RiechArtRiechArts Parfumblog

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Das Thema Kaffee in einer der Antworten auf meinen letzten Blogeintrag brachte mich auf eine kleine Anekdote, die ich Euch erzählen möchte und die das unten schon angeschnittene Thema – "wo ist die Grenze zwischen Duft und Gestank?" – nochmals unter einem anderen Blickwinkel beleuchtet.

Im Sommer 2006 war ich an einem glühend heißen Julitag in einem Leibniz-Institut in Frankfurt /Main zum Pitch einer Reihe von Werbeagenturen eingeladen, die das Marketing für ein gemeinsames Projekt mehrerer Forschungseinrichtungen begleiten sollten. In dem kaum klimatisierten, fensterlosen Konferenzraum herrschten geschätzte 35 °C. Durch viele schwitzende und leidende Zuhörer und Agenturmitarbeiter war die Luft sauerstoffarm und übersättigt mit Luftfeuchte. Vor Beginn der Session hatte ich mich reichlich mit einem großen Becher frischen Kaffees sowie einem zusätzlichen Glas munter sprudelnden, weil stark kohlensäurehaltigen, eiskalten Mineralwassers versorgt, um so wenigstens dem Dehydrierungstod zu entrinnen.

So saß ich dort schwitzend und versuchte mir das herabfallen der Augenlieder nicht anmerken zu lassen vor meiner Tasse dampfenden und äußerst starken Kaffees. Wohl ob der hohen Umgebungswärme schien sich das Heißgetränk weigern zu wollen, abzukühlen. Um rascher in den Genuss des Kaffees zu kommen, beschloss ich das freie Volumen in der Kaffeetasse mit dem kalten Sprudelwasser aufzufüllen. Ein elementarer Fehler, wie sich sogleich herausstellte. Der Effekt war geruchlich und geschmacklich verheerend. Der eben noch duftende Kaffee hatte einen geradezu abscheulichen Geruch und Geschmack angenommen. Jauchebrühe! Dieses „Umkippen“ eines Kaffees, nur weil man ein bisschen kohlensäurehaltiges Mineralwasser zugibt, beschäftigte mich die restliche Zeit jenes Tages. Auch, weil ich jetzt nur noch den Rest Mineralwasser als Versorgungsreserve übrig hatte. Was war mit diesem Kaffee passiert? Mir war damals aufgefallen, dass ich eigentlich nichts weiter zu Kaffee wusste, als dass er normalerweise lecker riecht und schmeckt und in der Regel Koffein enthält. So begann ich Kolleginnen und Kollegen – ich arbeitete damals in einem Institut im Chemiebereich – zu befragen.

Folgendes hatte ich entsprechend in Erfahrung gebracht. Während des Röstvorganges reagieren die Proteine und Eiweiße in den sich bräunenden, fermentierten und getrockneten Kaffeebohnen zu einer Vielzahl neuer Substanzen und Aromen. Neben dem die Lebensgeister erfrischenden Coffein sind heute bis zu 1200 verschiedene Inhaltsstoffe in verschiedenen Konzentrationen erforscht. Die Präsenz und die Konzentration von gerade mal ca. 25 dieser 1200 Inhaltsstoffe bestimmen dabei den ganz speziellen Kaffeeduft, den wir i.d.R. als würzig und anziehend empfinden. Schon kleine Änderungen in den Mengenverhältnissen dieser 25 Kernaromaträger können unser geruchliches und geschmackliches Empfinden stark stören. Mineralwasser enthält – wie dies der Name schon sagt – neben Kohlensäure, H2CO3 – verschiedene Mineralstoffe, die als Salze im Wasser gelöst sind. Wird kohlensäurehaltiges Mineralwasser in den Kaffee geschüttet passieren zwei Dinge – zum einen wird der pH-Wert des Gemisches stark verändert, zum anderen bilden die Salze mit einigen der Aromastoffen schwer lösliche Komplexe und blockieren diese. Durch diese beiden Effekte werden die Misch- und Mengenverhältnisse der Aromastoffe im Kaffee deutlich verändert. Unsere auf die sehr exakte Mischung der oben beschriebenen ca. 25 Kernaromen geeichten Riechsinne nehmen diese neue Geruchsmischung als etwas unvertrautes, fremdes wahr. Und um uns zu schützen vor dieser - unseren olfaktorischen Sinnen unvertraut riechenden Flüssigkeit – denn das ist ja der Kern aller Gerüche, ein Mechanismus um das Überleben eines Spezies durch die richtige Auswahl von Nahrung und Getränken zu steuern – nehmen wir den veränderten Kaffee als eine übel riechende Jauche wahr.

