RiechArtRiechArts Parfumblog

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Vor 112 Tagen
12 Auszeichnungen

Wenn Menschen auf der Straße von einem Kamerateam interviewt würden – wohlan – ich kann die folgende Aussage nicht wissenschaftlich fundiert untermauern – würde vermutlich eine große Mehrheit auf die Frage „Woran denken Sie bei dem Begriff ‚Jaguar‘?“ antworten – „An eine große Raubkatze (Panthera onca) im Mittel- und Südamerikanischen Urwald“ oder „An eine große Raubkatze bei uns im Zoo“ (letzteres mehr diejenigen, die sich mit den Mittel- und Südamerikanischen Urwaldgebieten nicht so gut auskennen und/oder die hauptsächlich BigBrother oder Germany’s Next Top Model gucken. Oder diejenigen, denen der Jaguar – diese schöne und wilde Raubkatze - eigentlich schnurzpiepegal ist. Die letztgenannte Gruppe hört jetzt besser auch auf, hier weiter zu lesen.) Wie schreibt man eigentlich schnurz piep egal? Schnurz-piep-egal? Die Rechtschreibkorrektur ist da keine Hilfe, sie hat primär Probleme mit dem Schnurz. Und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, was ein Schnurz ist und warum dieser "piep egal ist", auch nicht. Das wollte ich auch gar nicht analysieren. Was wollte ich eigentlich?

Ach richtig – ein Jaguar ist primär eine große und furchteinflößende Raubkatze.

Weil viele sich gerne mit fremden Federn schmücken – nein, natürlich nicht die Jaguare, außer sie erbeuten ein Federvieh – aber verschiedene Unternehmen sich und ihre Produkte, war es in der Gründungshistorie des modernen Marketings nahe gelegen, dass auch „der Jaguar“ adaptiert wurde. Und zwar gleich zweimal. Mindestens. Zum einen ist da die vornehme, englische, alt-eingesessene Automarke, die werden die meisten von Euch kennen. Sollten unter meinen reiferen Lesern auch solche mit einem militärisch seemännischem Hintergrund sein, so werden diese „die Jaguar“ als Schnellboot-Klasse kennen. Wenn man sich nämlich im Internet auf den Seiten der Deutschen Marine nach 1945 herumtummelt – nein falsch, dort tummelt sich niemand, das sind alles hochspezialisierte Fachbesucher (hoffentlich) – Fachbesucher tummeln nicht, die fachsimpeln – Ihr merkt, ich schweife schon wieder vom Spannungsbogen ab – dann hat der Markenname „Jaguar“ überhaupt nichts mehr mit dem Automobil zu tun, sondern steht stellvertretend für eine Serie von Schnellbooten für den Einsatz auf der Ostsee. Toll oder. Hatte Euch schon immer interessiert. Selbst schuld, wenn Ihr meinen Blog lest.

Nachdem Schnellboote und feine Düfte jedoch nur umgekehrt proportional miteinander in Verbindung gebracht werden können, schwenke ich zurück zur Automarke „Jaguar“. Weil diese gar so sehr für Stärke, Gediegenheit, edel-altmodisches Design, mondänes Selbstverständnis und hochgezüchtete Motoren steht und findige Marketingexperten immer auf der Suche sind nach Merchandising-Produkten, entstand irgendwann die Idee, neben Automobilen auch feine Düfte feilzubieten. Feilbieten ist ein heute nur noch selten verwendetes Wort, oder? Schade eigentlich. So viele Ausdrücke und Worte verschwinden einfach. Warum nur? Zurück zum Thema.

Was wollte ich zum Jaguar noch berichten? Ach ja…

Markenbildung und Wiedererkennungswert: Der Jaguar ist auch ein sehr bekanntes und in seiner Form sehr typisches Raubtier und die meisten Kinder schon kennen den Namen und haben einen Jaguar gesehen. Die meisten im heimischen Zoo, sehr wenige in freier Wildbahn. Ein paar vor Papas oder Nachbars Garage. Dieses bildhaft-einprägsame, starke, animalische färbt da gewissermaßen auf die Marke ab. Naja - bis auf die Qualität der Flakons - aber dazu später noch ein wenig mehr...

