DerDefconOlfaktorische Streitereien

07.08.2019 00:50 Uhr
17 Auszeichnungen

Es ist spät in der Nacht, den halben Tag schrieb ich an meiner Bachelorarbeit herum, durchstöberte meine Zitatdateien, die gefühlt kein Ende nahmen, erörterte die Anwendbarkeit des faktualen und fiktionalen Erzählens nach Genette, kümmerte mich "nebenbei" noch um unseren Wurf Welpen, die jetzt so richtig mobil werden und ... ach ... deswegen seid doch gar nicht hier. Mir fiel nur so ganz spontan, wie es halt mitten in der Nacht manchmal ist, ein, dass ich ja nun seit ein paar Tagen meinen neuen Duft habe. Es ist einer der Düfte, die sich in meinem letzten Blog-Artikel mit dem kreativen Titel "Der Dreikampf" darum bemühten, meine Gunst zu erlangen. Einer hat es nun geschafft und nach dem heutigen geisteswissenschaftlichen Gequäle (mein Studium macht mir trotzdem Spaß) kam mir in den Sinn, mal locker von der Hand zu schreiben, welcher Duft es nun wurde.


UND WEHE, hier wird erst in meiner Sammlung herumgestöbert und dann gelesen! :D


Wie ihr euch sicherlich alle denken könnt, fällt solch ein Entscheidungsprozess nie besonders leicht. Hier gab es gleich drei Kandidaten, die um den ersten Platz kämpften. Ihr merkt vielleicht, dass ich es mir gerne schwer mache, aber ich schätze mal, dass diese "Dreier-Konstellation" für Parfumo-Verhältnisse noch harmlos ist, oder etwa nicht?

Ich machte mir ausgiebig Gedanken, welcher mir am besten gefällt und kam zu dem Schluss, dass diese Frage irgendwie kaum beantwortbar ist, da mir alle drei Kandidaten auf ihre Weise zusagen.


Achso, es geht um Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum), APOM pour Homme und Lumière Noire pour Homme. Hätte ich fast vergessen zu erwähnen.


Schaue ich also zu Beginn doch mal nach deren Haltbarkeit, denn hier lässt sich schon etwas besser eingrenzen. Der Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) gewinnt hier haushoch. Gefühlt handelt es sich dabei um einen Signaturduft fürs Leben, bedenkt man, dass man ihn auch nach zwei Tagen und dazugehörigen Duschen noch auf der Haut wahrnimmt. Ich kann mich aber weder beim Rosenkandidaten Lumière Noire pour Homme noch bei der ambrierten Orangenblüte ala APOM pour Homme über eine schlechte Haltbarkeit beklagen. APOM pour Homme ist zwar noch etwas potenter als die Lumière Noire pour Homme, strahlt auch deutlich stärker ab, was aber nicht bedeutet, dass die Rose in irgendeiner Weise schwach auf der Brust wäre. Weder Haltbarkeit noch Sillage boten, auch wenn Unterschiede zu verzeichnen waren, Anlass, einen der drei Düfte prinzipiell auszuschließen.

Gehen wir weiter zum nächsten Kriterium, nämlich der Einzigartigkeit. Hierzu sei gesagt, dass ich mich noch im Anfangsstadium befinde, was meine Duftkarriere betrifft. Ich kenne längst nicht so viel wie manche von euch, besitze vielleicht auch nicht so viele Abfüllungen und bin bezüglich mancher Duftrichtungen noch etwas unbedarft. Was die Einzigartigkeit angeht, strahlt Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) mit seinem goldenen Antlitz jedoch so deutlich hervor, dass auch eine ungeübte Nase aus all ihren olfaktorischen Gewohnheiten herausgerissen wird. Diese dezent medizinische, synthetische Note, die stark gezuckert daherkommt, dabei aber immer luftig und transparent bleibt - ja - ein wenig nach gezuckertem Tomatengrün riecht, um mal aus einem fremden Duftkommentar zu schöpfen, ist auf jeden Fall etwas anderes als die bekanntere Rose oder die bekanntere Orangenblüte. Letztere sind dabei keinesfalls öde, stupide oder gewöhnlich. So wird die Rose im Lumière Noire pour Homme würzig mit Zimt geschmückt und durch grün-erdigen Patchouli eingehüllt, während die erst minimal feminim auftretende Orangenblüte im APOM pour Homme durch den Amber einen schönen Tiefgang erfährt und sich durch das Pudrig-staubige von anderen Orangenblütendüften abhebt.

Einzigartig sind sie also alle drei, auch wenn das gezuckerte Tomatengrün (nochmals vielen Dank an den entsprechenden Kommentarverfasser für die Assoziation) auf einer Skala von eins bis zehn mit Sicherheit eine zwanzig erreicht.

