Wurde ich in den Neunzigern und Anfangszweitausendern abgestumpft und überversorgt oder bin ich generell unempfänglich für das ganze Aquatik-Spektrum? Wenn ein Parfum „maritime Noten“ enthält, „Ozon“, „Ozeanfrische“ oder die Calone-Spielart „Melone“, ist es ganz sicher eines, das mir nicht gefällt. Meist ist es auch eines, das ich irgendwie „billig“ finde - jetzt nicht finanziell gedacht, sondern im Sinne von „beliebig“, „oberflächlich“, „einfach“. „Aurore Nomade“ gefällt mir (erwartungsgemäß) nicht. Aber es rangiert nicht unter der Rubrik „billig“, weder finanziell noch von der Machart her. Ganz und gar nicht billig… und ich denke, dass es für Leute, die mit Aquatik mehr anfangen können als ich, eine sehr reizvolle Duftalternative sein könnte für die häufig nichts sagenden und fahrlässig lieblosen Wässerchen, die sich ihnen, gerade im kommenden Sommer wieder aufdrängen wollen.
Der unmittelbare Start ist höchst charmant! Tropisch-fruchtig-frisch und mit ganz blasser Softsüße kommt da eine mir unbekannte Note - das, was sich in der Pyramide „Bananenblüte“ nennt, kann ich gut erkennen. Tatsächlich bananig. Allerdings nicht dicht, dick, mehlig, kohlenhydratig ultrasüß wie eine Bananenfrucht, sondern schwungvoll leicht und angenehm luftig hell-bananig. Dazu kommt etwas mit Organgensirup bekleckertes Säuerlich-Exotisches. Das dürfte wohl die Karambole (Sternfrucht) sein. Diese beiden reizenden Starter werden bereits nach kürzester Zeit um den Akquatikakkord ergänzt, der diesen Duft im weiteren Verlauf dominieren wird. Es entwickelt sich ein Tropic-Cocktail mit deutlichem Calone-Touch (Calone aus der Melone-Gurken-Richtung). Dann kommen die Blumen hinzu. Im hellen Gelb voller Blütensüße kann ich höchsten Ylang Ylang ausmachen, aber der Blumenakkord ist viel treffender als Gemisch von sonnigen Inselblumen zu beschreiben, ohne darin nach einzelnen typischen Aspekten zu forschen. Hinter oder unter dem ganzen Gute-Laune-Urlaubs-Karibik-Feeling, das dieser Duft aufruft, ist ein leichter, aber typischer Duchaufour-Hauch zu riechen. Schon ab dem Anfang (da als schwache Ahnung), über die Mitte (als subtiler Impulsgeber) und bis zum Ende (da dann etwas deutlicher), ist da eine würzige, in eine gewisse Tiefe reichende, etwas schattig und trocken wirkende Linie, die ich mag und schmunzelnd „duchaufouresk“ nennen möchte. Rum, Zimt und Nelke ergeben wohl diesen hintergründig aufschimmernden Stempelabdruck des Parfumeurs. In der Basis verklingt dann das Blumige, das Maritime dagegen hat weiterhin ordentlich Puste und wird gebettet in einem lange andauernden Schlusston, nur leicht dunkler als der bisherige Duft, etwas breiter und süßer mit einer schönen trockenen Betonung.
Dieses Parfum passt für mich nicht so recht in die „Collection Excessive“ und auch nicht zur „Different Company“. Und es ist viel zu calonig, um mir so richtig gut gefallen zu können. Aber unzweifelhaft ist das ein wohl balancierter, gut gemachter Duft, der die heitere Unbeschwertheit der Stilrichtung fruchtig-exotisch-blumig-aquatisch auf eine anregende und (für die, die´s mögen) richtig vergnügliche Weise ausführt, die kein bisschen beliebig oder billig daher kommt. Deutlich eher weiblich als unisex, aber nicht für Mädchen auf Malle, sondern mehr für Luxus genießende, erwachsene Südsee-Insel-Urlauberinnen mit sorgloser, blendender Laune und einem aufwändig verzierten Cocktail am weißen Strand. Wer also den Aquatik-Düften mehr zugeneigt ist als ich, sollte den auf jeden Fall mal testen.
Bei mir liegt die Abneigung definitiv an der Überversorgung der Neunziger und was den preisgünstigen Dufteindruck angeht, bin ich ganz Deiner Meinung. Wie immer ein informativer und lesenswerter Kommentar.
Toller Review, danke! Ich kann ihn förmlich riechen und bei "duchaufouresk" weiss ich genau, was Du meinst. Er wird ganz oben auf die Testliste gesetzt, trotz aquatischer Dominanz.
Toller Kommentar. Davon unabhängig: Selbst wenn wir uns nicht über einen Duft austauschen, empfinden wir ihn manchmal identisch. Nur den Flakon finde ich viel hübscher als Du.