Das sehen wir etwa auch beim berühmten Alleskleber „UHU“. Da wurde ein nahezu allen Kindern schon vertrauter Tiername für eine Marke herangezogen (das ist jetzt rein spekulativ und nicht wissenschaftlich – hintergrundrecherchiert), um eine Namensassoziation aufzubauen und den Markennamen in die Köpfe breiter Bevölkerungsschichten einzumeißeln. Was der Eulenvogel mit dem Alleskleber zu tun hat, erschließt sich uns dabei nicht sofort – aber – es ist ein toller Name. UHU-Alleskleber. Ihr müsst zugeben „Braune-Nacktschnecken-Alleskleber“ wäre nicht so einprägsam gewesen, obwohl die braune Nacktschnecke viel klebriger ist, als ein Uhu. Ist ein Uhu überhaupt klebrig? Das führte jetzt zu weit. Außerdem würde der Schriftzug „Braune-Nacktschnecken-Alleskleber“ auch nicht so gut auf das gelbe Alleskleber-Pappschächtelchen passen. Warum die Schachtel vom Uhu-Klaeber überhaupt gelb ist hat sich mir noch nie erschlossen. Was ist an einem Uhu eigentlich gelb?

Jedenfalls wären die Tuben – ob des unhandlichen Schriftzugs - weitaus länger geworden.

Vielleicht natürlich hieß die Entdeckerin dieses Klebstoffs auch Ute Huber und ihre Mitschülerinnen hatten – um der Kürze und der schrägen Assoziation Willen - aus den Anfangsbuchstaben des Namens U. Hu. (ber) den Uhu zusammengesetzt – wie auch immer diese Geschichte sich tatsächlich zugetragen hat – und ich könnte Euch hier noch Hunderte weiterer teils plausibler, teils abwegiger Varianten aufzählen – ich wollte ja eigentlich über den Jaguar schreiben und nicht über den Uhu-Alleskleber. Obwohl der auch gut riecht.

Mittlerweile habe ich 5 Exemplare aus der Serie. Rossmann und seinen wechselnden Sonderangeboten sei es gedankt. Jede Woche ein anderer Jaguar für 16 oder 17 Euro pro 100 ml. Es sind einige sehr ansehnliche Exemplare darunter. Über den roten Classic Red schrieb ich schon vor längerem. Das ist heute mein Lückenfüller schlechthin geworden. Immer, wenn ich nicht weiß, was am Tage auftragen – springt mir der Classic Red in die geöffnete Hand und der Sprühnebel unters Hemd. Ich mag ihn. Er ist schon ein alter Vertrauter geworden. Ein schöner warmer, kuscheliger Vertrauter. Dann der Classic-Gold. Ein echt gewaltiger Duft. Da schreib ich demnächst nochmals einen ausführlichen Kommentar – wiewohl auf der Seite vom Classic Gold schon viele schöne Kommentare zu finden sind. Der Classic Gold ist nicht unisex, das ist ein echter Duft für Männer. Finde ich. Der Pace ist auch ein großer Wurf – allerdings ist die Haltbarkeit ein wenig zu klein. Immerhin macht es Spaß, mit dem Pace zu experimentieren und auszugehen, so man den Flakon bei sich führt und ab und an nachsprühen kann. Dieser Flakon ist übrigens mal etwas weniger klapprig als die der Classic-Serien. Gut dass die Autos besser verarbeitet sind als die Jaguar-Duft-Fläschchen. Der grüne Jaguar for Men ist eine ziemliche Bombe mit langem Nachhall. Nichts für Dünnbrettbohrer, würde ich sagen. Weihrauch, Leder, Holz und dunkle Herrenschokolade. Ich hatte mich gleich zu Beginn meiner Streifzüge durchs Nasenland schon mit dem grünen Jaguar for Men beschäftigt. Bleibt noch der blasse Jaguar Classic. Wie der Name und die Farbe ein wenig dünn und fieselig. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, warum ich mir den gekauft hatte. Vermutlich wegen der „Bergamotte“ Beschreibung. Vielleicht hatte ich ihn auch nur zu schnell in die Ecke geworfen. Letzte Woche hatte ich noch den Vision Sport ausprobiert. Ist aber nicht meine Welt. Zu austauschbar, ohne eigenes Profil.

