
Profumo
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Profumo
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33
Hatten wir das nicht schon?
Wenige Duftmanufakturen begeistern mich so wie das kleine norditalienische Haus Rubini. Doch Vorsicht, die Kreationen dieses Labels sind alles andere als gefällig. Komplex, mitunter sperrig, warten sie mit ungewohnten Akkorden auf, entziehen sich sämtlichen gängigen Duftkategorien. Wer sie in dem vertrauten Koordinatensystem mit Oberbegriffen wie Chypre/Fougère/Orientalisch verorten möchte, dürfte scheitern. Aber genau das macht sie aus: charaktervolle Eigenständigkeit.
Dass man sie sich erarbeiten muss.
Nun kann man fragen, wozu sich Düfte erarbeiten, wenn sie doch einfach nur gut zu riechen brauchen. Und zum Glück tun das ja viele, sehr viele sogar!
Als Beispiel: einmal an Chanels ‚Bois des Îles’ geschnuppert und die Duftwelt sollte in Ordnung sein. Was braucht es mehr? Man möchte niederknien.
So sind die Rubinis aber nicht gestrickt. Frühzeitige olfaktorische Orgasmen? Ausgeschlossen. Stattdessen sich kräuselnde Nasenrücken. Spröder und zugeknöpfter, geizen sie mit ihren Reizen, halten sich bedeckt. Zuweilen auf Irrwege führend, erst nach und nach ihr eigentliches Wesen offenbarend.
Waren die letzten beiden, ‚Nuvolari’ und ‚Odenaturae’, noch zugänglicher – dieser hier ist es definitiv nicht. Neben ‚Tambour Sacré’ ist ‚Hyperion’ womöglich sogar der schwierigste, auf jeden Fall der am wenigsten gefällige Duft des Hauses. Nicht, dass er ohne charmante Seiten wäre, die hat er durchaus! Dennoch, selbst ich, der ich die Werke von Andrea Rubini und Cristiano Canali überaus schätze, war zunächst irritiert.
Im Ernst: einen Weihrauchduft mit plastikartigen Untertönen, beißender Würze, latent bedrohlicher Animalik, nebst diffuser Aquatik - echt jetzt? Hatten wir das nicht schon?
‚Copal Azur’, ‚Bleu Turqoise’, ‚Squid’, und nun schon wieder diese fragwürdige Kombination von kühl-sakralem Rauch, salziger Gischt und allerlei angeschwemmtem Treibgut?
Nun ja, warum nicht, sind die Vorgenannten doch recht zahme Gesellen, verglichen mit der geruchlichen Herausforderung namens ‚Hyperion’.
Die sich augenblicklich entfaltende Schlüsselnote ist dabei noch die harmloseste: Weihrauch. Im Zusammenspiel mit herb-fruchtiger Yuzu, pfeffrigen Noten und komplexer Wacholderwürze entwickelt sich ein Auftakt, der mich in seinem Kontrastreichtum an einen anderen Canali-Duft erinnert, an ‚Tiger’ von Zoologist. Dort gibt an Yuzu statt die Kumquat erfolgreich den nötigen Counterpart (wie weiland der Pfirsich in ‚Mitsouko’). Doch was dann folgt, ist – zumindest für meine Nase – eine Aufgabe, namens Ambergris.
Als der Duft Anfang 2024 auf einer Messe vorgestellt wurde fehlte die Ambra noch, denn die gewünschte Tinktur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingetroffen. Nun, da sie in die Komposition eingefügt wurde, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie das Resultat entscheidend verändert hat.
Ob zum Guten? Who knows. Die Ambra ist tricky. Kann gut riechen, muss aber nicht. Ihr Duftprofil ist völlig disparat. Antoine Lie hat sie in den letzten Jahren für Les Indémodables und Eris Parfums gebührend in Szene gesetzt. Ihr vielschichtiges Duftkaleidoskop lässt sich hier gut nachvollziehen: von trockenem Holz bis warmer Haut, von salzig-wässrigen Noten bis unergründlich tiefer Animalik, von erdigen Aromen bis flirrender Ozonik. Der Franzose vermochte dieses diffuse Notenspiel harmonisch zu ergänzen, selbst mit gewagten Akzenten wie Kakao (‚Mxxx.’) oder Immortelle (‚Ambre Suprême’). Der Italiener Canali beschreitet hingegen einen anderen Weg. Statt die verschiedenartigen Akzente zu rahmen, lässt Canali sie bestehen. Nicht aus Unvermögen, sondern weil er es will.
