Frisch geduschtes Wildschwein auf schlecht geöltem Zweitakter
Was soll man von jemandem erwarten, der nach eigener Einschätzung zuletzt mit Parfüm in Kontakt kam, als er als 18-Jähriger in einer Großraumdisco war, die nach einer Autobahn benannt ist? Richtig, rein gar nichts und deswegen war es für eben diesen Jemand (mich) auch wenig verwunderlich, nach fünf Minuten im Douglas vom Dior Sauvage EdT so sehr betüdelt zu werden, dass es kurzerhand gekauft wurde. Hätte ich mich besser zehn Minuten betüdeln lassen und den ersten Eindruck mit einem Rosinenbrötchen vom Kamps gegenüber neutralisiert? Vermutlich, und mir wäre wohl aufgefallen, dass hier irgendwas im Busch ist.
Die anfängliche Euphorie über den vermeintlichen Einstieg in die mysteriösen Mechanismen des Parfüms verflog in etwa so schnell wie die betrügerische Bergamotte, die bloß den Anschein von Frische für Ahnungslose wecken soll. Dahinter verbirgt sich unmissverständlich und für jedermann freiwillig oder unfreiwillig riechbar der Feind jeder anständigen, billigen und gerechten Nase: das Ambroxan. Für mich zunächst auch ein böhmisches Dorf, bis ich es nach einiger Google-Suche als synthetischen Zwilling der sagenumwobenen Pottwalkotze entlarven konnte. Ölig schwer in der Nase, gleichzeitig herb, chemisch und süßlich, so wie Diesel mit Zuckerstreuseln. Dieses Molekül liebt Fett und klebt sich penetrant an jeden Rezeptor, sodass mir jedenfalls regelmäßig tausende Hirnzellen davon absterben. Fest steht: Die Ambroxannote dominiert hier alles, so wie sie auch jeden Linienbus im Hochsommer dominiert. Dahinter lässt sich zwar eine leichte Würze erahnen, allerdings hält das Parfüm mit der Assoziation "frisch geduschtes Wildschwein auf schlecht geöltem Zweitakter" den ganzen Tag.
Es bleibt aber bei der Ausgangs- und Gretchenfrage, weshalb sich Unzählige (mich eingeschlossen) täglich vom Sauvage EdT betüdeln lassen, obwohl es - nach Ansicht einiger aus der Community - als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt werden sollte. Eine Diskussion hierzu ist wohl in etwa so sinnvoll wie der Streit darum, dass Aventus Batch "Beta-Epsilon-0815-Hubba-Bubba" haltbarer ist als Aventus Batch "Tomate-Gurke-Kopfsalat mit Kräuteressig". Gerüche sind und bleiben subjektiv. Wenn man Sauvage eines zugutehalten will, dann dass es sich gegenüber Eros und Bleu und Armani und Wasauchimmer durchsetzt. Man probiert sich aus und bleibt zwangsläufig bei Sauvage hängen.
Ob Durchsetzen um jeden Preis wiederum ein sinnvoller Ansatz ist, wird zum weiteren, sehr streitbaren Thema.
Freundlicher Tannenbaum
Ich bin mit Sicherheit kein Connoisseur. Meistens irre ich orientierungslos durch die Parfümabteilung des KaDeWe und lasse mich solange einsprühen, bis mir schlecht wird.
Wenn meine Gumminase und meine klägliche Expertise (immerhin war ich bei Douglas und habe alle Facetten einer frisch geputzten Kloschüssel im Torino21 erschnüffelt) jedoch eines mit überwiegender Wahrscheinlichkeit festhalten können, dann ist es die indiskutable Großartigkeit das Crazy Basil.
Klar, der Name ist vollkommen einfallslos und man könnte darunter auch einen neongrünen Schnaps in einer heruntergekommenen Eckkneipe erwarten, von dem das Gesicht abfällt, aber das wäre zu hochgestochene Nörgelei.
Das Parfüm startet herb und frisch mit Basilikum, Zitrus, Moos und Tannennadeln. Wenn ich es umschreiben soll, dann riecht man wie ein Zedernzapfen mit Mandarinenschale. Auf der Haut kommen mit der Zeit die Hölzer heraus und der Duft wird plötzlich erstaunlich warm, behält aber seine ätherischen Noten und man hätte nunmehr wohl den Wandel zur Saunabank mit Birkenaufguss vollzogen. So bleibt er auch bis zum Schluss stehen.
Keinen Schimmer, ob es etwas Vergleichbares auf dem Markt gibt. Zumindest konnte mir darauf keine stichhaltige Antwort gegeben werden. Der Preis ist selbstverständlich absurd hoch und nicht wirklich zu rechtfertigen, aber immerhin ist der Flakon ausgesprochen hübsch. Für mich wäre das Parfüm also ein neufundländischer Holzfäller im roten Karohemd, der bei –14 Grad Celsius in Unterhose...
Lassen wir diese fragwürdigen "mit dem 230 Euro Parfüm bist du ein XYZ und ich kriege ganz bestimmt keine Provision für diesen Quark" Umschreibungen. Fantastisch für den Alltag geeignet, wenn man zurückhaltende, natürliche Gerüche und Nadelwälder mag.