Dieses war mein allererstes Parfum, geschenkt von meiner Mutter so Mitte der 80er Jahre. Keine Ahnung wo sie ihn ausgegraben hatte, denn meine Umwelt war gerade auf Poison und es gab niemanden den ich kannte, der dieses Parfum getragen hätte.
Der Flakon war oval mit einem entzückenden Pferderelief im Glas und einem türkisblauen Deckel obendrauf. Noch entzückter war ich allerdings vom Inhalt, ein atemberaubend eigenartiger Duft, der für mich in meiner jugendlichen Naivität der Duft des blauen Grases selbst war der dem Parfum den Namen gab.
Dieses Gras bedeckt in meiner Vorstellung eine weite Ebene die im Mondschein atmet. Der Boden ist gewellt und sumpfig, die langen festen Grashalme stehen in dichten grossen Büscheln nebeneinander und wiegen sich leicht im Nachtwind. Die Halme sind sanft blau-grün und die kleinen Härchen mit denen sie bedeckt sind schimmern silbrig im Mondlicht. Auch die Laiber der weissen Pferde glänzen silbern auf, während sie sich in ruhigem Galopp ihren Weg durch das Gras zum Horizont bahnen. Die Gräser reichen den schnaubenden Tieren bis an die runden Bäuche und beantworten die Bewegungen der Pferde mit einem trockenen Rascheln das von ihren scharfen Kanten erzeugt wird, wenn diese sich aneinander reiben.
Dies sind die einzigen vernehmbaren Geräusche.
Ein Moment ausserhalb der Zeit, fast ausserhalb der Welt, frei und unabhängig und auch ausserhalb jeder Konvention und Erwartung angesiedelt. Diese Pferde brauchen uns nicht, sie stehen für sich selbst, ihre ureigene Schönheit erschliesst sich nur dem heimlichen Beobachter als der ich mich fühle wenn ich an dieses Bild denke.
Dann war das Parfum nicht mehr zu bekommen. Kopfschütteln in den Parfümerien, Internet war noch nicht geboren. Ich trauerte um meine weissen Pferde.
London im Sommer, mindestens 10 Jahre später. Stickige Luft, heisser Asphalt, Abgase und eine Kakophonie der Düfte. Im dichten Gedränge vom U-Bahn-Schlund in die dunkle Tiefe gezogen werden. Und da war der Duft...Eine korpulente Farbige vor mir auf der Rolltreppe hatte das aus hunderten, nein tausenden Düften erkennbare Parfum von Elisabeth Arden aufgelegt und dabei nicht gespart...Eine Rolltreppenfahrt hinab in den schwarzen Bauch Londons umgibt mich meine Herde weisser, schnaubender Huftiere wieder. Viel zu schnell verschwinden sie zusammen mit der black lady im Gewühl.
Erst letztes Jahr gab es ein glückliches Wiedersehen, nicht mit der schwarzen Dame aber mit den Pferden, und ja, sie haben nichts von ihrer Schönheit eingebüsst.
Und nicht nur die Pferde sind wieder da, wie der DeLorean- Rennwagen aus "Zurück in die Zukunft" katapultiert mich der Geruch des blauen Grases direkt in die endlos erscheinenden Sommer meiner Jugend. Und das ganz ohne Plutonium- Treibstoff.
Was dann wirklich drin ist in DIESEM Treibstoff ist sehr schwer zu sagen, der Duft entzieht sich den Kategorien genauso wie der Analyse seiner Bausteine mittels Nase.
Als Grundgerüst für die Gräser fungiert der Lavendel, den ich aber nur erkenne weil ich durch Parfumo weiss das einer drin ist, er ist perfekt maskiert. Es fehlt der staubige, dumpfe Aspekt der den "echten Lavendelduft" kennzeichnet. Die Aldehyde verleihen dem lavendeligen Gras eine kühle, metallische Silbrigkeit und Bergamotte erzeugt eine rauhe Frische an der Oberfläche.
Dieser charakteristische Akkord ist zu Beginn kantiger und schärfer, wird dann immer weicher aber bleibt immer in der gleichen Dimension bestehen bis zum bitteren Ende viele Stunden später.
Das ist der Geruch des blauen Grases! Für mich ein kleines Kunstwerk durch seine Einzigartigkeit und kühne Konstruktion. Mit den beschränkten Mitteln die anno 1934 zur Verfügung standen entstand die vollkommen fiktive Erfindung eines Grases, nicht zu vergleichen mit dem fast naturidentischen "Gras" aus den jardins von Ellena, die so viel näher am natürlichen Vorbild sind und in dieser fast perfekten Illusion soviel an Poesie einbüssen um schlussendlich doch irgendwie "künstlich" zu wirken, weit hinter der beeindruckenden Fassade.
Blue Grass ist eigenwillig, sicher schon immer irgendwie entgegen aller Duftkonventionen und -gewohnheiten, heutzutage nicht weniger als früher. Ich bin sicher, daß er nicht allen Menschen gefällt, um es mal vorsichtig auszudrücken.
Ich verbinde ihn mit dem Sommer, mit Freiheit und Natürlichkeit. Dabei ist er aber niemals sexy oder elegant, seine Schönheit lebt aus sich selbst, nicht um zu beeindrucken oder zu verführen.
Trotzdem bin ich Frau Arden oder wem auch immer aus dem Marketing sehr dankbar daß ich den Duft wieder erleben darf, als parfumeurisches Kunstwerk aber auch als Teil meiner eigenen Geschichte.