Und hier kommt Hyperion ins Spiel, Sohn des Uranos (Himmel) und der Gaia (Erde), Titan des Lichts. Sein Name bedeutet „Wächter von oben“ oder „ der, der nach oben geht“, den griechischen Silben ‚hyper’ und ‚iôn’ folgend. Die Herren Rubini und Canali empfehlen diesen von jeher weit oben thronenden Herren als spirituellen Begleiter, sollte man („auf der Suche nach sich selbst, um das Unendliche in sich zu entdecken“) einmal der Idee nachhängen in den Weiten des Alls umher schwirren zu wollen.
Aha.
Hyperion als eine Art Vergil, der einst Dante in die Unterwelt führte, nun duftenderweise uns selbst im Himmel an die Hand zu nehmen gedenkend.
Gut, jedes Parfum braucht heute seine Geschichte, möglichst ‚fancy’ darf sie gerne sein.
Geschenkt.
Für mich ist der Duft fast so etwas wie ein raueres ‚Squid’, allerdings ohne Meerbezug, der fehlt hier weitestgehend. Der aquatische Anteil, obwohl vorhanden, ist eher trocken, oder besser: vertrocknet, wie Gischt auf sonnenwarmem Fels. Und statt synthetischem Ambrox-Sound, die echte Ambra-Keule, erotischer Schmuddel inklusive. Dunkel sinnliche Strahlkraft, statt blank polierter Künstlichkeit.
Aber auch hier gibt es diesen Plastikhauch, der für mein Empfinden allerdings weniger chemisch daherkommt, irgendwie ‚rougher’. Süße Akzente halten sich dagegen zurück, selbst wenn ein Amber-Patschuli-Akkord den Abendhimmel des Duftes begütigend in feines Rot taucht. Nein, keine Vanille und Benzoe weit und breit - und das taugt mir!
Mithilfe eines Gerüstes aus kühlem Rauch und Ambra, fruchtig-würzig-holzig akzentuiert, soll uns dieser Duft also in Hyperions Dufthimmel heben.
Klappt das?
Nun ja, wie so oft ein beherztes: Jein.
Wer sich darauf einzulassen vermag, wird den Anspruch Rubinis vielleicht nachvollziehen können, sich die Gerüche des Universums vorgestellt zu haben, „(...) das Gefühl der Leere, des absoluten Friedens und des unendlichen Nachhalls eines unergründlichen Kosmos“.
Wer nicht, wird hier immer noch einen halbwegs gelungenen rauchig-ambratischen Duft erleben können, wie es allerdings schon so manche gab und somit ohne Alleinstellungsmerkmal.
Ich selbst verorte mich irgendwo dazwischen. Die Ansprüche wirken auf mich etwas bemüht, aber dass dieses Werk ihr bisher ambitioniertestes sei, das nehme ich den Rubinis schon irgendwie ab.
Dabei hätten die Erschaffer auf Nummer Sicher gehen und ganz andere Register der Duftorgel ziehen können: Ambroxan und Woody-Amber, die zu Tode gerittenen Schlachtrösser der modernen Parfümerie beispielsweise. Der Erfolg wäre ihnen gewiss gewesen, das Naserümpfen der Connaisseure ebenso.
So aber dürfte das Feedback durchwachsen ausfallen: Einerseits Anerkennung für die olfaktorische Kunstfertigkeit (es ist halt ein Canali-Duft und der Mann kann was!) und den Mut den eigenen teils sperrigen, abseitigen, womöglich etwas akademischen Weg konsequent weiterzugehen. Kopfschütteln andererseits, ja Ablehnung ob des Mangels an Gefälligkeit und rüschiger Anbiederung.
Es ist ein bisschen so, als vergliche man Puccini mit Schönberg. Natürlich fehlt der Schmelz, die vertraute Eingängigkeit, auf die ich zugunsten des Magnetismus, den die Musik des 12-Töners auf mich auszuüben vermag, aber gerne verzichte.
