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Top Rezension
„Geht doch!“ oder „Vom guten Lengling“
Explizit als Herrenduft lancieren die Lenglings ihr „Acqua Tempesta“. Das ergibt Sinn, wenn man ihn mit dem kaum maskulinen Auftritt ihres „Eisbachs“ vergleicht, ist aber letztlich nicht zwingend. Immerhin gelingt ihnen mit diesem Duft eine Punktlandung: Die Balance von herber Frische und milder, seifig-charmanter Holzigkeit ist wirklich nasenschmeichelnd, der dezente aquatische Touch bereichernd und die Komposition insgesamt außerordentlich peppig.
Dass hier ein wenig schamlos im Fundus gekramt wurde, wirft einen kleinen Schatten auf die Kreation: „Sel de Vetiver“ meets „Vetiver Veritas“ meets „Menthe fraiche“ meets… aber immerhin verblendet der Parfumeur seine Anleihen geschickt und organisiert seinem Duft damit einen dekorativen Platz im Stammbaum seiner prominenten Verwandten. Warum sich die Lenglings ihren Eklektizismus so gut bezahlen lassen, ist eine andere Frage, die der Konsument an der Kasse beantworten muss.
Mit einer gehörig frischen Pfefferminzbrise eröffnet „Acqua Tempesta“ und zeigt damit gleich zu Beginn starke Präsenz. Auch eine Idee von Meer weht durchs Aroma – kaum salzig, aber doch ausreichend aquatisch für einen olfaktorischen Kurztrip ans Gestade. Dankenswerterweise vermeidet der Duft erfolgreich jene Fischigkeit, die mir nicht nur das allseits geschätzte „Sel Marin“ nachhaltig verleidet: Das Meer bleibt abstrakter Gedanke.
Niedlich will mir das Cannabis in der Pyramide erscheinen; seinen typischen grün-harzigen Duft findet man nämlich selbst dann kaum, wenn man mit ihm vertraut ist. Vielleicht dient er aber auch nur zur Abrundung der süßgrasigen Noten, die schon recht bald der minzigen Eröffnung den Schneid abkaufen, ohne sie völlig zu verdrängen. Während Heeley in „Vetiver Veritas“ einen ähnlichen Gedanken konsequent bis zur Sperrigkeit durchdekliniert und seinem Vetiver auch die charmefreien, trockenholzigen Nuancen unter den Minzflämmchen zugesteht, geht es bei Lenglings kultivierter zu. Wir begegnen einem sehr freundlichen, gesittet grünholzige Noten ins Bouquet strahlenden Vetiver im züchtig-klassischen Rasierwassermodus. Seine Gouvernante heißt Hedion; sie trägt allerdings nicht das übliche Blümchenkleid, sondern kümmert sich erfolgreich darum, das Parfum hell und leuchtend zu halten. Deshalb findet sich kaum eine Spur vom üblichen „süßgräs(s)lichen Gebrummel“ im Parfum. Dass Madame Hedion außerdem angeblich imstande ist, die Pheromonrezeptoren zu aktivieren*), erschüttert meine rottenmeierisch geprägten Vorstellungen von Gouvernanten heftig…
Viel mehr tut sich nicht in „Acqua Tempesta“; nach durchaus stürmischem Beginn erreicht der Duft ruhigeres Fahrwasser und ringt sich schließlich auch noch einen sehr leisen Hauch kaum harziger Lieblichkeit ab. Ebenso dezent bis homöopathisch dosiert mag man auch noch dem Weihrauch begegnen; ich hätte die milde Note aber ebenso gut dem Vetiver zugeschrieben: Auch der bringt manchmal seine rauchige Qualität ins Spiel.
Durchschnittlich sind Haltbarkeit wie Sillage; angesichts des aufgerufenen Preises könnte man… aber ich wiederhole mich. Ungeachtet dieser lengling’schen Kröte ist Acqua Tempesta ein erfreulich minziger Vetiver-Aquat – und damit weit weg von der oben genannten Einschätzung „holzig-rauchig“. Überhaupt wollen sich mir die Kurzbeschreibungen unterhalb des Parfumnamens oftmals nicht so wirklich erschließen; stammen die vom Hersteller oder beruhen sie auf dem Kaffeesatz der Duftpyramide?
Sei’s drum – „Acqua Tempesta“ klettert in meinem persönlichen Ranking souverän auf 75 Prozent, weil er absolut tragbar ist und dazu ausreichend seriös, ohne ein Langweiler zu sein. Dass ich mich am Ende für die 70% entscheide, ist dem Lengling-Malus geschuldet – sie werden’s verkraften.
*) Ruhr-Uni Bochum
Dass hier ein wenig schamlos im Fundus gekramt wurde, wirft einen kleinen Schatten auf die Kreation: „Sel de Vetiver“ meets „Vetiver Veritas“ meets „Menthe fraiche“ meets… aber immerhin verblendet der Parfumeur seine Anleihen geschickt und organisiert seinem Duft damit einen dekorativen Platz im Stammbaum seiner prominenten Verwandten. Warum sich die Lenglings ihren Eklektizismus so gut bezahlen lassen, ist eine andere Frage, die der Konsument an der Kasse beantworten muss.
