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Aqua Fahrenheit von Dior

Aqua Fahrenheit 2011

Siebenkäs
29.07.2017 - 03:02 Uhr
26
Top Rezension
9.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon

Treibstoff reloaded

Ich finde, Aqua Fahrenheit kann man nur verstehen,
wenn man zunächst das klassische Fahrenheit aus
dem Jahr 1988 etwas genauer betrachtet.
Dieses Original beeindruckt durch seine einzigartige
und innovative "Benzin/Petroleum"-Note, die ich
zwar eher als ein wunderbar kühl-künstliches,
konzentriertes Blumen-Artefakt empfinde. Aber egal -
diese Note hat jedenfalls etwas Elementares, wie
eine Art Katalysator, etwas, das Veränderung/
Wandlung/Umbruch schreit.
Ich erinnere mich noch genau an meine erste
Wahrnehmung dieser Note, im Somer 1989.
Sie hat mich regelrecht angesprungen. Ich dachte,
das ist wirklich anders, nicht bloß "neu", jenseits
von natürlich oder frisch oder sonst was.
Eine eigene Kategorie.
Gerade änderte sich eh so viel, die Mauer war
gefallen, die Stadt war voll mit neuen Bundesbürgern,
alles war im Umbruch. Und das Digitale in allen
Spielarten wurde in seiner Umwälz-Power immer
deutlicher bemerkbarer.
Fahrenheit war/ist für mich der Duft-Track dazu.

Insofern passt die Benzin/Petroleum-Assoziation
doch gut, am besten greift dafür aber ein anderes
Wort: "Treibstoff". In seiner vollen Bedeutung.

Und damit nähert man sich dem Wesen von Fahrenheit.
Es ist für mich ein vollkommen dualer Duft -
bestehend aus zwei getrennten Seiten:
einem souverän gebauten Holz/Leder/Vetiver-Konstrukt,
aber mit einer eingebauten gewissen Ironie, die aus der
Verbindung mit etlichen verspielten Blümchen entsteht.
(nicht vom "Veilchen", das gehört zur anderen Seite)
Dieser Akkord bildet den notwendigen ruhigen Fond,
vor dem der Treibstoff sich abheben kann.
Der Fond wirft quasi noch einmal einen Blick zurück +
erinnert mich an vieles, aus dem Zeitgeist bis zu diesem
Punkt Entstandene - den Transit von Punk zu New Wave,
das Aufwachen der Malerei durch die Neuen Wilden, die
Entwicklung des Videos vom Musik-Clip zum Kunst-
Medium etc. Alles Dinge und Strömungen, die noch
überwiegend unter den Begriff "Analog" gehören.
Die andere Seite von Fahrenheit besteht nur aus diesem
bisher ungehörten, einen anspringenden Treibstoff-Ton.
(der wohl mit Veilchenblatt umschrieben wird, aber doch
nur eine übergroße Simulation von so etwas natürlichem
wie dem lieben, kleinen Veilchen ist)
Er steht für unaufhaltsame Veränderung.
So wie sich 1988 die großen Veränderungen durch die
digitale Revolution bereits ankündigten, zunächst noch
eher leise, aber schon mehr als seismografisch
wahrnehmbar - vom Commodore 64 zum Drumcomputer,
von Electronic Body Music zu Techno, von Kippenbergers
drastischer Zitat-Malerei zu Damien Hirsts Hai in Spiritus.
Das sind natürlich nur rausgepickte Beispiele.
Zwei Seiten hat Fahrenheit also, konträr und doch
ineinandergreifend: das Analoge und das Digitale.
Damit spiegelt Fahrenheit wie in einer Momentaufnahme,
aber mit einer prophetischen Dimension, den Zeitgeist
wieder - zwiegespalten und zerissen, zugleich schön und
rauschhaft und nicht ohne leise Trauer.
Kein Wunder, dass hierfür ein Parfumeur nicht ausgereicht
hat - für diese duale Kunstwerk brauchte es schon zwei.
Verwandt ist Fahrenheit in seiner über die Gegenwart
weisenden Kraft mit einem anderen epochalen Duft -
mit Knize Ten. Der verfügt ebenfalls über eine Note, die
den Fortschritt, das Neue, noch unüberschaubare
verkörpert - diese ganz eigene lederverwandte Kunststoff-
Note. Allerdings etwas anders, nicht nur olfaktorisch,
sondern auch aus einem anderen, noch ungebrochen
optimistischen Geist.
Und auch für ihn hat es zwei Köpfe gebraucht -
das ist sicher kein Zufall.
(Schon sonderbar, dass mit Knize Ten und mit Fahrenheit
fast zu Beginn eines Jahrhunderts und beinahe an seinem
Ende zwei große Düfte stehen, die wie Leuchttürme ihr Licht
in beide Richtungen werfen.)

