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Profumo
18.04.2011, 09:38 Uhr
8Duft 7.5Haltbarkeit
Top Rezension 19

Vetiver mit Retro-Touch

Als ich Lubins ‚Le Vetiver’ zum ersten Mal testete, dachte ich zunächst es handle sich um ein schamloses Imitat und hätte schwören können, dass der Duft absolut identisch sei mit Guerlains berühmten Werk gleichen Namens.
Ich war mir so sicher, dass ich Lubins vermeintlichen Klon fortan mit Verachtung strafte, bis eines Tages eine Verkäuferin von mir unbemerkt eine Probe des Duftes in meine Tüte schmuggelte.
Zuhause bemerkte ich sie und wollte meinen Verdacht sofort bestätigt wissen, doch – oh Wunder – mein vermeintlich so gutes olfaktorisches Gedächtnis betrog mich einmal mehr. Nicht, dass ich beide Düfte auf einmal gänzlich verschieden wahrnahm, nein, eine gewisse nicht zu verkennende Ähnlichkeit hatten sie, doch bei genauerem Schnuppern, also in-die-Tiefe-schnuppern, statt oberflächlich darüber-hinweg-schnuppern, da taten sich doch erhebliche Unterschiede auf und obendrein entwickelten sie sich nach einer Weile in recht verschiedene Richtungen.
Sicher, beide sind frische, grüne Vetiver-Düfte und nicht holzig-erdige. Das der Wurzel entsprießende Gras steht erkennbarer im Fokus, als die Wurzel selbst. Begleitet wird diese grüne Frische durch fruchtige Hesperiden wie Grapefruit, Mandarine und Orange, ergänzt durch strahlende Bergamotte und Zitrusessenzen. Guerlains Vetiver startet dabei etwas frischer, sprühender, Lubins Variante dagegen gedeckter und dunkler getönt.
Auch in die Tiefe des Duftes hinein entwickeln sich beide weiterhin auf einer ziemlich ähnlichen Achse, getragen von einem würzigen Herz, in dem sich vor allem die Muskatnuss profiliert (bei Lubins Vetiver ist es noch eine Spur Gewürznelke), sowie einer guten Dosis hellem Tabak im Fond. Diese gemeinsame Zitrus-Vetiver-Muskat-Tabak-Achse macht die Düfte nicht nur zu engen Verwandten, sondern lässt beim Träger – zumindest bei mir – zuverlässig auch ein immer wiederkehrendes Retro-Feeling aufkommen, das weit in die Zeit meiner Eltern-, wenn nicht gar Großeltern-Generation zurückreicht.
Ja, beide Düfte haben gewissermaßen etwas vorgestriges, doch irgendwie auch wieder aktuelles, so wie Lava-Lampen und Stühle von Verner Panton – man kennt sie seit eh und je, und ist mit ihnen doch auf einmal wieder up-to-date.

Soviel zu den Ähnlichkeiten.
Nach einer Weile des Vergleichens hatte ich auf einmal die Idee, Lubin könnte sich die alte Version von Guerlains Vetiver, dessen Verschwinden zugunsten des neueren frischeren so viele zum Verzweifeln gebracht hatte, zum Vorbild genommen haben um seinerseits die enttäuschte Fangemeinde mit einem Duft zu beglücken, der dem alten Guerlain´schen Vetiver, mit seinen dunkleren, tieferen, vor allem moosigeren Facetten doch recht nahe kommt. Und tatsächlich: Lubins Vetiver hat weitaus größere Gemeinsamkeiten mit dem alten Duft von Guerlain, als mit dessen moderner Ausgabe.
Doch auch hier wieder keine exakte Kopie. Lubins Vetiver lässt im weiteren Duftverlauf eine immer deutlicher werdende Weihrauch-Note erkennen, in deren Schatten eine Ahnung von Myrrhe aufblüht. Diese doch eher orientalische Nuancen waren in der alten Fassung von Guerlains Vetiver nicht auszumachen. Sie erklären aber, warum Lubin das eigene Werk ein ‚Vetiver D’Hiver’ nennt: ein Winter-Vetiver, vorgeblich entstanden an der Apsis von Notre-Dame, was vermutlich einer allzu blühenden Phantasie entsprungen ist.

Überhaupt wird es seitens des Herstellers arg mit halb heidnischer, halb religiöser Symbolik überfrachtet: von einem keltischen Geist namens „Vetiver“ ist dabei die Rede, von Räucherstäbchen in mittelalterlichen Kathedralen, vom Palast des Sultans von Yogyakarta und sogar von einem Gringo aus dem amerikanischen Westen.
Soviel Marketing-Geschwurbel macht nachgerade schwindlig, und könnte den Verdacht aufkommen lassen, dieser Duft habe derlei Beweihräucherungen dringend nötig.

Aber weit gefehlt.

Lubins Vetiver ist richtig gut und das vergleichsweise würzigere Herz, sowie die wärmere, rauchigere, ja sogar moosigere Tiefe machen Lubins Vetiver für mich auf Dauer tragbarer als die neueste Fassung von Guerlains altem Klassiker.
Ich habe auch nicht das Problem mit der Haltbarkeit des Duftes, das so viele betonen. Auf meiner Haut bleibt er selbst nach vielen Stunden noch deutlich wahrnehmbar, wenn er auch nicht den unglaublichen Duftschleier zu entfalten vermag, den man vom Guerlain’schen Vetiver kennt.
Lubins Duft entwickelt sich näher am Körper und endet als Hautduft. Er kann dabei auch nicht ganz mit der Komplexität und Raffinesse des großen Vorgängers konkurrieren, sodass bei genauerer Betrachtung sicher viele Vorteile aufseiten des Duftes von Guerlain liegen. Doch vor allem die deutlichere Wärme, gepaart mit einem nicht gar so offensiven Auftreten - in etwas modernerem Outfit - sprechen für den Duft von Lubin.
Ob er sich auf Dauer neben seinem schier übermächtigen Rivalen wird halten können bleibt abzuwarten.
An mir jedenfalls soll’s nicht liegen: seit ich ihn habe, trage ich ihn weit häufiger als den Duft von Guerlain, den ich dennoch nicht missen möchte - dafür ist er einfach zu gut.

Zu erwähnen bleibt, dass man Lubins Vetiver wirklich sorglos tragen kann, während man bei Guerlains Vetiver immer Gefahr läuft vom Duft selbst getragen zu werden, so herrisch ist er.

‚Le Vetiver’ von Lubin dagegen ist ein guter Kumpel, auf den man zählen kann.
3 Antworten
DieNaseDieNase vor 15 Jahren
Ok, habe mich mittlerweile eingerochen und finde Gefallen an ihm. Ein feuchtes, braunes Vetiver. Ich rieche nichts Zitrisches. Und es fehlt das grüne Vetiverylacetat, das beim aktuellen Guerlain den Drydown ausmacht. Oder es geht unter.
DieNaseDieNase vor 15 Jahren
Klingt, als wäre die Guerlain-Ausgabe eher was für mich. Habe gerade den Lubin im Test. Ich empfinde ihn als sehr rauchig, fast schon Aschenbecher (Patchouli?) und kann eine säuerliche Note ausmachen, die mich an Mitsouko erinnert.
ApiciusApicius vor 15 Jahren
In Sachen Guerlain-Vetiver solltest Du mal das zugegeben einfache Vetiver von Royall kennenlernen. Das hat exakt die dunkelgrüne Note von früher, die sowohl Lubins, als auch dem neuen Guerlain-vetiver fehlt!