Ganz ähnlich erging es mir mit ‚Hyperion’. Je länger ich an dem Duft schnupperte, der mir zunächst recht reizlos erschien, desto tiefer gelangte ich in Duftsphären die anregender kaum sein können.
Hats off to Rubini und bitte weiter so!
Dass man sie sich erarbeiten muss.
Nun kann man fragen, wozu sich Düfte erarbeiten, wenn sie doch einfach nur gut zu riechen brauchen. Und zum Glück tun das ja viele, sehr viele sogar!
Als Beispiel: einmal an Chanels ‚Bois des Îles’ geschnuppert und die Duftwelt sollte in Ordnung sein. Was braucht es mehr? Man möchte niederknien.
So sind die Rubinis aber nicht gestrickt. Frühzeitige olfaktorische Orgasmen? Ausgeschlossen. Stattdessen sich kräuselnde Nasenrücken. Spröder und zugeknöpfter, geizen sie mit ihren Reizen, halten sich bedeckt. Zuweilen auf Irrwege führend, erst nach und nach ihr eigentliches Wesen offenbarend.
Waren die letzten beiden, ‚Nuvolari’ und ‚Odenaturae’, noch zugänglicher – dieser hier ist es definitiv nicht. Neben ‚Tambour Sacré’ ist ‚Hyperion’ womöglich sogar der schwierigste, auf jeden Fall der am wenigsten gefällige Duft des Hauses. Nicht, dass er ohne charmante Seiten wäre, die hat er durchaus! Dennoch, selbst ich, der ich die Werke von Andrea Rubini und Cristiano Canali überaus schätze, war zunächst irritiert.
Im Ernst: einen Weihrauchduft mit plastikartigen Untertönen, beißender Würze, latent bedrohlicher Animalik, nebst diffuser Aquatik - echt jetzt? Hatten wir das nicht schon?
‚Copal Azur’, ‚Bleu Turqoise’, ‚Squid’, und nun schon wieder diese fragwürdige Kombination von kühl-sakralem Rauch, salziger Gischt und allerlei angeschwemmtem Treibgut?
Nun ja, warum nicht, sind die Vorgenannten doch recht zahme Gesellen, verglichen mit der geruchlichen Herausforderung namens ‚Hyperion’.
Die sich augenblicklich entfaltende Schlüsselnote ist dabei noch die harmloseste: Weihrauch. Im Zusammenspiel mit herb-fruchtiger Yuzu, pfeffrigen Noten und komplexer Wacholderwürze entwickelt sich ein Auftakt, der mich in seinem Kontrastreichtum an einen anderen Canali-Duft erinnert, an ‚Tiger’ von Zoologist. Dort gibt an Yuzu statt die Kumquat erfolgreich den nötigen Counterpart (wie weiland der Pfirsich in ‚Mitsouko’). Doch was dann folgt, ist – zumindest für meine Nase – eine Aufgabe, namens Ambergris.
Als der Duft Anfang 2024 auf einer Messe vorgestellt wurde fehlte die Ambra noch, denn die gewünschte Tinktur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingetroffen. Nun, da sie in die Komposition eingefügt wurde, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie das Resultat entscheidend verändert hat.
Ob zum Guten? Who knows. Die Ambra ist tricky. Kann gut riechen, muss aber nicht. Ihr Duftprofil ist völlig disparat. Antoine Lie hat sie in den letzten Jahren für Les Indémodables und Eris Parfums gebührend in Szene gesetzt. Ihr vielschichtiges Duftkaleidoskop lässt sich hier gut nachvollziehen: von trockenem Holz bis warmer Haut, von salzig-wässrigen Noten bis unergründlich tiefer Animalik, von erdigen Aromen bis flirrender Ozonik. Der Franzose vermochte dieses diffuse Notenspiel harmonisch zu ergänzen, selbst mit gewagten Akzenten wie Kakao (‚Mxxx.’) oder Immortelle (‚Ambre Suprême’). Der Italiener Canali beschreitet hingegen einen anderen Weg. Statt die verschiedenartigen Akzente zu rahmen, lässt Canali sie bestehen. Nicht aus Unvermögen, sondern weil er es will.