Jetzt aber geschwind zu Aqua Fahrenheit.
Der ist (für mich) nämlich nicht einfach ein Flanker.
Sondern der seltene Glücksfall - vielleicht gar nicht bewußt -
der Wiedergeburt eines verlorenen Kunstwerks.
Aber ohne es zu imitieren.
(Der Versuch, das echte Fahrenheit so weit wie möglich
trotz Restriktionen nachzubauen, ist leider gescheitert,
das heutige Basis-Fahrenheit ist zwar kein schlechter Duft,
macht aber traurig, wenn man das Original kennt.)
Aqua Fahrenheit geht anders an die Sache heran.
Tatsächlich ist es Herrn Demachy hier gelungen, den Geist,
das Wesen von Fahrenheit in etwas Neues zu transzendieren,
etwas, das flüssiger und einheitlicher wirkt.
Nicht mehr etwas Duales, sondern jetzt etwas Unitäres,
in dem beide Seiten von Fahrenheit eine neue Einheit
bilden, wie zwei Flüsse, die zu einem geworden sind.
Etwas, das man nur aus einem Abstand heraus schaffen
kann, nachdem längst Wirklichkeit wurde, was Fahrenheit
vorausgesagt hat.
Aus einem fein-frischen Start, der nur als kurzes Solo von
reifen und unreifen Mandarinen und Grapefruit aufspielt,
gefolgt von Minze, Maiglöckchen und anden Blüten,
entwickelt sich schnell und unaufhaltsam eine herbe,
leicht bittere Note - die Reinkarnation des einzigartigen
Treibstoff-Tons, der Ton des nicht abschaltbaren Motors.
Deutlicher und plastischer als in jedem anderen Flanker,
wenn auch nicht völlig identisch mit der alten Note.
Aber hier als Einheit mit den anderen Elementen.
In der Aqua-Variante past nicht nur alles perfekt zusammen,
heir ergibt sich ein einziger neuer, ganz eigener Ton.
Und dieser Duft kann einfach alles, geht immer, passt zu
allem, kennt keine Jahreszeit oder Anlässe.
Er hat eine gewisse Erhabenheit, weil er das große Pop-
Kunstwerk Fahrenheit wieder wach ruft.
Eine eigene Coolness, die von Erfahrung gezeichnet ist,
nicht von Gleichgültigkeit. Glatt und kantig zugleich,
ein gelöster Widerspruch der eigenen Schönheit.

Irgendwie traurig, schön und letzten Endes unbegreiflich.

9 Antworten
AxiomaticAxiomatic vor 2 Jahren
Uns eint die Erfahrung mit dem Ur-Fahrenheit. Ich werde das Jahr 1988 nie vergessen mit den beiden Game Changer Fahrenheit und Cool Water.
Heute ist Fahrenheit bemitleidenswert und ein Schatten seiner selbst.
Das Cologne kommt dem Original recht nahe.
Und dieses Aqua sollte ich endlich kennenlernen!
🏆 von mir, analog oder digital kannst Du Dir dann aussuchen für Deine grandiose Zeitreise.
TablaTabla vor 5 Jahren
Beeindruckender Kommentar.
Fahrenheit ist mir noch sehr gut im Gedächtnis. Als er raus kam, fand ich den Namen des Parfüms sehr interessant.
Bei Fahrenheit dachte ich sofort an den Film "Fahrenheit 451", ein dystopischer Science-Fiction-Film von François Truffaut.
TouchedTouched vor 6 Jahren
Der gelungenste "Kommentar", den ich hier bisher gelesen habe.

Die Idee der Verknüpfung von Fahrenheit mit Wende, Techno und Digitalisierung gefällt mir sehr, wahrscheinlich auch, weil das die bisher aufregendste Zeit in meinem Leben war.

Da hast du mal richtig einen rausgelassen und das ganze dazu in schöner, klarer Sprache umgesetzt.

Einfach toll!
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Danke für diese Zeitreise und das gelungene Essay! Was mir beim Ur-Fahrenheit immer zu viel des Guten war, ist mir bei der Aqua-Variante sehr angenehm. Ich bin froh, diesen Duft mal ergattert zu haben. Und ich muß ihn mal wieder tragen.
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 7 Jahren
Echt gut geschrieben! Das war einer der wenigen Kommentare von dir, die ich noch nicht ausgezeichnet hatte. Das hole ich hiermit nach. Pokal
ParmaParma vor 8 Jahren
Toller, beindruckender Kommentar, der mir Fahrenheit auch nochmal näher gebracht hat! Vielen Dank dafür :) Ich finde auch, dass der Aqua sehr eigenständig ist und universal einsetzbar. Ein schöner frischwürziger Duft, dem man etwas Besonderes "anriecht".
JumiJumi vor 8 Jahren
Toll geschrieben und sehr fleissig auseinandergelegt! Ich habe die Geschehnisse zwar nur teilweise und aus weit-weiter Ferne mitbekommen und auch an das Original kann ich mich kaum erinnern, aber das "damals" reizt mich sehr. Vor allem wenn es im "heute" wiedergefunden/-geboren wird. Einen Zeitreisepokal für dich!
MilaMintMilaMint vor 8 Jahren
Oh, Wahnsinn, das ist ein richtig toll zu lesender Parfüm-Essay! Vielen Dank & ein Hoch auf den Treibstoff-Stoff!
DOCBEDOCBE vor 8 Jahren
Einfach ein toller Kommentar, insbesondere was die Reflektionen über Fahrenheit im Kontext der 80er Jahre betrifft. Mein damaliger Signatureduft. Sollte ich nicht doch mal den Aqua testen?!