Damit nähere ich mich wieder meiner Theorie, dass die Linie zwischen Duft und Gestank eine sehr fein gezeichnete, filigrane Grenzziehung darstellt. Ich könnte mir vorstellen, dass ein x-beliebiger „Drogeriemarktketten-Duft“ durch das Hinzufügen weniger, unsere Duftharmonien störender Nuancen aus einem unseren Nasen tendenziell fremden Duftumfeld zu einem ungeheuer spannend wirken Gesamtensemble verschmolzen werden könnte, sofern die störenden Noten nur entsprechend stark ausgedünnt im Gesamtportfolio enthalten sind.

Ich stelle fest, dass ich mehr und mehr Lust bekomme, eigene Duftzusammenstellungen auszuprobieren. Vermutlich sollte ich damit allerdings warten, bis die absehbar kommenden, wärmeren Jahreszeiten ein Experimentieren im Gartenhäuschen zulassen um den Frieden im Haus und die Harmonie mit den Nachbarn nicht nachhaltig zu gefärden.

Sollte einer von Euch übrigens immer noch nicht genug haben an Infos rund um das Thema Kaffee, so möchte ich diesen auf ein schon ein paar Jahre altes, aber immer noch sehr informatives PDF auf den Servern des WDR zur Sendereihe Quarks & Co hier (http://www.wdr.de/tv/applications/fernsehen/wissen/quarks/pdf/kaffee.pdf ) verweisen …

Gespannt auf Euer Feedback und wie immer mit herzlichen Grüßen – Euer RiechArt

4 Antworten
Vor 6 Tagen
19 Auszeichnungen

Wo liegt die Grenze und kann das eine ins andere (und umgekehrt) überführt werden, hab ich mich schon heute Morgen – wie so oft unter Halstuch und Pulli schnüffelnd – und auch gerade eben auf der Rückfahrt – mit nur noch ganz feinen, verwehenden Duftfahnen aus den Tiefen der Oberbekleidung heraus gefragt. Darauf gekommen bin ich, weil ich gestern auf dem Nachhauseweg noch schnell auf Empfehlung einer netten Duft-Expertin weiter unten auf meiner Pinwand zu Lush, einem ein wenig ungewöhnlichen Parfümeur und Kosmetikladen direkt gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße eingekehrt bin und mich umgerochen (umgesehen wäre in einer Parfümerie nett aber unergiebig) habe. Ganz gezielt nach dem Duft „Breath of God“, der wirklich der absolute Hammer ist. Trotz Halstuchwechsels heute ist er in dünner Konzentration selbst jetzt, einen ganzen Tag später immer noch vorhanden. Gestern Abend hatte mich die ungewöhnliche Konstruktion und Komplexizität des Duftes beinahe in ein „Halbkoma“ versetzt.

Ich assoziiere bei dem Geruch ganz unkonventionelle Bilder.

Eine Rückblende, ich war vielleicht elf Jahre alt, da hatte meine Mutter für meine Schwester, die damals so etwa ein halbes Jahr alt war, in der Küche jener Wohnung meiner Kindertage Baby-Schnuller und Nuckel von Fläschchen ausgekocht und hatte den Topf auf der heissen Herdplatte vergessen, als sie einkaufen ging. Dieser Gestank nach halbverbranntem, flüssigem Gummi war unglaublich scheußlich, das weiß ich noch. Er war tagelang in der Wohnung zu erschnüffeln.

Indes – irgendwie ist dieser Gummi-Schmor-Geruch in extrem feiner Verdünnung – nach meiner Geruchsassoziation – in dem „Breath of God“ enthalten. Und er riecht da gar nicht übel. Irgendwie richtig edel.

Und noch so einer. Etwa um das Jahr 1994/95 herum hab ich mal ein Jahr in Kanada gelebt und gearbeitet. Ich hatte da in einer Kleinstadt irgendwo im weiten Nichts von British Columbia ein halbes Häuschen mit Terrasse, viel Platz und Ideen und viele Flausen im Kopf – aber das gehört nicht hierher. Irgendwann hatte der Hund eines Nachbarn, mehrere Häuserblocks entfernt die ausgesprochen dumme Idee, sich mit einem Stinktier anzulegen. Das war ungeschickt und nachhaltig dumm für den Hund – und bestimmt in noch höherem Maße für den Hundebesitzer, der das bestialisch stinkende Tier wohl irgendwie wieder sauber kriegen musste.