Insgesamt aber eine tolle Vielfalt und Düfte-Welt zu oft unschlagbarem Preis, die der Jaguar-Parfüms.

Abschließend bemerkt: Sollte einer meiner Leser hier bei der Firma Henkel arbeiten oder jemanden kennen, der bei Henkel arbeitet oder von jemandem gehört haben, der jemanden kennt, der bei Henkel arbeitet (Henkel, die mit dem Uhu-Alleskleber für all diejenigen unter Euch, die nicht wissen warum ich nach Henkel frage sogar diejenigen bei der Firma Henkel oder die jemanden kennen, der bei Henkel arbeitet oder von jemandem gehört haben, der jemanden kennt, der bei Henkel arbeitet (Ihr merkt schon, ich mag kurze Sätze)) – vielleicht könnt Ihr dann mal im Marketing nachfragen oder denjenigen, der jemanden kennt, der bei Henkel arbeitet bitten, beim Henkel Marketing nachzufragen oder denjenigen, der von jemandem gehört hat, der jemanden kennt, der bei Henkel arbeitet, bitten, mal bei der Öffentlichkeitsarbeit von der Firma Henkel nachzufragen, warum der Uhu Alleskleber "Uhu Alleskleber" heißt und nicht „Braune-Nacktschnecken-Alleskleber“ und warum das Schächtelchen gelb ist.

Es grüßt Euch herzlich Euer RiechArt

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Vor 128 Tagen
13 Auszeichnungen

Kalt war es in der zurückliegenden Woche in der Hauptstadt. Und in Potsdam. Da war ich am Dienstag an der Uni. Mitten im Park Sanssouci. Wunderbar klarkalte sonnendurchflutete Schinkelfassaden vor weißschneebedeckten Parkanlagen, Hecken, Mäuerchen.

Gefühlt erlebe ich den Winter seit Jahren aufgeteilt in zwei Hälften. Die Zeit vor Weihnachten und die Zeit danach. Eine vom Menschen gezogene, willkürlich der Natur auferzwungene Grenze. Vielleicht. Vielleicht in unseren Breiten auch eine klimatische Grenze. Ausgeprägt für mich jedenfalls eine Zesur, ein Schnitt im Winter, jenes Weihnachtsfest.

Dort die Zeit vor dem Fest - meist eher regnerisch, hoffnungsvoll, hektisch und irgendwie jahreszeitlich und manchmal auch kräftemäßig ausklingend zugleich. Die durch Backwaren, Weihnachtsmärkte, Grünkohl und Festtagsbraten, Zimt-und-Schokoladengeruch geschwängerten Vorweihnachtsdüfte fordern unsere Nasen. Wir Menschen bemühen uns, durch tradiert-musikalische, olfaktorisch-schwere, warmgelb-lichtdurchflutete Erinnerungslandschaften eine an Kauf- und Wunschtraumlandschaft unserer Kindheiten anknüpfende „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb-Stimmung“ zu wecken – ein gemütlich-vorfreudliches Grundrauschen schwingt durch Stadt und Land und erfüllt unsere Herzen und Gemüter.

