Login

Fleurissimo
Fleurissimos Blog
vor 6 Jahren - 20.10.2019
12 27

Die 2010er-Jahre: Trading-Down und Masse, Gentrifizierung und neuer Luxus, Segregation des Duftmarktes

Ein Jahrzehnt nähert sich dem Ende, und so wird es Zeit, Bilanz zu ziehen, wie dieses die Kultur der Düfte geprägt hat. Als jemandem, der sich seit den 90ern für Parfums interessiert, sind mir dabei im Vergleich zu vorangegangenen Jahrzehnten gravierende Veränderungen aufgefallen:

-In dem Preissegment, dass man in jeder normalen Parfümeriefiliale von Douglas, Müller, Pieper etc. erhält, fällt mir keine einzige wirklich spektakuläre Neuschöpfung ein. Es gibt sicherlich einigen handwerklich gut gemachten Mainstream - aber wo ist der große Blockbuster?

Zum Vergleich: Die 90er überschlugen sich vor Kreativität, den Auftakt bildete "Trésor" und "Égoiste". Mancher empfand die Aquaten wie "Kenzo pour Homme", "Escape", "L'Eau d'issey" oder "Acqua di Gio" als unterkühlt, Calvin Kleins Unisex-Düfte "cK one" und "cK be" polarisierten die amerikanische Gesellschaft, gleichzeitig existierte mit "Le Mâle", "Boss Bottled", "Angel", "Déclaration de Cartier", "Allure" und "Minotaure" eine süß-erotische, teilweise gourmandige Gegenbewegung. Daneben gab es viele spannende Düfte wie "Spazio Krizia Uomo" oder "Escada pour Homme", "Davidoff Relax" oder "Jil Sander Background", denen der kommerzielle Erfolg verwehrt blieb, die mir dennoch unvergessen bleiben.

Im neuen Millennium wurde es etwas ruhiger, jedoch keinesfalls langweilig - denn die Designer schöpften neuen Mut zur Sinnlichkeit. Mit "Helmut Lang", "Gucci Rush", "Dior Homme", "L'Instant de Guerlain", "M7", "Terre d'Hermès", "Encre Noire" eroberten einige grandiose neue Klassiker den Markt, wie man sie nicht mehr für möglich gehalten hätte. Auch sehr gut gemachten Mainstream gab es reichlich, wie "1 Million", "Joop! Jump", "Euphoria" oder die Body Splashs von Marc Jacobs.

Das jetzige Jahrzehnt verbinde ich primär damit, dass die Cash Cows gemolken wurden: Hatte der Trend zum Flanker bereits in den Nuller-Jahren seinen Respekt vor altehrwürdigen Klassikern wie "Davidoff Cool Water" und "Chanel No. 5" verloren und wurde ein neues Regal mit Sommereditionen eingeführt, wurden noch nie so viele Flanker auf den Markt geworfen wie in den letzten 10 Jahren. "Eau de Cartier", "Le Mâle", "Boss Bottled", "1 Million", "Armani Code", "Eternity": Aus Einzeldüften wurden ganze Serien gemacht. Dabei handelt es sich häufig um gut tragbare, angenehme Düfte - nur eben keine Blockbuster, die das Parfum revolutionieren.

-Zumindest als Mann gibt mir diese Entwicklung durchaus Anlass zur Freude: Denn die Schnelllebigkeit in Verbindung mit dem Siegeszug des Internethandels führt dazu, dass das Preisniveau für 200ml-Sondergrößen vieler guter Düfte von Davidoff, Joop, Hugo Boss, Versace etc. erheblich abgesunken ist. Nie habe ich so viele Coty-Düfte zu sensationellen Preisen bei Galeria Kaufhof ergattert. Zugleich sind wirklich hervorragende Düfte vergangener Jahrzehnte (Calvin Klein, Halston, Caron, Elizabeth Arden, Dunhill, Aramis) plötzlich sehr günstig im Internet zu bekommen. Selbst die Traditionsmarke Guerlain bleibt davor nicht verschont.

