Den Rat, "Wild Cherry" etwas ruhen zu lassen, ehe man dieses fruchtige Etwas aus der Nähe genießen will, sollte man beachten.
Es ist hier nicht so einfach, wie beim Rotwein: "Wild Cherry" ist eben direkt auf der Haut und die erste Begegnung fällt wirklich etwas heftig aus.
Sofort fiel mir dieser süße, rote Kaugummi ein: ich liebte ihn! Meine Mutti dagegen verzweifelte an dessen Geruch!
Als Schulkind begriff ich nie, wie sie schon wieder wissen konnte, dass ich mir einen gekauft hatte: ich hatte ihn doch bereits weggeworfen. Wie machte sie das nur? Konnte sie hellsehen?
Dieses süßliche Gummizeug muss also ziemlich ausdauernd, wenn nicht sogar penetrant gewesen sein!
Nach einer, nicht zu knappen Zeitspanne entwickelt sich "Wild Cherry" zu einem sehr angenehmen Duftgemisch:
Die kleine knubblige Schwarzkirsche dominiert zwar immer noch, aber die Frische von Zitrone und die sanftere Bergamotte umtanzen fröhlich gemeinsam einen großen Korb mit diesen reifen Kirschen.
Als nächstes treffe ich auf Heliotrop: farblich stelle ich mir dieses tief-dunkle Violett lieber nicht zusammen mit den Kirschen vor.
Erstaunlicherweise harmoniert die bisherige fruchtig-frische Kopfnote gut mit diesem leichten vanille-artigen Duft.
Iris und Jasmin, beide diesmal nicht allzu hell und leuchtend, passen sich hier sehr gut an: keine der beiden Blüten drängt sich in den Vordergrund.
Bevor eine klare Patchoulinote in Erscheinung tritt, kann ich einen Hauch von Bittermandel wahrnehmen.
Schwarzkirschen und Bittermandel gehöre für mich eigentlich auch zusammen: jetzt ist das Pärchen wieder vereint.
Geschickt dosierter Moschus und viel warme Vanille runden diese Duftkomposition gekonnt ab.
"Wild Cherry" ist schon etwas süß; die fruchtige Frische bekommt aber durch Bittermandel und Patchouli eine feine rauchige, sogar leicht würzige Duftnote.
Auch ist "Wild Cherry" wirklich ein recht lange anhaltender Gast auf meiner Haut. Wenn er erst seine endgültige "Reife" entwickelt hat, bleibt er diesem Zustand einige Stunden treu.
Erst später wird er feiner; zurück bleibt ein würziger Duftschleier.
Ich werde an frühere, sehr viel frühere Geburts- und Feiertage erinnert: nachdem Kaffee- und Teekannen leer waren, kamen die kleinen Gläschen auf den Tisch und die Gastgeber holten "das Likörchen" aus der Küche oder der gerade modern gewordenen "Hausbar".
In meinen ganz frühen Erinnerungen war es Eierlikör - manchmal sogar in diesen kleinen Zartbitter-Schokoladenbecherchen; dann "Kosacken-Kaffee" (schäumte, wenn Milch oder Sahne beigefügt wurde) und später "E. Edelkirsch".
Gerade die diversen Tanten waren nie abgeneigt: "Aber bitte nur ein ganz kleines Schlückchen, meine Lieben!"
Ach, die Tanten!
Gerade neulich brachte mir ein Freund eine Flasche dieses Kirschlikörs mit. Der Haushalt der Oma wurde aufgelöst und einiges aus deren Küche landete auch bei mir.
Lange habe ich daran gar nicht mehr gedacht.
So ist es gar nicht so abwegig, dass mich "Wild Cherry" an ein Gläschen Kirschlikör, zur rechten Zeit und in netter Runde, erinnert.
Ich würde "Wild Cherry" nicht benutzen; aber empfinde es als eine schöne, weil lebendige und unterhaltsame Variante auf der großen Bühne der Fruchtdüfte.
Auf keinen Fall ist dieser Duft alltäglich: er hat schon etwas, das ihn aus der Masse hebt!
Danke, liebe Angelliese, dass Du mir diese Duftprobe überlassen hast.
Ich habe dadurch wieder einmal eine interessante duftige Erfahrung machen dürfen.
Da meine Altvorderen aus Schlesien kamen, gabs bei uns "Kroatzbeere" und bei ganz besonderen Anlässen Contreau. Dabei fällt mir die Nierentischoptik meiner Kinderzeit ein.... Du hast den Duft wunderbar beschrieben. Nun brauche ich ihn nicht mehr zu testen, denn das ist ganz und gar nicht meine Richtung.
Die Manceras sind schon nicht verkehrt. Zumindest halten Sie bombastisch,aber ich wage zu bezweifeln dass dieser Duft was für mich wäre. Bemerkenswert was manche Düfte für Erinnerung auslösen. Schön beschrieben!
der Duft ... mir viel zu viel von allem :)