Und dann der Januar und der Februar. Beginn einer nicht enden wollenden Wartezeit auf die Farben und die Gerüche des Frühlings. Oft bitterklarkalt reduziert jene zweite Winterhälfte unsere erlebte, gefühlte und Erfahrungs-vergleichende Wahrnehmung auf das Menschliche. Die Städte grau, die Landschaften in blau-weissen-Kaltlichtfarben. Mehr Sonnen-Aus- und –Untergänge als Tage, flache Lichtstrahlen. Und mir fällt auf – wie arm an natürlichen Gerüchen diese „echte Winterzeit“ ohne den Vorweihnachtsrummel doch ist. Wie die Natur und unser Fühlen scheint auch die Fähigkeit unserer Umwelt, Wohlgerüche auszusenden zu erstarren. Der Wald – sonst gefüllt mit Geruchssinn-fordernder Vielfalt aus Moosgeruch, Moder, Blüten-, Laubzersetzungs-, Keim-, Tier- und vielleicht Pilzgeruch liegt geruchsneutral und schlafend unter seiner weißen Schneedecke. Dieses Erstarren auch der Gerüche ist chemisch einfach zu erklären - aber im Erfühlen schwierig zu erfassen und zu beschreiben.

Na – jetzt habe ich den Bogen aber weit gespannt. Denn da kommen jetzt die menschgemachten Düfte ins Spiel. Gerade ob der fast völligen Geruchsleere um uns herum – glaube ich an mir selbst zu beobachten – steigt die Lust an Parfüms. Vielleicht wollen unsere Nasen ja ebenso beschäftigt werden wie unser Ohren und Augen. Musik und bewegte Bilder umgeben uns unentwegt. In Form natürlicher Bilder und Geräusche und in Form von Unterhaltung, Musik, Nachrichten, Fernsehbilder, Videos usw. – für unsere Nasen gibt es – Parfümerien. Oder Drogeriemärkte. Kann man seine Nase eigentlich trainieren? Viele Parfumo Mitwirkende können zum Beispiel, wenn sie ein Parfüm beschreiben, ganz klar definieren – hier ist das Zedernholz, hier ist der Pfeffer, hier der Muskat usw. – wie kommt man zu dieser Erkenntnis? Kauft man sich dazu die entsprechenden ätherischen Öle in Original- und Reinform und schnuppert sich durch und erlernt die Nuancen?

Überhaupt bin ich gerade an einem gefühlten Haltepunkt angekommen. Ich hab einiges ausprobiert, was die Community empfohlen hat, hab ein paar Düfte für mich gefunden, die mich beschäftigen und die ich neben dem altvertrauten und geliebten Fahrenheit beinahe auch als Signaturdüfte bezeichnen würde (den Sultan de Muscat und den Jaguar Classic Gold nämlich), hab mit dem Breath of Gold mal was ganz außergewöhnliches für spezielle Gelegenheiten entdeckt – wo aber mache ich jetzt weiter? Oder soll ich mich mit dem Erreichten zufrieden geben? Das wäre in jedem Fall pekuniär günstiger. Ratet mir zu einem Weg, liebe Blogleser.

In diesem (und in vielem anderen Sinne) Euch ein wunderschönes Januarwochenende

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Vor 132 Tagen
11 Auszeichnungen

In Brandenburg Nord-Ost war es heute ein Traumtag. Schneebedeckte Felder. Bunte Sonnenauf- und -untergänge. Alles glitzerte und strahlte so jungfräulich frisch und heil. Nichts Großes, weltbewegendes, nur eine schöne gelöste Grundstimmung. Viel Arbeit und dennoch auch ein klein wenig Poesie, ein freies Lachen gefunden und genossen. Und aus einer großen Serie zwei besonders schöne Fotos für Euch ausgewählt. Herzliche Grüße an alle Blogleser...

Das Thema Kaffee in einer der Antworten auf meinen letzten Blogeintrag brachte mich auf eine kleine Anekdote, die ich Euch erzählen möchte und die das unten schon angeschnittene Thema – "wo ist die Grenze zwischen Duft und Gestank?" – nochmals unter einem anderen Blickwinkel beleuchtet.