Einige alteingesessene Marken, allen voran Chanel, reagierten in die entgegengesetzte Richtung, da ihre Düfte preislich eher ansteigen als fallen. Insbesondere die Marken wie Hermès und Dior, die rechtzeitig voll auf Hausparfumeure statt Agenturen gesetzt hatten, erwarben sich so ein gut bezahltes Verlässlichkeits-Image. Acqua di Parma erfuhr ein nie für möglich gehaltenes Revival.

Was ferner auffällt - und dazu kann ich im Detail wenig sagen, da ich in diesem Segment grundsätzlich nicht einkaufe: In den 2010ern eroberten die Luxusdüfte die Metropolen. Ob Chanel, Armani, Guerlain, YSL, selbst Elie Saab: Wer etwas auf sich hielt, platzierte diese Regale in ausgewählten Premium-Parfümerien und -Kaufhäusern. Einige Marken wie Creed, Juliette has a Gun etc. tummeln sich grundsätzlich nur im High-End-Bereich. Ging "M7" noch eher unter, erlebte die Duftwelt einen regelrechten Oud-Boom. Einzig die ehemalige Trendsetter-Marke Calvin Klein irrlichterte dieses Jahrzehnt ohne ihren genialen Gründer etwas führungslos an sämtlichen Trends vorbei.

Es scheint eine zahlungskräftige Kundschaft zu geben, zu einem großen Teil Shopping-Touristen aus dem Ausland, denen kein Preis zu teuer ist. Hier werden die großen Geschäfte gemacht, während das kreative, weniger lukrative Bohème-Segment weitgehend dem kommerziellen Schlendrian preisgegeben wurde. Insofern spiegelt der Duftmarkt auch die wachsende Polarisierung der Löhne und eine an Bedeutung verlierende Mitte wider, und einige Milliardäre wie die Reimann, Arnault & Wertheimer verdienen sich eine goldene Nase.

