Ein für mich sehr objektiver Kommi!
Jetzt, wo ich den Duft probieren konnte, kann ich besonders Deine letzten 3 Absätze sehr gut nachvollziehen.
HermeshHermesh vor 11 Jahren
Gut getroffen! Insbesondere nach ca. einer Stunde wirkt der Duft auf mich wie aus einem Guss.
KleineHexeKleineHexe vor 12 Jahren
1
Anerkennungspokal
CouchlockCouchlock vor 13 Jahren
Mir hat sich dieses Parfum sehr schnell erschlossen, zumindest liebte ich es sofort...abstrakt schon, aber nicht nur, sondern gleichzeitig sinnlich warm und das macht den eigenartigen Reiz aus, den dieser wundervolle Duft auf mich ausübt...
PazuzuPazuzu vor 15 Jahren
Da steckt ne Menge Wahrheit drin. Du triffst den Kern, großartig!
KnollennaseKnollennase vor 15 Jahren
guter Text