Im Sommer 2006 war ich an einem glühend heißen Julitag in einem Leibniz-Institut in Frankfurt /Main zum Pitch einer Reihe von Werbeagenturen eingeladen, die das Marketing für ein gemeinsames Projekt mehrerer Forschungseinrichtungen begleiten sollten. In dem kaum klimatisierten, fensterlosen Konferenzraum herrschten geschätzte 35 °C. Durch viele schwitzende und leidende Zuhörer und Agenturmitarbeiter war die Luft sauerstoffarm und übersättigt mit Luftfeuchte. Vor Beginn der Session hatte ich mich reichlich mit einem großen Becher frischen Kaffees sowie einem zusätzlichen Glas munter sprudelnden, weil stark kohlensäurehaltigen, eiskalten Mineralwassers versorgt, um so wenigstens dem Dehydrierungstod zu entrinnen.

So saß ich dort schwitzend und versuchte mir das herabfallen der Augenlieder nicht anmerken zu lassen vor meiner Tasse dampfenden und äußerst starken Kaffees. Wohl ob der hohen Umgebungswärme schien sich das Heißgetränk weigern zu wollen, abzukühlen. Um rascher in den Genuss des Kaffees zu kommen, beschloss ich das freie Volumen in der Kaffeetasse mit dem kalten Sprudelwasser aufzufüllen. Ein elementarer Fehler, wie sich sogleich herausstellte. Der Effekt war geruchlich und geschmacklich verheerend. Der eben noch duftende Kaffee hatte einen geradezu abscheulichen Geruch und Geschmack angenommen. Jauchebrühe! Dieses „Umkippen“ eines Kaffees, nur weil man ein bisschen kohlensäurehaltiges Mineralwasser zugibt, beschäftigte mich die restliche Zeit jenes Tages. Auch, weil ich jetzt nur noch den Rest Mineralwasser als Versorgungsreserve übrig hatte. Was war mit diesem Kaffee passiert? Mir war damals aufgefallen, dass ich eigentlich nichts weiter zu Kaffee wusste, als dass er normalerweise lecker riecht und schmeckt und in der Regel Koffein enthält. So begann ich Kolleginnen und Kollegen – ich arbeitete damals in einem Institut im Chemiebereich – zu befragen.

Folgendes hatte ich entsprechend in Erfahrung gebracht. Während des Röstvorganges reagieren die Proteine und Eiweiße in den sich bräunenden, fermentierten und getrockneten Kaffeebohnen zu einer Vielzahl neuer Substanzen und Aromen. Neben dem die Lebensgeister erfrischenden Coffein sind heute bis zu 1200 verschiedene Inhaltsstoffe in verschiedenen Konzentrationen erforscht. Die Präsenz und die Konzentration von gerade mal ca. 25 dieser 1200 Inhaltsstoffe bestimmen dabei den ganz speziellen Kaffeeduft, den wir i.d.R. als würzig und anziehend empfinden. Schon kleine Änderungen in den Mengenverhältnissen dieser 25 Kernaromaträger können unser geruchliches und geschmackliches Empfinden stark stören. Mineralwasser enthält – wie dies der Name schon sagt – neben Kohlensäure, H2CO3 – verschiedene Mineralstoffe, die als Salze im Wasser gelöst sind. Wird kohlensäurehaltiges Mineralwasser in den Kaffee geschüttet passieren zwei Dinge – zum einen wird der pH-Wert des Gemisches stark verändert, zum anderen bilden die Salze mit einigen der Aromastoffen schwer lösliche Komplexe und blockieren diese. Durch diese beiden Effekte werden die Misch- und Mengenverhältnisse der Aromastoffe im Kaffee deutlich verändert. Unsere auf die sehr exakte Mischung der oben beschriebenen ca. 25 Kernaromen geeichten Riechsinne nehmen diese neue Geruchsmischung als etwas unvertrautes, fremdes wahr. Und um uns zu schützen vor dieser - unseren olfaktorischen Sinnen unvertraut riechenden Flüssigkeit – denn das ist ja der Kern aller Gerüche, ein Mechanismus um das Überleben eines Spezies durch die richtige Auswahl von Nahrung und Getränken zu steuern – nehmen wir den veränderten Kaffee als eine übel riechende Jauche wahr.