Neben der Einzigartigkeit spielt für mich aber auch die Tragbarkeit eine wesentliche Rolle. Gerade bei "Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum)" dachte ich, dass dieser aufgrund seiner polarisierenden Art am alltagsuntauglichsten wäre.

Ich sollte mich täuschen.

Durch seine Luftigkeit, die dafür sorgt, dass der Duft nie klebt, drückt oder für jenen Zuckerschock sorgt, den so mancher Süßekracher von Prollo Rabane verursacht, kann er recht universal eingesetzt werden. Selbstverständlich sollte auf die Dosierung geachtet werden, aber ist das nicht irgendwie bei jedem Duft so? Nun ja, bei Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) ist das nicht nur so eine Floskel, sondern mein voller Ernst, denn zwei Sprühstöße sind schon beinahe zu viel des Guten.

Zu den anderen Kandidaten und ihre Tragbarkeit:

Lumière Noire pour Homme passt mit seiner dunklen, erwachsenen, unsüßen Rose eher zu abendlichen Veranstaltungen, an denen ein edler Kleidungsstil für gewöhnlich obligatorisch ist. Prinzipiell kann ich mir nicht vorstellen, diese Rose mit einem légeren Outfit zu kombinieren und in vielen Situationen würde ich mich mit ihr "overduftet" fühlen, wenn ihr versteht, was ich meine. All dies ändert nichts daran, dass sie wunderschön ist, doch die Gelegenheiten, sie zu tragen, sind in meinem Fall wohl zu selten vorhanden.

APOM pour Homme ist schon eher casual tragbar. Ein helles Hemd, ein helles T-Shirt, eine schöne, bequeme Chino-Hose und rauf damit auf die Haut. Die Orangenblüte sorgt umgehend für gute Laune und hätte mich beinahe zum Kauf gedrängt, als ich eines morgens im Auto saß, natürlich im Stau stehend, doch schlechte Laune aufgrund des Zugegenseins von APOM pour Homme einfach nicht aufkommen wollte. Am Ende schaffte er aber nicht, mich zu "überreden", sondern es wurde nach reichlicher Überlegung und Abwägen verschiedenster Faktoren Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum), denn die Kombination aus Einzigartigkeit und Tragbarkeit war ausschlaggebend, was keineswegs bedeutet, dass APOM pour Homme abgeschrieben ist. Irgendwann werde auch ich wieder Geburtstag haben.


Hier habe ich euch, anders als in meinem vorigen Blog, mal keinen abstrusen Traum präsentiert, sondern versucht, meine Entscheidung mit einer gesunden Priese Pragmatismus zu begründen. Gut, inwiefern bei einer Kaufsumme von rund 160 Euro für 70ml noch von Pragmatismus gesprochen werden kann, darf gerne diskutiert werden. Rede ich es mir einfach schön und sage, dass ich dank einer 30-Prozent-Rabattaktion "gespart" habe. Hach ... hört sich schon besser an ;)



Nachtrag: Da von manchen gewünscht, gibt es hier mein persönliches Highlight-Bild.

7 Antworten
19.07.2019 20:10 Uhr
10 Auszeichnungen

So, jetzt muss ich erstmal wach werden, mir den Schweiß von der Stirn wischen und dann eventuell, sofern möglich, wieder einschlafen. Nein, ich hatte keinen Alptraum. Ich merkte, dass mir diese Seite, die der Duftverrückten, zu denen auch ich gehöre, mir doch ab und an mal den Kopf ein wenig verdreht. War sie etwa auch verantwortlich für den von mir durchlebten, nächtlichen Traum?


Da stehen drei kleine Zerstäuber, verschieden etikettiert, zusammen mit anderen Zerstäubern in meinem kleinen roten Schränkchen. Alle drei zanken sich äußerst leidenschaftlich. Wie Zerstäuber sich streiten können? Mensch, das ist ein Traum. Stellt doch nicht solche Fragen. Bei Thomas, unserer kleinen Lokomotive, fragt ihr euch doch auch nicht, wie es sein könne, dass Lokomotiven graue Gesichter haben. Wie gesagt, es ist und war ein Traum.

Es war ein Traum rund um die drei Düfte, bei welchen ich noch nicht sicher weiß, welcher in Form eines Flakons bei mir einziehen soll. Sie stritten sich darum, wer besser zu mir passe, wer haltbarer wäre, wer besser ausstrahle, wer den besseren Gesamteindruck hinterlasse.

Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) ließ keine Zweifel bezüglich seines Selbstbewusstseins aufkommen.

Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum)

"Das ist ja schön für dich", so APOM pour Homme.

