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Endorphine

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Rezensionen
„Klassiker Reloaded“
Kennt Ihr das? Ihr habt seit Jahren einen Lieblingsduft (nun, ja wahrscheinlich viele Lieblingsdüfte als Mitglieder dieses Forums). Ihr schätzt ihn und nutzt ihn häufig. Dann, irgendwann stumpfen Eure Rezeptoren bezüglich dieses Duftes etwas ab und Ihr seid auf der Suche nach Etwas, das wie Euer Lieblingsduft riecht, Eure Geruchrezeptoren aber neu fordert.

So erging es mir mit dem Eau de Toilette von Diors Meisterwerk Eau Sauvage, bis ich seinerzeit die Parfum Variante davon schätzen und lieben lernte, die das Original in Präsenz und Projektion zwar boostert, aber mehr oder weniger die gleiche Duft-DNA besitzt.

Nun bin ich über die Weihnachtstage, in einem großen Flughafen-Duty-Free, auf Eau Sauvage Extrême gestoßen. Ein Duft, den ich schon lange auf der Merkliste hatte, den ich aber noch nirgendwo im Regal einer Parfümerie gefunden habe. Schon nach dem ersten Sprühen auf dem Teststreifen wusste ich: „Der wird es“! Ein Eindruck der sich beim Auftragen auf die Haut sofort bestätigte.
Der Duft startet mit einer wunderbaren Zitrik, die durch Lavendel und wahrscheinlich das Elmiharz elegant abgerundet wird und nie scharf durchsticht. Von Anbeginn erzeugt die Minze dabei eine Art unaufdringliche Hintergrundfrische. Das Ganze ist eingebettet in eine sehr damit schön harmonierende, würzig-holzige Basis, die klassisch aber gleichzeitig modern erscheint. Auch wenn die Düfte völlig verschieden sind, erzeugt Eau Sauvage Extrême in mir ein ähnliches Bild wie Green Irish Tweed – nämlich das einer perfekten Frische! Und obwohl Eau Sauvage Extrême ein komplett eigenständiger Duft ist, schwingt die DNA des Eau Sauvage Eau de Toilette dezent im Hintergrund mit.

Meiner Einschätzung nach, ist François Demachy mit Eau Sauvage Extrême ein kleines Meisterwerk gelungen. Er nimmt den Klassiker und steckt ihn gekonnt in ein neues eigenständiges Gewand, dies allerdings, ohne ihn zu verleugnen. Leider führt Eau Sauvage Extrême hierzulande das Dasein eines Mauerblümchens – und das völlig zu Unrecht. Wer das Original Eau Sauvage schätzt, der sollte ihn einmal probieren.
5 Antworten
Vermeintliche Gegensätze gekonnt in Szene gesetzt.
Liebe Parfumgemeinde,

als bislang „anonymer“ Mitleser habt Ihr mir in den vergangenen Wochen nicht nur viele Anregungen verschafft, sondern mich mit Euren Kommentaren und Beschreibungen immer wieder aufs Allerbeste unterhalten. So erinnere ich mich nur zu gern an die aus meiner Sicht einzigartige Hommage von „Reiser“ zu Kouros - Eau de Toilette oder die äußerst feinsinnige kleine Novelle „Edmond“ des Community-Mitglieds „Siebenkäs“, zu Dior´s Eau Sauvage. Letztere kann man gekonnter kaum verfassen.

Also: Es ist vielleicht an der Zeit selbst etwas zu Eurer Unterhaltung beizutragen.

Da zu den üblichen Verdächtigen meiner Sammlung hier schon alles aus belesener Feder verfasst wurde, widme ich mich mit meinem ersten Kommentar einem Hersteller, der hier eher weniger im Mittelpunkt steht. Vielleicht weil er im stationären Handel in Deutschland nicht oder nur selten anzutreffen ist. Es geht um Reminiscence und konkret um deren „Oud Glacial“.