Damit nähere ich mich wieder meiner Theorie, dass die Linie zwischen Duft und Gestank eine sehr fein gezeichnete, filigrane Grenzziehung darstellt. Ich könnte mir vorstellen, dass ein x-beliebiger „Drogeriemarktketten-Duft“ durch das Hinzufügen weniger, unsere Duftharmonien störender Nuancen aus einem unseren Nasen tendenziell fremden Duftumfeld zu einem ungeheuer spannend wirken Gesamtensemble verschmolzen werden könnte, sofern die störenden Noten nur entsprechend stark ausgedünnt im Gesamtportfolio enthalten sind.

Ich stelle fest, dass ich mehr und mehr Lust bekomme, eigene Duftzusammenstellungen auszuprobieren. Vermutlich sollte ich damit allerdings warten, bis die absehbar kommenden, wärmeren Jahreszeiten ein Experimentieren im Gartenhäuschen zulassen um den Frieden im Haus und die Harmonie mit den Nachbarn nicht nachhaltig zu gefärden.

Sollte einer von Euch übrigens immer noch nicht genug haben an Infos rund um das Thema Kaffee, so möchte ich diesen auf ein schon ein paar Jahre altes, aber immer noch sehr informatives PDF auf den Servern des WDR zur Sendereihe Quarks & Co hier (http://www.wdr.de/tv/applications/fernsehen/wissen/quarks/pdf/kaffee.pdf ) verweisen …

Gespannt auf Euer Feedback und wie immer mit herzlichen Grüßen – Euer RiechArt

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Vor 138 Tagen
23 Auszeichnungen

Wo liegt die Grenze und kann das eine ins andere (und umgekehrt) überführt werden, hab ich mich schon heute Morgen – wie so oft unter Halstuch und Pulli schnüffelnd – und auch gerade eben auf der Rückfahrt – mit nur noch ganz feinen, verwehenden Duftfahnen aus den Tiefen der Oberbekleidung heraus gefragt. Darauf gekommen bin ich, weil ich gestern auf dem Nachhauseweg noch schnell auf Empfehlung einer netten Duft-Expertin weiter unten auf meiner Pinwand zu Lush, einem ein wenig ungewöhnlichen Parfümeur und Kosmetikladen direkt gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße eingekehrt bin und mich umgerochen (umgesehen wäre in einer Parfümerie nett aber unergiebig) habe. Ganz gezielt nach dem Duft „Breath of God“, der wirklich der absolute Hammer ist. Trotz Halstuchwechsels heute ist er in dünner Konzentration selbst jetzt, einen ganzen Tag später immer noch vorhanden. Gestern Abend hatte mich die ungewöhnliche Konstruktion und Komplexizität des Duftes beinahe in ein „Halbkoma“ versetzt.

Ich assoziiere bei dem Geruch ganz unkonventionelle Bilder.

Eine Rückblende, ich war vielleicht elf Jahre alt, da hatte meine Mutter für meine Schwester, die damals so etwa ein halbes Jahr alt war, in der Küche jener Wohnung meiner Kindertage Baby-Schnuller und Nuckel von Fläschchen ausgekocht und hatte den Topf auf der heissen Herdplatte vergessen, als sie einkaufen ging. Dieser Gestank nach halbverbranntem, flüssigem Gummi war unglaublich scheußlich, das weiß ich noch. Er war tagelang in der Wohnung zu erschnüffeln.

Indes – irgendwie ist dieser Gummi-Schmor-Geruch in extrem feiner Verdünnung – nach meiner Geruchsassoziation – in dem „Breath of God“ enthalten. Und er riecht da gar nicht übel. Irgendwie richtig edel.

Und noch so einer. Etwa um das Jahr 1994/95 herum hab ich mal ein Jahr in Kanada gelebt und gearbeitet. Ich hatte da in einer Kleinstadt irgendwo im weiten Nichts von British Columbia ein halbes Häuschen mit Terrasse, viel Platz und Ideen und viele Flausen im Kopf – aber das gehört nicht hierher. Irgendwann hatte der Hund eines Nachbarn, mehrere Häuserblocks entfernt die ausgesprochen dumme Idee, sich mit einem Stinktier anzulegen. Das war ungeschickt und nachhaltig dumm für den Hund – und bestimmt in noch höherem Maße für den Hundebesitzer, der das bestialisch stinkende Tier wohl irgendwie wieder sauber kriegen musste.

