Sarungals Parfumblog

11.11.2015
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Abstinenz und Praxis

Das hier ist (auch) ein Lebenszeichen; charmanterweise haben einige Parfumos nachgefragt, ob bei mir alles ok sei. Das ist es - auch wenn ein gesundheitliches Drama im engeren Familienkreis die Stimmung ein wenig verschattet. Mit meiner "Abstinenz" hat das allerdings wenig zu tun; deren Ursachen sind andernorts zu finden.

Einserseits muss ich gerade ohnehin ne Menge schreiben und dabei idealerweise auch noch ein wenig Kreativität aufbringen, weil es darum geht, Konzepte für diverse Workshops zu erarbeiten. Das saugt an meiner Lust, auch die Freizeit schreibend zu verbringen - und mithin an meiner Aktivität hier auf Parfumo. Interessanterweise zeitigt diese Rahmenbedingung andererseits einen aufschlussreichen Nebeneffekt: Kaum höre ich auf, mir laufend neue Anregungen in den Kopf zu lesen, schon wertschätze ich weitaus mehr, was ich bereits besitze; ich trage quasi Scheuklappen - und die verschaffen mir en passant auch die Zeit, mal ein wenig intensiver in meinen Proben und Abfüllungen herumzuschnüffeln. Weil ich das aktuell absichtsfrei und ohne den Gedanken an das Verfassen eines Kommentars geschehen lasse, sammle ich meine Eindrücke zufälliger, weniger aufmerksam, fast gedankenlos und befreit von jedem Versuch, analytisch ans Geschehen heranzutreten. Ob der Befund bei diesem Herangehen belastbarer ist, bleibe dahingestellt - aber im Moment bin ich damit höchst zufrieden.

Außerdem gewinne ich einen neuen "Blick" bzw. Schnuff für das, was als Flakon bei mir herumsteht, und komme so den Eigenheiten meiner Düfte etwas genauer auf die Spur. Ein absurder Zufall will es, dass übrigens zeitgleich mit meiner Parfumo-Abstinenz das Feedback meiner Umwelt zunahm, ohne dass ich deshalb häufiger unterwegs gewesen wäre - aber es trug zu manch' interessanter Erkenntnis bei.

Das betrifft vor allem die Frage nach Haltbarkeit und Sillage mancher Düfte. <aCedrat BoiseCedrat Boise>Cedrat Boise beispielweise ist so ein Vertreter, der offensichtlich so gut wie immer andere Nasen erreicht, Fahrstühle auch noch lange nach deren Benutzung zuverlässig beduftet und ganz nebenbei für interessante Reaktionen sorgt: Fast alle dufttechnisch Uninteressierten verorten Manceras Parfum in der Kategorie Rasierwasser - und meinen das durchaus positiv im Sinne von "klassisch, männlich, frisch"! (Dass ein Rasierwasser kaum geeignet ist, auch nach Stunden "...stehende Wolken..." (Zitat!) zu hinterlassen, belegt, worauf sich die Einschätzung bezieht: auf den wahrgenommenen Duftcharakter. Nun will ich nicht unbedingt nach Rasierwasser riechen, aber ich habe Verständnis für diese Schubladisierung...). Was an <aCedrat BoiseCedrat Boise>Cedrat Boise so nachhaltig sicherstellt, dass auch der Träger selbst ihn immer zuverlässig wahrnimmt, hat sich mir noch nicht erschlossen, aber ich besitze eigentlich nur noch einen Duft, der sich mit solcher Penetranz auch in der eigenen Nase festsetzt.

Immer wieder bemängelt wird - nicht zuletzt angesichts des Preises - die Performance von Molvizars Black CubeBlack Cube.Der pragmatische Ansatz "Mehr hilft (sehr) viel!" ist in diesem Zusammenhang preislich unattraktiv, aber garantiert zuverlässig - und funktioniert auf vergleichbare Weise eben nicht bei jedem Duft. Versaces "Pour Homme Oud Noir" zum Beispiel wirft natürlich kurzzeitig mehr Sillage in die Räume, wenn man ihn stärker dosiert; an der Haltbarkeit allerdings ändert das kaum etwas. Der schwarze Würfel hingegen wandelt sich mit ein wenig Großzügigkeit zur raum- und straßenfüllenden Haltbarkeitsbombe, die jüngst dazu führte, dass sämtliche Raucher auf ca. 10 Metern Gehweg beschnuppert wurden, weil sich jemand in meinen Duftschweif verknallt hatte - und der war wohl monumental. Dass ich mich am nächsten Morgen noch wie frisch eingedieselt fühlte, unterstreicht die Beobachtung.