Mit Reminiscence wurde ich das erste Mal bei einem Besuch in Genf konfrontiert, als ich nach einer Kleinigkeit Ausschau für meine bessere Hälfte hielt. In einer Seitenstraße der Fußgängerzone von Genf befindet sich eine Boutique, die sehr hübschen und hochwertigen Modeschmuck dieser Firma anbietet. Sowohl Schmuck und Accessoires, als auch deren Duftpalette, waren mir bis dato völlig unbekannt. Nachdem ich im Hinblick auf ein Mitbringsel schnell fündig wurde, wand ich mich dem Duftangebot der Boutique zu, das mir von Inhaberin des Geschäfts mit viel Leidenschaft präsentiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt fand ich schon einiges aus dem Duftangebot von Reminiscence bemerkenswert, wenngleich meine Nase an diesem warmen Sommertag rasch überfordert war und ich mich nicht durchringen konnte, konkret etwas zu erwerben.

Zurück in Deutschland musste ich dann schnell feststellen, dass die Düfte von Reminiscence, selbst im gut sortierten Fachhandel, nicht zu finden waren. Kaufpremiere feierte ich dann sozusagen mit Reminiscence Oud, den ich zu meiner Freude beim Globus in Zürich wiederentdeckte und sofort erwarb. Reminiscence Oud empfinde ich persönlich als einen der am besten komponierten Oud-Düfte, dem ich vielleicht hier auch noch einmal ein paar Zeilen gönnen werde.
Umso erfreuter war ich, als 2019 „Oud Glacial“ just auf meinem Radar erschien. Online zu einem wahren Schnäppchenpreis geordert, war ich gespannt, was mich in der Kombination aus Minze, Maiglöckchen und Oud erwartet.

Tatsächlich ist es genau dieser Dreiklang, für die dieser Adlerholz-Vertreter in erster Linie steht. Direkt nach dem Sprühen ist es die Minze, die fast etwas zu dominant in den Vordergrund tritt, hinsichtlich ihrer Intensität aber dann rasch abflacht. Zu diesem Zeitpunkt kommen die Maiglöckchen ins Spiel die über den gesamten Duftverlauf eine wahrnehmbare Präsenz zeigen und zu denen sich eine gekonnt komponierte Basis aus Oud, Patchouli und Moschus gesellt. Alle der drei letztgenannten Vertreter können jeder für sich, wie auch ein Zuviel an Maiglöckchen, über „Sieg oder Niederlage“ entscheiden. Tatsächlich ist diese Kombination hier aber geschickt aufeinander abgestimmt und wirkt insbesondere im Drydown, zusammen mit einer raffiniert ergänzten Rose, auf mich äußerst angenehm. Nach ein paar Stunden konstant wahrnehmbar ist dann in erster Linie eine relative unique Kombination aus Maiglöckchen, Oud, Moschus und Patchouli. Wobei insbesondere das Adlerholz nur „dezent an der Tür klopft“ und diese „nie eintritt“, wie man es von vielen anderen Oud-Düften her kennt.

Die Silage ist tendenziell überdurchschnittlich und hängt, wie auch die Haltbarkeit, bei diesem Eau der Parfum sehr stark von der Dosierung ab. Ein Zuviel würde ich nicht empfehlen, dann kann der Duft für den Träger und die Umwelt leicht „anstrengend“ wirken. 2 bis 3 Sprühstöße sind aber O.K. und auf meiner Haut noch nach 7 bis 8 Stunden deutlich wahrnehmbar.

Für wen eignet sich der Duft? Für alle Liebhaber von Oud, die einmal eine neue Interpretation dieser Ingredienz ausprobieren möchten und nicht vor den floralen Elementen der Rezeptur zurückschrecken. Zudem würde ich ihn tendenziell einen Tick eher Richtung der Damenwelt verorten, die bislang doch recht häufig mit einem „Oh, Du riechst aber gut“ reagiert hat. Ein Blindkauf? Fast, wenn man an die Preise denkt, die für dieses Eau de Parfum online aufgerufen werden.
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