12 Antworten
StulleStulle vor 4 Jahren
Sehr interessanter Blog, ebenso wie die Anmerkungen. Einen Pokal lasse ich natürlich hier.
FRAgrANTICFRAgrANTIC vor 6 Jahren
zuletzt an Düften wie Aventus und Reflection Man, die den Markt so breit erobert haben, dass es sich keine Parfumerie mehr leisten kann, sie nicht zu führen. Vergessen in Deiner Betrachtung hast Du, und das ist m. E. durchaus als Trend (nicht nur im Parfum-Bereich) wahrzunehmen, die Zunahme von kleinen Manufakturen/ Craftmanship, quasi als Gegenbewegung zur Bündelung von Marken unter einem shareholder-gesteuerten Konzerndach. Es ist und bleibt auf jeden Fall spannend :-)
FRAgrANTICFRAgrANTIC vor 6 Jahren
schwer. Wie einen Blockbuster schaffen, wenn sich die Masse jeglichem Trend entzieht? An die Segregation im Luxus-Sortiment und die bedeutungslose Mitte glaube ich im Gegensatz zu Dir nicht. Luxus-Düfte in abgehobenen Preisklassen gab es schon immer, das fällt einem jedoch nicht auf, wenn man sich in Jugend- und Studentenzeiten mangels Budget einfach nicht damit beschäftigt. Wie viele Leute 'aus der Mitte' heutzutage bereit sind, nicht unerhebliche Beträge zu investieren, sieht man doch nicht
FRAgrANTICFRAgrANTIC vor 6 Jahren
Deine Beobachtungen sind weitestgehend gut und auch richtig. Das Fehlen von 'Blockbustern'/ 'Must-Haves' liegt sicherlich auch an der exorbitant gestiegenen Anzahl von jährlichen Neu-Releases: waren es Anfang der 2000er noch um die 600 p.a., sind wir seit 2012 bei i.M. über 4.500 p.a.! In der Bekleidung lässt sich das doch schon seit weit Längerem beobachten - früher gab es Neuerungen, die die jeweilige Zeit prägten, heute trägt jeder wozu er Lust hat. Das macht es den Kreativen auch unglaublich
DuftomatischDuftomatisch vor 6 Jahren
Schöne Zusammenfassung, interessanter Blog.
Was ist denn eigentlich ein Blockbuster im Zusammenhang Parfüm? Das mit den höchsten Verkaufszahlen, was jeder kennt, was beliebt ist in der Community? Ich denke, dass gerade heute durch youtuber und Foren einige Düfte nachträglich zu (Semi-)Blockbustern heranreifen. Layton, GIT, Aventus, Ambre Nuit, Baccarat Rouge, bleecker street wären doch vermutlich weiterhin Geheimtipps ohne Internethypes. Aus diesem Jahrzehnt wäre wohl noch Sauvage zu nennen.
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Sehr interessanter Rückblick und Analyse der Gegenwart. Ich bin bei Fresh21: Das scheint eine Entwicklung zu sein, die mit der allgemeinen Aufsplittung der Produktpaletten einhergeht. Schade um die Blockbuster.
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Auch mir hat Dein retrospektiver Blogbeitrag sehr gut gefallen, auch wenn ich Deine Beobachtungen in der Tiefe aufgrund fehlender eigener Beobachtungen und/oder Informationen nicht bestätigen oder verneinen kann. Nichtsdestotrotz einfach interessant, darum einen Info-Pokal für Dich!
Fresh21Fresh21 vor 6 Jahren
Gelungene Retrospektive, gespickt mit Informationen und persönlichem Einschlag :) Dass die Chance auf neue einzigartige Blockbuster mit jedem Jahrzehnt abnimmt erscheint mir aufgrund der globalen Vernetzung zunehmender Diversifikation in diesem Segment nur logisch ... Sehr gerne gelesen, Review-Award :-)
FleurissimoFleurissimo vor 6 Jahren
@Smellslike7: Ja sicher, man kann die Marktkonzentration bei Coty und L'Oréal durchaus mit der Entwicklung auf dem Biermarkt vergleichen: In meiner Kindheit waren einige der heutigen Coty-Marken schon unter dem Dach von Lancaster zusammengefasst (Davidoff, Joop!, Jil Sander) - später wurde etliches bis hin zu cK und Hugo Boss dazugekauft. Beim Bier war Brau&Brunnen schon ein Konzern, worüber man angesichts Radeberger Gruppe, InBev etc. nur schmunzeln kann.
FleurissimoFleurissimo vor 6 Jahren
@Malaga: Ja das stimmt, auch bei Armani ist es zu beobachten. Dabei ist der relativ kurze Takt, in dem Guerlain teure Düfte herausbringt, ja sogar eine Rückbesinnung auf das, was sie vor 100 Jahren praktizierten. Auch da sind enorm viele Düfte von Guerlain veröffentlicht worden, von denen die einen heute unbekannt und die anderen große Klassiker sind. Während heute erstaunlicherweise absolute Meisterwerke wie "Vol de Nuit", "Mitsouko" oder "Jicky" fast schon verschleudert werden.
FleurissimoFleurissimo vor 6 Jahren
@Smellslike7: Es sind ja nicht nur die Preise. Es ist das Auseinanderdriften zwischen Kennerschaft bis hin zum Snobismus und einem wenig elaborierten Massenmarkt. Wenn ich das mit den Blockbuster-Düften meiner Jugend vergleiche, wie "Davidoff Cool Water" oder "Fahrenheit", dann hatten diese einen starken kulturellen Impact, lösten eine breitenwirksame emotionale Identifikation mit dem Typ aus, den sie verkörperten. In ganzen Cliquen wurde dieses oder jenes Wasser getragen.
MalagaMalaga vor 6 Jahren
Sehr gute Beurteilung des Marktes, wobei ich noch etwas hinzufügen möchte. Es gibt durchaus etliche Marken - im Speziellen meine ich jetzt Guerlain - die zweigleisig fahren. Sie bedienen den erschwinglichen Mainstream mit x Flankern von Mon Guerlain und Ma petite robe noire als auch den Luxusbereich mit Kreationen weit jenseits der 500 Euro Grenze (Le Bouquet de la Mariée, Ne m'oubliez pas usw.)