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Stefanu155
23.01.2015 - 04:00 Uhr
16
Top Rezension
7Duft 7.5Haltbarkeit 5Sillage 5Flakon

Zum Einschlafen schön

Die Firma Penhaligon's hält bis heute an ihren im weitesten Sinne "viktorianischen" Gestaltungsprinzipien fest bzw. kehrt wieder zu ihnen zurück. Das mag für die einen eine sympathische Altmodischheit sein, für die anderen gediegene, aristokratische Qualität suggerieren und für wieder andere ist es einfach zum Schnarchen...
Beim Schnarchen sind wir dann auch schon bei unserem "Endymion", dem mythologischen Jüngling im ewigen Schlaf.
Bei einem 2003 auf dem Markt erschienenen englischen Duft wissen die Macher bei diesem schönen Titel um die Aura des 19. Jhdts und es gibt wohl kaum einen halbwegs gebildeten Engländer, der dann nicht an das große Versepos selben Namens von John Keats denken würde. Etwa so, wie bei uns die Glocken läuten, wenn jemand was von der Glocke erzählt, ohne dass ich Schillers Gedicht deswegen je gelesen haben müsste. Bei Keats hingegen wird es so sein, dass lediglich seltene Kenner sich durch die ca. 4000 Verszeilen hindurch gearbeitet haben dürften, aber praktisch jedes Kind die ersten Zeilen kennt:
"A thing of beauty is a joy for ever:
Its loveliness increases; it will never
Pass into nothingness; (...)"
Ich erzähle das alles deswegen, weil ich nicht glaube, dass man ein Parfum beschreiben kann, indem man es einfach nur beschreibt (was ohnehin nicht geht), sondern man es, in welch subjektiven oder ausschnitthaften Kontext auch immer, einbetten muss, um ein "Bild" davon zu bekommen - und darum geht es letztlich.
Das fängt damit an, dass ein Parfum zwar "a thing of beauty" sein kann, aber definitv keine ewigwährende Freude darstellt, sondern das Flüchtigste überhaupt.
Flüchtig ist auch dieser Duft. Soviel sei schon mal verraten.
Endymion ist ja irgendwie ein entfernter Verwandter unseres Dornröschens und die Mondgöttin schenkt ihm ewige Jugend, die er allerdings mit einem ebenso ewigen Schlaf zu bezahlen hat - bei den griechischen Göttern gab es wirklich nichts umsonst. Weiter heißt es, dass sie ihn nächtens regelmäßig besuchte und mit ihm letztlich 50 (sic!) Töchter zeugte! Wohl hat die Mondgöttin "von Natur aus" wenig Probleme mit, sagen wir mal, regelmäßigen Abläufen, aber in meiner Vorstellung tritt spätestens bei der 18. Tochter eine gewisse Langeweile ein... vor allem, wenn der Typ dauernd schläft. Sicher glaube ich aber sagen zu können, dass Endymion nicht nach "Endymion" gerochen hat, denn dieser Duft ist gar nicht er- oder aufregend.
Auch wenn seine Gestaltung verschleiert, dass er eher am Ende einer Reihe von Düften à la Grey Flannel, dem früheren grauen Jil Sander etc. steht, und so tut, als wäre es ein alter "Traditionsduft" der Marke - Quatsch.
Ich mag diesen Duft, aber er versucht letztlich, zu viel richtig zu machen.
Ich erlebe den Beginn als "süßlich-weich", mit einem Hauch von Badezimmerfrische, die ihn nicht muffig werden läßt. Das ist ganz schön und hat etwas von weichem Stoff, die Blütennoten sind auch gleich zu Anfang irgendwie mit dabei, so dass ich den Duft sogleich auch als "mild-blumig" erfahre. Das ist der eher moderne Teil des Duftes. Ich bin da in eine weiche Decke eingehüllt, die nach guten Sachen riecht. Man muss dann auch aufpassen, dass man nicht zu schläfrig wird, womöglich geht es einem sonst wie dem E.
Nun war man offensichtlich bemüht, alle Tugenden englischer Düfte, insbesondere Herrendüfte, auszureizen, so dass nach diesem Auftakt die Gewürze mit einer gewissen süßlichen Seifigkeit stärker in Erscheinung treten, und hier riecht es dann für mich fast schon klischeehaft nach "Gentleman" mit gediegenen Rasierseifen und After Shaves, die ganze Barbershop-Ästhetik also, das Myrrhe-Sandelholz-Mix gibt dem Ganzen einen Hauch von Marzipan, oder Mandel meinetwegen - leider ist das weniger klassisch, als vielmehr "retro". Ja, im weiteren Verlauf kommt selbstredend das Holz stärker durch, die Myrrhe (das muss man mögen...) belässt den weich-samtigen Grundton, aber ich muss zugeben, hier wird es mir dann zum Einen zu gediegen, zum Anderen hält er kaum so lange wie ein Mittagsschläfchen des besagten Gentleman und um die Mondgöttin immer wieder anzulocken, braucht es bestimmt andere Kaliber... unter "seductive" stelle ich mir einfach etwas anderes vor, als diesen friedlichen, smoothen Duft.
Wie dem auch sei, ich mag ihn trotzdem, betrachte ihn aber keineswegs als notwendig. Wer "Grey Flannel", "Background" (oder war es "Man Pure" ?) von Jil Sander und dergleichen mag, sollte aber mal reinschnuppern, denn auch schlafende Jünglinge haben durchaus ihre Liebhaber(innen), wie man sieht.
4 Antworten
UnterholzUnterholz vor 10 Jahren
Klasse kommentiert! Muss ich unbedingt nochmals genauer unter die Lupe nehmen. Hatte ihn schon recht angenehm in Erinnerung.
YataganYatagan vor 11 Jahren
Exzellenter Kommentar!
FittleworthFittleworth vor 11 Jahren
Hervorragender Kommentar! Pokal, was sonst!
IngwerIngwer vor 11 Jahren
really hat and cup worthy !