Habt Ihr mal ein verärgertes Stinktier gerochen? Noch gibt es sie bei uns ja nicht freilaufend, aber vielleicht bringen uns Klimawandel und Invasionsbiologie mittelfristig auch diese durchaus possierlichen – sofern nicht gerade übel gelaunten – Kerlchen nach Deutschland. Also – so ein Stinktier riecht man einige Hundert Meter weit und wer in diesem Fall nicht mit einem Hechtsprung die Balkon- oder Terrassentür zu verschließen vermag, hat einen unschönen Tag in seiner Bude.

Tatsächlich vermeine ich allerdings, in dem Breath of God in extrem feinster Verdünnung eben genau auch jenen Stinktierduft zu vernehmen und siehe da – in dieser äußerst verdünnten – beinahe homöopathischen Ausprägung wird er auf einmal sehr interessant.

Es scheint mir ein Stück so, als könne man so manchen „üblen Geruch“ unter Umständen in einen Wohlgeruch verwandeln, sofern man nur genügend Verdünnung dafür herstellt. Oder im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch beste Wohlgerüche in hoher Konzentration zu infernalischem Gestank zu werden vermögen.

Wo ist da die Grenze? Gibt es dazu Forschung?

Gedankenverloren sinniere ich nun gerade über andere unschöne Gerüche nach und finde meine Annahme in Teilen bestätigt. Schweiß etwa – wenn in hoher Konzentration und mit abbauenden Milchsäurebakterien versetzt – kann auf Mitmenschen (etwa in einer überfüllten, sommerlich heißen S-Bahn) eine vernichtende Wirkung haben. Andererseits meine ich annehmen zu dürfen, dass der gleiche Schweiß in extrem starker Verdünnung unsere Nasen durchaus positiv zu justieren vermag – ja, an bestimmten Körperregionen sogar eine aphrodisierende Wirkung entfalten kann. Und noch ein Beispiel geht mir durch den Sinn. Im letzten Sommer waren wir in unserer Nachbar- und Alpenrepublik Österreich „zu Urlaub und zu Gast“ und auf irgendeiner Gipfeltour hatte ich mir in der dortigen Berghütte „Kasnocken nach Art des Hauses“ bestellt. Angerichtet mit viererlei Käsesorten und stark erhitzt im Berghüttenofen kam da ein Gericht auf den Tisch, das die Fliegen von den nahegelegenen Holzstößen fallen-, die Nachbarn mit Tisch und Stuhl fortrücken- und die Murmeltiere stöhnend in ihren Höhlen verschwinden ließ. Ein wenig übertrieben formuliert. Würde man diesen derben Käsegeruch allerdings sehr, sehr stark ausdünnen – so stark, dass unsere Nasen die eigentlichen Noten aus eventuell dazu gemischten anderen Düften nicht trennscharf herausfiltern können – so könnte ich mir vorstellen, würde dieser hochverdünnte Käseduft manch einen von uns zu einem Kauf jenes hier skizzierten Odors verleiten.

Welch andere Gerüche kommen mir da in den Sinn? Auspuffgase, faule Eier, stinkender Fisch? Wohl eher nicht. Das sind Gerüche, zu denen in unseren Köpfen „Warnmeldungen“ programmiert sind. Macht ja auch Sinn. Schwefelwasserstoff ist giftig, also wurde uns mit dem Geruch eine Warnung hardcodiert in den Kopf gemeißelt. Selbst in großer Verdünnung.

Damit wende ich mich mal an Euch, liebe Blogbesucher. Was fallen Euch für Gerüche ein, die man landläufig als negativ bewerten würde. Und könnten diese – in entsprechender Verdünnung und durch Vermischung mit anderen Gerüchen vielleicht in Wohlgerüche gewandelt werden? Recht nachdenklich mache ich mich heute auf den Weg ins Bett…

5 Antworten
Vor 24 Tagen
14 Auszeichnungen

Morgensonne R-E- Eins, (*)

weite Weiten menschenleer.