Pradas (eingestelltes) "Infusion d'Homme" wiederum ist und bleibt ein Hautschmeichler, der an mir kaum Sillage entwickeln möchte: Selbst ein sehr duftsensibler Kollege, der eigentlich nie die Klappe halten kann, schweigt zuverlässig, wann auch immer ich Pradas Waschpulversprühsahne trage - selbst dann, wenn ich den Abzug viel zu oft betätigt habe.

Nicht ganz die Erwartungen erfüllt leider auch der grandiose GodolphinGodolphin: So großartig er duftet, so deftig muss er dosiert werden - zumindest, wenn man damit seine Umwelt auch jenseits der Umarmungsgrenze erreichen möchte.

Recht neu in meinem Portfolio ist Tauers "Incense Extreme"; sein Kauf ist einer intensiven Beschäftigung mit der Abfüllung geschuldet, die aus irritierter Neugier echte Begeisterung werden ließ. Das ist übrigens der zweite Vertreter, dessen Performance auch dem Träger konsequent Freude bereitet: die zart giftigen, extrem frischen Räucherwölkchen (sic!) stehen mir auch noch Stunden nach dem Aufsprühen zuverlässig in der Nase - in diesem Falle auch bei maßvoller Beduftung.

Ähnlich verhält sich Terenzis Laudano NeroLaudano Nero: was für ein Haltbarkeitsmonster! Ob er mir wirklich zusagt, müssen weitere Tests ergeben. Momentan ringen in meiner Wahrnehmung großartige Räuchernoten mit etwas zu kräftig angeoudetem Amber, was insgesamt eine fettig erscheinende Geruchssoße ergibt. Das letzte Wort ist aber nicht gesprochen - und so mag es passieren, dass ich diesem Duft doch noch verfalle.

Auf der anderen Seite hat mich eine Abfüllung von Bejars Sanctum PerfumeSanctum Perfume inzwischen von meiner anfänglichen Begeisterung kuriert: Je häufiger wir uns begegneten, umso deutlicher kroch mir eine unerfreuliche Muffigkeit in die Nase, die mir für Bejar inzwischen beinahe typisch erscheint (Ausnahme: Wild OudWild Oud).

Insgesamt verfestigt sich allerdings die Beobachtung, dass es ausschließlich die Neugier ist, die für ein Anwachsen der Sammlung sorgt - in sarungalschen Sinne nutze ich letztlich doch kaum 10 meiner Düfte. Daneben gibts ein paar Sofabegleiter - nice to have, aber am Ende entbehrlich. Dass ich daraus nicht (mehr) den üblichen "Reduzieren-Reflex" ableite, hat pragmatische Gründe: Die Zahl der Düfte in meinem Schrank macht mir keinen Stress - es ist der scheinbar vernunftgeleitete Ansatz, sich vom Überfluss "befreien" zu müssen, von dem ich mich aktuell befreit habe. QED: Damit ist auch der Druck weg, und alles ist (wieder) gut.

Übrigens bin ich (wenn auch im stummen Modus) sporadisch hier, bemühe mich, Nachrichten oder Gästebucheinträge zeitnah zu beantworten und lese gelegentlich auch Kommentare. Unter Garantie werde ich auch wieder selbst meinen Senf zu dem einen oder anderen Duft geben - nehmt das als belastbare Drohung :-)! Momentan aber bleibe ich noch überwiegend im "duftpraktischen" Modus, nerve meine Umwelt mit idealerweise gut wahrnehmbaren Duftschweifen und genieße meine Schätze...

Wie nicht selten stelle ich am Ende des Blogbeitrags die Frage nach dem Mehrwert meines Text. Er ist gering; nehmt meine Worte im weitesten Sinne also tatsächlich als Lebenszeichen - und als Signal, dass ich Parfumo und die Community - mithin euch - auch als stiller Beobachter sehr schätze!

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