"Du vergisst wohl, dass ich nur ein Eau de Toilette bin und trotzdessen kann ich mich sehr gut bemerkbar machen. Außerdem bereite ich meinem Träger umgehend gute Laune, sobald ich aufgetragen werde. Tja, kann halt nicht jeder solch eine tolle Orangenblüte mit sich herumtragen, nicht wahr?


Die versteckte Behauptung, durch das nicht Vorhandensein der Orangenblüte wäre gute Laune nicht mehr herstellbar, konnte Lumière Noire pour Homme nicht auf sich sitzen lassen.


"Ach, komm schon, du kleiner APOM. Mit deiner Orangenblüte trittst du doch eher ins Fettnäpfchen statt für gute Laune zu sorgen. Hörte ich nicht letztens erst, wie irgendwer aus des Trägers Familie fragte, ob dieser sich den Saft aus diesem Frauenkörperflakon an den Hals sprühte? Wie hieß denn dieses Zeug doch gleich? Ach ja, Classique von Jean Paul Gaultier. Schon lustig, wie schnell du verwechselt wirst. Deine Orangenblüte scheint ja irgendwie doch nicht soooo besonders zu sein."


"Erzähl doch nicht solch einen Quatsch. Ich wurde zwar zu Beginn verwechselt, aber auch nur, weil meine Orangenblüte so omnipräsent im Auftakt ist. Die verändert sich auch noch, wird etwas staubiger und leicht cremig. Dafür habe ich später nicht solch einen chaotischen, nie enden wollenden Duftverlauf wie du, der nur Verwirrung stiftet. Außerdem bin ich viel potenter als du!"


Dachte APOM pour Homme nun, beim Lumière Noire pour Homme einen wunden Punkt erwischt zu haben, so sollte er sich täuschen.


"Pass mal auf, du kleiner Orangenblüten-Immergeher. Ich mag zwar nicht so stark rumprollen wie du und vielleicht nicht ganz so lange auf der Haut meines Trägers haften, doch bin ich für die besonderen Momente geschaffen. Zudem bin ich nicht chaotisch, sondern facettenreich - anders als du. Meine Rose ist mal eine würzige, mal eine grüne, mal eine erdige. Ich habe Zimt, ich habe Patchouli. Anders als du bin ich nicht monton, nicht immer gleichbleibend. Ich glaube, mein Träger weiß schon, was er an mir hat."


"Euer Zwist ist irgendwie niedlich", so Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum).

"Ihr redet hier über gute Laune, über irgendwelche Duftverläufe und über ..."

"Ja, beim Duftverlauf kannst du wahrlich nicht mitreden.", warf Lumière Noire pour Homme ein.

"Unterbrich mich nicht.", stieß Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) hervor und fuhr fort:

"Ich brauche keine komplizierten Duftverläufe. Ich bin einzigartig genug. Ich muss mich nicht immer verändern, mein lieber Lumière Noire pour Homme, brauche keine "Gutelaune-Orangeblüte", liebster, stets gut gelaunter APOM pour Homme. Ich bin mystisch genug, um meinen Träger und sein gesamtes Umfeld in seinen Bann zu ziehen.


"Ach komm!", warf APOM pour Homme ein.

Du riechst doch nach purer Medizin, die man nachträglich gezuckert hat, um sie jedem noch so widerspenstigen Kind irgendwie einzuflößen."


"Moment, Moment, da verwechselst du was.", unterbrach der danebenstehende Grand Soir.

"Das mit der übermäßigen Medizinnote war ich. Ich bin schon seit einiger Zeit raus aus dem Rennen. Und jetzt hört gefälligst auf zu streiten. Er mag euch alle drei. Er weiß eure Qualitäten zu schätzen und würde euch am liebsten alle drei vollwertig erwerben. Aber er ist nunmal Student und muss halt etwas mehr auf die Finanzen achten, muss eventuell auch mal auf seinen Geburtstag oder auf Weihnachten warten. Er wird sich für einen von euch entscheiden. Beeinflussen könnt ihr ihn da nicht mehr großartig. Er wird seinen Bauch entscheiden lassen.


"Soll er ruhig den Bauch entscheiden lassen. Bei einer solchen Entscheidung kommt es auf Einzigartigkeit an.", warf Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum) ein.

Baccarat Rouge 540 (Eau de Parfum), entgegnete APOM pour Homme.

"Jetzt ist hier Schluss", rief Grand Soir. "Und du, "Lumiére Noire pour homme" hältst jetzt seine Rosenbacken. Ich sehe doch, dass auch du wieder deinen Senf dazugeben willst. Ihr seid alle auf eure eigene Art einzigartig. Wartet einfach die Entscheidung unseres Meisters ab. Ändern könnt ihr hier sowieso nichts. Er kennt euch doch in all euren Facetten. Und jetzt ist hier Ruhe".





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