Erschaudernd ob des Sinns des Seins,

erfühlt, erstaunt und ach so schwer -


ob der Gefühle die ich hier

entfesselt - als ich traurig blog-te

und der Community entlockte:

Verständnis, Wut, oft auch Kritik

und manche Zweifel kommen mir -

daher dies Verslein ich Euch schick.


Rauhreif liegt auf weiten Fluren,

schräge Sonnenstrahlen malen

- still

- langer Schatten Lichtfiguren -

weihnachtliches Vorgefühl.


Danke wollt all jenen sagen,

die so schöne Texte schreiben,

leck‘re Düfte an sich tragen,

stets mit Rat zu allen Fragen -

immerzu Gelassen bleiben.


Dem Versmaß sei Tribut gezollt,

die Morgenluft so kalt und klar.

Heute trag ich Classic Gold,

von der Firma Jaguar.


Ohh das war herbeigezogen,

an den Haaren der Vergleich.

Fühl mich wohl hier, ungelogen

Weihnachtsmann beschenkt mich reich!


Besser hör jetzt auf zu dichten -

Schalk! Versuch mit Deiner Heiterkeit

über Düfte zu berichten,

Zutaten gut zu gewichten,

auf Ungereimtes zu verzichten,

Parfümzerstäuber abzulichten -

zu arrangieren und zu richten.

Wortungetüme aufzuschichten,

Fremdgerüche zu vernichten -

wünsche frohe Weihnachtszeit…


(*) Für Berlin-Brandenburg-Unkundige. RE1 Züge gibt es in den Regionalbahnnetzen vieler Deutscher Städte. In Berlin Brandenburg verkehrt der hiesige RE 1 halbstündig zwischen Magdeburg (gut, das ist schon Sachsen-Anhalt) bzw. Brandenburg an der Havel ganz im Westen und Frankfurt (Oder) ganz im Osten. Neben Potsdam durchquert er etwa auf halber Strecke Berlin.

Berlin und Brandenburg sind wie zwei alte Schwestern, die ein Leben lang mit- und nebeneinander gelebt haben, sich lieben und sich hassen. Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten – hier das quirlig, imposant - politisch polarisierende Berlin und dort die winterlich weite, Raufreif-bedeckte Leere Brandenburgs – flach, weite Flure, viel Naturschutzgebiete, Seen, Flüsse- eine beeindruckende Flora und Fauna – selbst aus dem RE1 heraus oft zu beobachten. Beide für sich jeweils wunderbare Orte zum Nachdenken, Sinnen, Sehnen, Schreiben und Dichten…

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Vor 27 Tagen
34 Auszeichnungen

Jetzt also Berlin. Hatten wir nicht alle ein bisschen darauf gewartet. Oder nein, hatten wir nicht alle gehofft, dass es sich nicht wieder ereignet, dass es diese Stadt nicht treffen möge. Berlin, den Schmelztiegel der Geschichte, die - trotz so vieler Vorurteile, Klischees, Disharmonien - bis heute freidenkendste, liberalste, offenste der Deutschen Metropolen. Und wieder einmal sind wir schockiert über menschliche Abgründe. Was haben diese Menschen, die nach Feierabend auf einen Glühwein, aus fernen Landen zu einem Urlaub nach Berlin und hier auf den Weihnachtsmarkt gekommen, böses getan? Was, außer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein. Wie kann ein Mensch sich an das Steuer eines 30-Tonners setzen mit der fanatischen Absicht, andere Menschen zu töten, Kindern ihre Eltern, Freunde ihre Freunde zu rauben - mutwillig die tonnenschwere, brachiale Gewalt in ungeschützte, fröhliche, müde Besucher und Einwohner unserer Stadt zu steuern. Man mag sagen - Menschen, die voll des eigenen Leides auf Rache sinnen. Ist das eine Rechtfertigung dafür, Leid in die Familien und Herzen anderer Unschuldiger zu säen? Die Polizei ermittelt, viele Länder senden Beileids-Depeschen, die Kommentatoren werden in Aberdutzenden von Talkshows vor Applaus-klatschendem Publikum schlaue Analysen diskutieren. Hier bei Parfumo habe ich in den zurückliegenden Wochen so viele wache, interessierte, intellektuelle, schlaue, sprachlich gewandte Menschen kennen gelernt.

Darum schreibe ich das hier und heute.