Mit einer gehörig frischen Pfefferminzbrise eröffnet „Acqua Tempesta“ und zeigt damit gleich zu Beginn starke Präsenz. Auch eine Idee von Meer weht durchs Aroma – kaum salzig, aber doch ausreichend aquatisch für einen olfaktorischen Kurztrip ans Gestade. Dankenswerterweise vermeidet der Duft erfolgreich jene Fischigkeit, die mir nicht nur das allseits geschätzte „Sel Marin“ nachhaltig verleidet: Das Meer bleibt abstrakter Gedanke.
Niedlich will mir das Cannabis in der Pyramide erscheinen; seinen typischen grün-harzigen Duft findet man nämlich selbst dann kaum, wenn man mit ihm vertraut ist. Vielleicht dient er aber auch nur zur Abrundung der süßgrasigen Noten, die schon recht bald der minzigen Eröffnung den Schneid abkaufen, ohne sie völlig zu verdrängen. Während Heeley in „Vetiver Veritas“ einen ähnlichen Gedanken konsequent bis zur Sperrigkeit durchdekliniert und seinem Vetiver auch die charmefreien, trockenholzigen Nuancen unter den Minzflämmchen zugesteht, geht es bei Lenglings kultivierter zu. Wir begegnen einem sehr freundlichen, gesittet grünholzige Noten ins Bouquet strahlenden Vetiver im züchtig-klassischen Rasierwassermodus. Seine Gouvernante heißt Hedion; sie trägt allerdings nicht das übliche Blümchenkleid, sondern kümmert sich erfolgreich darum, das Parfum hell und leuchtend zu halten. Deshalb findet sich kaum eine Spur vom üblichen „süßgräs(s)lichen Gebrummel“ im Parfum. Dass Madame Hedion außerdem angeblich imstande ist, die Pheromonrezeptoren zu aktivieren*), erschüttert meine rottenmeierisch geprägten Vorstellungen von Gouvernanten heftig…
Viel mehr tut sich nicht in „Acqua Tempesta“; nach durchaus stürmischem Beginn erreicht der Duft ruhigeres Fahrwasser und ringt sich schließlich auch noch einen sehr leisen Hauch kaum harziger Lieblichkeit ab. Ebenso dezent bis homöopathisch dosiert mag man auch noch dem Weihrauch begegnen; ich hätte die milde Note aber ebenso gut dem Vetiver zugeschrieben: Auch der bringt manchmal seine rauchige Qualität ins Spiel.
Durchschnittlich sind Haltbarkeit wie Sillage; angesichts des aufgerufenen Preises könnte man… aber ich wiederhole mich. Ungeachtet dieser lengling’schen Kröte ist Acqua Tempesta ein erfreulich minziger Vetiver-Aquat – und damit weit weg von der oben genannten Einschätzung „holzig-rauchig“. Überhaupt wollen sich mir die Kurzbeschreibungen unterhalb des Parfumnamens oftmals nicht so wirklich erschließen; stammen die vom Hersteller oder beruhen sie auf dem Kaffeesatz der Duftpyramide?
Sei’s drum – „Acqua Tempesta“ klettert in meinem persönlichen Ranking souverän auf 75 Prozent, weil er absolut tragbar ist und dazu ausreichend seriös, ohne ein Langweiler zu sein. Dass ich mich am Ende für die 70% entscheide, ist dem Lengling-Malus geschuldet – sie werden’s verkraften.
*) Ruhr-Uni Bochum
7 Antworten
Unterholz vor 5 Jahren
Feiner Kommi, der Duft könnte mich interessieren. Danke!
Palonera vor 10 Jahren
Oh, Minze! Und dann noch Seite an Seite mit Vetiver... Damit bekäme er mich, dieser Lengling - und vielleicht kriegt Dich ja auch noch einer aus der Serie 'rum, ;-).
M3000 vor 10 Jahren
Wie wohl das Fräulein Rottenmeier gerochen hätte? Zunächst eine sehr strenge Bergamotte wahrscheinlich, dazu etwas Pudrig-Seifiges und zuviel Veilchen :-D
Ormeli vor 10 Jahren
Wieder ein hochinformativer und schöner Kommi. Minzigen Vetiver-Aquaten-Pokal+
Pluto vor 10 Jahren
Hört sich nach einem Duft an, der mir gefallen könnte. Ich vermisse übrigens auch die 5er Schritte bei der Bewertung, gab es früher...
Meggi vor 10 Jahren
Jede Wette, der ist kein Kaufmich für mich.
Ergoproxy vor 10 Jahren
Ich denke, den werde ich bestimmt nicht mögen.:))