Und hier kommt Hyperion ins Spiel, Sohn des Uranos (Himmel) und der Gaia (Erde), Titan des Lichts. Sein Name bedeutet „Wächter von oben“ oder „ der, der nach oben geht“, den griechischen Silben ‚hyper’ und ‚iôn’ folgend. Die Herren Rubini und Canali empfehlen diesen von jeher weit oben thronenden Herren als spirituellen Begleiter, sollte man („auf der Suche nach sich selbst, um das Unendliche in sich zu entdecken“) einmal der Idee nachhängen in den Weiten des Alls umher schwirren zu wollen.
Aha.
Hyperion als eine Art Vergil, der einst Dante in die Unterwelt führte, nun duftenderweise uns selbst im Himmel an die Hand zu nehmen gedenkend.
Gut, jedes Parfum braucht heute seine Geschichte, möglichst ‚fancy’ darf sie gerne sein.
Geschenkt.
Für mich ist der Duft fast so etwas wie ein raueres ‚Squid’, allerdings ohne Meerbezug, der fehlt hier weitestgehend. Der aquatische Anteil, obwohl vorhanden, ist eher trocken, oder besser: vertrocknet, wie Gischt auf sonnenwarmem Fels. Und statt synthetischem Ambrox-Sound, die echte Ambra-Keule, erotischer Schmuddel inklusive. Dunkel sinnliche Strahlkraft, statt blank polierter Künstlichkeit.
Aber auch hier gibt es diesen Plastikhauch, der für mein Empfinden allerdings weniger chemisch daherkommt, irgendwie ‚rougher’. Süße Akzente halten sich dagegen zurück, selbst wenn ein Amber-Patschuli-Akkord den Abendhimmel des Duftes begütigend in feines Rot taucht. Nein, keine Vanille und Benzoe weit und breit - und das taugt mir!
Mithilfe eines Gerüstes aus kühlem Rauch und Ambra, fruchtig-würzig-holzig akzentuiert, soll uns dieser Duft also in Hyperions Dufthimmel heben.
Klappt das?
Nun ja, wie so oft ein beherztes: Jein.
Wer sich darauf einzulassen vermag, wird den Anspruch Rubinis vielleicht nachvollziehen können, sich die Gerüche des Universums vorgestellt zu haben, „(...) das Gefühl der Leere, des absoluten Friedens und des unendlichen Nachhalls eines unergründlichen Kosmos“.
Wer nicht, wird hier immer noch einen halbwegs gelungenen rauchig-ambratischen Duft erleben können, wie es allerdings schon so manche gab und somit ohne Alleinstellungsmerkmal.
Ich selbst verorte mich irgendwo dazwischen. Die Ansprüche wirken auf mich etwas bemüht, aber dass dieses Werk ihr bisher ambitioniertestes sei, das nehme ich den Rubinis schon irgendwie ab.
Dabei hätten die Erschaffer auf Nummer Sicher gehen und ganz andere Register der Duftorgel ziehen können: Ambroxan und Woody-Amber, die zu Tode gerittenen Schlachtrösser der modernen Parfümerie beispielsweise. Der Erfolg wäre ihnen gewiss gewesen, das Naserümpfen der Connaisseure ebenso.
So aber dürfte das Feedback durchwachsen ausfallen: Einerseits Anerkennung für die olfaktorische Kunstfertigkeit (es ist halt ein Canali-Duft und der Mann kann was!) und den Mut den eigenen teils sperrigen, abseitigen, womöglich etwas akademischen Weg konsequent weiterzugehen. Kopfschütteln andererseits, ja Ablehnung ob des Mangels an Gefälligkeit und rüschiger Anbiederung.
Es ist ein bisschen so, als vergliche man Puccini mit Schönberg. Natürlich fehlt der Schmelz, die vertraute Eingängigkeit, auf die ich zugunsten des Magnetismus, den die Musik des 12-Töners auf mich auszuüben vermag, aber gerne verzichte.
Ganz ähnlich erging es mir mit ‚Hyperion’. Je länger ich an dem Duft schnupperte, der mir zunächst recht reizlos erschien, desto tiefer gelangte ich in Duftsphären die anregender kaum sein können.
Hats off to Rubini und bitte weiter so!
Aktualisiert am 01.01.2025 - 05:53 Uhr
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