Das wenige was wir tun können ist, differenziert zu betrachten, keine vorschnellen Urteile zu sprechen, unsere Demokratie zu hinterfragen insbesondere aber zu verteidigen. Vor allem aber gilt es, den Menschen, die Familienmitglieder verloren haben, Freunde, die verletzt an Körper und Seele ein zerstörtes Weihnachten erleben müssen - im Herzen und in unseren Gebeten - mögen wir religiös sein oder nicht - einen Platz zu geben.

Ihr Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt und schließt die Verletzten und Leidenden in Eure Gebete. ..

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Vor 30 Tagen
24 Auszeichnungen

Naja, es war klar – irgendwann klappte es nicht mehr, mich dem vorweihnachtlichen Einkaufsgerausche zu entziehen. Heute ging es in ein mittelgroßes Einkaufs-Paradies im Norden Berlins. Wer hat nur diesen Begriff erfunden – Einkaufsparadies? Ich war vorbereitet. Der classic-rote Jaguar durfte mich – relativ dick unters Hemd genebelt begleiten. Ich habe extra ein schönes, neues und vor allem rotes Hemd angezogen um die Harmonie zwischen dem Classic Red und meinem Erscheinungsbild zu untermalen. Überall im Einkaufs-Paradies weihnachtelt es ganz furchteinflößend. Es glitzert, christbaumkugelt, klunkert. Weniger könnte mehr sein – hier ist nichts weniger und alles ganz fürchterlich viel Mehr.

Wir beginnen bei Olymp & Hades, schicke Klamotten, „lasst uns froh und munter sein“ – noch pfeife ich leise und irritiert mit. Meine beiden Frauen verlieren sich begeistert in den Tiefen des Ladens. Ich stehe zwischen Kleiderständern, Palettenstößen mit endlos-gleichaussehenden Jeans – die meisten mit Löchern in den Beinen – und langweile mich. So sind vermutlich viele Männer meiner Generation. Wozu Kleidung-Shoppen? Eine Jeans, einmal gekauft hält 5 bis 10 Jahre. Wenn sie dann ganz abgetragen ist und tatsächlich Löcher kriegt – ob des langen Gebrauchs - schmeißen wir sie weg und kaufen eine Neue. Eine Neue! Nicht 15! Und - wegen der Löcher schmeißen wir sie weg. Ich betone „wegen“! Hier zahlt man ein Vermögen für die Löcher. Merkwürdig.

Es gibt aber auch lustiges zu beobachten, wenn man seine Sinne in alle Richtungen ausstreckt. Da gibt es eine Bekleidungsmarke, die heißt „Apricot“. Nie gehört, aber ich bin da bestimmt auch kein Maßstab. Bei Apricot würde ich nun viele gelblich – orangene, vielleicht rot angehauchte Kleidungsstücke erwarten – eben aprikosenfarbige – zumindest bunt-warme Farben - aber an den Kleiderhaltern hängen nur Pullis in Grau, Anthrazit, Schwarz. Das muss ich fotografieren (findet Ihr unten). Das Marketing von Apricot würde ich auswechseln lassen. Die Firma sollte „Grey Mouse“ heißen.

Ich lasse meine Frauen kurz im Stich um mir bei McDonalds einen kleinen Kaffee zu besorgen und komme – wie es der Zufall will – an TK-Max vorbei. „Rudolph the Red Nose Raindeer“ brennt sich mir in die Gedanken – ich summe unfreiwillig mit. „Rudolph the Red Noise Raindeer“ sollte es heißen. Ich schweife ab - zurück zu der TK-Max Erfahung. Haben mir nicht so viele hier schon von den Schnäppchenkäufen bei TK-Max erzählt. Ich biege in den Laden ein, suche die Duftabteilung. „Gütiger Himmel“! Drei Regalreihen ohne irgendeine Systematik. Herren- und Frauendüfte wild durcheinander, nichts passt zu nichts. Und darum herum ein vorwiegend weiblicher, summender und schwirrender Bienenschwarm. Ich sehe einen Flakon, der dunkelblau-männlich aussieht, meine Hand schiebt sich vor – schwups – hat ihn eine andere Hand seitlich an mir vorbei weggezogen. Holla – das ist kein Einkaufen mehr, das ist ein vorweihnachtlicher Kriegsschauplatz. Bloß weg hier.