Habt Ihr mal ein verärgertes Stinktier gerochen? Noch gibt es sie bei uns ja nicht freilaufend, aber vielleicht bringen uns Klimawandel und Invasionsbiologie mittelfristig auch diese durchaus possierlichen – sofern nicht gerade übel gelaunten – Kerlchen nach Deutschland. Also – so ein Stinktier riecht man einige Hundert Meter weit und wer in diesem Fall nicht mit einem Hechtsprung die Balkon- oder Terrassentür zu verschließen vermag, hat einen unschönen Tag in seiner Bude.

Tatsächlich vermeine ich allerdings, in dem Breath of God in extrem feinster Verdünnung eben genau auch jenen Stinktierduft zu vernehmen und siehe da – in dieser äußerst verdünnten – beinahe homöopathischen Ausprägung wird er auf einmal sehr interessant.

Es scheint mir ein Stück so, als könne man so manchen „üblen Geruch“ unter Umständen in einen Wohlgeruch verwandeln, sofern man nur genügend Verdünnung dafür herstellt. Oder im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch beste Wohlgerüche in hoher Konzentration zu infernalischem Gestank zu werden vermögen.

Wo ist da die Grenze? Gibt es dazu Forschung?

Gedankenverloren sinniere ich nun gerade über andere unschöne Gerüche nach und finde meine Annahme in Teilen bestätigt. Schweiß etwa – wenn in hoher Konzentration und mit abbauenden Milchsäurebakterien versetzt – kann auf Mitmenschen (etwa in einer überfüllten, sommerlich heißen S-Bahn) eine vernichtende Wirkung haben. Andererseits meine ich annehmen zu dürfen, dass der gleiche Schweiß in extrem starker Verdünnung unsere Nasen durchaus positiv zu justieren vermag – ja, an bestimmten Körperregionen sogar eine aphrodisierende Wirkung entfalten kann. Und noch ein Beispiel geht mir durch den Sinn. Im letzten Sommer waren wir in unserer Nachbar- und Alpenrepublik Österreich „zu Urlaub und zu Gast“ und auf irgendeiner Gipfeltour hatte ich mir in der dortigen Berghütte „Kasnocken nach Art des Hauses“ bestellt. Angerichtet mit viererlei Käsesorten und stark erhitzt im Berghüttenofen kam da ein Gericht auf den Tisch, das die Fliegen von den nahegelegenen Holzstößen fallen-, die Nachbarn mit Tisch und Stuhl fortrücken- und die Murmeltiere stöhnend in ihren Höhlen verschwinden ließ. Ein wenig übertrieben formuliert. Würde man diesen derben Käsegeruch allerdings sehr, sehr stark ausdünnen – so stark, dass unsere Nasen die eigentlichen Noten aus eventuell dazu gemischten anderen Düften nicht trennscharf herausfiltern können – so könnte ich mir vorstellen, würde dieser hochverdünnte Käseduft manch einen von uns zu einem Kauf jenes hier skizzierten Odors verleiten.

Welch andere Gerüche kommen mir da in den Sinn? Auspuffgase, faule Eier, stinkender Fisch? Wohl eher nicht. Das sind Gerüche, zu denen in unseren Köpfen „Warnmeldungen“ programmiert sind. Macht ja auch Sinn. Schwefelwasserstoff ist giftig, also wurde uns mit dem Geruch eine Warnung hardcodiert in den Kopf gemeißelt. Selbst in großer Verdünnung.

Damit wende ich mich mal an Euch, liebe Blogbesucher. Was fallen Euch für Gerüche ein, die man landläufig als negativ bewerten würde. Und könnten diese – in entsprechender Verdünnung und durch Vermischung mit anderen Gerüchen vielleicht in Wohlgerüche gewandelt werden? Recht nachdenklich mache ich mich heute auf den Weg ins Bett…

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