Talisman ist zwar sogar aus einem vergangenen Jahrtausend, aber so alt mutet er dann doch nicht an. Geschaffen im Jahr 1994 wirkt er auf mich jedoch älter als er ist, denn er ruft er bei mir Assoziationen an eine feine Gesellschaft im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervor. Zu Friedenszeiten. Davon gab es in der ersten Hälfte leider nicht sehr viele Jahre.
Talisman (hier: EDP) beginnt mit einem leicht alkoholischen Auftakt, der alsbald zu einer ungewöhnlichen pudrigen Frische wird. Meist ist Frische nicht pudrig und Puder nicht frisch. Hier gelingt diese Kombination. Von Früchten direkt keine Spur. Allerdings liegt schon wenige Momente später unter dem Frischen eine feine Schicht würziger Wärme, die die Pudernote im Vordergrund sanft stützt. Dadurch entsteht ein edler Charakter, der, obwohl dezent, durchaus außergewöhnlich ist.
Diese feine Linie zu treffen, einen Duft zu kreieren, der interessant und hervorstechend ist, ohne schrill, grell oder plakativ zu sein; und der gleichzeitig dezent ist, ohne langweilig, konventionell oder nichtssagend zu sein, gelingt nicht jedem Parfumeur. Und denjenigen Parfumeuren, denen es gelingt, gelingt es nicht regelmäßig.
Obwohl dieser so wohlkomponierte Duft mich sehr beeindruckt, muss ich dennoch gestehen, dass er mir zu Beginn der lange anhaltenden Herznote nicht recht passt. Die Frische zieht sich nun zurück. Es ist wieder einmal der Jasmin, auf den ich empfindlich reagiere. Er hat hier wieder ganz jasmintypisch und lebensecht, etwas Stechendes und Dichtes, das ich auch in geringen Mengen nicht mag. Und noch etwas anderes scheint mir ein wenig herumzustechen. Ist es das Alpenveilchen? Eindeutig steuert das Alpenveilchen weiterhin sein Puder bei, aber irgendwie wird es auf meiner Haut zusammen mit dem Jasmin auch etwas bissig. Keine der Blüten steht jedoch im Vordergrund, auch die anderen nicht. Dieser Duft verschmilzt zu einer neuen Einheit, die weit mehr als die Summe ihrer Bestandteile ist. Auch dies erinnert mich an viele Düfte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, deren Duftpyramiden mit großer Regelmäßigkeit noch aus ellenlangen Zutatenlisten bestanden.
Nach etwa zwei Stunden geht die Intensität von "Talisman" etwas zurück, auch das, was ich als stechend-stickig empfinde. Nun beginnt Talisman mir persönlich immer besser zu stehen. Jetzt umgibt mich eine wohlig, warme, weiche pudrig-würzige Eleganz der Extraklasse. Auch etwas Herbes blitzt hervor.
Ich sehe eine gehobene Abendgesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen, die noch Züge des zuendegehenden Zeitalters trägt, die noch Hierarchien zeigt, deren Verfall bereits begonnen hat. Somit wirkt sie etwas lockerer als noch vor Kurzem, es zeigen sich Lücken, Lücken, die Freiheiten bieten, Lücken, die mit Kreativität gefüllt werden können. Eine dem Kunstgenuss zugetane Abendgesellschaft, die ahnt, dass die Zeit ihrer Privilegien alsbald gezählt sein mag, und die angesichts ihrer Ahnungen, versucht, noch einmal aus dem Vollen zu schöpfen, den Theaterabend, das Konzert, die Dichterlesung unter Kronleuchtern in prächtigen Sälen ausgiebig zu genießen.
Die Frau, die dabei von diesem Duft, Talisman, umweht wird, weiß, dass inmitten des Umbruchs, in dem sie sich historisch findet, auch eine Zeit anbricht, in der Frauen beginnen, Tätigkeiten und Lebensformen für sich durchzusetzen, die vorher Männern vorbehalten waren. Ahnt sie auch, dass es noch einen zweiten Weltkrieg geben wird, den sie miterleben muss? Ich weiß es nicht. Aber wenn sie tanzt, auf dem Parkett der höheren Zehntausend ihrer Zeit, weiß sie, dass sie auf einem Vulkan tanzt, auch wenn sie vielleicht nicht benennen kann, wieso.
Nach vielen Stunden klingt Talisman sanft und weich, immer noch mit erlesenem Hauch edler Zurückhaltung vordergründig auf süßich-herber Vanille aus. Darunter verbirgt sich weiterhin ein enorm kraftvolles Potential. Die Frau geht erfüllt und zufrieden nach Hause. Diesmal ist es noch einmal gut gegangen.
Ein elitärer Duft der Extraklasse. Ein Duft mit einem Hauch Dekadenz. Ein Duft mit einer Tiefe, die zum Schöpfen aus dem Reichtum und zum Genießen des Lebens in vollen Zügen einlädt.
Danke fuer diese schoene bildreiche Zeitreise! Ich glaube, ich muesste noch einen Mini in meiner Sammlung haben - gehe jetzt suchen und testen, wenn ich fuendig werde :)