Zurück zu dem griechischen Himmel- und Hölle-Laden. Vor den Umkleiden gibt es immerhin ein paar Sitzpolster und ein anderer begleitend-leidender Papa hat dort schon Position bezogen. Das Gesicht in sich gekehrt, leicht verzweifelt, die schöne Lebenszeit an sich vorbeihuschen-sehend. Ich geselle mich dazu - einen Blick getauscht und wir wissen - gleiches Schicksal. Frauen probieren voll Leidenschaft riesige Kleiderstapel. Immerhin habe ich einen Kaffee. Welch ein Privileg.

Der rote Jaguar von heute Morgen ist mein stiller Trost. Immer wieder erhasche ich ein Wölkchen und genieße - denke an einen Wochenmarkt im Sommer mit Obstständen und vielen, vielen reifen Beeren. Der Jaguar ist aber auch eine Triebfeder. „Ein Shopping-Paradies hat bestimmt auch Drogerien - und Drogerien haben Düfte-Abteilungen“ sage ich mir. Ich beschließe - die winterlich warmen, im Einkaufszentrum indes völlig unnützen Jacken von Frau und Tochter ins Auto zu tragen, dies dabei als Vorwand nehmend – ein bisschen auf die Pirsch zu gehen. Rein zufällig komme ich dabei an einem DM-Markt vorbei. Gibt es überhaupt Zufall oder sind es immer sich selbst organisierende, Unterbewußtseins-gesteuerte Affekthandlungen. Zu kompliziert, das zu durchdenken ob all der Glitzerkugeln, Tannenbäume. „Oh du Fröhliche“ meißelt sich mir ins Gehirn und angewidert summe ich mit. Schnell zum Herrenduft-Regal. Papierstreifchen erhascht und ausprobiert. Ich versprühe „Beckham Instinct“, „Beckham Classic“ und „Bruno Banani - Magic Man“. Die Fotoabteilungen von Drogeriemärkten sind für einen Parfümtester extrem wichtig – stelle ich fest - denn da gibt es immer an einem der Fotoabgabe-Selbstbedienungscounter irgendwo einen billigen Einwegkugelschrauber – gegen Diebstahl mit einem massiven Stahlseil gesichert - mit dem man seine Papierstreifchen beschriften kann. Jetzt hab ich ein Duft-Spielzeug zum Schnuppern und analysieren und raten. Streifchen eins David Beckham‘s „Instinct“ – hmm, nett, frisch, irgendwie gewürznotig aber in keinster Weise einzigartig. Eben nett. Preislich extrem unambitioniert.

Zurück bei meinen Frauen wechseln wir zu H&M. Genauso langweilig – hier gibt es noch nicht mal mehr eine Sitzgelegenheit. Aber ich habe was zum Schnüffeln dabei – da vergeht die Zeit schneller. Eine Mutter berät bei den Umkleiden ihre Tochter: „die hat ja lauter Löcher“ (gemeint ist eine Hose und insgeheim gebe ich ihr Recht). Tochter (sehr, sehr genervt von Mama) „Das ist in. Das haben alle“ (Mama – sehr, sehr genervt von „in“, „alle“ und Löchern) „Ich gebe doch kein 70 Euro für eine kaputte Hose aus“ (wieder gebe ich ihr insgeheim Recht, hüte mich aber, mich einzumischen und schiebe mich unauffällig in eine andere Ecke des Ladens). Die Zeit verrinnt sehr langsam. Es glitzert. Jingle Bells“ aus knarrigen Kaufhaus-Lautsprechern. Hasserfüllt stimme ich ein und schnüffle.

Streifchen zwei – das „David Beckham Classic“. Fast hätte ich gedacht, ich habe die beiden Beckhams durcheinander gebracht, so ähnlich sind sie sich. Das „Classic“ und das „Instinct“. Vielleicht werden sie in einem großen Kessel gemeinsam angesetzt und nur am Ende wird in jede Abfüll-Linie noch ein bisschen „Spezial-Detail“ gefüllt. Das Classic ist ebenfalls unscheinbar frisch, ein wenig holziger als der „Instinct“ und etwas weniger „gewürzig“. Wiederum aber keine „Entdeckung fürs Leben“.

Ladenwechsel – Bijou Brigitte. Es glitzert nicht mehr nur, es ist ein orgiastisches Glanz-Gebrülle. Soviel Kunstschmuck, so billig, so klunkerig, so palettig und straßig. Vor meinen Augen verschwimmen Ketten, Gehänge, Ohrringe, Swarovski-Steinchen, Glasschmuck. Im historischen Amerika hätte man den Ureinwohnern damit einen ganzen amerikanischen Bundesstaat abkaufen können. „Rudolph the Red Nose Reindeer“ mischt sich mal wieder ins Geglimmere, Gewühle und Gehänge. Ich summe misslaunisch mit – wer kann sich dem entziehen. Ich kann wenigstens Schnüffeln. Streifchen drei war das „Bruno Banani - Magic Man“ – hmm – besser als die beiden ersten. Intensiver, männlicher. Immer noch eine frische Note aber darunter mehr Tiefgang. Den muss ich bei Gelegenheit mal auf der Haut testen.

7 Läden später kommen wir gemeinsam am DM-Drogeriemarkt vorbei und müssen natürlich hinein. Durch 4 weitere Weihnachtslieder (angewidert bis angeekelt mitgepfiffen), viereinhalb Tausend Christbaumkugeln, 7 lebendige und 926 Kunststsoffweihnachtsmänner, 4300 Kilometer Weihnachtsgeschenkpapier, eine Dreiviertel Million Weihnachstkarten, Schleifchen, Kunsttannenbäumchen, Lämpchen hunderte von Sternchentellern und den permanenten Weihnachtsplätzchenduft förmlich trunken - werde ich am Herrenduftregal leichtsinnig. Sehr leichtsinnig. Mein Kreuz tut weh vom langen stehen - wohlan „Mexx Man“ auf den Hals (4 Spritzer – ich rieche nichts! Hallo? Nichts! Kein Echo. Kein Geruch. Vielleicht da – ganz fern ein Hauch Ethanol. Und irgendetwas Frisches. Sehr, sehr dünn…) , „Jaguars Pace“ ans linke Handgelenk (zoooom – was ist das denn, irre. Mit dem muss ich mich später noch ausführlich befassen) ans rechte Handgelenk „Jaguars Classic Black“ (Ordentlich. Ein altmodisches Wort. Trifft diesen Duft aber perfekt. Mit dem kann man bestimmt nichts falsch machen. Tiefgang und Frische. Sehr, sehr lange Haltbarkeit stelle ich später am Abend fest. Der Handrücken duftet immer noch entfernt, trotz mehrfachen Händewaschens. Ein recht komplexer Spätgeruch. Jaguar in summa beeindruckt mich immer mehr) ausgebracht und bloß nichts durcheinanderbringen.

„Oh Du Fröhliche“. Ich pfeife enthusiastisch mit und ernte vorwurfsvolle Blicke. Ein Ehepaar neben mir ist in Streit geraten, wer-wem-welchen Duft zu Weihnachten schenken sollte, Es glitzert und funkelt. Der „Pace von Jaguar“ ist der Hammer. „Pace“ heisst übersetzt wohl Tempo, Speed. Passt zur Umgebung. Die Kasse klingelt verzweifelt nach Kleingeld. Das Pace nachgesprüht - noch feucht am Handgelenk - etwas viel und leichtsinnigerweise - an die juckende Nase geführt. Jetzt ist alles Pace. Weihrauch. Völlig erschlagen. Weihrauch pur. Wahnsinn. DM wird zu einer Hallenkirche. Die Menschen zu betenden Mönchen. „Stille Nacht“ reisst mich aus meinen Pace Träumen und meine Frauen mich an die Kasse.

Es ist geschafft! Überlebt! Juhu! Nur noch die Schlange am Kassenautomaten vom Parkhaus, der Ausfahrt-Stau und ab nach Hause. Ruhe. Völlig erschlagen. Abends jetzt meinen kleinen Blog Eintrag fertig geschrieben. Der Jaguar „Pace“ duftet immer noch ganz sanft vom rechten Handgelenk. Zum Weihrauch ist in der größeren Verdünnung und mit mehrfach gewaschenen Händen jetzt etwas herrlich Holziges hinzugetreten. Langsam kehrt die echte, ruhige vorweihnachtliche Stimmung des Friedens wieder in meine Seele ein. Immerhin – eine tolle Entdeckung heute getan! Oh Du Pace. Du wirst meins, kommende Woche, wenn DM wieder geöffnet hat.

Ich summe zufrieden ein "Rudolph the Red Nose Reindeer" gar nicht so schlimm, jetzt - Euch, meinen Blog Lesern, einen frohgemuten 4. Advent…

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